Tage 9 und 10: Titten, Tinder und Cayeye

Zunächst vielen Dank für all den Zuspruch in Bezug auf meine Ringzehblase. Sie ist inzwischen aufgeschnitten, das tote Fleisch sauber abgetrennt, und zunächst mit etwas Iod behandelt, steckt sie nun unter einem Pflaster mit antiseptischer Wundcreme. Ich werde aufgrund des großen Interesses daran auch weiterhin detailliert berichten.

Ich habe auch die letzten beiden Tage in Santa Marta verbracht. Alles was mich theoretisch noch hier hält, ist die Tatsache, dass Santa Marta Ausgangspunkt für die viertägige Dschungeltrekkingtour zur Ciudad Perdida (mehr dazu dann wenn ich da war) ist, die auf meiner Liste ganz oben steht. Die ich aber mit einer Blase unter der Ringzehe nicht angehen kann. In der Zwischenzeit hat Santa Marta aber noch einen ganz netten Sonnenuntergang anzubieten.

Unbearbeitet.

Reiseorga

Ich mache das beste draus. Ich erledige zum Beispiel Reise-Bürotätigkeiten, wie die Internetrecherche zu den Zollformalitäten im Hafen von Cartagena. Ich wechsele außerdem mein Hostel, trotz des jeden Morgen reichhaltigen Frühstücks, da ich nun bereits zum dritten Mal in drei Nächten von einer der neun Katzen im Hostel noch vor sechs Uhr geweckt wurde.

Der Wecker.

Und ich lasse mir für umgerechnet sieben Euro (plus drei Euro Trinkgeld) noch eine Stunde lang Haupt- und Barthaar stutzen.

Cayeye

Ich treffe mich außerdem mit Gabriela (Name von der Redaktion geändert), die ich über Tinder kennengelernt habe. Sie ist geboren und aufgewachsen in Santa Marta. Sie zeigt mir Cayeye, eine Art Auflauf, bestehend aus gekochten und anschließend zerkleinerten grünen Bananen. Zusammen mit Zwiebeln, gehacktem Knoblauch und Fleisch oder Fisch nach Wahl wird daraus der Auflauf. Der ein wenig an Kartoffelgratin erinnert.

Gabriela klärt mich bei Club Colombia und Cuba Libre über die Unterschiede von Kolumbiens Küstenregion zum Landesinneren auf. Neben der anderen Küche (bedingt durch die Nähe zum Meer) haben die sogennanten costeños (beide Geschlechter) eine dunklere Haut und die costeñas (die Frauen) sind außerdem voluminöser, lässt sie mich wissen. Sie bilde da eine Ausnahme, yo no tengo las tetas grandes, ich hab keine großen Titten sagt sie und lacht. Da kennen wir uns gerade einmal zwei Stunden. Und in der Tat fällt sie mit ihren 1,50 m und einer zierlichen Figur hier etwas aus dem Rahmen. Mir gefällt aber diese direkte, nicht abgehobene und nicht divenhafte Art, die ich so bei den meisten Frauen auf der Straße beobachte. Wir lassen an diesem Abend auch Politik nicht aus und so erfahre ich viel über Santa Marta und Kolumbien allgemein was ich so sicherlich nicht bei einer Tour gelernt hätte.

Kulturelle Unterschiede

Da ich wie erwähnt nicht allzu viel erlebt habe die Tage, ist es an der Zeit stattdessen einige allgemeine, kulturelle Unterschiede herauszustreichen, ehe ich diese als völlig normal wahrnehme.

Mototaxis

Dass die Busse anders funktionieren als bei uns, habe ich bereits erwähnt. Daneben verkehren auf den Straßen aber auch noch Mototaxis. Ausschließlich Männer, die den ganzen Tag auf Motorrädern durch die Stadt fahren und Menschen von A nach B, vielleicht auch C bringen. Etwas günstiger als Taxis, etwas teurer als der Bus aber im ganz normalen kolumbianischen Verkehrschaos manchmal die bessere Alternative. Wenn man auch sonst nicht zu sehr an seinem Leben hängt.

Das Hupkonzert

Sowohl erwähnte Mototaxis, als auch normale Taxis und Busse signalisieren JEDEM Fußgänger, dass sie frei sind, indem sie ein- oder mehrmalig auf die Hupe drücken. Eine sehr beliebte Variante für zweiteren Fall, ist der Hup-Feuerstoß. Mindestens zwei, zumeist jedoch mehr schnell hintereinander abgefeurte Hupsignale, die einen meistens dann ereilen, wenn man gerade in die Landkarte vertieft an einer Straßenecke steht. Kolumbianische Taxifahrer sind außerdem die Ninjas der Taxiwelt und absolute Meister des Anschleichens. Gott bewahre, fahren die Typen eines Tages noch Elektroautos. Und so einmal von einem solchen Feuerstoß, einen Meter neben dem Taxi stehend, aus einem Tagtraum gerissen, ballert die Pumpe für gewöhnlich mit 180 bpm und der Nachmittagskaffee kann ruhigen Gewissens entfallen.

Bei der hohen Anzahl Busse, Taxis und Mototaxis in Verbindung mit der hohen Anzahl Passanten, erlebt man bei einem Gang durch die Stadt, übertrieben gesagt, ein durchgehendes Hupgeräusch. Die längste Phase ohne Hupton, die ich gezählt habe, waren vier Sekunden.

Dazu kommt noch, dass auch Taxi fahren absolute Männerdomäne ist und es hier zum guten Ton gehört, Frauen auf der Straße hinterherzuhupen. Mein allererster Taxifahrer in Barranquilla hatte eine Hupe, die den weltberühmten „Sexy-Pfiff“ nachahmte und der Kutscher ließ auch keine Chance aus, diesen einzusetzen.

Macho, Macho

Das bringt mich zum nächsten Thema. Die kolumbianische Gesellschaft ist eine unfassbare Macho-Gesellschaft. Erwähnter Taxikutscher ist nicht die Ausnahme sondern die Regel. Geht man durch die Straßen, sieht und hört man wie Frauen offen hinterher gepfiffen und gerufen wird. Das ist für Männer hier ein Grundrecht und die Idee der Rolle der Frau als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft, ist für viele kolumbianische Männer nicht vorstellbar.

Wenn ich so durch die Straßen laufe, dann sehe ich aber oft beispielsweise vier Typen in einer Fahrradwerkstatt, von denen einer grade einen Reifen wechselt und der Rest die Beine hoch legt, während Frauen stets entweder mit den Kindern unterwegs sind oder gerade von der Arbeit zu kommen oder zur Arbeit zu gehen scheinen. Alles in allem habe ich oft den Eindruck, Frauen arbeiten hier deutlich härter als Männer, bekommen aber nicht die Anerkennung, die sie dafür verdienen. Es sagt aber auch schon einiges, dass der Weltfrauentag hier eine Art zweiter Muttertag ist, an dem man seiner Holden einen Blumenstrauß schenkt und für Gleichberechtigung demonstrierende Frauen als hoffnungslose Emanzen abtut.

Shorts

Trägt man offenbar nicht. Auch an den heißesten Tagen des Jahres, an denen die Hitze fast unerträglich ist, hält sich die Mehrheit (inklusive mir übrigens) an den Dresscode, der scheinbar Jeans oder zumindest andere lange Hosen vorsieht. Das gilt für beide Geschlechter. Gleichberechtigung also zumindest im Kleiderschrank.

Kolumbien, das Nichtraucherparadies

Wer, wie ich letztes Jahr in Mexiko erwartet hat, dass in Lateinamerika gequarzt wird, dass die Heide wackelt, der sieht sich schwer getäuscht. Man sieht auf der Straße nahezu niemanden rauchen. In Restaurants ist es sowieso verboten. Wie in ganz Lateinamerika geht die Politik hier rigoros gegen das Rauchen vor. Mit Erfolg. Und so fällt es mir auch ein wenig leichter, stark zu bleiben.

James Rodríguez

Der Mann ist ein Held hier. Und was tragen Helden für gewöhnlich? Richtig. Ein Trikot von Real Madrid. Und so schleppt auf jeder Baustelle mindestens ein James Steine, in jeder Straße repariert mindestens ein James gerade eine Gas-, Wasser- oder Scheißeleitung und mindestens ein James verkauft in jeder Straße frittiertes Zeug oder Samsung-Handyhüllen. Alle James eint aber eben eins. Das Trikot, dass er trägt ist von Real Madrid und nicht von Bayern München, liebe Bayernfans. Ihr spielt hier keine Rolle.

Der Scheißhauskodex

Nicht nur Bus gefahren wird überall in der Welt anders. Auch beim Scheißen gilt es die Eigenheiten des jeweiligen gastgebenden Landes zu beachten. Hier zum Beispiel ist es, wie nahezu überall in Lateinamerika üblich, dass man sein benutztes Klopapier in einen Mülleimer neben der Toilette und, um die Leitungen nicht zu verstopfen, nicht in die Latrine pfeffert. Oftmals verfügt besagter Eimer nicht einmal über einen Deckel, weshalb man besser nicht so genau hinschaut. An die Überwindung, die es mich beim ersten Wurf in den Eimer gekostet hat erinnere ich mich ebenso, wie daran, dass ich Anfang des Jahres bei der Rückkehr nach Deutschland aus Mittelamerika im Münchner Flughafen vergeblich den Eimer fürs Klopapier gesucht habe. Inzwischen ist es für mich Standard und ich versenke die Dinger per Dreipunktewurf. Blind. Und über Bande.

3 Antworten zu “Tage 9 und 10: Titten, Tinder und Cayeye”

  1. „Gabriela (Name von der Redaktion geändert)“

    🙂 mich verreißts auch beim dritten Mal lesen. Fette Probs gehen raus, lass jockeln Alter.

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