Tage 18, 19 und 20: Alles scheiße

Seit der Rückkehr aus der verlorenen Stadt sind schon wieder drei Tage vergangen. Zurück aus dem Busch, wollte ich ja eigentlich gemütlich die weißen Stelzen hochlegen. Warum daraus dann irgendwie doch nichts wurde, lest ihr hier:

Die Ruhe vor dem Sturm

Als ich an diesem ersten Morgen aufwache, habe ich nicht viel geschlafen. Die zwei Long Island Ice Teas und die vier Bier danach haben nach den Anstrengungen der letzten Tage Spuren hinterlassen. Mir brummt der Schädel etwas. Dazu rattert die Klimaanlage auf Volllast und bringt meinen klapprig schwachen Körper nahe an den Erfriertod. Neben mir liegt Gabriela und erzählt mir, wie heiß ihr ist. Alter. Hier prallen echt Welten aufeinander.

Wir genehmigen uns, zumindest in meinem Fall, Katerfrühstück und beim kurzen Blick in mein Postfach für elektronische Post, finde ich eine E-Mail, die mir vor Schreck die Farbe aus dem Gesicht lassen würde, wäre das nicht sowieso noch immer weißer als der Stubentiger aus der Alpina Weiß Werbung.

Es gibt Probleme mit Bertl

Mein Spediteur in Deutschland, der mit dem Transport von Bertl beauftragt ist, informiert mich darin an diesem Mittwochmorgen (in Deutschland bereits 16 Uhr) über ein „kleines Problem„. Original Wortlaut.

Die kolumbianischen Behörden ließen keine Privatpersonen als Empfänger der Ware in den offiziellen Frachtpapieren zu, führt er weiter aus. Ich benötige einen Agenten oder einen Spediteur vor Ort, also eine juristische und keine natürliche Person als Empfänger der Ware. Eine solche müsse ich bis Freitag, Ende des Arbeitstages, also bei mir Freitagmorgen, ca. 09:00 Uhr auftreiben. Darüber, dass Bertl außerdem noch nicht wie geplant seit fünf Tagen auf dem Schiff ist, informiert er mich erst auf Rückfrage. Das wirft meine bisherige Planung wieder komplett über den Haufen. Ich hatte fest mit dem 13. August als Ankunftsdatum von Bertl geplant und bereits ein nicht stornierbares Hostel in Cartagena gebucht, an das auch die original Frachtpapiere per Kurier gesendet werden sollen, die ich brauche um Bertl zu befreien. Neues Ankunftsdatum ist jetzt der 20. August. Um diese Zeit bin ich aber bereits fest für einen eineinhalbwöchigen Trip mit einer kolumbianischen Freundin verabredet, die ich letztes Jahr in Nicaragua kennengelernt habe und die sich dafür extra frei genommen hat. Das kann und werde ich nicht absagen. Dazu muss ich mir dann wohl später was überlegen. Erst muss ich das „kleine Problem“ beseitigen und einen Agenten finden. Easy Bruder.

Simón Bolívar schlägt wieder zu

Wie Arsch auf Eimer passt dazu die Tatsache, dass dieser heutige Mittwoch ein bundesweiter Feiertag in Kolumbien ist, an dem ich also alles, aber keinen Agenten finden werde. Schuld ist der von mir eigentlich hochgeschätzte Simón Bolívar, der mir aus seinem venezolanischen Grab einen dicken Strich durch die Rechnung macht. Gefeiert wird sein Sieg in der Schlacht von Boyacá. Was ein Bitchmove, Habibi. Möge dich der Blitz beim postumen Scheißen treffen.

Unterm Strich heißt das mir bleibt nur der morgige Donnerstag um den Agenten aufzutreiben. Das heißt aber auch, ich kann wieder eine meiner im Studium erlernten Fähigkeiten anwenden, und das Problem einfach noch einen Tag aufschieben.

Es darf prokrastiniert werden

Und genau das mache ich. Ich verbringe den Tag wieder weitestgehend mit Gabriela. Wir gehen nach dem Frühstück zwar für den Mittag, den ich unter anderem für meinen Artikel über die verlorene Stadt nutze, getrennte Wege, treffen uns aber abends wieder. Mit einer Freundin von ihr suchen wir zwei Bars auf, spielen Karten und Jenga, trinken Cuba Libre und Bier und ich genieße wieder die Unterhaltungen in der ich von den beiden unter anderem einige Ausdrücke kolumbianischer Umgangssprache lerne. Die kommen mir sicher noch irgendwann ganz gelegen.

An die Arbeit

Am nächsten Morgen verabschiedet sich Gabriela. Irgendjemand muss die kolumbianische Volkswirtschaft ja am Leben halten. Und in gewissem Sinne muss ich heute ja auch arbeiten. Ich mache mich nämlich an die Suche nach Agenten. Ich sende unzählige Emails, führe Telefonate, sende WhatsApp-Nachrichten bis mir der, für diese Welt eigentlich zu hübsche, Kopf qualmt. Von allen Agenten und Spediteuren erhalte ich dieselbe Rückmeldung: Die Info meines Spediteurs in Deutschland ist nicht korrekt. Für die Verschiffung von Fahrzeugen mit internationalen Kennzeichen gelten besondere Regeln, die meinem Spediteur in Deutschland offenbar nicht bekannt sind. In die offiziellen Papiere muss mein Name und kein anderer. Falls doch ein anderer drinsteht, wird es mich etwa 1.500 USD und eine Menge Zeit kosten, Bertl zu befreien, wenn es überhaupt klappt. Nicht mal das ist sicher. Mein einziger Strohhalm ist ein Agent namens José, Experte für Fälle wie diesen, der mir anbietet Papiere vorheriger Kunden, sozusagen als Muster, zuzusenden. Seiner Ansicht nach sollte der deutsche Spediteur dann die Papiere analog auf mich ausstellen können.

Und so stehe ich am Ende des Tages da und kann meinem deutschen Spediteur bis zur Deadline lediglich die Info präsentieren, dass er falsch liegt und ihm anbieten ihm José’s Papiere als Muster weiterzuleiten sobald ich selber sie habe. Was ein Erfolg, Alter. Fuck. Ich sitze voll zwischen den Stühlen. Hier die deutsche Firma, die mir Version A präsentiert. Hier die Kolumbianer, die mir Version B als richtig verkaufen. Und dazwischen ich, der keinen Plan von der ganzen scheiß Materie hat und wegen der Zeitverschiebung auch nichts mehr unternehmen kann.

Das Damoklesschwert dieser möglicherweise zu zahlenden Unsumme von USD 1.500,- über mir schwebend, lässt mich zunächst tatsächlich etwas entmutigt und verzweifelt zurück. Ich brauche etwas um mich selber wieder einzunorden und mir klar zu machen, dass ich schon schlimmere Situationen gemeistert habe und sich auch hier eine Lösung ergeben wird. Egal wie, irgendwie muss mein Name in diese Frachtpapiere. Ich bin dann doch irgendwie selbst überrascht wie locker ich die Situation nehme und schlafe ein, als hätte ich nichts worüber ich mir Sorgen machen muss.

Ein Hoffnungsschimmer und ein Abschied

Und tatsächlich erwartet mich am nächsten Morgen eine Nachricht, die zumindest etwas Hoffnung bringt, wenn auch noch keine Entwarnung. Bis nächsten Montag können die Papiere noch kostenfrei geändert werden, lässt mich die Spedition in Deutschland wissen. Im besten Fall nach José’s Musterdokumenten (die ich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels aber noch immer nicht habe) mit meinem Namen als Empfänger drin.

Ich sende noch einige Mails (deutsche Spedition) und WhatsApp-Nachrichten (José) raus, ehe dann in Deutschland sowieso Wochenende ist und ich nichts weiter mehr tun kann und treffe mich mittags nochmal mit Gabriela auf zwei Kaffee. Nachmittags trennen sich unsere Wege dann zum letzten Mal. Ich habe die Zeit mit ihr sehr genossen und so fällt der Abschied natürlich etwas schwer.

Alles scheiße

Trotzdem werde ich Santa Marta nun morgen nach fast drei Wochen ständigen Rückkehrens endgültig verlassen. Wohin ist noch unklar. Einen Grund nach Cartagena zu reisen gibt es vorerst ja aufgrund der Causa Bertl nun nicht. Ich werde wohl langsam per Bus in Richtung Südosten von Kolumbien weiterreisen, wo ich mich in zehn Tagen mit der oben schon einmal erwähnten Freundin treffen werde. Da wir beide dann bis zum 27. August gemeinsam reisen werden, beginnt mein eigentlicher Trip auf zwei Rädern auch frühestens danach. Also weitere zwei Wochen später als zuletzt geplant. Dies bedeutet außerdem noch Einlagerungskosten für sieben Tage im Hafen von Cartagena für die Zeit zwischen Ankunft von Bertl und der (hoffentlich) erfolgreichen Befreiungsaktion durch José und mich. Wie hoch diese ausfallen, weiß ich aktuell ebenfalls noch nicht.

Außerdem bezweifle ich, dass ich die nächsten drei Tage wirklich genießen werde können, ehe ich zum einen nicht die kriegsentscheidenden Dokumente von José erhalten habe und zum anderen ja noch nicht einmal weiß ob auf deren Basis meine Papiere überhaupt geändert werden können. Bei allem betriebenen Einreden, dass schon alles klappen wird, bekomme ich den zermürbenden Gedanken, dass es das eben auch nicht könnte, halt irgendwie doch auch nicht aus dem Kopf.

Und so liebe Leser, habe ich nach drei Wochen toller Erfahrungen aller Art, bei allem Scherz gerade die erste schwierige Phase zu durchschreiten. Ich werde versuchen meine imaginäre Krone zurechtzurücken und auch weiterhin eine hübsche Prinzessin zu sein. Trotzdem gilt aktuell: Alles scheiße.

2 Antworten zu “Tage 18, 19 und 20: Alles scheiße”

  1. Servus du Gauco (wieder mal keine Ahnung wie man das richtig schreibt, aber egal) das mit der Bertel ist echt hart.
    Wie so oft, möchte man nur mit Profis zusammenarbeiten, die es leider nur sehr selten gibt.
    Einen Tipp von einem Semiprofi:
    Sind das Maulesel oder Maultiere die sich seit Jahrtausenden als verlässliches Transportmittel bewiesen haben.
    In diesem Sinne Krone geraderücken und zum Maultierhändler deines Vertrauen gehen.
    Gehen, welcher Wortwitz.

    Sorry

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