Tage 26, 27 und 28: Socken sind die besseren Menschen

Vorweg dickes Sorry. Asche auf mein Haupt. Der Artikel wäre eigentlich schon gestern meiner Zeit zu bringen gewesen. Aber mein Plan ihn in aller Ruhe im Nachtbus nach Cartagena zu schreiben, ist dann daran gescheitert, dass ich in jenem Bus auf meine Hände sitzen musste, um diese nicht hypothermiebedingt zu verlieren, als die Klimaanlage den Bus auf gefühlte drei Grad Celsius runterkühlte. Aber was lange währt und so…

Guess who’s back

Als ich an diesem ersten Morgen dieser Nachberichterstattung aufwache, muss ich mir also zum allerersten Mal seit Langem mal wieder keine Sorgen mehr wegen meiner geliebten Bertl machen. Im Gegenteil. Zwar hat Luis mir noch immer nicht offiziell bestätigt, dass er am 21. und 22. August mit mir Bertl befreit, aber ich gehe davon aus, dass es klappt. Und so heißt es nun Tage zählen. Wie einst bei der Bundeswehr, bei der ich in Wirklichkeit nie war, weil ich ausgemustert wurde. Vermutlich weil der Arzt dachte, ich wäre zu schwach um ein Gewehr zu halten. Vermutlich hatte er recht. Vermutlich werden wir es nie erfahren.

Wie um mir selbst zu beweisen, dass ich wieder im Modus und über die verlorene Socke weg bin, mache ich heute Morgen das Beste aus zwei einzelnen verlorenen Socken und führe deren alleingelassene Geschwister unterschiedlicher Ethnizität zusammen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb blendend und beweisen mir nur eins: Socken sind die besseren Menschen.

Road to Barichara

Für heute habe ich mir vorgenommen, meinen gemischtrassigen Socken in einem Tagesausflug Barichara zu zeigen.

Ein weiterer Tipp von Sergio, einem meiner Comandante-Kollegen, von der Tour in die verlorene Stadt. Während der 45-minütigen Busfahrt schüttelt es mich zwar ordentlich durch. Irgendwie schaffe ich es aber trotzdem dieses Bild von San Gil aus dem fahrenden Bus heraus zu schießen.

Barichara

Angekommen in Barichara bin ich überrascht wie ruhig es hier ist. Das hier ist ein kleines Kaff (um die 2.000 Einwohner) aus der Kolonialzeit, also 17 hundertirgendwas. Mitten im Nichts gelegen, ohne Verkehr, ohne Stress, mit frischer Luft und ganz vielen gemäldefähigen Häusern und Straßen.

Ich setze mich in den Park, werfe einen Blick auf die Landkarte und sehe darin gleich vier Aussichtspunkte. Ich schlendere also ein wenig durch die kopfsteingepflasterten Straßen…

…und erreiche schließlich den höchsten und schönsten der vier Aussichtspunkte.

Quo vadis Tuktuk-Industrie

Den Anblick genieße ich einige Minuten ehe ich mich zurück in den Park mache um noch etwas die gute Luft zu genießen. Eine Wohltat nach den Tagen in diversen kolumbianischen Städten. Eine gemeine deutsche Feinstaub- oder Stickoxidmessstelle würde hier nach spätestens drei Tagen in die Berufsunfähigkeit gerrußt oder in die ewigen Messgründe gestickoxidet werden. Metros, S- oder U-Bahnen und Züge in den Städten kommen hier exakt so oft vor wie gewonnene deutsche Weltkriege in der Menschheitsgeschichte. Zu früh?

Zurück unten im Park werde ich erneut kein einziges Mal angesprochen. Und das obwohl die Party-Tuktuks schon Schlange stehen.

Erinnerungen werden wach: Letztes Jahr in Guatemala konnte ich mal einen der Tuktukkutscher überzeugen mich so eine Reuse fahren zu lassen. Die Dinger fahren sich exakt wie ein Blechschaltroller. Linke Patsche kuppeln und schalten. Rechte Patsche Gas geben. Ich denke wieder an Bertl und werde glatt ein wenig rührselig…

Vermutlich liegt es an meiner mittlerweile schon fast täuschend kolumbianischen Bräune und meinem einwandfreien Spanisch, dass mich keiner der tourihungrigen Tuktukpiloten für einen Touristen hält. Oder vielleicht liegt es daran, dass ich zum ersten Mal auf einer meiner Reisen mehrheitlich Frauen hinterm Steuer sehe und diese einfach etwas mehr Anstand besitzen als ihre männlichen Pendants. Genau genommen ist das übrigens nicht nur das erste Mal, dass ich mehrheitlich Frauen Tuktuk fahren sehe, sondern das allererste Mal, dass ich überhaupt eine Frau so ein Ding fahren seh. Willkommen im 21. Jahrhundert Tuktuk-Mafia. Ich hoffe es gefällt euch hier.

Carne oreada

Zum Mittagessen gönne ich mir eine Spezialität des Departamento Santander in welchem ich mich ja momentan befinde. Carne oreada ist ein Stück Rindfleisch von einem mir unbekannten Teil des Rindes. Dünn geschnitten und vor dem Anbraten irgendwie speziell durch die Sonne und Wind getrocknet und geräuchert. Das ist zumindest was ich verstanden habe. Außerdem ist es hier eine Spezialität und schmeckt. Das muss jetzt auch reichen. Nachfragen nicht gestattet.

Serviert wird es mit Mais-Arepa und Yuca. Letzteres heißt bei uns auch Maniok, gibt es hier nahezu zu jedem Essen dazu und schmeckt in diesem Fall so ganz ohne irgendwas dazu recht trocken. Der Hunger treibts rein.

Guane

Mein Nachmittagsprogramm ist eine kleine Wanderung ins sechs Kilometer entfernte Guane auf einem derart beschissen gepflasterten Weg, dass mein einziges Highlight am Ende ist, mir nicht alle vorhandenen Bänder gerissen zu haben. Guane selbst ist wie Barichara, in noch kleiner und ebenso wenig der Rede wert, wie ein weiterer verregneter Abend in San Gil, den ich mit einem Riesenfleischspieß im Parque Libertad beende.

Bertl

Etwas positives in Bezug auf Bertl gibt es dann noch zu vermelden. Luis antwortet spät abends endlich. Er bestätigt den 21. August als Auftakt der zwei- bis dreitägigen Mission „Free Bertl„. Ein weiterer Mosaikstein, der sich ins langsam anwachsende große Ganze einfügt.

Pozo azul

Am nächsten Tag möchte ich morgens zum nur zwei Kilometer entfernten Pozo Azul laufen. Pozo heißt eigentlich Brunnen, meint hier aber meistens ein natürliches Schwimmbecken. Ausgewaschen durch einen Wasserfall zum Beispiel. Die kleinen sprachlichen Abweichungen fallen aber eher weniger ins Gewicht. Denn azul heißt eigentlich auch blau und blau ist in den meisten Fällen eigentlich nur das Wunder, das man erlebt, wenn man wieder vor einem braunen Waserloch steht.

Ich bin aber noch keine zehn Minuten unterwegs, als mich ein Wasserfall von oben erwischt. Regen. Bei dem Wetter würde das Planschen eh keinen Spaß machen. Ich kehre um. Diese Geschichte hat kein Happy End.

Parque Natural El Gallineral

Alternativ geht es für mich in den nur 200 Meter von meinem Hostel entfernten Parque Natural El Gallineral. Ein sieben Hektar großer Naturpark am Stadtrand von San Gil in dem es von exotischen Pflanzen, Schmetterlingen, Vögeln und Schmetterlingen beim Vögeln nur so wimmelt.

Außerdem beheimatet er bärtige Bäume…

…und fast so spektakulär wie am deutschen Eck in Koblenz vereinigt sich hier ein kleinerer Nebenarm mit dem Rio Fonce. Einmaliger Anblick wenn sich braune Brühe mit nato-olivfarbener Brühe vermischt.

Ansonsten ist dieser Park wenig der Rede wert, ebenso wie ein weiterer verregneter Nachmittag/Abend in San Gil, den ich mit einem Riesenfleischspieß im Parque Libertad beende. Japp, wie gestern. Was soll ich sagen? Der Spieß war gut.

Floridablanca

Ich habe die Tage beschlossen, dass ich etwas vor meiner Vespa in Cartagena ankommen möchte, um die Stadt selbst noch zu sehen, ehe ich dann mindestens zwei, eher drei Tage nur noch den Hafen sehen werde. Um mir die Kosten für eine Übernachtung zu sparen und außerdem keinen ganzen Tag im Bus zu verlieren, beschließe ich heute Nacht einen Nachtbus von Bucaramanga zu nehmen. Die Zeit bis der Bus fährt, will ich in der Stadt Floridablanca, ein kleines Stück südlich von Bucaramanga, verbringen. San Gil, Bucaramanga, Floridablanca, Bucaramanga, Cartagena. Soweit also zumindest mal der Plan.

Noch bin ich aber immer noch in San Gil. Nach meinem hier üblichen Frühstück, bestehend aus einem Stück Kuchen und Kaffee für 3.000 Peseten…

…knalle ich also meinen Arsch für 2.000 Peseten auf ein Mototaxi und lasse mich zum Busterminal von San Gil fahren.

Adiós San Gil

Dort um 9:19 Uhr angekommen, sitze ich um 9:20 Uhr schon im vom Hof rollenden Bus. Läuft wie jeschnitten Brot. Ich habe in San Gil nicht die üblichen Attraktionen (Paragliding, Rafting, Bungee Jumping etc.) mitgemacht. Aus verschiedenen Gründen. Hauptsächlich aber weil ich alles schon mal gemacht habe. Und das vermutlich sogar an besser geeigneten Orten. Die paar Tage hier habe ich irgendwie trotzdem sehr genossen. Die Familie, die mein Hotel geleitet hat, war unfassbar nett. San Gil liegt schön zwischen Hügeln und Bergen eingebettet. Und die nähere Umgebung macht einiges her. Und so rolle ich ein weiteres Mal etwas rührselig über eine Stadtgrenze.

Bucaramanga, die erste

Da das Formularfeld auf der Homepage der Busfirma keine Buchstaben, nur Zahlen, akzeptiert, kann ich leider mein Ticket von Bucaramanga nach Cartagena nicht selbst buchen. Und so fahre ich erst einmal mit dem Bus komplett durch Floridablanca durch, eine halbe Stunde weiter nach Bucaramanga. Aber auch das hat nicht nur Nachteile. Das Ticket vor Ort zu buchen, ist 30.000 Pesos, also knappe EUR 8,-, oder drei ganze Mittagessen günstiger als online.

Cerro de Santísimo, der Berg des Heiligen Grüßaugust

Als das Ticket gekauft ist, setze ich mich wieder in einen Bus und fahre wieder eine halbe Stunde durch den elendig verstopften Mittagsverkehr zurück nach Floridablanca, esse zu Mittag und laufe die knapp zwei Kilometer zur Floridablancanesischen Hauptattraktion. Der Seilbahnstation des Cerro de Santísimo, dem Berg des Heiligen.

Der Gipfel des Berges liegt auf 1.455 Metern. An der Talstation befindet man sich bereits auf 1.011 Metern. An jedem anderen Tag hätte ich mir die 22.000 Peseten für die Seilbahn geschenkt und wäre die rund zweieinhalb Stunden nach oben gelaufen. Heute reicht dafür die Zeit leider nicht und so entscheide ich mich gezwungenermaßen für die einfache Option. Oben angekommen, begrüßt mich erst mal der Onkel hier.

Stolze 34 Meter misst der Grüßaugust. Ich prüfe unter ihm stehend, ob er eine Ringzehblase hat, stelle erleichtert fest, dass dies nicht der Fall ist und widme mich dann der Aussicht auf Bucaramanga, Floridablanca, Piedecuesta und Girón. Die vier Städte die zum Ballungsraum Bucaramanga gehören.

Schön. Irgendwie dann aber halt doch nur die Aussicht auf eine Stadt. Die ich nicht einmal kenne. Und deswegen gar nicht so beeindruckend. Vor allem wenn man sich den Ausblick nicht mal erarbeitet, sondern per Gondel (Marke Doppelmayr) erschlichen hat. Ich setze mich also wieder in die Gondel der Marke Doppelmayr und fahre gen Tal. Dort ergattere ich mit Müh und Not einen Platz in einem Bus zurück nach Bucaramanga und atme erst mal durch.

Bucaramanga, die zweite

Am Busbahnhof in Bucaramanga, mache ich mich busfertig. Das heißt also: Gemütliche Kleidung anziehen und alles was ich im Bus benötigen könnte, in meinen Daypack. Der Rest geht in den normalen Rucksack und der unten in den Bus. In den Daypack gehören:

  • Reisepass
  • Bargeld
  • Kreditkarten
  • Desinfektionstücher
  • Handdesinfektionsmittel
  • Kohletabletten
  • Wasser
  • vollgeladene Powerbank
  • Kopfhörer
  • Ohropax
  • warme Kleidung
  • Snacks

Die rollende Real Madrid Tiefkühltruhe

Ich wähne mich also gut vorbereitet. Und als ich den Bus betrete und mich von den Scheiben, die den Fahrer von den Fahrgästen trennt, die Real Madrid Champions-League-Siegermannschaft anlächelt, die 2014 la décima, den lange ersehnten zehnten CL-Titel, klargemacht hat, da geht mir das Herz auf. Hala Madrid. Aber schon nach zehn Minuten Fahrt, ist klar. Meine Thermo-Unterwäsche, sowie Wollmütze und Handschuhe würden mir besser zu Gesicht stehen, als das Grinsen, das mir der Anblick von Cristiano dort rein gezaubert hat. Rings um mich herum, ziehen sich die anwesenden Kolumbianer ihre mitgebrachten Decken über den ganzen Körper, inklusive Kopf. Einige fragen den Fahrer gar, ob er denn die Klimaanlage nicht etwas runterregulieren kann. Aus welchen Gründen auch immer, wird dies verneint. Ich stecke die Hose in die Socken, ziehe alles an, was ich zur Verfügung habe und denke mir trotzdem nur eines: Fuck Alter.

14 Stunden also in diesem rollenden Gefrierschrank. Irgendwie schaffe ich es trotzdem immer wieder mal eine halbe Stunde zu schlafen, ehe ich wieder erwache und mich wie ein tiefgefrorener Shrimp fühle. Dabei trennt mich von der lebenspendenden Wärme draußen nur diese wenige Millimeter dicke Scheibe. Jedes Mal wenn ich erwache dasselbe Prozedere. Ich blicke auf die Uhr, fluche, reibe mir Ohren und Hände und bewege meine Zehen so lange bis ich wieder warm genug bin um sicherzugehen, dass der nächste Schlaf ebenfalls wieder ein Erwachen nach sich zieht und nicht mein letzter wird. Unter diesen Bedingungen diesen Artikel zu verfassen, versuche ich erst gar nicht.

Als der Bus dann um sieben Uhr morgens für mich seine Pforte öffnet, tappe ich mit steifgefrorenen Gelenken raus in die noch jungen Sonnenstrahlen und würde mich am liebsten Krokodil-style auf den warmen Stein legen.

Stattdessen schnappe ich den nächsten Bus ins Zentrum, suche ein Hostel, mache mich frisch, trinke Kaffee und sitze nun hier in Cartagena und verfasse eine Nacht verspätet diesen Artikel.

Aber hey, ich bin in Cartagena. Der Stadt, in der ich in drei Tagen damit beginnen kann, meine Bertl zu befreien und meinen eigentlichen Trip zu beginnen. Wenn das mal kein Grund zu spontanen Freudenerektionen ist.

1 Antwort zu “Tage 26, 27 und 28: Socken sind die besseren Menschen”

  1. Ahoi el, Capitano del Iglo,
    die Kollegen in den Anden und dort speziell den Hochanden haben doch vor ca. 3000 Jahren die Kappen der Lappen nachgemacht um sich vor der kalten Zugluft in klimatisierten Bussen zu schützen, so eine würde dich bestimmt gut kleiden.

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