Tage 3 und 4: El Pibe, Ceviche und Hitler

Vorweg, danke für die zahlreichen Rückmeldungen auf allen Kanälen und besondere Grüße an den Teil der Fanbase, der meine digitale Höhlenmalerei während der Arbeitszeit liest. Ein letzter kleiner Bärendienst, den ich der deutschen Volkswirtschaft erweise. Ihr seid der Wind unter meinen kränklich schwachen Flügeln. Und jetzt anschnallen: Zum ersten Mal gibt’s hier wirklich bisschen was kulturelles auf die Augen…

Der Pflichtteil – Reiseorga

So schnell vergehen zwei Tage seit meinem letzten Beitrag. Der erste davon beginnt in Santa Marta mit einer für die Fortführung dieses Reisetagebuches entscheidenden Mission. Ein Steckdosenadapter für südamerikanische Steckdosen muss her und da ich ja durchaus länger in Kolumbien sein werde, auch eine hiesige SIM-Karte. Bereit für eine längere Mission, finde ich jedoch schon nach zwei Minuten bei Sergio’s mobilem SIM-Kartenverkaufs- und Handyreparaturstand um die Ecke alles was ich benötige. Der Original-Samsung-Steckdosenadapter und die SIM-Karte kosten überraschenderweise genau die 10.000 Pesos mit denen ich bereits vor Sergio’s Gewürzprüfer gewedelt habe. Anfängerfehler Norberto, Anfängerfehler. Das solltest du besser wissen. Die 10.000 Pesos aber kann ich verschmerzen. Umgerechnet etwa EUR 2,80. Viel schlimmer ist, dass ich nun bereits sehr früh mit der Kür, also der Erkundung von Santa Marta, beginnen muss, weil die Pflicht so schnell erledigt war. Reiseprobleme.

Die Kür – Santa Marta

Was sich lohnen würde anzuschauen, will ich von meiner Rezeptionistin wissen. Und, scheiß die Wand an, sie liefert. Als sie auf spanisch in einer Geschwindigkeit spittet wie Eminem in 8 Mile, stehe ich nur verdutzt da, nicke und tue als würde ich etwas verstehen. Endlich kann ich im Alltag nutzen was ich im Studium gelernt habe. Merkwürdigerweise verstehe ich wieder etwas von einem Esel. Das kann kein Zufall sein. Meine Aufmerksamkeit weckt sie aber, als der Ausdruck ‚El Pibe‚ fällt. Kurze Nachfrage und Tatsache: Santa Marta ist Geburts- und Heimatstadt von Carlos ‚El Pibe‘ Valderrama, zweimaligem Weltfußballer des Jahres. Die Statue, die man ihm zu Ehren errichtet hat, ist bei bewölktem Himmel Ziel Nummer 1.

Weiter geht es auf dem Wochenmarkt. Norberto liebt Märkte. Es ist laut, es stinkt, es ist eng. Herrlich. Und will man in Kolumbien als fliegender Händler Erfolg haben, dann heißt das Zauberwort „Diversifikation„. Nische finden, Kunden binden. Wie er hier: Fernbedienungen, selbst gebrannte DVDs und Lesebrillen.

Diese Zusammenstellung des Sortiments mag auf den ersten Blick seltsam anmuten. Auf den zweiten auch. Ist sie auch. Themawechsel.

Ceviche

Mittagessen. Ceviche (gesprochen: Sewietsche) steht auf dem Speiseplan. Ursprünglich zwar aus Peru, aber inzwischen überall dort typisch und erfahrungsgemäß gut, wo es frischen Fisch gibt.

Kleingehackter roher Fisch und in der Mixvariante auch noch andere Meeresfrüchte, 20 Minuten in Limettensaft mariniert, mit Zwiebeln und landestypischen Gewürzen versehen. Ab dafür. Wäre ich ein Fisch, ich möchte als Ceviche enden. Man wird ja noch träumen dürfen.

Mein Gepäck

Zurück im Hotel noch eine freudige Überraschung. Mein Gepäck wurde tatsächlich inzwischen angeliefert, fühlt sich beim Tragen aber bereits verdächtig leicht an. Beim Öffnen finde ich statt meiner eigentlichen Sachen auch nur einen Brief der „Regierung von Oberbayern – Luftamt Südbayern“. Lediglich meine Adiletten, ein 10er Ringschlüssel und eine Spitzzange sind noch übrig. Alter. Die Grabräuber von Tutanchamun hätten vermutlich eine Freudenerektion, ob diesen Anblicks und würden dem Luftamt Südbayern nur anerkennend auf die Schulter klopfen. WD40, Getriebeöl, Zweitaktöl, Kupferpaste und Kältespray haben es also, wie ich im ersten Anlauf, nicht nach Kolumbien geschafft.

Kurze Rückfrage beim Vespaclub Bogota ergibt: Alles halb so wild. Gibt es alles auch vor Ort. Einziger Unterschied, WD40 heißt hier AB80 und knallt offenbar mehr wenn man es sich in die Nüstern feuert.

Apropos Zeug in die Nüstern feuern. Abends mache ich entlang der Promenade die Erfahrung aufgrund derer ich erst einmal einen Tapetenwechsel möchte. Keine 10 Meter kann ich laufen, ohne dass ich höchst penetrant gefragt werde ob ich Weed oder Kokain kaufen möchte. Ein einfaches Nein wird selten akzeptiert und teilweise wird mir hinterhergepfiffen wie einem Hund. „Amigo, ven aquí“, frei etwa, „Junge, komm her“. Und so verabschiede ich mich schon wieder früh zurück ins Hotel.

Ich beschließe weiter nach Taganga, nördlich von Santa Marta, zu ziehen.

Was Bus, das Bus

Busse funktionieren auf der ganzen Welt unterschiedlich. Um herauszufinden wie in Kolumbien, gönne ich mir einen Kaffee für 300 Pesos (0,08 €) bei Anyela’s rollender Kaffeetheke und setze mich gegenüber der vermeintlichen Haltestelle auf eine Mauer. Vermeintlich, weil man so etwas wie ein Schild vergeblich sucht. Die Busse verkehren hier nicht nach einem vorgegebenen Zeitplan, sondern fahren einfach dauerhaft ihre selbe Runde. Und so kann es schon mal sein, dass drei Busse hintereinander einlaufen und danach eine Viertelstunde Schicht im Busschacht ist. Von meiner Observierungsmauer präge ich mir die Nummer meiner Route ein und finde heraus, dass man den Bus von wo immer man entlang der vorgegebenen Route steht, per Handzeichen zum Anhalten bringt und einfach einsteigt. Ist man im Bus gibt man dem Fahrer entweder noch während des Einsteigens, während der Fahrt oder während des Aussteigens ein paar Peseten in die kolumbianische Patschehand. Fertig ist die Laube.

Taganga

In Taganga angekommen erkunde ich zunächst ein wenig die Umgebung. Ein Blick die Hauptstraße hinunter lässt allerdings erahnen, dass sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagen würden, wären beide nicht längst an Langeweile vor die Hunde gegangen.

Ich lasse mich also zunächst in einem versifften Rattenloch nieder. Frühstück inklusive. Man hat ja seine Standards. Jimmy, der receptionista schaut meinen Reisepass an, vergewisset sich: Alemán? Ich bejahe. Jimmy sagt: Hitler. Ich bin für einen Moment baff, sage dann, si, Hitler, pendejo. Jimmy lacht, ich lache, Hitler lacht zum Glück nicht mehr. Taganga ist ein kleines Fischerdorf, lebt jedoch längst hauptsächlich vom Tourismus. Der Blick auf die Bucht sieht bei wolkenverhangenem Himmel leider auch nicht so prickelnd aus.

Ich organisiere an diesem Tag noch meine beiden Tauchgänge für den nächsten Tag, lasse mir noch das ein oder andere Club Colombia schmecken und lausche der karibischen Live Musik, die hier an jeder Ecke aus den Lautsprechern dröhnt. Das Leben könnte es schlimmer mit mir meinen.

Norberto

1 Antwort zu “Tage 3 und 4: El Pibe, Ceviche und Hitler”

  1. Hey du tapferer Reisebloger, ich krieg mich fast nicht mehr ein, ich sag nur “ schreib ein Buch“ wenn du Zeit hast 😉.
    Zu deinem „AB 80“ das kannst sicher in den Anden als Turbo Buster deiner Bertel (war glaub der Name deiner treuen Begleiterin ) einblasen die geht damit bestimmt richtig ab.
    Mach weiter so ✌

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