Tage 39, 40 und 41: Der Ficker, Latschen und die Jagd nach dem verlorenen Kennzeichen

Dieser Morgen hält die erste warme Dusche seit fast sechs Wochen für mich bereit. An der heißen Küste habe ich mich zwar nicht wirklich danach gesehnt. Trotzdem kann einem das ganz schön fehlen und im etwas kühleren Medellín bin ich daher ganz froh darüber und koste es voll aus.

Kennzeichen

Zweite gute Nachricht des Tages: Meine Eltern waren schnell. Als ich heute Morgen aufwache, ist das neue (Fake-) Kennzeichen schon per Kurier aufgegeben und unterwegs.

Einerseits sollte ich also keine schlafenden Bullen wecken, denke ich. Andererseits pennen die den ganzen Tag genug und wird mein echtes Kennzeichen gefunden, dann bekomme ich es nur zurück, wenn ich den Verlust auch anzeige. Ich fahre hier also zur Polizei, werde dort aber wieder verjagt. Hier könne man nichts für mich tun, wenn ich das Kennzeichen so weit weg verloren habe. Da leck mich doch die Welt am Arsch. Der Polizist sagt noch, ich solle locker durch die Hose atmen (also sinngemäß) und einfach das Neue installieren, wenn ich es habe. Kein Grund zur Panik. Und mir also entsprechend tatsächlich völlig egal. Dann fahr ich halt ohne rum.

Ich klemme alibimäßig meinen Schlafsack so unter den Gepäckträger, dass man gar nicht sehen kann, dass da was fehlt und fahre drei Stunden im Verkehrschaos von Medellín planlos rum, kaufe mehr Spanngummis, Schrauben und Muttern, ehe ich davon genug habe und mich im Hostel etwas ausruhe, Wäsche mache(n lasse) und die nächsten Tage plane.

Und genau diese Pläne will ich tags drauf in die Tat umsetzen. Ich markiere mir unzählige Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten in der Karte und fahre los.

Pablo Escobars Todesdach

Der erste Punkt den ich ansteuere ist das Dach auf dem Pablo Escobar erschossen wurde. Der Drogenboss ist hier in seiner Heimatstadt immer noch allgegenwärtig. Verhasst und geliebt gleichzeitig. Escobar hat hier viel für die Armen getan. Aber wie andere sagen, nicht aus Nächstenliebe, sondern aus weitaus unlautereren Motiven. Hauptsächlich deshalb weil er so viel Geld hatte, dass er es nicht mehr reinwaschen und verstecken konnte und weil er in die Politik wollte und sich damit Stimmen erkaufen wollte. Gleichzeitig hat sein Terror viel Schmerz, Tod und Leid über die Menschen hier gebracht. Besonders trifft diese Menschen zu sehen, was international und hier vor Ort für ein Hype um den vielfachen Mörder gemacht wird. Vor allem die hier angebotenen Pablo-Escobar-Touren sind der heißeste Scheiß unter hauptsächlich für Koks und Prostituierte hier weilenden Touristen. Der Wirbel, der darum entstanden ist, führt dazu, dass viele hauptsächlich Jugendliche eine Karriere als Narcotraficante immer noch glorifizieren und leider viel zu oft viel zu früh in einem Leichensack der Polizei enden. Dafür will ich nicht auch noch Geld bezahlen.

Das Dach auf dem der fette Sack nach jahrelanger Jagd endlich mit Blei durchsiebt wurde kann ich dann sowieso nicht finden. Vielleicht auch weil ich nur halbherzig danach suche. So brennend interessiert es mich dann nämlich auch nicht.

Blick auf Medellín

Danach steuere ich einen sieben Kilometer entfernten Aussichtspunkt an. Die Straße dorthin ist so eng, dass sie mir keine Möglichkeit lässt, einen Bus vor mir zu überholen. Und so schleiche ich im ersten Gang, fast in Standgas hinter dem stinkenden Fettsack her den Berg rauf, bis ich den Aussichtspunkt erreiche. Der ist kein offizieller Aussichtspunkt, sondern einfach ein Fleckchen an einer Straße in einem, wie es scheint, problematischen Bezirk von Medellín, von dem man eine gigantische Aussicht auf die Stadt hat.

Mit Bertl fühle ich mich nicht so richtig wohl hier. Außerdem habe ich beim Anstieg bemerkt, dass das Licht an meiner alten Dame nicht funktioniert. Für die anstehende Ausfahrt mit dem Vespa Club heute Abend/Nacht sollte das besser gehen. Also beschließe ich erst nochmal ans Hostel zurückzufahren. Das Fehlerbild spricht für eine kaputte Sicherung. Das wäre schnell erledigt. Und Tatsache. Ich tausche die Sicherung. Kicke Bertl an. Und alles funktioniert.

Felipe

Dann fahre ich aus Neugierde zu einer Werkstatt nur zwei Ecken weiter von meinem Hostel, wo ich bei meiner ersten Aufklärungsmission drei Vespas vorne draußen stehen gesehen habe. Mich begrüßt ein leicht verölter Kolumbianer mit Vespas auf dem Unterarm tätowiert. Das ist mal commitment. Bist du der irre Deutsche, der mit dem Ding nach Argentinien fahren will, fragt er mich. Ich glaube ich höre nicht richtig. Jepp, der bin ich, sage ich. Sein Name ist Felipe, er ist ebenfalls Mitglied des hiesigen Vespa Clubs und hat schon gehört, dass ich in der Stadt bin.

Was er für mich tun könne, fragt er. Ich erwähne beiläufig, dass zwei der Stehbolzen meiner hinteren Bremstrommel in den ewigen Rollergründen weilen. Dadurch hält das Hinterrad nur noch an drei von fünf Muttern. Besser als an keiner, aber auf Dauer nicht ideal wenn ständig die Gefahr besteht, dass sich bei 80 Sachen auf einem kolumbianischen Highway das Hinterrad verabschieden könnte.

Ob er das die Tage mal reparieren könne, frage ich den Schrauber. Ich möchte erst mal was essen gehen, dann käme ich zurück. Felipe, wie der Schrauber heißt, denkt ja gar nicht dran mich gehen zu lassen. Lass die Vespa stehen. Wir gehen was essen. Zu Fuß.

Alles klar, Boss. Unterwegs bietet er mir schon an, bei ihm zu wohnen um mir das Geld für das Hostel zu sparen. Ich nehme dankend an. Der Umzug soll die nächsten Tage erfolgen, sobald mein Kennzeichen im Hostel angeliefert wurde. Die Werkstatt ist, wie sich im Gespräch herausstellt, seine. Er selbst hat fünf Vespas. Die älteste ist von 1966 und per Tinte unter die Haut seines Unterarms verewigt.

Wir schlingen unser Essen in uns rein und Felipe drückt dem Kellner etwas Kohle in die Hand. Lädt er mich nach der Einladung zu sich nach Hause auch noch zum Essen ein. Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Als wir zurück an der Werkstatt sind, fehlen mir dann gänzlich die Worte. Bertl steht schon aufgebockt ohne Hinterreifen in der Straße…

Das Rad selbst liegt in der Werkstatt und Felipe höchstpersönlich schreitet zur Tat. Er löst die fünf Muttern, die das Rad an der Bremstrommel halten und löst dadurch die Bremstrommel. Dann schleift er den überstehenden Kopf der zwei kaputten Stehbolzen ab.

Erhitzt anschließend die Stehbolzen…

…und dreht die kaputten Dinger einfach raus. Stattdessen dreht er zwei Schrauben mit Loctite ein und gemeinsam setzen wir alles wieder zusammen.

Dann ersetzt er auch noch meine geliebte blaue Ballenschnur zum Halten der Batterie mit dem dafür vorgesehenen Gummi. Darüber bin ich etwas traurig. Die Ballenschnur war nicht schön, aber selten. Aber natürlich bedanke ich mich artig.

Ich fasse es nicht. Eine Stunde nachdem ich bei Felipe vorgefahren bin, ist schon alles erledigt. Dabei hatte ich das heute nicht mal geplant und war nur aus reiner Neugierde vor seinen Laden gefahren.

Ich bleibe noch ein wenig in seiner Werkstatt und Felipe muss ständig lachen wenn ich ihm wieder und wieder bestätige, dass ich schon die ganze Zeit ohne Kennzeichen fahre. Loco, loco, loco sagt er nur die ganze Zeit. Scheinbar ist das doch nicht nur so ein Kavaliersdelikt wie ich mir das erhofft hatte. Er empfiehlt mir stattdessen zur Polizei zu gehen und diese zu bitten mir eine Art temporäre Erlaubnis zum Fahren ohne Kennzeichen zu geben.

Also zum insgesamt vierten Mal zu den geschätzten Hütern des Gesetzes. Eine temporäre Erlaubnis gibt es nicht. Stattdessen gebe ich aber endlich eine Anzeige auf. So dass niemand ungeschoren mit meiner Nummerntafel Elefanten wildern gehen kann. Das Motorrad solle ich besser stehen lassen, meint mein zuständiger Patrullero. Wenn es ein Streifenpolizist nicht so gut mit mir meint, dann könnte er meine Vespa konfiszieren. Auch das noch. Ich ärgere mich nochmals über meine unfassbare Dummheit. Da warte ich wochenlang auf den Roller und jetzt wo ich ihn habe, verdamme ich mich selbst zum Warten, indem ich dieses dämliche Stück Blech verliere.

Ich prüfe den Sendungsstatus und stelle fest, dass es ganze eineinhalb Tage gedauert hat, meine Sendung von Orsingen-Nenzingen nach Stuttgart zu befördern, wo sie immer noch liegt. Wenn es in dem Tempo weitergeht, dann habe ich das Ding an Weihnachten 2021. Andererseits will ich sowieso ein paar Tage in Medellín bleiben. Es ist also nicht so, dass mich das fehlende Nummernschild in meiner Tour gen Süden ausbremst. Nur schade, dass ich die Ausfahrt mit dem Rest des Clubs dann als Sozius machen muss. Denke ich zumindest in diesem Moment noch.

Latschen, Fucker und Herbert

Wie gut nämlich, dass die Ausfahrt dann heute noch gar keine Ausfahrt ist, sondern nur ein Treffen. Wie jede Woche donnerstags. Felipe, auch Veintitrés (dreiundzwanzig) oder Tuning genannt, nimmt mich in seinem VW Käfer, Baujahr 1966, mit in ein Restaurant namens Jungle.

Der Laden gehört einem anderen Clubmitglied namens Chanclas, frei übersetzt Latschen oder Schlappen, den ich ebenso kenne lerne wie Herbert, beide Vespisti seit Anbeginn der Zeit.

Ich amüsiere mich prächtig. Die Jungs nehmen mich gut auf und ich alte Gagkanone lande auch die ein oder andere gut getimete Pointe. Ich muss aber auch kräftig einstecken für die Misere mit dem Kennzeichen und meine Ausrede, das Ding wegen meiner Rückenschmerzen nicht richtig festgemacht zu haben. Völlig zu Recht. Ist das doch in Wahrheit auch nicht mehr als eine billige Ausrede.

Einen weiteren Vespisti, namens Fucker lerne ich heute noch nicht kennen, höre aber bereits Geschichten über ihn. Die Namen bringen mich noch eine ganze Weile zum Lachen. Die Verwendung selten bescheuerter Spitznamen ist scheinbar etwas was Menschen auf der ganzen Welt eint.

In Latschen’s Laden esse ich wie ein König und gönne mir dazu zwei Hülsen. Als ich bezahlen will, weil es weitergeht zum eigentlichen Clubtreffen, besteht Chanclas darauf, dass ich keinen Cent bezahle. Wieder werde ich eingeladen. Unfassbar. Alles nur weil wir eine Leidenschaft teilen.

Danach treffen wir uns einfach auf einem öffentlichen Platz, kaufen Bier in der kolumbianischen Variante eines Berliner Späti, stehen im Kreis und erzählen wieder Geschichten. Zu uns gesellen sich mit Jenson, Juan Carlos, Hugo und Johnny vier weitere Vespisti.

Jenson grillt mich besonders heftig für meine Rückenausrede und schüttelt den ganzen Abend den ganz großen Salzstreuer über meine noch frischen Nummerntafelwunden. Überhaupt gefällt mir sehr gut, wie die Kameraden kein Blatt vor den Mund nehmen.

Ich werde nacheinander nach James Rodríguez, Rammstein und Hitler befragt und beantworte jede Frage gewissenhaft.

Hugo spricht mir eine Ähnlichkeit mit Andre Schürrle zu und lässt mich eiskalt abblitzen, als ich sage, dass ich doch viel eher wie der junge Marco Reus aussehe.

Johnny ist der Präsident des Vespa Clubs und hat exakt dieselbe Tour bereits hinter sich, die ich noch vor mir habe. Mit 25 ccm mehr, seiner Ehefrau und Gepäck für Zwei mit auf der Vespa. Ein Jahr lang waren die beiden unterwegs. Ebenfalls von Kolumbien bis runter nach Feuerland. Irre. Er bietet mir seine Hilfe für den Fortgang der Tour in Form von Ratschlägen und Kontakten in der Vespa Community an. Darauf werde ich sicherlich noch gerne zurückkommen.

Um circa 1 Uhr nachts beenden wir das Ganze und Herbert nimmt mich auf seiner PX150 mit zu meinem Hostel, wo er sich erst verabschiedet, nachdem er meiner Bertl noch eine herzliche Umarmung gegeben hat. Genial. Die Typen haben für meinen Geschmack exakt das richtige Maß Irrsinn.

Neues vom Kennzeichen

Da mein Kennzeichen am nächsten Morgen bereits Madrid in Richtung Kolumbien verlassen hat, beschließe ich es heute nochmal ruhig anzugehen und dann so richtig loszulegen, wenn ich die Nummerntafel habe. Ich kaufe endlich mal eine Regenjacke, da ich meine alte vermutlich in der verlorenen Stadt verloren habe. Wie passend. Außerdem Müllsäcke um mein Gepäck bei Regen vor dem Wasser zu schützen. Der Plan ist zwar bei Regen eigentlich gar nicht zu fahren. Aber ich denke nicht immer werde ich diesbezüglich eine Wahl haben.

Werkstattgespräche

Außerdem hänge ich ein wenig in Veintitrés‘ (seine Startnummer als Motorradrennfahrer) Werkstatt ab. Wir führen wieder völlig sinnbefreite Gespräche und gehen wieder zusammen zum Mittagessen, das endlich mal ich bezahlen darf. Veintitrés lädt mich zu einer Hotel-Eröffnungsfeier am heutigen Abend ein, wo auch die anderen Clubmitglieder wieder anzutreffen sein werden. Außerdem muss ich wieder Rammstein übersetzen, sehe wie man während der Reparaturphase einen verrosteten Tank umgeht…

…und Felipe zeigt mir stolz seine Goldene.

38 PS, also etwa 30 mehr als Bertl, bringt dieses Geschoss auf die Straße. Felipe’s Ziel sind 57. Beim Anfahren muss er jetzt schon mit seinem ganzen Kampfgewicht über den Lenker hängen, da das Vorderrad aufgrund der Power automatisch hochzieht. Während wir da so um seine Goldene herumstehen, habe ich wieder einen deutschen Moment, als ich ihn frage, ob er das Ding legal in der Form fahren dürfe. Er lacht und kann die Frage absolut nicht nachvollziehen. Ob das keine Probleme mit der Polizei gibt, frage ich in anderen Worten. Er lacht wieder und sagt mir, dass die Polizei ihn maximal anhält um Bilder von seiner Vespa zu machen.

Fürs private Fotoalbum.

Das Kennzeichen

Und während ich diese Zeilen tippe, hat es mein Kennzeichen bereits durch den Zoll in Bogota geschafft. Ich bin also optimistisch, dass ich es spätestens morgen in Händen halte. Jetzt gehe ich aber erst Mal ein Hotel eröffnen. Wieso? Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Vermutlich aufgrund meiner Ähnlichkeit mit dem frühen Marco Reus.

4 Antworten zu “Tage 39, 40 und 41: Der Ficker, Latschen und die Jagd nach dem verlorenen Kennzeichen”

  1. Hey Marco,
    Pass auf dich auf und weiterhin viele tolle Begegnungen. Schreib weiter so interessant wie bisher.
    Hast du gehört dass der junge Hauber Wohnland Hauber, in Kolumbien ermordet wurde!
    Ich wünsche dir viel Glück, Spaß und komm gesund wieder. Uns wünsche ich noch ganz, ganz viele tolle, interessante und so amüsant geschriebene Geschichten von dir.
    Gruß Wilfried und Carmen

  2. Ha, die wollen einfach mit der richtig krassen Prominenz ihr Hotel eröffnen, mit dem besten deutschen Vespisti in ganz Südamerika.
    Kennzeichen drann und ab dafür.

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