Tage 21, 22 und 23: Gen Süden mit dem Manchester-United-Jungfrau-Maria-Jesus-Bus

Verehrte Leserschaft, ich erlebe eine emotionale Achterbahn. Läse Ed Sheeran den Bums hier, was – machen wir uns ehrlich – nur eine Frage der Zeit ist, er würde glatt ein Lied daraus zusammenstümpern. Ich bin in Bucamaranga angekommen und alles wäre gut, wäre nicht alles scheiße und dann doch irgendwie wieder gut. In scheiße. Aber chronologisch.

Ciao zamme Santa Marta

Mein aufgrund der Bertl-Probleme geänderter Plan sieht vor, dass ich mich in Richtung Süden aufmache. Also steige ich heute Morgen um 09:30 Uhr in einen Bus nach Bucaramanga und verlasse Santa Marta zum letzten Mal. Irgendwie wars dann doch ganz geil hier die letzten drei Wochen und ich bin ein bisschen melancholisch, als der Busfahrer den Schlitten über die Stadtgrenzen steuert. Aber so ist es nun mal.

Der Manchester-United-Jungfrau-Maria-Jesus-Bus

Die nächsten mindestens zehn Stunden verbringe ich also in diesem Bus. Dafür bezahle ich stolze 60.000 Peseten (etwa 16 Euro), nicht funktionierendes WLAN ebenso inklusive, wie die nicht funktionierende Glotze im Mittelgang, die einmal eine komplette Stunde lang nach jeweils sechs Minuten (also zehn Mal) abbricht und jedes Mal wieder zum Anfang der unfassbar schlechten Westernkomödie „The Ridiculous 6“ von und mit Adam Sandler springt. „Was hat Hollywood mit dir gemacht, Happy Gilmore, du warst mal street“ möchte ich ihm jedes mal zurufen.

Abgesehen von Adam Sandler’s Verfehlungen ist das hier aber Luxus, verglichen mit anderen Bussen in Lateinamerika, in denen ich schon saß. Viel Beinfreiheit, gemütliche Sitze und sogar ein Scheißhaus gehören zu den Annehmlichkeiten. Dazu etwas was ich an lateinamerikanischen Bussen liebe. Die Busse sind die Babys der Fahrer. Und daher dürfen sie die Busse hier nach ihrem Gusto gestalten. Und meistens gefallen ihnen genau zwei Sachen. Fußball und Gott. In dieser Reihenfolge.

Prinzipiell bedeutet das hier, dass alles am und im Bus mit dem Wappen und Fanartikeln, entweder des FC Barcelona, oder zum Glück noch öfter, mit welchen von Real Madrid zugepflastert ist. Dazu ein eingängiger Slogan am oberen Ende der Frontscheibe wie beispielsweise „Gott ist der Weg“ und fertig ist das Südamerikanischer-Linienbus-Starterkit. Heute sitze ich zum ersten Mal in einem Manchester United / Jungfrau Maria Fanbus.

Und so genießt auf der Fahrerseite neben der Mutter des Messias, Wayne „Wazza“ Rooney das Bad in der Menge der United-Fans. Jener Rooney, der sich in seiner Karriere zwei Mal dadurch hervorgetan hat, sich mit einer Prostituierten zu vergnügen, während seine Frau schwanger war. Zusammen mit der Jungfrau Maria also von der moralischen Warte aus, auf den ersten Blick eine gewagte Kombination. Bedenkt man aber, dass auch sie das Kind eines anderen und nicht ihres eigenen Mannes zur Welt gebracht hat, sollte das dann doch passen. Hoffen wir nur, dass Wazza seine Finger bei sich behält, wenn der nächste Messias nicht ein prügelnder Rotschopf werden soll.

Extrapunkte an der Stelle für den-/diejenige(n), der/die mir sagen kann, aus welchem Spiel dieser legendäre Torjubel von Rooney (violett umkreist) stammt.

Die Decke des Busses teilt sich übrigens noch Jesus mit einem Schild der, auch „Red Devils“ genannten, Truppe aus Manchester.

Die Fahrt verläuft, wiederum völlig konträr meiner bisherigen Erlebnisse erst mal enttäuschend ereignislos. Bei jedem Stopp gönne ich mir eine Empanada gegen den kleinen Hunger. Eine meistens mit Schwein, Rind oder Hühnchen gefüllte Teigtasche. Das hier ist eine „Vaddern ich hab en totes Agouti am Straßenrand gefunden. Ja bring her mein Junge, ich mach Empanada draus.“-Empanada.

Zumindest ist sie geschmacklich keiner der oben genannten drei Typen zuzuordnen.

Bucaramanga Bruder

Die letzten zwei Stunden werden dann doch nochmal spannend. Der Busfahrer überholt bei gefühlten drei Metern Gerade alles was nicht schnell genug unterwegs ist. Auf der kurvigsten Strecke aller Zeiten. Mehrmals muss er voll in die Eisen steigen und wieder einscheren weil der nervige Gegenverkehr sein Recht auf die Nutzung der Straße geltend macht. Zunächst überholen wir also gefühlte 783 LKW, andere Busse, Pferdekutschen und den USS Abraham Lincoln Flugzeugträger, ehe der Kutscher beschließt mit Warnblinker rechts ran zu fahren und alle wieder passieren zu lassen, weil er aufs Scheißhaus muss. Mit entspanntem Gesicht und hoffentlich noch entspannterem Schließmuskel, drückt er wenig später wieder das Gaspedal gen Süden und wir passieren den Konvoi ein zweites Mal. Als diese Raserei ausgestanden ist und ich mich sicher wähne, folgt der zweite Warnblinkerstopp weil er nen Sack Limetten kaufen muss. Kannst du dir nicht ausdenken. Inzwischen ist es nach 19 Uhr und draußen schon wieder stockdunkel. Limetten, Alter? Jetzt? Ernsthaft? Wie ein begossener Pudel blicke ich aus dem Fenster als der Tross uns ein weiteres Mal passiert. Immerhin hat der Kutscher heute Abend ne Limette im Cuba Libre. Sei ihm gegönnt. Die letzte Stunde bleiben wir dann hinter der Karawane und erreichen sicher Bucaramanga. Dort nehme ich ein Taxi, lasse mich ins Hotel fahren, gehe noch kurz was essen und falle erschöpft ins Bett, ohne zu wissen warum eigentlich. Mentale Erschöpfung vermute ich.

Der emotionale Tritt in die Klöten

Als ich spät abends nochmal auf mein Handy blicke, fühle ich mich schlagartig als hätte mich eben der rasende Jungfrau United Bus auf die Hörner genommen. Als er gerade dabei war mit 387 km/h einen startenden Düsenjet zu überholen. Es ist José, der mich mit der Nachricht überrascht, dass er mir nicht wird helfen können. Heute nicht mehr, denke ich und schlafe den Schlaf der Gerechten.

#freebertl

Als ich aufwache, stehe ich Bertl-technisch also wieder am Anfang. Ich verbringe nahezu den ganzen Tag damit etwas durch Bucamaranga zu laufen und dabei zu telefonieren, zu schreiben und zu fluchen. José kann mir zwar nicht direkt helfen, hat sich aber bereit erklärt mir zumindest beratend zur Seite zu stehen. Ein Glücksfall. Wie José mir mitteilt, hat meine Spedition in Deutschland einen Fehler begangen bei der Auswahl der Schifffahrtsgesellschaft. Diese wickelt nur permanente und keine temporären Einfuhren ab. Die Spedition sagt wiederum: „Maersk ist lediglich ein Schiffseigner/Reeder und hat mit zolltechnischen Prozessen nichts zu tun. Einfuhren finden nicht über Reedereien statt, sondern über Speditionen.

Macht auch wieder Sinn. Ist mir aber völlig Latte. Sei es wie es will. Mit jedem anderen Reeder hätte ich die Zollabwicklung selbst machen können und nur die Hafengebühren (etwa USD 200,-) zu bezahlen gehabt. So stehen noch immer zusätzliche USD 1.300,- für die Änderung der Frachtpapiere im Raum. 400 Dollar für eine Zollagentur und 900 Dollar für einen ominösen Agenten, dessen Beauftragung eigentlich die Aufgabe meines Spediteurs ist. Auf meine Kosten, aus meiner Sicht aber aufgrund des Fehlers eines andern. Da bleibt es schon schwer ruhig zu bleiben.

Spraydosenkunst – die Stimme des Volkes

In Bucaramanga entdecke ich so vor mich hinfluchend wieder eine dieser Straßenschmierereien, die mir so gefallen. Oftmals entdeckt man darin Politik- und/oder Gesellschaftskritik. Mal geht es um den Präsidenten, mal um das Militär, mal um das Wohl der Frauen. Und manchmal wie hier um die Gesundheit. Aus der ursprünglich an die Krankenhauswand gesprühten Botschaft „Soziales Unternehmen des Staates“ wird „Soziales Recht des Volkes„.

Hintergrund ist, dass in Kolumbien private Unternehmen diktieren wo es lang geht in der Gesundheitspolitik. Gesundheit, oder die Behandlung bei Krankheit ist hier kein Recht, sondern ein Geschäft. Wer arm ist, hat keinen Zugang zu angemessenen Behandlungen oder Medikamenten und stirbt im schlechtesten Fall aufgrund der Gier einiger weniger. Solche Missstände hinterfrage ich persönlich eben immer dann speziell, wenn ich eine solche Botschaft in der Straße sehe. Daher sind diese für mich immer eine Art Zugang zur Gesellschaft.

Plato del día

Themawechsel, bevor ich zu sauer werde. Ich esse zwar jeden Tag etwas, aber ich spreche viel zu selten darüber. Und da ich an diesem Tag sonst nix spannendes mehr erlebe, hier mal ein typischer Plato del día, also so eine Art Mittagsteller hier in Kolumbien: Hähnchenbrustfilet mit Fritten, Reis, Kochbananen und Salat sowie Suppe zur Vorspeise und Getränk. 8.000 Pesos, etwa EUR 2,10. Und schmecken tuts auch noch.

Es wird sich früh gebettet

Etwas enttäuscht, wieder für die Bertl-Problematik einen ganzen Tag verloren zu haben, im eigentlich an Sehenswürdigkeiten vollen Departamento Santander, gehe ich um 20:00 Uhr ins Bett. Das meiste ist nun zwar erst mal in die Wege geleitet. Der Wecker steht trotzdem auf 03:00 Uhr um auf die Email meiner Spedition in Deutschland mit neuen Infos reagieren zu können. Dort ist es dann schließlich schon 10:00 Uhr und wenn ich bei mir wie normal erst um acht aus der Koje kriechen würde, hätte der frühe Wurm längst gevögelt und in Deutschland wäre es schon 15:00 Uhr und zu spät irgendetwas zu unternehmen.

Mesa de los Santos

Früh aufgewacht, steht in den Mails nicht viel Neues. Aber eine ganz entscheidende Info. Der 900 USD teure Agent wird wohl von meiner deutschen Spedition beauftragt. Mit diesen Infos, die den Schaden auf immer noch unnötige aber deutlich verkraftbarere 400 USD beschränken würden, wende ich mich per WhatsApp Nachricht nun an Luis, den mir José empfohlen hat. Dieser sei für diese Art von Arbeit besser geeignet meint José. Mir solls recht sein. Durch das gezwungenermaßen frühe Aufstehen, gelingt mir außerdem ein Frühstart zu meinem eigentlich anvisierten Ziel. An diesem Tag möchte ich nämlich Mesa de los Santos, den Tisch der Heiligen, besuchen. Den Namen hatte mir Sergio, der Tourguide von der Mulischeiße-Wattwanderung genannt. Darüber informiert, was das eigentlich ist, habe ich mich nicht. Ich ging davon aus, es handelt sich um ein kleines Örtchen, einen Pueblo. Eine Fehlannahme, wie sich zeigen sollte.

Auf dem Weg dorthin habe ich aber zuvor noch eine Mission. Ich muss für die Freundin, die ich nächste Woche besuche, noch bei einer ihrer Freundinnen hier in Bucaramanga einige Sachen abholen. Die Wohnung der Freundin liegt beim Blick auf die Karte mehr oder weniger am Weg denke ich. Eine Fehlannahme, wie sich zeigen sollte.

Der Bus nimmt eine andere Route und so muss ich irgendwann den Bus verlassen. Ein Blick auf die Karte zeigt, ich bin 5 km entfernt. Was ein Fehlschlag. Ich nehme ein Mototaxi und lasse mich zur Abholadresse und wieder zurück bringen. Ein echter Glücksfall. Ángel, der Mototaxifahrer, 25 Jahre alt, kommt aus Mesa de los Santos, erzählt mir während der Fahrt viel darüber und hilft mir dann auch noch mein Busticket zu kaufen. Auch wenn ich von der Unterhaltung nur circa 10% verstanden habe, zeige ich mich troztdem erkenntlich und gebe ihm bei Fahrtkosten von 8.000 Peseten ein Trinkgeld von 2.000 Peseten. Ángel ist darüber so überrascht, erstaunt und erfreut, dass er mir erst zwei seiner Freunde vorstellt und mir anschließend vom Trinkgeld einen Kaffee und ein Salpicon genanntes Getränk ausgibt. Salpicon ist eine Art alkoholfreie Bowle (glaube ich) mit Ananas, Wassermelone, Banane und Papaya, die ich ohne Ángel nie probiert hätte. Bei Salpicon fachsimpeln Angel, Héctor (einer der Freunde) und ich also über die Bevölkerung, Bevölkerungsdichte und Größe unserer Heimatländer bis dreißig Minuten später mein Bus abfährt. Nette Begegnung.

Der Cañón del Chicamocha

Wie sich zeigt, als ich erst mal da bin, handelt es sich bei Mesa de los Santos um eine riesige Hochebene, circa 1.800 Meter über NN und ich habe keinen Plan was ich wo machen soll. Der Busfahrer erleichtert mir zum Glück die Entscheidung, als er mich einfach an einem x-beliebigen Punkt aus dem Bus komplimentiert: Teleférico. Caminar. Cinco minutos. Fünf Minuten laufen bis zu einer Seilbahn? Alles klar. Der Blick auf die Karte entlarvt dann, dass ich doch noch ganze 3 km entfernt bin. Der Bus fährt davon ungestört ohne mich in genau die gleiche Richtung, also Richtung Teleférico, weiter. Wieso ich den Bus verlassen musste? Es soll wohl eines der vielen Rätsel dieses Trips bleiben.

Auf meinen drei Kilometern Richtung Seilbahn, komme ich dann plötzlich an einem Aussichtspunkt auf den Cañón del Chicamocha vorbei.

Und die Stille in dem Video trügt nicht. Ich bin hier oben tatsächlich komplett allein. Und ich kapiere plötzlich, dass die erwähnte Seilbahn hier später durch den Canyon führen soll. Nicht übel. Ich beschleunige meinen Schritt und male mir die Fahrt durch den Canyon aus, nur um dann ernüchtert vor einem komplett ausgestorbenen Freizeitpark wieder klar zu werden, von dem die Seilbahn ein Teil gewesen wäre. Wegen Wartungsarbeiten vorübergehend geschlossen. Geil Bruder, läuft wie geschnitten Brot.

Salto del Duende

Ich beschließe nun doch einmal eine kurze Internetrecherche zu machen und finde heraus, dass es hier noch atemberaubende Wasserfälle geben soll. Der beste und auch nächste davon liegt allerdings 13 km weit entfernt. Von dort zur Bushaltestelle nochmal 5 km. Ich bin dafür eigentlich heute nicht ausgerüstet. Aber was solls. Wo ich schon mal da bin. Ich beginne die 13 km runterzuspulen mit dem einzigen Antrieb diesen Wasserfall zu sehen. Du bist besser geil, gedankenübertrage ich Uri-Geller-Style unterwegs schon mal an den Wasserfall und verbiegen damit vermutlich ein paar Suppenlöffel der am Weg liegenden Schweinefarm.

Angekommen am Aussichtspunkt zum Wasserfall kann ich dann mein Pech kaum fassen. Es hat in der Regenzeit so wenig geregnet, dass der Fluss komplett trocken ist. Nicht ein Tropfen. Wo mal ein Wasserfall war, ist nun nichts weiter als trockener Stein. Immerhin mit einem weiteren Ausblick auf den Canyon werde ich belohnt.

Ich mache mich also auf den Weg Richtung Bushaltestelle und werde eigentlich folgerichtig an so einem Tag auf dem Weg dorthin auch noch von einem Regenguss überrascht. Nach 21 gelaufenen Kilometern ohne wirkliche Highlights und nass geregnet, eigentlich zu schlechter Laune verdonnert, sitze ich trotzdem mit einem Grinsen im Bus.

Den positiven Entwicklungen in Bezug auf Bertl sei dank.

5 Antworten zu “Tage 21, 22 und 23: Gen Süden mit dem Manchester-United-Jungfrau-Maria-Jesus-Bus”

  1. Das dürfte der Torjubel nach seinem schönsten Tor für ManUnited gewesen sein.
    Im Derby gegen ManCity haut „Wazza“ am 12.Februar 2011 einen Fallrückzieher in der 78. Spielminute zum 2:1 Siegtreffer in den Giebel.

    [youtube=https://www.youtube.com/watch?v=Z8HyNk4OERs&w=640&h=360]

    1. Sehr geteerter Herr Mond, Gratulation nicht nur zur korrekten, sondern auch zur ersten Antwort auf die Quizfrage. Mit derlei vielen Details hätte ich zudem nicht gerechnet.

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