Tage 24 und 25: Nobby Potter und die Baumwollsocke der Weisen

Wazza-Quiz

Zuallererst Glückwunsch an die Kommentatoren Winni Mond, sowie El Capitán. Der Hauptpreis für eure korrekte Antwort wäre ein Blockflötenkursus der Stufe „Fortgeschritten“ bei Onkel Norbert gewesen. Hättet ihr denn mit Klarnamen kommentiert. Schade drum. Vielleicht nächstes Mal.

WhatsApp

Zuallerzweit massives Danke an inzwischen über 100 WhatsApp-Beitragsabonnenten und die bislang ausschließlich positiven Rückmeldungen. Ich bin jedes Mal den Tränen nahe, wenn mich wieder eine der persönlichen Nachrichten erreicht, die mir zeigt, dass ich den ganzen Stiefel hier nicht nur für mich selbst mache.

Negative Rückmeldungen, sofern es diese doch geben sollte, bitte an eure.meinung.interessiert.onkel.norbert.einen.feuchten.furz@aol.com

Genug der warmen Worte

Ab ans Eingemachte. Das ist eine Baumwollsocke:

Nicht irgendeine. Sondern diejenige, deren nicht mehr auffindbarer Bruder, einen Erstschlag per Drohne durch mich verhindern konnte. Von Anfang…

Es wird langwierig und teuer

Alles. Ausnahmslos alles rückgängig. Eine Email presslufthammert mir mein widerliches Grinsen, mit dem der letzte Beitrag endete, wieder aus der Visage.Ich werde bezahlen müssen. Alles. Wie hoch die Kosten sein werden, ist noch nicht einmal absehbar. Es könnten weniger als die im Raum stehenden USD 1.500,- werden, es könnten sogar noch mehr werden. Diesbezüglich war ich aber bereits an dem Punkt das alles (emotional) von mir wegzuschieben und nicht an mich ranzulassen, da ich jetzt nach Tagen einfach keine Lust mehr habe mich noch damit zu befassen und einfach nur will, dass es aufhört. Dann, ja dann schlägt wieder die unfähigste Spedition unter der Sonne zu:

Am Tag zuvor bat mich diese noch die Frachtpapiere von meinem Agenten hier vor Ort prüfen zu lassen. Von einer etwaigen Dringlichkeit keine Rede. Ich gab die Info also weiter an Luis und wartete geduldig auf seine Antwort. Heute Morgen aufgewacht finde ich zwei weitere E-Mails von meiner Spedition in Deutschland vor.

In der ersten teilen sie mir um 3:30 Uhr nachts meiner Zeit mit, dass sie die Bestätigung der Richtigkeit der Frachtpapiere nun doch ganz dringend benötigen. Und um 05:30 Uhr meiner Zeit dann in aller Seelenruhe, dass sie die Antwort bereits gebraucht hätten und es nun zu spät sei, die Frachtpapiere im Hafen vor Ort in Cartagena zu drucken.

Stattdessen müssen diese nun per Kurier nach Kolumbien versandt werden. Auf meine Rechnung, versteht sich. Dazu wird der Kurierversand zwei Wochen benötigen. Was bislang kein Problem gewesen wäre. Die Freundin, die ich hier besuchen wollte bis dahin, wird nun aber binnen einer Woche (Kündigungsfristen existieren hier sehr selten) ihren Job wechseln, womit unsere gemeinsame Reise auch dahin ist. Dies würde mir nun ermöglichen, Bertl schon nächste Woche aus dem Hafen zu holen. Wenn, ja wenn meine beschissene Spedition nicht vergessen hätte mir gegenüber die Frist zum Druck der Papiere vor Ort zu erwähnen. Denn so kann ich rein gar nichts unternehmen, bevor ich diese nicht per Kurier erhalten habe.

Ich musste auf meinen Reisen bislang erst genau einmal in ein Krankenhaus. Koh Samui. Thailand. Weil mir ein Barhocker auf den großen Zeh gefallen ist. True Story. Aber momentan deutet vieles darauf hin, dass ich bald wieder in eines muss. Der Rauch, der mir aus den Ohren qualmt ist zumindest ein Indiz. Ich muss mich gerade schwer zusammenreißen, nicht nochmal USD 1.500,- zu investieren um einen indischen Hacker dafür zu bezahlen eine US-amerikanische Drohne zu hacken und diesen Drecksladen in Deutschland dem Erdboden gleich zu machen.

Die Schlamperei in Verbindung mit der Gleichgültigkeit, mit der mir das dann übermittelt wird, lassen mich vor Wut fast explodieren. Verständnis für meine Situation hier wird mir in keinster Weise entgegengebracht. Dann muss ich eben nochmal eine Woche warten. Ist halt so. So die Denkweise der Spedition. Produktive Rückfragen, wie ob es nicht möglich ist, einen schnelleren Kurier zu beauftragen oder auch unangenehme Rückfragen, wie die nach der Beteiligung an den Kurierkosten werden dann einfach ignoriert. Diesen debilen Achtelhirnen so ausgeliefert zu sein und nichts unternehmen zu können macht mich fertig.

Die Baumwollsocke der Weisen

Dass ich angespannt bin, merke ich auch daran, dass ich mich an diesem Morgen ernsthaft darüber aufrege, dass das Hotel beim Waschen eine Socke von mir verloren hat. Eine Socke. Noch vor einer Woche in Santa Marta war exakt dasselbe passiert und ich habe keine einzige Sekunde einen Gedanken daran verschwendet. Der Sockenvorfall löst einen Denkprozess in mir aus:

Ich bin offensichtlich extrem dünnhäutig. Ich bin drei der letzten fünf Nächte um 3 Uhr aufgestanden um mit den geistigen Energiesparlampen vor Ort in Hamburg zu konferieren. Das zehrt anscheinend. Ich denke ehrlicherweise auch, dass der fehlende Schlaf einer der Gründe ist, wieso ich diese ganze Scheiße so sehr an mich ran lasse und mich hineinsteigere. Prinzipiell ist dies nicht der Reisemodus in dem ich sein möchte. Denn wenn mich schon eine Socke ärgert, was werden dann erst die Hupsalven der Mototaxis mit mir machen über die ich bislang nur lache? Oder die notorische Dränglerei der Kolumbianer beim Anstehen, die ich bis jetzt mit der Entspanntheit eines niemals Eile habenden Reisenden genommen habe?

Ich besitze zum Glück die Fähigkeit zur Selbstreflexion und sollte eigentlich dankbar sein, dass das Hotel die Socke verloren hat und damit diesen Prozess angestoßen hat. Netter Nebeneffekt übrigens: Letzte Woche hat die Wäscherei nicht nur eine Socke verschludert, sondern mir auch DAS Ding untergejubelt:

Aber zurück zum Sockendenkprozess: Ein Tapetenwechsel soll es also wieder mal sein. Ich verlasse Bucaramanga per Minivan in Richtung San Gil und buche mir schon vom Van aus ein Einzelzimmer in einem Hotel. Ich brauche Ruhe wenn ich dort ankomme. Während der Busfahrt durch und entlang des Cañón de Chicamocha, des zweittiefsten Canyons der Welt, mit meiner Musik auf den Ohren, schlägt die Socke noch ein weiteres Mal zu und ich sortiere meine Gedanken.

Ich denke ich wollte diesen Trip jetzt unbedingt starten. Vielleicht auch weil mir bei jedem Entpacken und Packen meines Rucksackes als erstes mein 10er-Ringschlüssel entgegenkam, den ich brauche um Bertl aus ihrem hölzernen Gefängnis zu befreien. Aber ich habe theoretisch unbegrenzt Zeit für diese Tour. Was sind da sieben Tage, die ich nun nochmal länger auf Bertl warten muss. Ich habe schließlich schon fast vier Wochen gewartet.

Dieser heutige 13. August ist außerdem der Tag an dem ich vor vier Jahren für zehn Monate nach Asien aufgebrochen bin. Jener Asientrip, währenddessen ich mir dann dieses Tattoo stechen ließ um mich selbst genau in Situationen wie diesen, zur Ruhe zu ermahnen und an mein Mantra zu erinnern:

Forgive them. Not because they deserve forgiveness. But because you deserve peace.

Und so beschließe ich: Ich werde warten. Ich werde bezahlen. Und dann werde ich die verflucht nochmal geilste Tour auf einer alten Vespa durch Südamerika machen, die jemals jemand auf einer alten Vespa durch Südamerika gemacht hat. Spedition am Arsch.

San Gil

Nach drei Stunden Vanfahrt, angekommen in San Gil, gönne ich mir zunächst den obligatorischen Plato del día. Wie immer verstehe ich außer Pechuga de Pollo, also Hähnchenbrust, sowieso nichts, als die nette Köchin-Kellnerin-Besitzerin mir auf spanisch entgegenmaschinengewehrt, was sie alles zaubern kann. Macht aber nichts. Pollo schmeckt immer wieder gut. Noch während ich esse beginnt es in San Gil auf einen Schlag heftigst zu regnen.

Weshalb ich im Anschluss an mein reichhaltiges Mittagessen beschließe zurück in mein Hotelzimmer zu gehen. Wie sehr mein verlebter, bleicher Körper, neben ganz viel Zuneigung, den Schlaf benötigt, zeigt die Tatsache, dass ich um 16:30 Uhr einschlafe und erst am nächsten Morgen um 5 Uhr wieder aufwache.

Buenos f***ing días San Gil

Und der Morgen beginnt mit einem Stück Kuchen und Kaffee für 3.000 Peseten, nicht mal EUR 0,80, beim Bäcker umme Ecke. Nicht übel. Danach beschließe ich auf den Aussichtspunkt, den mir die herzensgute Rezeptionistin (Mami) des familiengeführten Hotels, für das ich EUR 3,90 pro Nacht im Einzelzimmer bezahle, empfohlen hatte, zu laufen. Wie sich rausstellt, handelt es sich dabei um einen Kreuzweg, und die gesamte Zeit, beobachte ich auch Kolumbianer, die hier entlang gehen und sich bei jeder Station bekreuzigen.

Glaube in Kolumbien

Überhaupt scheint hier der Glauben eine ganz andere Rolle zu spielen als bei uns. Nahezu die gesamte Gesellschaft ist katholisch getauft. Immer wieder sehe ich Menschen, die ihr Haus verlassen und sich als erste Amtshandlung bekreuzigen. Dasselbe bevor oder während ein Bus abfährt. Als ich Ángel, meinem Mototaxista von Bucaramanga erzählt habe, dass mir bislang in Kolumbien noch nichts Schlechtes passiert ist und ich nur nette Leute getroffen habe, ist für ihn sofort völlig klar: Porque Dios te guarda, weil Gott mich beschützt. Nun, nach allem was ich in meinem Leben so angestellt habe, habe ich da meine, aus meiner Sicht berechtigten, Zweifel. Aber während ich bei uns in Deutschland manchmal das Gefühl habe, dass Leute nur deshalb in die Kirche gehen oder sich religiös geben, weil sie Angst haben, dass jemand schlecht über sie reden könnte oder „weil man das halt schon immer so gemacht hat“, leben die Leute ihre Religion hier. Man sagt nicht umsonst, dass sich Menschen in schlechten Phasen oder Lagen dem Glauben zuwenden. Eine Korrelation zwischen der abnehmenden Anzahl getaufter Katholiken in Deutschland und dem hohen Wohlstand sowie umgekehrt dem ungebrochen großen Glauben und gleichzeitig der hohen Armut hier, kann keiner abstreiten. Der Stellenwert des Glaubens ist ein ganz anderer.

Mir als Atheist aber, hart gesagt, brutalst egal. Wie dem also auch sei. Oben angekommen erwartet mich ein herrlicher Blick auf das, an beide Hänge gebaute, Städtchen San Gil.

Außerdem eine Statue der Jungfrau Maria. Ich bin nicht so firm mit dem Ganzen und vermute daher, dass das PX auf dem Picknicktisch vorne dran ein Zeichen sein soll, dass es meiner Bertl (Modell PX 80) gut geht.

Ich laufe noch ein bisschen durch die herrlich ruhigen Kopfsteinpflasterstraßen von San Gil…

…bevor ich im Parque La Libertad lande.

Parque La Libertad

Der Alltag von San Gil spielt sich hier im Parque La Libertad ab. Den ganzen Tag sitzen hier Menschen auf den Bänken, um sich zu entspannen, Zeitung zu lesen, sich zu unterhalten oder auf beeindruckende Weise, alles drei gleichzeitig. Fliegende Verkäufer versuchen ihre Arepas, ihre Empanadas, ihr Eis oder sonstiges unters Volk zu bringen. Aber längst nicht mehr so aufdringlich wie in Santa Marta oder Taganga zum Beispiel. Man merkt, bzw. ich merke, dass viele Touristen um San Gil wohl noch einen Bogen machen. Zumindest wurde mir mal einen ganzen Tag lang nicht versucht Drogen zu verkaufen. Das ist schon ein Anhaltspunkt.

Ich unterhalte mich auf meiner Parkbank sitzend mit Esteban und Esteban (kein Scheiß), beide illegal aus Venezuela nach Kolumbien eingewandert. Das Gespräch beginnt nur deshalb weil die beiden mich fragen von wo in den Vereinigten Staaten ich komme und ich mich ganz entschieden dagegen wehre überhaupt in diesem vermeintlichen „Land of the free“ verortet zu werden. Aber wie Esteban 1 mir mitteilt, geht man hier eben einfach davon aus, dass jeder Gringo aus den Staaten kommt. Als ich also erwähne, dass ich aus Deutschland komme, möchte Esteban 1 wissen welches unser Nationalgericht ist und wieso Mercedes so stark ist, in der Formel 1. Ich versuche auf Spanisch eine Schlachtplatte zu beschreiben und fasle etwas von deutscher Ingenieurskunst, mit der ich klassischer Doppellinkshänder ehrlicherweise ja eigentlich nichts zu tun habe. Esteban 2 dagegen möchte von mir wissen, was die Kolumbianer mir gegenüber über Venezolaner erzählen. Ein heikles Thema. Mit der Diplomatie eines Heiner Geißler umschiffe ich gekonnt diese Klippe. In Wahrheit schimpfen viele Kolumbianer über die vor einem möglichen Bürgerkrieg geflüchteten Nachbarn, weil diese Löhne drücken und Jobs wegnehmen würden. Nicht meine Worte. Sondern die einiger Kolumbianer.

Cascadas de Juan Curí

Nach fast einer dreiviertel Stunde mit den beiden Estebans, setze ich mich, ein bisschen stolz ob meiner angewandten Sprachkenntnisse in einen Bus zu den Cascadas de Juan Curí. Dem Curry Johann seine Wasserfälle also. Oder so ähnlich.

Dort angekommen, weiß ich meinen latent vorhandenen Hass auf weite Teile der Menschheit wieder mal zu nutzen und folge nicht gleich der Herde in den ersten Parkeingang, sondern laufe noch ein Stück weiter, wo sich ein zweiter befindet. Bei den Betreibern handelt es sich um eine Familie, auf deren Privatgrund der Naturpark mit den Wasserfällen ebenfalls liegt und die dort für nen schmalen Taler Touren zum Wasserfall anbietet. Ich bin um 11 Uhr der erste Besucher, der sich für sie und nicht für ersteren Eingang entschieden hat.

Mit dem Sohn, Sergio, laufe ich die wenigen hundert Meter zum Hauptwasserfall. Und die Vielfalt an Schmetterlingen, die mich auf dem Weg dorthin erwartet, ist fabelhaft. Ja, der letzte ist tatsächlich durchsichtig und hier in Kolumbien ein begehrtes Fotomotiv.

Außerdem führt mein Weg, im Gegensatz zu dem der anderen Gruppen direkt am Fluss entlang oder durch den Fluss. Und so sehe ich schon auf dem Weg zum eigentlichen Wasserfall einige kleinere.

Die sind aber alle Nichts im Gegensatz zum 45 Meter hohen Hauptwasserfall. Aus Maßstabsgründen beachte man die Menschen im Vordergrund. Sonst nicht. Die sind nämlich alle nicht ich. Und mir gebührt hier schließlich die volle Aufmerksamkeit.

Sergio zeigt mir noch wo man ins, vom Wasserfall ausgewaschen, Becken springen kann und die Chance lasse ich mir selbstverständlich nicht nehmen.

Um die Mittagszeit kehren wir zurück zur Hütte der Familie von Sergio. Und weil ich so nett gefragt werde, willige ich ein mich von Sergio’s Mutter für ein paar Peseten bekochen zu lassen. Und so verbringe ich noch eine gute Stunde mit Sergio, seinem Bruder, deren Tante und deren Mutter am Mittagstisch, darüber philosophierend ob es Sinn machen würde, Pferden Schuhe anzuziehen. Sergio’s Bruder Yoni plädiert aus Traktionsgründen stark dafür. Aufgrund des wirtschaftlichen Faktors, dass man eben pro Pferd gleich vier Treter bräuchte, nehme ich die Gegenposition ein. Sergio selbst ist unentschlossen. Er sieht die guten Argumente auf beiden Seiten. Die Diskussion endet, als die Mutter kopfschüttelnd aufsteht und die Jungs (beide Ende 20) wieder an die Arbeit schickt.

Also gehe auch ich. Rechtzeitig vor dem Nachmittagsregen per Bus wieder zurück nach San Gil.

Die tägliche Ration Bertl

Und dort ist das Grinsen zurück. Per Email kommt die frohe Kunde. Für 35 Steine mehr, können meine offiziellen Frachtpapiere nun doch in Kolumbien gedruckt werden und ich muss keine zwei Wochen auf den Kurier warten. Die Mission #freebertl kann also theoretisch am 21. August starten und mit etwas Glück am 22. August abgeschlossen sein. Vorausgesetzt Agent Luis hat Zeit. Hier warte ich noch auf die abschließende Antwort. Momentan sieht aber alles danach aus, als wäre ich in genau einer Woche tatsächlich endlich ein Vespa Glücksritter.

4 Antworten zu “Tage 24 und 25: Nobby Potter und die Baumwollsocke der Weisen”

  1. Wanderer der unwegsamen Wege, ein kleiner Ratschlag:
    „Verlier blos deinen 10er Ringschlüssel nicht“ halt die Ohren steif.
    Bertel wartet auf den Zündfunke.

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