Tage 42 und 43: Fear and Loathing in Medellín

Ayyyyy Pappppppi, Medellín hat mich und lässt mich nicht mehr los. So sehr ich einerseits Bertl weiter gen Süden reiten will, so sehr will ich auch hier noch einige Tage genießen. Und wenn ich eines gelernt habe in meinen bisherigen Reisen, dann, dass es nie eine gute Idee ist einen Ort zu verlassen, während es einem noch gefällt. Die neue Destination kommt einem automatisch uncooler vor.

Hotel eröffnen für Profis

Zunächst bin ich ja aber eh zu Gast bei der Hoteleröffnung. Alles was ich dafür tun muss, ist meine Vespa öffentlichkeitswirksam vor dem Hotel zu parken. Dieses befindet sich zufällig neben Veintitrés‘ Werkstatt und er nutzt die Chance für etwas Werbung.

Die Motive für meine Einladung sind mir aber eigentlich egal. Hauptsache ich bin am Stizzle. Und so machen Pipe (ein anderer Spitzname von Felipe/Veintitrés), Helver, wie der zuletzt als Herbert bezeichnete Vespisti eigentlich heißt, deren Freundinnen und zwei weitere Freunde von Pipe und ich das Hotel unsicher.

In jedem Stockwerk gibt es eine andere Attraktion. Wer etwas spechten will, muss in Etage 3 die Klingel klingeln um von einer behandschuhten Hand durch einen Vorhang ein kleines Corona gereicht zu bekommen.

In Stockwerk 5 spielen auf einer kleinen Bühne nacheinander diverse Live Bands. Und auf der Dachterrasse findet eine Silent Disco statt, bei der die Musik über an die Gäste verteilte Kopfhörer in die Ohren dringt und man die Wahl zwischen drei Kanälen hat. Sehr fancy, der ganze Bums hier.

Wir sieben passen hier rein wie ich in Skinny Jeans. In der Theorie schon, aber irgendwie doch nicht. Es gibt hier nur einige wenige geladenen Gäste wie uns. Der Rest der Festgesellschaft sind Instagram Influencer, die vom Hotel gratis Eintritt erhalten.

Ich kann nicht anders als nach einer gewissen Anzahl Besuchen in Stockwerk 3 nur noch über die lächerlichen Verkleidungen und die einstudierten Posen dieser abgehalfterten Hohlbirnen zu lachen. Wann immer wieder ein orangehaariger, nasenringtragender Influencer mit Wollmütze und bunten Schuhen um die Ecke biegt, breche ich vor Lachen fast zusammen. Einmal setze ich mich einfach nur ins Treppenhaus und warte bis mir die kamerageilen Insta Famebitches vor die Flinte laufen.

Für die Qualität der obigen Bilder muss ich mich entschuldigen. Das waren Schüsse aus der Hüfte nach 37 Coronitas.

Den absoluten Höhepunkt bilden sowieso diese beiden Kadetten. Damit ich mal ein klares Bild bekomme, erklärt sich Helver (Mitte) für ein Gratis-Corona bereit einen Fanboy der beiden Papageien zu spielen. Diese nehmen ihm die Rolle seines Lebens sofort ab und posieren stolz für ein Foto.

Als der ganze Spuk vorbei ist, reicht es Helver und mir noch nicht und wir ziehen noch weiter in Fucker’s Bar. Fucker braut das ausgeschenkte Bier selbst. Und tatsächlich schmeckt sein Helles, das auch wirklich so heißt, nicht übel.

Vespas, Grillen, Bier und Classic Rock

Am nächsten Tag wache ich irgendwann nach 12 Uhr verkatert auf und beglückwünsche mich selbst zum offiziell ersten richtigen Rausch auf kolumbianischem Grund und Boden. Der war es wert. Viel Zeit zum Jammern habe ich aber nicht. Heute Mittag findet ein Event des Vespa Clubs statt. Scheiß auf das Kennzeichen, meint Pipe sinngemäß. Wir fahren mit dem Roller hin. Logo Chef. Ich packe also Isomatte und Schlafsack wieder auf, beziehungsweise unter den Gepäckträger um den Blick dorthin zu versperren wo eigentlich die Nummerntafel hängen sollte und Helver mit Gattin, sowie Pipe und ich fahren ein paar Kilometer durch den verstopften Stadtverkehr zum Event.

Als wir dort ankommen, traue ich meinen Augen nicht. Mindestens 30 Vespas am Straßenrand. Das hier ist nur ein Teil davon.

Dazu wird Bier für 2.000 Pesos, also etwas mehr als nen halben Euro verscherbelt und vom Dach der Werkstatt von Jaime wo das alles stattfindet, wird mit Vinyl Musik gemacht. Nicht irgendeine Musik, sondern Classic Rock. Ich bin im Himmel.

All die bekannten Visagen sind wieder da. Jenson, Johnny, Juan Carlos und Hugo Boss, wie Hugo nur genannt wird und passenderweise eine Vespa im Hugo Boss Look fährt. Dazu lerne ich heute jeden der weiteren Vespisti kennen. Da wäre zum Beispiel Edi. Auf dem Foto ganz links.

Mit ihm unterhalte ich mich lange über Fußball. Edi ist der erste Kolumbianer, der den Sportclub Freiburg kennt. Außerdem weiß er mehr über meine Vespa als ich und erzählt dies mit einem Funkeln in den Augen dem Rest der Veranstaltung. Endgültig in die Kategorie „geiler Typ“ rutscht Edi aber dadurch, dass er mich trotz mehrerer Hinweise der anderen Clubmitglieder den ganzen Abend lang nur Walter nennt. Ich muss jedes mal wieder lachen wenn es aus irgendeiner Ecke schreit Waaaalter, cervecita. Den Namen Norman habe er noch nie gehört. Ich solle einfach Walter als solchen akzeptieren. Kein Problem. Edi’s Weltanschauung wird aber endgültig verschüttelt, als sich herausstellt, dass der Typ, auf dem Foto rechts von mir, ebenfalls Norman heißt. Meine Weltanschauung wird dadurch verschüttelt, dass der kolumbianische Norman, wie ich dieselbe Nase zum Äcker umgraben hat. Das kann doch kein Zufall sein.

Da wäre außerdem noch Julio, der mir eine Kappe seines Vespa-Labels Brighton schenkt und vermutlich die einzige Vespa in Südamerika mit Brennstoffzelle fährt.

Im Laufe des Abends lerne ich so nahezu jeden einzelnen Teilnehmer kennen, schüttle hundert Hände und erzähle, selbst nicht davon müde werdend, immer wieder meine Geschichte. Zig Kontaktdaten werden ausgetauscht, Hilfe jeglicher Art angeboten und der Abend könnte nicht besser werden. Bis Edi dann noch den Grill anheizt und mit dem Ventilator auf Volllast für Hitze sorgt um Chorizos anzubraten.

Als sich irgendwann um zwei Uhr nachts die Veranstaltung dem Ende zuneigt, beschließe ich wie viele andere, meine Vespa lieber in Jaime’s Werkstatt stehen zu lassen. Als Gringo besoffen auf einer Vespa ohne Kennzeichen. Darauf kann ich verzichten. Hugo Boss nimmt mich stattdessen auf seiner Vespa mit. Als wir sicher in unserem Viertel angekommen sind, beschließt Hugo, dass es noch nicht reicht und lädt mich noch auf zwei Bier im Eckladen und Pfeife rauchen ein. Um circa vier Uhr morgens bin ich dann doch auch irgendwann mal in der Koje.

Mafia fahren im Vocho

Am nächsten Tag wache ich irgendwann nach 13 Uhr verkatert auf und beglückwünsche mich selbst zum offiziell zweiten richtigen Rausch auf kolumbianischem Grund und Boden. Der war es wiederum wert. Viel Zeit zum Jammern habe ich aber auch heute nicht. Pipe lässt fragen, ob ich Lust habe mit ihm, seiner Freundin und Hündchen Macarena zum Mittagessen zu gehen. Und klar hab ich die. Wieder holt er mich im Vocho, wie der Käfer hier heißt, ab und wir gehen mexikanisch essen. Später kommen noch Helver und dessen Sohn Jacobo dazu und auf Geheiß von Pipe machen wir Quatsch mit den mexikanischen Wrestlingmasken im Restaurant. Es stellt sich heraus, dass alle Welt weiß, was ein sogenannter Boomerang in Bezug auf Fotos bedeutet. Onkel Norbert nach diesem Video jetzt auch.

Wir schauen uns das Video zehn Mal an und liegen tränenlachend am Boden, weil der idiota alemán sich darin nicht bewegt. Pipe, der mich nur noch Carepollo, Hähnchengesicht, nennt, leitet es natürlich gleich weiter an den WhatsApp Gruppenchat des Vespa Clubs.

Helver im Übrigen nennt mich nur noch Tintin, aufgrund meiner angeblichen Ähnlichkeit zu Tim aus Tim und Struppi. Im Original heißt Tim dort Tintin. Ich fasse es nicht. Nahezu exakt vor sieben Jahren in Neuseeland hat mich schon einmal ein Rugby-Spieler der Tasman Mako, also des Clubs, in dem ich mein Praktikum abgehalten habe, Tintin genannt. Scheinbar ist doch was dran. Aber seht selbst. Denn Laura, Pipe’s Freundin, fertigt noch dieses Kunstwerk, ebenfalls für den oben erwähnten Gruppenchat der Vespamigos Medellín an.

In den Vocho gezwängt wie Dosenfisch fahren wir danach weiter ins Barrio Buenos Aires wo Helver’s und meine Vespa noch auf uns warten.

Ich bringe Bertl also wieder sicher in den heimischen Hafen und per Vocho geht es wieder weiter zum Aussichtspunkt El Cielo, der Himmel.

Helver und ich genehmigen uns eine Hülse, nachdem wir uns beim Mittagessen noch geschworen hatten, nie mehr zu trinken.

Danach geht er aber auch schon nach Hause und wir liefern auch Laura in ihrer Bude ab. Pipe und ich ziehen noch weiter ins Jungle, Chanclas Restaurant. Dort treffen wir wieder auf Norman mit Gattin und Mimo, einen weiteren Vespisti, den ich am Samstag kennengelernt hatte. Wahnsinn, wie schnell ich hier Kontakte geknüpft habe, nur weil ich einen fast 40 Jahre alten Blechschaltroller fahre.

Und wieder lädt mich Chanclas auf alles ein, was ich in seinem Laden gegessen und getrunken habe. Verrückt. Dieser Tag endet dann aber glücklicherweise Mal vor Mitternacht und ich wache ausnahmsweise nicht verkatert auf.

Kennzeichen und Rücken

Die mehr oder weniger vespa-freien Tage haben meinen Rücken gesunden lassen. Ich habe die Hoffnung, dass sie während der nächsten Fahrten, aufgrund der neuen Packtechnik erst gar nicht mehr auftauchen werden.

Mein Kennzeichen lag übers Wochenende im DHL-Lager in Medellín. Ich muss erst werktags die Bezahlung per Nachnahme per E-Mail bestätigen. Das erledige ich also heute Morgen (Montag) gleich als erstes. Laut Sendungsverfolgung ist das Schild nun seit etwas mehr als vier (!) Stunden in Zustellung. Ein Lieferwagen nach dem anderen hält vor dem Hostel. Meiner ist (noch) nicht dabei.

Heute Mittag wollen ein paar Jungs vom Club mit mir eine Ausfahrt nach Santa Fe, einem kleinen Pueblo von Medellín machen. Ich hoffe, dass ich das ganze bis dahin legal mit Schild machen kann und nicht ständig im Hinterkopf haben muss, dass die Cops meine Bertl beschlagnahmen könnten.

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