Tage 11 und 12: Milzbrand in Minca

Die Blase der Nation

Starten wir mit dem Wichtigsten. Meine Ringzehblase verheilt gut. Und deshalb habe ich beschlossen nach Minca (circa eine Busstunde südlich von Santa Marta) zu reisen und dort einige Wanderkilometer runterzureißen. Sozusagen als Generalprobe bevor es die Tage nun wirklich ans Buschtrekking geht.

Der Auftakt läuft nach Maß. Ich packe meinen Rucksack, checke aus meiner Unterkunft aus, suche den Saftladen umme Ecke auf und gönne mir einen frisch gepressten, eiskalten Maracuya-Orangensaft ohne Zucker und zwei Buñuelos.

Buñuelos sind frittierte Teigbälle. Tiefenfrittiert. So durchfrittiert, dass die Wand fast durchsichtig wird, wenn man den Buñuelo daran reibt. Siehe hierzu auch die Flecken auf der Papiertüte.

Der Hinweis ohne Zucker ist bei der Saftbestellung essentiell, da ansonsten kein Saft, sondern völlig überzuckerte Pampe im Becher serviert wird. Diese hat durch die zugegebene Menge Zucker eine Konsistenz zum Wände verputzen, aber nicht zum Trinken. Oder zum Schlaglöcher auffüllen. Aber trinken? Fehlanzeige. Als Füllmasse für Boxsäcke taugt sie auch. Aber nicht zum Trinken. Nein, definitiv nicht zum Trinken. Ich denke den Punkt habe ich klargemacht.

Reisekassensturz

Danach fülle ich meine Pesetenvorräte bei der nächstbesten Bank auf. In zehn Tagen habe ich nun zwei mal exakt je 600.000,-, also gesamthaft 1,2 Millionen Pesos abgehoben und sie über den Jordan geblasen. Nicht übel. Das entspricht nahezu exakt EUR 334,-. Hochgerechnet auf einen Monat von 30 Tagen lande ich damit bei EUR 1.002,- und damit EUR 2,- über meinem Budget. 0,2% Abweichung über Plan. Ich schlürfe den Rest meines Saftes durch den Strohhalm und mein innerer Betriebswirt klopft sich anerkennend auf die viel zu dünnen Schultern.

Die Anreise nach Minca

Ich nehme Kurs in Richtung Markt. Irgendwo habe ich gelesen, dass dort der Bus nach Minca abfahren soll. Und noch bevor ich dort überhaupt in die Verlegenheit gerate, jemanden fragen zu müssen, höre ich es irgendwo auf der anderen Straßenseite aus voller Kehle „Mincaaaaaaaa“ rufen. Ich laufe nach Gehör dorthin wo es ruft, rüste ein paar Peseten ab und quetsche mich in den kleinen Bus, der scheinbar nur auf mich gewartet hat und sofort los fährt, als ich an Bord bin. Diggi, denke ich mir, Diggi, heute läuft wie ein Sack Nüsse.

Die Straße nach Minca schlängelt sich bergauf, bergab, bergauf, bergab durch den Dschungel. Auf einer so herrlich asphaltierten Straße, dass ich Bertl noch mehr vermisse, als sowieso schon. Was würde ich dafür geben, diese Straße auf eigener Achse zu befahren. Aber meine Chance dazu bekomme ich hoffentlich noch früh genug. Nach einer Stunde hat es sich ausgeschlängelt und wir halten in Minca.

Minca

Schon von meinem sicheren Beobachtungsposten im Bus sehe ich wie sich die Schlepper auf die aussteigenden Touristen stürzen, wie die Geier auf ein halbverwestes Yak. Minca ist ein Bergdorf mit viel frischer Luft und viel zu erkundendem Dschungel und Natur. Minca ist aber auch Mekka für alle Instagram-Hobby-Philosophaster und Möchtegern-Influencer. Und weil sowas eben erfahrungsgemäß Schlepper auf den Plan ruft, hatte ich keine Lust erst lange mit Rucksack durch die Gegend zu laufen und mir dabei ständig Rost ans Mofa faseln zu lassen. Und so habe ich mir ausnahmsweise vorab bereits ein Hostel gebucht. Kurzer Blick also auf die Karte und los marschiert. Dabei unabhängig von der Frage den Schleppern einfach abwechselnd Si und No geantwortet. Motto: Maximale Verwirrung stiften.

Im Hostel angekommen, habe ich als erster Gast noch das Recht mir das Bett auszusuchen. Hier gibt es einiges zu beachten. Für mich aber mittlerweile Routine: Unteres Bett, Steckdose in der Nähe, nicht im direkten Wirkungsbereich der Klimaanlage. Das war einfach.

Ich fülle noch kurz meine Wasservorräte auf und starte Wandertag 1 in Minca.

Wandern in Minca (die Erste)

Das erste Zwischenziel, eine Kaffeefarm, sollte ich nach 3,5 Kilometer erreichen. Recht schnell mache ich auf dem Weg dorthin Höhenmeter und werde mit diesem Blick auf Santa Marta und das karibische Meer belohnt.

Immer wieder muss ich Platz machen für Mototaxis mit denen fast alle anderen hier hochgelangen. Die Fahrt mit dem Mototaxi kostet 20.000 Pesos und diese Aussicht. Denn das Mototaxi hält nicht.

Und so schwitze ich aufgrund der Luftfeuchtigkeit schon wieder mehr Flüssigkeit aus, als eigentlich jemals in meinem kränklichen Körper vorhanden sein konnte und bin trotzdem der Auffassung die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Angekommen an der Kaffeefarm will ich keine Stunde auf die nächste Führung warten und haue gleich wieder in Sack.

Weitere 3,4 entspanntere Kilometer trennen mich vom zweiten Ziel. Pozo Azul, einem Wasserfall und kleinen Naturpool. Der Weg dorthin führt durch kleine kolumbianische Bergdörfer mit Häusern wie diesem hier.

Meine Wildlife-Sichtungen beschränken sich heute leider auf ihn hier. Sieht aus wie eine Schlange. Ist in Wahrheit aber ein Aal. Mit einem Stock feuert ihn eine Einheimische nach Entstehung dieses Videos zurück in ein Matschloch, wo er hingehört.

Ich komme schließlich an beim Pozo Azul und wundere mich etwas über den Hype, der um dieses bessere Wasserloch gemacht wird. Ich bekomme beim Anblick jetzt nicht direkt Schnappatmung. Und allzu azul ist hier ja nun wirklich auch nichts.

Ich hatte ja schon keine Erwartungen. Und selbst die wurden noch unterboten. Ich kehre einigermaßen enttäuscht, aber wenigstens mit dem guten Gefühl etwas unternommen zu haben, zurück ins Hostel, schmeiße die Vokabel-App an und liege bis spät die Hängematte durch.

Am nächsten Morgen wird mir ausnahmsweise tatsächlich ein gutes Frühstück serviert und weil ich noch immer der einzige Gast im Achtbettzimmer bin und die Gastgeber unfassbar freundlich, beschließe ich noch eine Nacht länger zu bleiben und starte in Wandertag 2.

Wandern in Minca (die Zweite)

Wieder im Dampflokmodus keuche ich den Berg rauf bis ich Ziel 1, die Cascada de Marinka, zwei Wasserfälle, erreiche.

Und dort platzt mir auch gleich fast der Dampflokkessel. Ich stelle fest, dass für die meisten der hier anwesenden, mit Biketaxi Angereisten nicht die beiden Wasserfälle, sondern eine sogenannte Riesenhängematte das Highlight darstellt.

Ich schnappe mir also einen Barhocker und setze mich auf die gegenüberliegende Plattform, direkt neben der Buschlatrine. Von hier aus beobachte ich wie Menschen für ein Bild beispielsweise Yogaübungen und sonstige Verkrampfungen in der Hängematte vollführen.

Ein weiteres beliebtes Motiv scheint, sich mit dem Rücken zur Kameralinse zu postieren und so zu tun als würde der vor einem gebotene Anblick wertgeschätzt werden. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auf gar keinen Fall wirklich den Anblick wertzuschätzen, sondern stattdessen jede 20 Sekunden aufzuspringen, seinem auserkorenen Instagram-Partner in crime neue Anweisungen zu geben und wieder zurück zur, zu Hause auf der Bettkante eingeübten, Imitation des Wertschätzenden zu gehen.

Selbiges gilt auch für das sehr beliebte Motiv des in der Hängematte Entspannenden. Auch hier ist „tarnen und täuschen“ der Schlüssel zum Erfolg. Auf gar keinen Fall sollte man Gefahr laufen wirklich zu entspannen. Das würden die Follower vermutlich sofort gnadenlos mit weniger Likes bestrafen.

Ich bestaune dieses bunte Treiben noch eine Weile, freue mich darüber, dass ich zu scheiße aussehe um auch in die Verlegenheit zu kommen, so einen oberflächlichen Firlefanz zu veranstalten und beschließe, dass es besser ist zu gehen, als ich überlege die Leute in der Hängematte nach ihren Adressen zu fragen, um ihnen Ende Jahr Milzbranderreger mit der Weihnachtspost zu senden.

Mein nächster Zwischenstop ist ein, nochmal deutlich höher als gestern liegender, Aussichtspunkt. Aber schon auf dem Weg dahin beginnt es zu regnen. Gewöhnlich nicht die allerbesten Vorzeichen für eine gute Sicht an einem Aussichtspunkt. Meine Regenjacke habe ich clevererweise im Hostel zurückgelassen, da ich mich von dem morgens noch klaren Himmel täuschen ließ. Wird mir nicht nochmal passieren. Als ich ankomme, bin ich völlig durchnässt. Und auch die Aussicht auf Santa Marta entlohnt nicht gerade für die Schinderei.

Ich harre hier etwas aus, wärme mich mit zwei Bechern Kaffee und habe Glück, dass sich ein Mototaxi nach hier oben verirrt. Anstatt die acht Kilometer bei weiterhin anhaltendem Regen zurückzulaufen, bezahle ich 25.000 Pesos, also fast EUR 7,- um auf der beschissensten aller „Straßen“ zurück nach Minca gebracht zu werden. Die Straße ist so beschissen, dass ich drei Mal absteigen muss und mein eigenes Mototaxi anschieben muss, weil nichts mehr geht.

Dieses Video zeigt zwar keine dieser Situationen, gibt aber einen kurzen Einblick in die Qualität der Straße.

Zwischendurch taucht immer mal wieder ein Streifen Asphalt quasi aus dem Nichts auf. Relikt einer besseren Zeit, als es hier noch so etwas wie eine Straße gab. Diese Streifen balanciert mein Kutscher dann gekonnt mit gefühlt achtzig Kilometern in der Stunde entlang. Gefühlt und nicht gemessen, weil wie üblich der Tacho nicht mehr unter den Lebenden weilt. Irgendwie kommen wir an und ich drücke José (den ich dieses Mal nicht wirklich nach seinem Namen gefragt habe, jetzt aber einfach mal José nenne) noch einen Taui extra in die Hand. Weil es ja doch irgendwie Spaß gemacht hat. Arbeit hat halt seinen Preis.

Zurück im Hostel nehme ich meinen Standardplatz in der Hängematte ein und verlasse den nur nochmal für einen Sprung in den Fluss, der direkt vor dem Hostel entlangfließt. Gute Nacht allseits.

2 Antworten zu “Tage 11 und 12: Milzbrand in Minca”

  1. Hey Normen,

    freue mich jeden Tag auf deine Nachrichten.
    Mach weiter so, viele Tolle Erlebnisse und Begegnungen wünschen wir dir.
    Bleib Gesund und Munter. Heurecka
    Gruß Wilfried Und Carmen

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