Tage 14, 15, 16 und 17: Schwule Delphine, Mulischeiße und Kommandant Große Peitsche in der verlorenen Stadt

Ich bin zurück. Geiler als je zuvor. Mit schönen Eindrücken, neuen Bekanntschaften und riesigen Problemen, vermutlich verursacht durch meinen Spediteur in Deutschland. Davon war aber noch nichts bekannt, als ich unter meinem Pseudonym Comandante Látigo Grande die verlorene Stadt wiederfand. Nicht mal Finderlohn, wallah.

Tag 1

Der Start in den Tag

Ich wache heute morgen auf und verspüre weiterhin ein leichtes Grummeln in der südwestlichen Bauchregion. Folgerichtig befinden sich in meinem Tourrucksack, neben der üblichen Ausrüstung, vorsorglich auch kiloweise Kohletabletten und Imodium akut. Soviel vorweg. Der Magen wird keine Probleme machen.

Treffpunkt zur Tour ist zwar erst um 9 Uhr. Bereits um 7:30 Uhr, um mir genügend Zeit zu geben, flötet mir aber mein Wecker eins. Aufgestanden, schnell eine Handvoll kotverseuchten Stadtleitungswassers in die Visage gespritzt und ab zu meinem Saftladen. Das übliche Prozedere. Fistbump. Smalltalk. Saftbestellung. Ich bin eindeutig schon zu lange hier.

Finger zum Frühstück

Dazu gönne ich mir heute statt eines Buñuelos einen Dedito. Dedito, das ist die Verniedlichung des spanischen Wortes dedo (Finger), und bedeutet soviel wie Fingerchen. Fingerchen, die Bezeichnung finde ich dann doch etwas untertrieben, für ein ca. 20 cm langes, käsegefülltes und ebenfalls tiefenfrittiertes, Teigteil, mit mindestens dem Durchmesser eines 2 € Stücks.

Nachdem ich um Punkt 8:59 Uhr bei meinem Touranbieter vorstellig werde, werden wir (die anderen Teilnehmer, Guide William, Übersetzer Sergio und ich) um circa zehn Uhr in einen Jeep verfrachtet und zwei Stunden lang zu einem Restaurant am Beginn des Treks gefahren, wo sich nochmal ordentlich der Pansen vollgeschlagen wird, bevor es gleich bei heftigster Mittagshitze bergauf in das erste Camp an der Strecke geht.

Marsch 1

Dieser erste Marsch über 7,6 km verläuft weitestgehend ereignislos. Auffallend ist aber bereits, dass der Trek unfassbar vollgeschissen ist mit Mulischeiße. Die treuen Lastentiere bringen das Essen und Trinken für uns Fußvolk in die Camps und dürfen als vertraglich zugesicherte Belohnung den ganzen Trek vollknödeln. In der prallen Sonne entwickelt sich so ein Dufterlebnis der besonderen Art, das man ansonsten nur vom Stuhlgang am Tag nach dem legendären Mostfest in meinem Heimatort kennt.

Nach den ersten drei Kilometern nahezu ohne schattenspendende Vegetation, geht es anschließend in den Dschungel. Die bereits mehrfach thematisierte hohe Luftfeuchtigkeit lässt auch heute wieder keinen trockenen Quadratzentimeter an Hemd und Hose übrig. Dafür bleibt es von oben heute trocken. Beim Blick in alle Richtungen wird klar, dass es hier rundherum tatsächlich ausschließlich Grün gibt.

Comandante Látigo Grande – die Geburt einer Legende

Nachdem ich zu Anfang William, meinen Guide, des Öfteren als Capitán oder Jefe anspreche, korrigiert er mich irgendwann zu Comandante. Ich bin ein guter Soldat und leiste Folge. Comandante William nennt auch mich in der Folge nur noch Comandante. Nette Abwechslung. Ich grüße von nun an alle Guides entlang der Strecke mit einem respektvollen „Comandante“ und tippe mir dabei mit Zeige- und Mittelfinger zum Tooltime-Gruß an die verschwitzte Stirn. Als ich bei einer kleinen Flussüberquerung Zeit habe, mich kurz zu unterhalten, stellt sich einer der Guides einer anderen Gruppe aufgrund meines Grußes als Comandante Pistola Loca vor und fragt mich nach meinem Namen. Spontan nenne ich ihm Comandante Látigo Grande als meinen Namen. Dieser unfassbar geniale Witz von mir altem Scherzkeks wird von Pistola Loca mit einem Lacher und einem Fistbump belohnt. Offensichtlich spricht Pistola Loca abends auch noch mit anderen darüber. Denn die folgenden Tage werde ich an den designierten Pausenstellen oder auch auf dem Weg immer mal wieder von unterschiedlichen Guides mit einem „Hola Comandante Látigo Grande“ begrüßt. Kommandant Große Peitsche. Ein Name wie ein Gedicht.

Camp 1

Angekommen im Camp 1 weist der, im Laufe der Tour von mir liebgewonnene, Subcomandante und Übersetzer Sergio mir und dem Rest der Truppe die Kojen zu. Überdachte und mit Moskitonetzen umhüllte Betten. Wände, im eigentlichen Sinne, gibt es keine. Wie man es für den Preis erwarten kann, sind die Moskitonetze in einwandfreiem Zustand. Ohne die sonst obligatorischen tennisballgroßen Löcher. Bei der epischen Menge an, von der Truppe versprühtem, Anti-Brumm, sollte aber eigentlich auch im Umkreis von sieben Kilometern jedes Lebewesen über den Jordan vergiftet und die Moskitonetze eher zur Deko degradiert sein.

Noch vor dem Essen kühlen wir uns im am Camp vorbeifließenden Fluss ab. Wir, das sind in diesem Fall alle Wandernden. Also auch die Teilnehmer der anderen Agenturen. Auch künftig werden wir uns die Camps mit den natürlich deutlich uncooleren aber zu tolerierenden anderen Kids teilen müssen.

Die Truppe

Abends bei und nach dem Abendessen noch ein wenig Smalltalk bei dem man seine Mitstreiter besser kennen lernt. Ich stelle die üblichen Fragen um meine Kameraden (m/w) besser kennen zu lernen. Wo kommt ihr her? Wo reist ihr als nächstes hin? Wusstet ihr, dass es sich schwule Delphine in ihr Blasloch besorgen? Dies das.

In meinem Fall setzt sich die Gang zusammen aus sechs Spanierinnen, einem Schweizer Pärchen aus Schaffhausen, einem Deutsch-Luxemburgischen Pärchen sowie einem deutschen Schwesternpaar. Ich habe in Hostels und bei Touren festgestellt, dass ich mich, obwohl ich die Sprache der Jugend fließend spreche, umgeben von Mitgliedern der Jahrgänge 20XX in Unterhaltungen nicht mehr ganz so wohl fühle. Mit der Wahl meines Touranbieters habe ich diesbezüglich Glück. Nahezu alle sind wir schon im gesetzten Alter und ich genieße die witzigen, manchmal tiefsinnigen, manchmal flachen, aber dann wenigstens immer mit feiner Humorfeder verfassten und sich nicht ausschließlich um die Messages in Capital Bra’s Lieder drehenden Gespräche. Dicke Props raus an die Truppe. Galácticos, ihr wart fantastisch.

Nach der körperlichen Anstrengung und der um spätestens halb sieben eingetretenen vollkommenen Dunkelheit, fällt es trotz der netten Unterhaltungen nicht sonderlich schwer um 21 Uhr den Gang ins Land der Träume anzutreten.

Tag 2

Marsch 2

Nach einer verhältnismäßig langen, aber immer wieder unterbrochenen und von ständigen Frosch- und Krötengeräuschen begleiteten Nacht, werden wir wie am Abend vorher angekündigt, um fünf Uhr geweckt. Frühstück gibt es um halb sechs. Abmarsch ist um sechs. Dieser zweite Tag soll der Anstrengendste sein wurde uns mitgeteilt. Und tatsächlich hat er es in sich. Ein Teilstück von geschätzt drei Kilometern zum Start, bergauf bei Hitze und Luftfeuchtigkeit, lässt keinen ohne zu keuchen zurück. Bei einem Halt in Camp 2, in dem wir die dritte Nacht auf dem Rückweg verbringen werden, bietet sich wieder die Chance zur Abkühlung.

Koka für die Welt

Zum Glück zieht Sergio dann irgendwann ein Tütchen getrockneter Koka-Blätter hervor und verwandelt damit meine noch etwas müden Augen in kleine Herzchen. Ich lege meine Hände ineinander und halte sie Sergio vor die kaffeebraunen Augen. Er legt mir eine gute Portion Blätter in die Hand, während er erklärt wie die Blätter zu „verwenden“ sind. Alles auf einmal in den Mund. Zwei Bälle daraus formen, in je einer Backe parken und dort liegen lassen. Wie lange die Koka-Blätter in der Backe verweilen sollen, will ich wissen. Until you think it’s enough ist die irgendwie doch wenig aufschlussreiche Antwort. Ich mache wie geheißen und recht schnell werden sowohl meine Backen, als auch die Zunge und im weiteren Verlauf auch der Rest meines Mundes ein wenig taub. Den erhofften Leistungsschub spüre ich leider nicht. Ich bin aber nicht lange enttäuscht.

Blauer Himmel und die Kogi

Denn auch ohne Doping, arbeiten wir uns immer weiter in den Dschungel vor. Bei herrlichem Wetter.

Wir passieren ein Dorf der Kogi, Nachfahren der Tayrona, die noch immer einige der Traditionen der Tayrona aufrecht erhalten. Wahllos aneinandergereihte Fakten zu den Kogi in 3, 2, 1…

Die Kogi sind hier die Babos. Ihre Anführer, die Mamos (kein Scheiß) lassen Touristen die Tour zu ihrer heiligen Stätte, der Ciudad Perdida machen. Im Gegenzug profitieren die Kogi von einem Anteil an den Tourgebühren und versorgen die Camps am Weg mit Grundnahrungsmitteln. Sie genießen hier in der Sierra Nevada de Santa Marta das Sonderrecht legal Koka anpflanzen zu dürfen, da es sich dabei für sie um eine heilige Pflanze handelt. Verwendet werden auch nur die Blätter, mehr oder weniger wie zuvor beschrieben. Übrigens nur von den Kogi-Männern. Die Herstellung von Kokain ist für sie eine (O-Ton) „Vergewaltigung von Mutter Natur“. Die Kogi leben in runden Häusern, getrennt nach Geschlecht. Viele im Dschungel verteilte kleine Kogi-Siedlungen tauschen untereinander Lebensmittel und Baustoffe, so dass alle haben was sie brauchen. Ein System, das sich über mehrere hundert Jahre eingespielt hat.

Camp 3

Kurz vor dem Camp, beginnt es pünktlich zur Flussüberquerung zu regnen. Nach mehr als 20 Kilometern kommen wir also von Schweiß und Regen klatschnass in Camp 3 an, wo wir die zweite Nacht verbringen. Da es nur 80 Betten für über 100 Wandernde gibt, sammle ich Karma-Punkte auf meine imaginäre Karma-Payback-Karte und melde mich freiwillig zur Übernachtung in einer der Hängematten. Ein Comandante muss eben auch wissen, wann er Opfer für die Truppe zu bringen hat. Comandante-Handbuch, Kapitel 3, Seite 34. Nachdem ich als einziger Besitzer eines Taschenmessers noch Teile der Truppe mit einem Wanderstock ausgestattet habe, wird noch die klatschnasse Kleidung aufgehängt, zu Abend gegessen und früh ins Bett gegangen. Dieser heutige Tag hatte uns schließlich bis auf eine Stunde an die verlorene Stadt gebracht und morgen sollte es früh raus gehen um die letzten Meter zu machen.

Tag 3

Das große Finale

Der Tag beginnt um fünf Uhr mit der Feststellung, dass die abends aufgehängte Kleidung noch immer klatschnass, eher noch nasser, ist. Selbiges gilt für die Schuhe. Nasse Kleidung ab in eine Plastiktüte und rein in den Rucksack. Was solls. Ich rieche sowieso überall nur noch Mulischeiße. Was macht da schon Gammelgeruch im Rucksack aus…

Die verlorene Stadt

Es geht zunächst noch ein paar hundert Meter durch den Busch, ehe uns noch angebliche 1.200 Stufen von der verlorenen Stadt trennen. Diese einmal überwunden, ist es vollbracht. Satte dreieinhalb Stunden erklärt uns Comandante William hier nun Bräuche der Tayrona, die Geschichte der Stadt, sowie deren Entdeckung. Und ich hänge an seinen Lippen.

Eine Landkarte der Tayrona, geritzt in Stein

Entdeckt wurde die Stadt 1975 von Grabräubern, die die, vorher erwähnten, Stufen gefunden hatten und ihnen bis zur, damals noch komplett überwachsenen, Stadt gefolgt waren. Was muss das für ein Moment gewesen sein. Für die Guaqueros (Grabräuber) war die Stadt deshalb interessant, da die Tayrona den Verstorbenen stets große Mengen Gold und andere wertvolle Materialien mit in ihr Grab gaben. Drei Jahre lang plünderten sie also die Gräber der Tayrona, ehe der Anführer der Guaqueros die Entdeckung der Stadt wegen Streitigkeiten untereinander und eines Mordes, der Regierung meldete. Nur um danach als erster Touristenführer Touristen zur Stadt zu führen.

Teyona, die verlorene Stadt, war Wohnraum und gleichzeitig Lager- und Zeremonienort der Tayrona, die die Stadt um das Jahr 500 errichtet hatten. Um 1525 herum wehrten sie sich zunächst erfolgreich gegen die Angriffe der Spanier, um dann doch von den, von den Europäern eingeschleppten, Krankheiten dahingerafft zu werden. Als nur noch knapp 10% der ursprünglichen Bevölkerung am Leben waren, verließen sie nach knapp 1.000 Jahren die Stadt und zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen um die Natur über 400 Jahre lang die Stadt überwuchern zu lassen. Die nachfolgenden Bilder sind vor dem Lager- und Zeremonien Teil der Stadt entstanden.

Game recognizes game. Comandantes unter sich.

Mulischeiße. Immer wieder Mulischeiße.

Leicht geflasht vom Eindruck der Stadt geht es an den Rückweg. Und auf dem erwischt uns nach dem Mittagessen ein Regen, der dafür sorgt, dass die gesammelte Mulischeiße der letzten Tage in Lösung geht. Plötzlich kann man die Scheiße nicht nur sehen und riechen, sondern auch spüren wie sie unter der Fußsohle durchrinnt. Könnte man Scheiße hören, es wäre ein Erlebnis für alle Sinne geworden.

Camp 2

Trotzdem kommen wir irgendwann völlig durchnässt in unserem letzten Camp an. Inzwischen alles Routine: Nasse Kleidung unnötigerweise aufhängen, duschen, trockene Kleidung anziehen, Abendessen, Belohnungsbier, tolle Gespräche haben, Bett.

Tag 4

Marsch 4

Am nächsten Morgen werden die, wieder absolut nicht getrockneten, Klamotten im bereits widerlich stinkenden Rucksack verräumt. Überhaupt stinkt hier inzwischen wirklich alles und jeder. Alles ist seit zwei Tagen klamm und fristet ebenso lange sein Dasein in Plastiktüten. Und deshalb ist es gut, dass es an Tag vier auch wieder zurück geht.

Die letzten Kilometer schüttle ich mir locker aus dem eklig stinkenden Ärmel. Lediglich als wir dann um circa 12 wieder Mittagessen im Restaurant bekommen, in dem wir bereits an Tag 1 vor dem Start gegessen hatten, merke ich, dass der, durch die ganze nasse Kleidung, doch recht schwere Rucksack einen bleibenden und schmerzhaften Eindruck auf dem linken Schulterblatt hinterlassen hat. Das ist aber alles und so schmeckt vier Tage, knapp 60 Kilometer und vier durchgeschwitzte Hemden später das Belohnungsbier, getrunken mit der rechten Patsche, ganz besonders gut.

Und immer wieder Santa Marta

Ein paar Stunden später zurück in Santa Marta, suche ich mir als Belohnung ein schönes Hotel, gebe meine nach Mulischeiße und Gammel riechende Wäsche mit einer aufrichtig gemeinten Entschuldigung in der Wäscherei ab, gönne mir zwei Long Island Ice Teas, die einem ob des Alkoholgehalts die Falten aus dem Sack ziehen und treffe mich nochmal mit Gabriela.

Vier ereignisreiche Tage gehen zu Ende und ich ahne noch nichts von der mit Bertl zusammenhängenden bürokratischen Mulischeiße, die, vom Monsun aufgelöst, per Springflut auf mich zukommt.

Mehr dazu dann in Kürze.

Hochachtungsvoll, Euer/Ihr Kommandant Große Peitsche ✌🏼

1 Antwort zu “Tage 14, 15, 16 und 17: Schwule Delphine, Mulischeiße und Kommandant Große Peitsche in der verlorenen Stadt”

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