Tag 1: Spoiler Alert: Wie ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Flug verpasst habe

In Radolfzell in einen Zug steigen, in Ulm umsteigen und nach München fahren um nach Kolumbien zu fliegen. Wie schwer kann das sein? Spoiler Alert: Sehr. Zumindest wenn die deutsche Bahn involviert ist. Was auf dieser Teilstrecke leider unvermeidbar ist. Onkel Norberts Anreise in der Nachlese.

Road to Ulm

Die geplante Abfahrt vom heimischen Hof erfolgt um 15:16 Uhr. Geplant war diese für 15:15 Uhr. Ein erster kleiner Rückschlag. Die Ankunft am Abfahrtsbahnhof in Radolfzell erfolgt trotzdem pünktlich. Zwanzig Minuten früher als zur geplanten Abfahrt des Zuges von Radolfzell nach Ulm warte ich also gemeinsam mit meinen Eltern auf dem Bahnsteig. Wir beobachten wie der Zeiger Minute um Minute weitertickt, bis, ja bis schon vor Abfahrt in Radolfzell klar ist: Meinen Anschlusszug in Ulm werde ich nicht mehr bekommen. Natürlich hatte ich dies bereits im Vorfeld einkalkuliert. Was ich nicht einkalkuliert hatte, war, dass der also planmäßig eine halbe Stunde später abfahrende Alternativzug in Ulm auch mit satten 45 Minuten Verspätung abfährt.

When in Ulm…

„When in Ulm…“ denke ich mir also und gönne mir beim Currywurst-König noch meine vorerst letzte Currywurst mit tiefenfrittierten Fritten Schranke. In der, rückwirkend betrachtet, irren Annahme, keine Euromünzen mehr zu benötigen, mache ich mit dem Restgeld, das ich vom diensthabenden Frittenrüttler beim Currywurst-König bekommen habe das einzig sinnvolle und steuere einen dieser herrlich bunt blinkenden Automaten an, die das große Geld versprechen. Zielsicher, mit der ganzen Erfahrung eines gymnasialen Mittagspausendaddlers, lasse ich die Münzen in den Automat gleiten. Drei Minuten später und 1,85€ weniger bin ich zurück auf dem Bahnsteig.

Die letzte Etappe

Dort hat sich die Verspätung zwischenzeitlich zu einer veritablen Stunde ausgewachsen und online ergibt eine Suche bei der Deutschen Bahn den für mich nun schnellsten Weg mit dem Bummelzug nach München-Pasing. Von dort weiter nach München-Laim und schließlich an den Flughafen. Geplante Ankunftszeit 21:13 Uhr für einen Abflug um 22:45 Uhr. Die Prüfung online ergibt, dass der Check-In für meinen Flug erst eine Stunde vor Abflug schließt. Das ergibt also ein Zeitfenster von einer halben Stunde. Eine halbe Stunde kann lang sein, sage ich mir und denke dabei auch an meine Kreisligaerfahrungen.

Der Check-In

Angekommen am Flughafen, spurte ich in Richtung Check-In und könnte vor Freude die Welt umarmen, als dieser noch geöffnet hat und ich es allem Anschein nach geschafft habe. Als ich dann aufgerufen werde, zücke ich freudestrahlend meinen Reisepass. Ich wähne mich auf der Siegerstraße und gehe nicht mehr davon aus, dass hier noch etwas schief gehen kann. Bis der freundliche Mitarbeiter am Check-In wegen eines „kleinen Problemes“ mit meinem Pass zum Hörer greift. Nach einem mehrminütigen Gespräch teilt er mir mit unvergleichlicher Gleichgültigkeit mit, dass ich heute nirgends mehr hinfliege. Die Einreise nach Kolumbien ist zwar ohne Visum, aber nur mit gültigem Rück- oder Weiterreiseticket möglich. Einen solchen Weiterreiseflug nach Panama zum Beispiel noch schnell zu buchen und später wieder zu stornieren um doch den Flug zu erwischen, ist die normale Vorgehensweise. Dies habe ich so zuletzt zum Beispiel zur Einreise nach Costa Rica angewendet. Aufgrund der, dank der Bahn angehäuften, zwei Stunden Verspätung, reicht hierfür die Zeit aber nicht mehr. Damit ist nun endgültig klar, dass ich an diesem Tag nicht mehr nach Kolumbien fliege. Onkel Norbert könnte in diesem Moment ob der Wut auf sich selbst und die Bahn zwar die Krawatte platzen, aber er bleibt cool. Mit Erfolg…

Um meinen Ersatzflug zu organisieren suche ich also, in meiner Mitte ruhend, den Serviceschalter auf. Und das Goldstück von einer Servicemitarbeiterin der Airline erwartet mich bereits und überrascht mich mit: „Es ist spät. Sie hatten nen Scheißtag. Ich hatte nen Scheißtag. Ich buch Sie kostenlos um auf morgen“. Das war einfach. Das von ihr angewandte Solidaritätsprinzip unter Scheißtaghabenden gefällt mir äußerst gut.

Als nun also das Wichtigste erst einmal geklärt ist, mache ich mir Gedanken um eine Übernachtung. Ich frage also den Kollegen vom Infoschalter welche Möglichkeiten ich denn hierfür habe. Und tatsächlich: Zum Spottpreis von EUR 10,- die Stunde kann ich eine „Nap Cabin“ anmieten. Ruhig und sachlich frage ich ihn, ob dem Betreiber der Nap Cabin mal einer mit dem Bügeleisen einen Scheitel gezogen hat oder wie sich diese Preise sonst erklären. Er deutet meine Eingabe richtig und empfiehlt mir für diesen Fall die „Präsidentensuite„, was in dem Fall Ebene 5 des Flughafens bedeutet. Ich nehme also den Aufstieg in Angriff und warte dort angekommen geduldig auf meine Chance, bis die Putzkolonne ihre sowieso nur alibimäßigen Wischarbeiten durchgeführt hat, schleiche mich rein und küre für die heutige Nacht eine Sitzbank in einem Restaurant des Food Court zu meinem Bett.

Schwer geschafft von den Anstrengungen des Tages schlafe ich fast sechs Stunden durch, ehe ich von leichten Klopfern gegen meinen Beine und einer herrlich grantigen deutschen Stimme daran erinnert werde, dass das hier kein Hotel sei. Die Antwort, dass es dem Geruch nach ranzigem Frittenfett nach vermutlich bald auch kein Restaurant mehr sei, verkneife ich mir.

Frisch ans Werk

Stattdessen wecke ich meine Lebensgeister mit einer braunen Brühe, die die Bezeichnung Kaffee nicht verdient hat und mache mich an die Arbeit. Ich storniere mein Hostel für die erste Nacht in Kolumbien, buche einen Flug nach Panama mit der Option auf kostenlose Stornierung, checke ein und gebe mein Gepäck, einen alten Sportbeutel gefüllt mit Getriebe- und Zweitaktöl, sowie einer Spitzzange, einem Schraubenschlüssel und einer Dose WD40, auf. Die Dame am Check-In bescheinigt was ich Ihrem verdutzten Gesichtsausdruck eh schon entnommen hatte. Ich habe es in die Top 3 der merkwürdigsten bei ihr aufgegebenen Gepäckstücke geschafft. Die Plätze 1 und 2 will ich wahrscheinlich nicht kennen.

Und so werde ich mich nun bei herrlich verregnetem Wetter auf den Weg in die Stadt München machen um heute Abend nochmals mein Glück zu probieren. Auf dass ich morgen schon aus Kolumbien und nicht immer noch aus München grüße.

Bis dahin…

3 Antworten zu “Tag 1: Spoiler Alert: Wie ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Flug verpasst habe”

    1. Thomas, danke dir für dein Vertrauen in meine Fähigkeiten 😉 ich sitze brandaktuell aber bereits im Flugzeug und warte auf den Abflug. Insofern kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich das Ding jetzt im Griff habe 👌🏽

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