Tage 33 und 34: Mission failed – Vorerst

Nun soll es also heute mit Luis in den Hafen gehen. Oder mit Felipe. Mir auch Wurst wer der Hammer ist. Hauptsache er hämmert. Hauptsache es geht jetzt mal endlich los. Hauptsache morgen habe ich meine Bertl bei mir.

Das sollte fehlschlagen. So viel vorab. Diese beiden Tage, und speziell Tag 2, sollten mir allerdings zeigen, was die letzten Wochen mit mir gemacht haben. Ich bin emotional völlig leer. Nehme jede weitere negative Wendungen nur noch mit einem Achselzucken hin. Ich bin nur noch eine Hülle. Ein sich wie ein Mensch bewegender gutaussehender Fleischsack mit Knochen und Organen, die aber bei der aktuellen Glücksstrahne auch bald die Füße hochlegen und zum Zapfenstreich blasen. Anfangs zumindest fühle ich mich so.

Aber zunächst sollte alles ganz normal starten:

Spritzenbauseminar Teil 2

Meine Schwägerin bringt mich nach Lektüre des letzten Artikels auf die Idee in der Drogerie nach einem Schlauch zu fragen. Einen Schlauch hatte ich zwar auch zuvor schon im Sinn, habe den Plan aber verworfen, da ich mir sicher war so etwas sowieso nicht zu finden. Einen Baumarkt sucht man hier nämlich vergeblich. Für spezielle Besorgungen wie die eines Schlauches muss man Insiderwissen haben. Jenes, dass irgendwo ein Typ, vermutlich namens Diego an der Calle 27, Carrera 12 nichts anderes als Schläuche vertickt. Weiß ich aber eben nicht. Und deshalb hab ich mich auf die Spritze fokussiert. Ich dachte nicht an einen Schlauch als medizinisches Zubehör.

Als ich also heute Morgen wieder zur Apotheke meines Vertrauens laufe und schon mit einem Grinsen begrüßt werde, hole ich mir erst Mal etwas gegen die Halsschmerzen, ehe ich nach dem Schlauch frage. Und Tatsache, gibt es. Ich schneide ihn etwas zu und ochse ihn mit der Spitzzange, die ich nur habe, weil sie zu spät per Paketsendung in Deutschland ankam und Bertl schon weg war, auf die Spritze. So viel Kraft, wie ich hierfür benötige, kann das Ding nur dicht sein.

Der Versuch zeigt, läuft. Damit werde ich es (hoffentlich) morgen probieren.

Felipe

Mit fast deutscher Pünktlichkeit trudelt Felipe dann um 14:07 Uhr tatsächlich ein. Stellt sich heraus, dass der Hafen nur etwa zwei Kilometer weit weg liegt. Das macht die Rückreise (hoffentlich) morgen, bei vermutlich Dunkelheit, mit meiner Vespa etwas einfacher.

Zunächst wird also mein Reisepass benötigt, um mich als Besucher anzumelden. Ich bekomme meinen Besucherausweis und weiter geht’s in ein extrem runtergekühltes Büro. Jeder trägt Langarm, zum Teil Jacken. Die Klimaanlage nicht ganz auf Jahresmittel von Novosibirsk einzustellen scheint hier nirgends eine Option. Wenn Klimaanlage, dann immer auf der niedrigsten Stufe.

Nun beginnt zum ersten Mal ein Prozess, den ich ohne Agent selbst hätte erledigen müssen. Felipe händigt dem Sachbearbeiter, den er per Fistbump begrüßt, etliche Dokumente aus und dieser startet damit einen für mich absolut nicht nachvollziehbaren Sachbearbeiter-Triathlon, bestehend aus den Disziplinen Drucken, Kopieren und Scannen. Er hackt etwas in die Tasten, kopiert wieder, scannt irgendetwas, druckt ein Dokument aus. Wiederholt alles. Mir völligst schleierhaft was hier von Statten geht.

Zwanzig Minuten später ist schon alles erledigt für heute. Laut Felipe ging es nur darum einen Vorgang anzulegen. Dazu musste ich aber mit Reisepass vor Ort sein. Nur eine Stunde nach Aufbruch in den Hafen bin ich auch schon wieder zurück. Die eigentliche Schlacht ist dann morgen am zweiten und hoffentlich letzten Tag zu kämpfen.

Eintritt mit Hindernissen

Meinen unerwartet freien Nachmittag will ich nutzen um nun endlich mal auf das Castillo de San Felipe de Barajas zu fußeln. An jenem bin ich schon zig Mal vorbeigelatscht, aber nie hoch. Planlos und verwirrt wie ich aktuell drauf bin, laufe ich die 1,5 Kilometer zum Castillo um dort beim Bezahlen des Eintritts von 25.000 Pesos zu merken, dass ich nur 22.000 Pesos in Scheinen bei mir habe. Ich bin echt neben der Spur, denn dass ich vergessen habe vorher zu prüfen ob ich Geld dabei habe, ist mir noch nie passiert. Ich bitte die Dame hinter der Panzerglasscheibe um einen momentito und krame alles aus meinem Hosentaschenmünzfach, was ich habe. Weitere 2.950 Pesos. Das kann nicht wahr sein. Mir fehlen im Ernst 50 Pesos. Oder umgerechnet 0,0133 Euro. Ich traue mich fast nicht die traurige Botschaft hinters Panzerglas zu flüstern. Aber ich muss wohl. Ich sage

bitte stornieren, mir fehlen 50 Pesos. Ich komme wieder.

Sie lacht, 50 Pesos? Miguel, Miguel, oye Miguel, hasse mal 50 Peseten für den gutaussehenden jungen Kerl mit dem Körper eines übertrainierten römischen Gottes?

Also zumindest vermute ich, dass sie das gesagt hat. Denn danach drückt mir Miguel 100 Pesos in die Hand und will nicht mal meine 50 Pesos Rückgeld. Danke Miguel, danke Stimme hinter dem Glas. Ich darf eintreten.

Das Castillo de San Felipe de Barajas

Erwähntes Castillo war zur Zeit der Erbauung eine topmoderne Verteidigungsanlage der Spanier zur Überwachung des Seeweges. Zu jeder Seite schwere Artillerie in Form von Kanonen, dazu untertunnelt mit der Möglichkeit in den Tunnels Bomben zu zünden um den Angreifer an Land abzuwehren.

Das allein ist cool. Aber irgendwie geiler ist der Ausblick von hier oben.

Ehrlicherweise ist aber auch der recht schnell wieder ausgelutscht. Ist halt wieder ne Stadt. Und Aussichten auf Städte machen mich schon lang nicht mehr feucht im Höschen.

Interessant ist noch dieser Ausblick auf den La Popa, den Berg in der linken Bildhälfte. Aber nur deshalb, weil ich diesen als eines der ersten, auf zwei Räder anzusteuernden, Ziele ausgemacht habe. Wie schnell das klappt werde ich nach meiner mit zwei Bier im Hostel eingeleiteten Nacht wissen.

Morgengedanken

Der nächste Morgen. Mein Hals schmerzt ungemein. Ich kann kaum schlucken. Irgendwie anders wie üblich. Es sind nicht die Mandeln. Und es ist mehr ein Brennen als der übliche Schluckschmerz. Dabei soll heute die eigentliche Befreiung von Bertl stattfinden. Im Laufe des Tages werde ich zig mal von Eisschrankbüros ins Freie und wieder zurück wechseln müssen. Ob es das ganze verschlimmern wird weiß ich nicht. Safe ist, dass es meinen Zustand nicht verbessern wird.

Außerdem ärgert mich die Tatsache, dass ich viereinhalb Wochen warte, dann nun endlich augenscheinlich meine Möhre bekomme und mich pünktlich dazu fühle wie ein Sack Scheiße. Das passt wie Arsch auf Eimer. Ob ich in dem Zustand wirklich Roller fahren will, weiß ich aktuell nicht. Ich will irgendwie aber auch nicht mehr länger warten. Ich mache was ich am besten kann, hole meine extralange Bank aus dem Rucksack und schiebe das Problem erst mal da drauf.

Der Matchplan

Stattdessen lege ich mir während des Frühstücks schon mal den Matchplan für heute zurecht. Ich kann mir bei sowas nicht helfen. Muss einfach alles im Detail planen:

  1. Kiste aufschrauben (dafür der 10er-Schraubenschlüssel)
  2. Beiladungen wie Zelt und Isomatte ausräumen
  3. Spanngurte lösen
  4. Bertl aus Box rollen
  5. Reifendruck prüfen und ggf. mit der Pumpe in der Box nachpumpen
  6. Getriebeöl einfüllen
  7. Benzinmischung anmiraculixen
  8. Benzin in Tank kippen
  9. Batterie anhängen
  10. Stoßgebet senden
  11. Ankicken
  12. Wenn der Schlitten läuft, die Beiladungen verzurren…
  13. …vom Hof rollen wie ein König

Soweit die Theorie. Wie sich das umsetzen lässt, wird sich zeigen. Bevor Felipe sich meldet mache ich noch ein wenig Besorgungen. Snacks und Wasser für im Hafen und nochmal etwas gegen die Halsschmerzen.

So sitze ich da auf gepacktem Spritbottich und warte. Bis sich um 10 Uhr tatsächlich Felipe meldet und sagt, er holt mich um 10:40 Uhr, aber ich brauche weder Benzin, noch Öl. Sollten wir das benötigen, holen wir es schnell. Und so sitze ich und warte noch etwas länger. Ohne Spritbottich. Bis sich um 11 Uhr Felipe wieder meldet und mir mitteilt, er meint natürlich 13:40 Uhr, nicht 10:40 Uhr. Ist ja auch fast dasselbe. Da ist der Vormittag dann auch schon gelaufen.

Wenn ich mich aber ehrlich mache, dann macht das nichts, da ich bei der Hitze hier sowieso keine Motivation zu irgendwas aufbringen kann. Dazu mein aktueller Gesundheitszustand. Einfach nur im Hostel rumliegen kommt mir da ganz gelegen. Nach der Absage von Felipe bleibt mir also Zeit was zu Mittag zu essen. Auch dazu muss ich mich seit Tag 1 in Cartagena extrem zwingen. Bei der Hitze will ich eigentlich nur trinken, trinken, trinken. Ich esse nur deshalb weil mir die Uhr sagt, dass es Zeit ist und nicht weil ich Hunger verspüre. Und wenn ich dann esse, ist jeder Happen ab Número 1 eine einzige Qual. Ich bin sogar schon ein Gürtelloch nach innen gewandert. Ich kann das kühlere Medellín kaum erwarten.

Es beginnt…

Nach dem Essen warte ich also wieder auf Luis oder Felipe. Es erscheint: Luis Carlos. Mir wurscht. Wird schon wissen was er tut. Tut er nicht. Und mit ihm beginnt die unfassbare Pechsträhne, die ich mir vorstellen kann.

Während wir losrollen, sagt er mir, wir werden nun in den Hafen fahren, wo die Arbeiter im Hafen mich empfangen und Bertl „irgendwohin schieben“, so dass ich Bilder von Fahrgestellnummer, Kennzeichen und Bertl selbst für den Zoll machen kann. Ich sag, hör mal Freund, das Ding ist in ner Kiste verpackt und außerdem Lenkradschloss drin. Wie wollen die das wohin schieben? Er ruft Felipe an, überbringt ihm die völlig überraschende Nachricht. Anhand der Frachtpapiere, in denen überall von einer Caja (Kiste) die Rede ist, konnte man darauf ja nun wirklich nicht schließen. Ich krame meinen Schraubenschlüssel hervor und sage, dass ich gerne beim Öffnen behilflich sein werde. Auch den Schlüssel zum Entriegeln des Lenkradschlosses zeige ich ihm. Alles klar, sagt Luis Carlos, ich solle mich halt beeilen beim öffnen und Foto machen. Wir sind schließlich in Eile, müssen danach noch zum Zoll damit.

Angekommen am Hafen parkt Luis Carlos ein, schließt die Karre ab und wir laufen zu. Worauf das scheiß Ding anfängt den Alarmanlagenblues in C-Dur zu runerzuhupen. Wieder umgedreht, Karre aufgeschlossen, Alarmanlage ausgeschaltet, Türen zu, Karre abgeschlossen. Todo bien? Alles gut? will ich wissen. Todo bien raunt Luis Carlos eher pflichtbewusst als überzeugt zurück. Todo einen scheiß bien denke ich, als das Ding wieder zu hupen beginnt, als hätte es nur darauf gewartet uns eine vor den Latz zu knallen. Wieder umgedreht, Karre aufgeschlossen, Alarmanlage ausgeschaltet, Türen zu, Karre abgeschlossen. Und tatsächlich, der Schüttler aus dem Hause Honda hält dieses Mal die japanischen Backen. Nicht schlecht, denke ich, schließlich haben wir Eile. Wir sind keine zehn Meter vom Auto weg, da fällt Luis Carlos im Ernst ein, dass er noch Dokumente im Wagen vergessen hat. Alter. Will der mich verarschen? Nein, will er nicht.

Er dreht um, öffnet den Wagen, entnimmt seine Dokumente, verriegelt die Pforten, sagt zu mir por fin, vamos und kommt schnellen Schrittes auf mich zu um auf halber Strecke von einem weiteren Hupkonzert unseres rollenden Untersatzes überrascht zu werden. So eilig kanns nicht sein denke ich mir, als er noch die Haube öffnet und anfängt an der Batterie rumzuspielen.

Schließlich kommt LC zum einzig richtigen Schluss und beschließt den Schüttler einfach hupen zu lassen. Gehört hier eh zum Standardhintergrundrauschen. No importa sagt er, nicht so wichtig, schließlich haben wir Eile.

Und ich bin endgültig angekommen. Angekommen an dem Punkt, an dem ich alles nur noch mit einem abwesenden Nicken quittiere. Es ist für mich bereits in diesem Moment klar, dass das heute nichts mehr werden wird. Zeit wäre noch genug. Aber wie das was werden soll, mit dem Jahresdurchsatz Scheiße eines mittelgroßen deutschen Klärwerks am Huf… Das muss mir nochmal einer flüstern. Ich weiß bereits in diesem Moment, dass heute noch mehr passieren wird. Glaubt ihr nicht?

Dann erklärt das doch der freundlichen Dame, die uns zwei Minuten später mitteilt, dass Luis Carlos mich in den falschen Hafen von Cartagena (es gibt sechs) gebracht hat. Puta mierda (das heißt: Alles voll supi) murmelt LC. Wir werden wohl bisschen später zum Termin um 14:00 Uhr kommen. Tatsächlich wären wir das vielleicht auch, hätte nicht dieser rollende Scheißhaufen von einem Auto inzwischen beschlossen, gar nicht mehr anspringen zu wollen.

Wir spurten an die Hauptstraße, wo LC zehn Minuten lang nicht nur vergeblich versucht ein Taxi ranzuwinken, sondern auch jedes vorbeifahrenden Taxi mit einem langgezogenen Puuuuuuuta (das heist: Danke verehrter Nahverkehrsbeauftragter, dass Sie mein Winken zwar gesehen, aber nicht für mich gehalten haben. Sie haben vermutlich besseres zu tun und daher habe ich für Ihre Entscheidung vollstes Verständnis. Ich würde mich freuen wenn wir in naher Zukunft doch noch zusammenarbeiten könnten. Hochachtungsvoll Luis Carlos.) bedient. Was ich in der Situation mache? Ich bedauere im Ernst LC. Er hat völlig die Fassung verloren, fasst sich ständig an den Kopf und tut mir wirklich leid. Ich hoffe einfach nur, dass es für ihn keine negativen Konsequenzen hat. Mir selber entlockt das ganze nicht mal mehr eine Emotion.

Wie soll es an diesem Tag dann schließlich auch anders sein? Wir finden kein Taxi und müssen schließlich einen Bus in eine der belebteren Gegenden nehmen, um von dort ein Taxi zu nehmen.

Schließlich schaffen wir es an den Hafen, wo die, dieses Mal korrekte, Empfangsdame uns mitteilt, sorry Leute, das war wohl nix. Termin war vor 50.

LC stellt mich in einer Ecke ab, geht telefonieren, geht in irgendein Containerbüro, kommt zurück und sagt, auf geht’s Junge, ich sag dir jetzt watte machst: Da vorne durchs Drehkreuz, dann links und rein durchs große Tor 1. Dort meinen Zettel zeigen und alles weitere ergibt sich von selbst. Er müsse aus irgendeinem Grund draußen bleiben. Da scheiß mir doch einer die Wand an. Das kann ja was werden.

Und natürlich, eigentlich ist es keine Erwähnung wert, ist die Anweisung falsch. Ich biege ab wie geheißen und stolziere, alles was ich über Arbeitssicherheit gelernt habe vergessend, durch das große Hallentor 1 in eine Halle, in der grade ein Staplerfahrer mit krummem Zinken kistenweise Corona in der Gegend herumkutschiert. Jener ist es auch, der mir mitteilt, dass ich hier nichts verloren habe. Ich sage, Bruder, ich habe exakt vor einer Minute die Anweisung bekommen hier reinzustolpern. Ihm egal. Hier hätte ich nichts verloren. Er deutet stattdessen in Richtung Tor 2. Alles klar Diggi. Wird schon nicht der Zonk auf mich warten.

Zwischen Tor 1 und Tor 2 entdecke ich dann noch ein Büro mit vier Arbeitsplätzen und ich denke, das ist bestimmt worauf der Corona-Staplerfahrer mit dem krummen Zinken gedeutet hat. Ich klopfte an die Glastür und vier Hände signalisieren mir Richtung Tor 2 zu laufen. Mir platzt schon fast die Krawatte bei so viel Falschinformation. An Tor 2 dann herrscht unfassbarer Betrieb. Vier Staplerfahrer kreisen umeindander, mindestens fünfzehn Leute fuchteln oder tragen irgendwas mit sich rum und jeder scheint irgendwie beschäftigt. Mir reichts jetzt. Ich stelle mich mitten rein in das Treiben, rufe laut Maaahlzeit und halte meinen Wisch in die Höhe. Die Hälfte der Arbeiter dreht sich jetzt tatsächlich zu mir um. Ich werde in der Folge rumgereicht wie ein gutaussehender Wanderpokal, bis ich schließlich offensichtlich beim richtigen Ansprechpartner lande, der mich bittet im Glastürenbüro Platz zu nehmen. Und dort bin ich nun auf einmal willkommen. Sogar Kaffee wird mir angeboten und der, wie es scheint, Büroleiter fragt mich über Deutschland aus.

Ich werde mit Helm, Sicherheitsbrille und Warnweste ausgestattet, was mir alles noch überraschend vertraut vorkommt und wir suchen im Zolllager meine Kiste. Dort erwartet uns ein Arbeiter, dessen Aufgabe es ist, die Kisten zu öffnen und nach dem Fotografieren wieder zu verschließen. Der aber keinerlei, absolut keinerlei, Werkzeug besitzt. Keinen Schraubenschlüssel, kein Stemmeisen, keinen Bohrer. Niente. Ich ziehe also meinen 10-er hervor und löse die erste Schraube. Er reißt mir freudestrahlend den Schlüssel aus der Hand und beginnt selbst alle Schrauben zu lösen. Dann lüften wir den Deckel und ich schieße meine Bilder auch ohne Bertl rauszurollen. Unter anderem das hier:

Es geht ihr gut. Sie ist wohlauf. Ich kann mir ein geflüstertes „Hi Bertl“ nicht verkneifen als ich sie da so sehe. Es ist wahr. Sie ist echt hier in Kolumbien. Irgendwie kann ich das noch nicht so richtig fassen. Ich mache meine restlichen Bilder und sende sie an LC. Erhalte aber Antwort von Felipe: Bilder sind spitzi. Und nu komm schnell raus. Wir haben Eile. Ab jetzt warte ich, statt LC, auf dich.

Ich frage den Kistenschließer ob er den Rest selbst hinkriegt. Ich hab schließlich Eile und will gehen. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits fünf der 14 Schrauben wieder versorgt. Da fällt mir ein, dass ich den Schlüssel ja brauche, wenn ich die Kiste endgültig öffnen will. Ich frage also den Kistenöffner und -schließer in Personalunion ob ich meinen Steckschlüsselsatz aus aus der Kiste entnehmen könne. Dann könne er den Schraubenschlüssel auch behalten. Klar sagt er und löst wieder alle fünf Schrauben. Ich fische die Ratsche aus der Kiste und verabschiede mich.

Als ich dann meinen Helm etc. im Glastürenbüro abgebe, sticht einer 1,60 m großen und ebenso breiten Spürnase exakt diese Ratsche ins Auge. Ich dürfe doch nichts aus dem Zolllager entwenden keucht er mir entgegen. Ich sage, das leuchtet ein und das müsste ich auch nicht wenn der Kisten-Carlos auch nur über ein einziges Werkzeug verfügen würde und nicht meinen Schraubenschlüssel benutzen müsste. Der benutzt deinen Schlüssel? will Kommissar Kugelblitz nun wissen. Das geht sowieso nicht. Ich dürfe doch nichts im Zolllager zurücklassen.

Das verstehe ich natürlich, erwidere ich, während ich in Wahrheit an meiner Karriere als Axtmörder plane.

Der Kommissar und ich also gemeinsam zurück zum werkzeuglosen Kistenversiegler, der inzwischen nahezu alle Schrauben wieder eingedreht hat. Im Militärton, den ich aus bekannten Gründen nur aus Film und Fernsehen kenne, sagt der Kommissar: Hör ma Jung, der Deckel muss wieder ab. Ich blicke auf mein Handy und sehe neue Nachrichten von Felipe. Wir haben Eile whatsappt er mir ganz ungeniert rein. Ach nee Alter. Was ganz was neues.

Bringt alles nix. Mit nun zwei Schlüsseln ziehen wir die Schrauben wieder aus der Kiste, ich verräume meinen Steckschlüsselsatz darin und muss dann zusehen wie Kisten-Carlos ein letztes Mal die Dinger wieder reindreht und mir strahlend meinen Schlüssel aushändigt. Ich sage danke und spurte los. Jetzt entdecke ich auf dem Handy eine Nachricht von Yair, der mich informiert, dass er nun auf mich wartet. Statt Felipe. Eile hätten wir nun keine mehr. ALTER.

Mit Yair laufe ich vom Hafen zum Zoll. Es gibt Stempel und Dokumente und die Nachricht, dass es das für heute war und wir Bertl erst morgen endgültig befreien werden können. Als hätt ich es gewusst.

Ich laufe zurück ins Hotel, ignoriere den ekligen Halsschmerz, pfeife mir zwei Patronen rein und schreibe Felipe (Luis Carlos‘ Chef) eine Nachricht, dass ich LC bei der Hinfahrt abgelenkt habe. Dass ich ja auch hätte wissen müssen, dass es der falsche Hafen war. Dass LC danach alles unternommen hat um den Fehler auszubessern. Und, dass ich hoffe, dass es für LC keine negativen Folgen haben wird.

Mit der nochmaligen Versicherung von Felipe, dass es morgen dann klappen wird, gehe ich ins Bett.

Eile habe ich jetzt nicht mehr.

7 Antworten zu “Tage 33 und 34: Mission failed – Vorerst”

  1. Was für eine Odyssee 🤦‍♂️
    Aber jetzt scheint es ja tatsächlich so auszusehen, daß du die kleine rote Bertl in Empfang nehmen kann.
    Ich drücke alle Daumen….

  2. Habe deinen Blog gerade über vespaonline entdeckt!
    Wünsche dir viel viel Spaß und schön gesund bleiben / werden …
    Viel Spaß mit Bertl! Ich werde deine Reise verfolgen 🙂

      1. Hey Schwagerle 🙂
        natürlich helfe ich dir immer und sehr gerne. Bin froh, das du so ein sonniges Gemüd hast und diese Tortur gut überstanden hast! Du weißt, wir geben alles wenn du Hilfe brauchst.
        Wir denken an dich und vermissen dich.
        Pass auf dich auf.

  3. Größter Respekt, durch so eine Hölle zu gehen, mit einer Mandelentzündung ?! und trozdem noch so motiviert den Text raus hauen dass einem die vor lauter lachen die Tränen laufen.
    Bleib gesund und motiviert.

    1. Glaub mir Thomas, war nicht immer leicht genau das so zu tun. Aber wenn mich die Reisen in der Vergangenheit eines gelehrt haben, dann dass es absolut keinen Sinn macht zu explodieren. Die Lust derer, auf die du angewiesen bist, dir zu helfen, sinkt dann nämlich drastisch… 😉

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