Tage 7 und 8: Wie ich mit Scheiße beworfen wurde… und warum es mir gefallen hat

Die geplante Route führt also von meinem Campingplatz zunächst zum Punta Las Gaviotas (Gaviotas = Möwen), weiter zum Strand La Piscina (das Schwimmbad), und über den Playa Nudista (Erklärung hinfällig), bevor es zurück nach Calabaza geht, noch zu El Pueblito, einer Ausgrabungsstätte mit Ruinen der Tayrona.

Meine Route durch den NP Tayrona

An klaren Tagen sollen von hier gleichzeitig der Ozean und die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada zu sehen sein. Soviel vorweg: Das hat zwar nicht geklappt, aber dafür wurde ich von Brüllaffen mit deren Scheiße beworfen. Das ist doch auch was. Wie ich dem Bombardement entkommen konnte und wieso ich ein dänisches Pärchen vor dem Panikkollaps bewahrt habe…

Punta de las Gaviotas

Aber der Reihe nach. Für schlappe 2.000 Peseten (7 Mal soviel wie in der Stadt) genehmige ich mir zum Start um 7 Uhr morgens noch einen Kaffee, der meine Lebensgeister weckt. Vollgepumpt mit Koffein bis unters Dach, erreiche ich nach 1,5 Kilometern den Punta de las Gaviotas. Und der Name ist Programm. Möwen ohne Ende. Außerdem ist dies wieder einer dieser Momente, in dem ich bereue, dass ich vor exakt 142 Tagen aufgehört habe zu rauchen. Diese Aussicht und dieser Stuhl schreien eigentlich förmlich danach.

Der ideale Raucherplatz

Ich nehme Platz und genieße die Ruhe. Auch ohne Glimmstengel.

Und wie da so sitze, merk ich, dass ich schwitze. Tatsächlich bin ich schon nach diesen ersten paar hundert Metern am frühen Morgen klatschnass geschwitzt. Die extrem hohe Luftfeuchtigkeit macht es möglich. Nach zehn Minuten, oder vormals drei Zigarettenlängen, geht es für mich dennoch weiter.

La Piscina

Entgegen meiner gestrigen Aussage, dass der Playa Arrecifes der einzige sei, an dem das Schwimmen nicht erlaubt ist, ist es gar nur an La Piscina (das Schwimmbecken) erlaubt.

Ich schiebe die Entstehung dieses Fotos auf die Hitze

Schon völlig nassgeschwitzt, sehne ich mich eigentlich auch danach mich abzukühlen, möchte mir das aber eigentlich für den Playa Nudista aufheben. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich ja noch nicht, dass auch dort das Schwimmen nicht erlaubt ist. Ich setze also die Segel und ziehe weiter.

Rückblickend ist anhand des Namens eigentlich selbsterklärend, dass das Schwimmen nur am Playa La Piscina erlaubt ist. Ebenfalls rückblickend würde ich aber auch sagen, dass die Hitze meinem Kleinhirn etwas zugesetzt hat. Und da mein Großhirn bereits seit Ulm im Dauerenergiesparmodus ist, habe ich die geistige Kapazität das zu durchschauen eben nicht mehr aufgebracht.

Playa Nudista

Auf dem Weg zum Playa Nudista komme ich noch am kleinen „Örtchen“ Cabo San Juan vorbei. Dieses besteht aus einem Campingplatz, einem Restaurant und dem neuesten Scheiß aus den bayerischen Motorenwerken.

Freude am Fahren

Aus Cabo heraus finde ich nicht sofort den korrekten Weg und irre noch auf etlichen falschen Pfaden vor mich hin. Als ich um eine Ecke biege, blickt mich plötzlich, ebenso überrascht wie ich auch schauen muss, ein kleines Agouti an. Als ich vorsichtig in meine Tasche greife um mein Handy rauszukramen, ist es auch schon weg. Schade.Irgendwann finde ich dann doch den korrekten Weg. Voller Vorfreude darauf gleich nackt im karibischen Meer zu planschen, laufe ich schnellen Schrittes in Richtung Playa Nudista, nur um dort wieder festzustellen, dass einige hundert Leute vor mir das mit dem Leben bezahlt haben und das Schwimmen daher nicht erlaubt ist.

Ich ziehe mich also lediglich für das obligatorische Nacktbild aus, danach schnell wieder an und auch gleich weiter.

Ich, nackt am Playa Nudista

Die Scheiße-Schlacht von Tayrona

Es folgt der anstrengendste, aber auch schönste Teil der Route. Vom Strand geht es, in orthogonaler Ausrichtung zur Küstenlinie, in den Dschungel. Und zwar nur noch bergan. Ich schnaufe wie eine Dampflok den Berg hinauf. In einer ersten Pause stelle ich entsetzt fest, dass die 400 Höhenmeter erst zu einem Drittel geschafft sind. Mein Hemd tropft bereits, wenn ich es etwas quetsche, meine Hose klebt klatschnass an meinen Beinen.

Weil sich aber sonst kaum jemand hier hoch oder runter quält, höre ich jedes noch so leise Knacken aus dem Dschungel. Unter anderem deshalb erspähe ich noch ihn hier.

Ich schaue ihm noch eine Weile beim Fressen zu und gehe weiter. Aus der Entfernung höre ich bereits schon wieder meine geliebten Brüllaffen. Ich komme dem Ursprung des Gebrülls immer näher, als mir plötzlich ein Pärchen entgegengerannt kommt. Wieso sie denn rennen, will ich wissen. Ob ich denn das Gebrüll nicht höre, wollen sie im Gegenzug wissen. Das muss ein Jaguar sein, kommen sie zum einzig logischen Schluss. Ich ziehe mir mein imaginäres Lehrer-Cordsakko an und kläre sie auf, dass es sich nur um kleine Äffchen handelt. Gemeinsam rücken wir also immer näher an die Quelle des Krachs. Ton an für das folgende Video.

Als ich die kleinen Säcke nochmal von direkt unter ihrem Baum aufnehmen will, machen sie es wie die Fans des 1. FC Köln und bewerfen mich neben Ästen und Beeren eben auch mit ihrer eigenen Notdurft. Ringsherum donnern die Scheißetorpedos nieder. Ein lichtes Blätterdach über mir verhindert noch, dass die Mehrzahl der noch dampfenden Projektile auf mir einschlägt. Biologische Kriegsführung im kolumbianischen Dschungel und eigentlich ein Völkerrechtsverstoß. Ich verfluche, dass ich seinerzeit als untauglich eingestuft wurde. Es sind Momente wie diese, in denen ich gerne eine militärische Ausbildung genossen hätte. Und statt daher aus sicherer Deckung, inzwischen verdaute Wiener Würstchen in Limettensaft zurückzufeuern, ergreife ich lieber die Flucht. Mit einem Grinsen im Gesicht.

El Pueblito

Dieses weicht recht schnell wieder von meiner inzwischen schon leicht angebräunten Visage, als ich am eigentlichen Highlight dieser Folter von einer Wanderung ankomme. El Pueblito, die Ausgrabungsstätte ist geschlossen.

Ohne eine Angabe von Gründen und ohne vorherige Information am Parkeingang, für dessen Eintritt man immerhin fast EUR 18,- abrüstet. Für einen kleinen Moment überlege ich, die Sperrung zu umgehen und soweit zu laufen wie ich komme. Ich besinne mich aber darauf die Tayrona und deren, vermutlich nachvollziehbare, Gründe zur Sperrung zu respektieren.

Back to Santa Marta… Again

Nach El Pueblito, geht es recht schnell aus dem Dschungel raus und eigentlich nur noch bergab. Die Schwüle des Waldes ist zwar weg, dafür aber nun auch sein Schutz vor der Sonne. Also nochmal schnell das Näschen eingecremt und schnellen Schrittes nach Calabaza, wo die Zeit gerade noch reicht, mir einen eiskalten Eistee rauszulassen, ehe der Bus mich ein weiteres Mal zurück nach Santa Marta bringt.

Santa Marta

Während des Marsches durch den Parque Tayrona habe ich mir eine unangenehme Blase unter der Ringzehe gelaufen. Das ist die Zehe, an die wir Menschen den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken. Wegen erwähnter Blase, gebe ich an diesem Tag nur noch meine durchgeschwitzte Wäsche zum Waschen ab und lasse den Tag mit Netflix und Vokabel-App in der Hängematte ausklingen.

Der Start in den Tag

Der nächste Tag beginnt gemütlich. Nachdem ich meine Wäsche frisch gewaschen zurück habe und mich wieder mit einem Qualitätsfrühstück gestärkt habe, ziehe ich gegen 10 Uhr los in Richtung Bosque Quinta de San Pedro Alejandrino. Ein kleiner Wald, vier Kilometer weit entfernt von meinem Hostel, etwas weiter weg vom lauten Zentrum von Santa Marta.Besonders macht diesen Wald, dass hier die Finca steht, in der Simón Bolívar seine letzten Tage vor seinem Tod lebte. Um zu testen wie es sich mit der Blase unter der Ringzehe (das ist die Zehe, an die wir Menschen den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken) laufen lässt, beschließe ich dorthin zu laufen. Schon auf dem Weg dorthin, entlang der Avenida Libertador, heißen sämtliche Geschäfte nach dem Libertador, dem Befreier. Inklusive des Ladens des Klimaanlagenaugusts.

Simón Bolívar

Angekommen, zahle ich etwas verwundert die doch fast EUR 8,- Eintritt. Ich habe mich nicht über diesen Ort informiert, sondern befolge den Tip von Gabriel aus dem Hostel und bin etwas verwundert, wofür ich hier den Eintritt bezahle. Aber um Kopfschmerzen vorzubeugen, denke ich wie üblich nicht länger nach und bezahle einfach.Ich trete ein und setze mich erst einmal auf die nächstbeste Bank um den Wikipedia Artikel über Bolívar zu studieren. Danach schlendere ich durch die verschiedenen Gebäude, wie den Stall, den Wohntrakt oder den Schnapskeller und bekomme langsam ein Gefühl dafür, welch großer Held Bolívar, nicht nur für die Kolumbianer, war und ist.

Der Wohntrakt der Finca Bolívars

Jeder kann sich hierzu ja selbst informieren, weshalb ich dazu nicht viel sagen möchte. Mich persönlich beeindruckt hat aber die Tatsache, dass Bolívar, der arme Tropf, (vereinfacht gesagt) nacheinander die Spanier aus Venezuela, Ecuador, Kolumbien, Bolivien und Peru vertrieben hat. Dann aber irgendwie niemand seine Idee von Großkolumbien so geil fand, jeder sein eigenes Süppchen kochen wollte und er zum Zeitpunkt seines Todes eigentlich eher unbeliebt war. Der Heldenkult um ihn begann dann erst einige Jahre nach seinem Tod. Heute ist er eine Legende und jedes Kind auf den Straßen der vorgenannten Länder kennt seinen Namen. Bringt ihm jetzt aber halt auch nix mehr.

Eine der Statuen zu Ehren Bolívars

Iguanas soweit das Auge reicht

Und auch heute wird ihm wieder die Show gestohlen. Vom gemeinen grünen Leguan (Green Iguana) nämlich. Als ich etwas weg von Señorito Simón’s bescheidener Bude durch den Wald laufe, spaziert plötzlich ein etwa ein Meter langer Leguan aus dem Busch auf den Weg, sieht mich und sprintet mit Volllast auf der anderen Seite in den Busch und rauf auf den nächsten Baum. Keine zwanzig Meter weiter fällt/springt ein kleinerer Leguan aus dem Baum und startet gleich durch, rauf auf den Nächsten. Und wenn man sie erst mal gesehen hat, kann man sie nicht mehr nicht sehen. Dieses Video kann ich dann noch von einem weiblichen Exemplar machen, das es im Gegensatz zu den Anderen nicht so eilig hat.

Und als ich da so stehe und ob der Leguane das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme, bittet mich ein kolumbianisches Ehepaar darum ein Foto von Ihnen vor den Leguanen zu machen. Ich höre, wie sie sich fragen, ob es sich um Weibchen oder Männchen handelt. Und da schlägt meine Stunde. Mein imaginäres Cordsakko noch nicht in die imaginäre Wäscherei gebracht, schnappe ich mir meinen imaginären Zeigestock und beginne mit meinem Fachvortrag, in dem ich auch nicht auslasse, dass (Männer aufgepasst) Iguanas mit ihrem Schwanz zuschlagen um sich zu verteidigen. Denn seit einem Besuch beim Green Iguana Conservation Project letzten November in San Ignacio in Belize bin ich tatsächlich ausgewiesener Leguanexperte.

Archivbild aus dem Green Iguana Conservation Project

Und tatsächlich sehe ich es sehr gerne, so viele von ihnen hier frei und vor allem ungefährdet herumlaufen zu sehen. Ich habe diese Tiere damals sehr ins Herz geschlossen. Die Population der Green Iguanas ist unter anderem deshalb gefährdet, weil sie in freier Wildbahn durch Abholzung immer weiter zusammengepfercht werden und bei der Suche nach neuen Lebensräumen oft überfahren auf der Straße enden. Außerdem jagt der Mensch perfiderweise schwangere Weibchen, um deren Eier als Delikatesse zu genießen.

Sergio und Magdalena, das kolumbianische Ehepaar, und ich quatschen noch eine Weile über meine geplante Reise. Sergio will wissen mit was für einem „Motorrad“ ich die Tour machen möchte. Als ich sage, dass es sich nicht direkt um ein Motorrad, sondern eine Vespa mit nur 125 ccm handelt, lacht Sergio. Muy pequeño, demasiado pequeño sagt er. Sehr klein, zu klein. Ich sage das ist Teil des Abenteuers. Sie lachen, geben mir zum Abschied die Hand und sagen, ich solle vorbeikommen, wenn ich in Bogotá, ihrer Heimatstadt, bin. Zwar nur eine Floskel, denn Kontaktdaten werden nicht ausgetauscht. Und doch tragen Gespräche wie diese dazu bei, dass ich mich in diesem Land hier schon richtig wohl fühle.Und so gehe ich heute Nacht ob der Freundlichkeit der Menschen und der Iguanas mit einem Grinsen ins Bett. Bliebe noch das Problem mit der Blase unter der Ringzehe. Das ist übrigens die Zehe, an die wir Menschen uns den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken.

1 Antwort zu “Tage 7 und 8: Wie ich mit Scheiße beworfen wurde… und warum es mir gefallen hat”

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