Tage 44, 45 und 46: Klein Hähnchenfresse trifft die Polizei

Ich hoffe also weiterhin darauf, dass mein Kennzeichen noch rechtzeitig eintrifft für die um 15 Uhr angesetzte Tour nach Santa Fé mit Pipe. Vergeblich. Wir riskieren es, Hähnchenfresse, sagt Pipe mit dem Selbstbewusstsein eines Kennzeichenbesitzenden. Bertl also wieder mit Isomatte und Schlafsack aufgerüstet. Tarnen und täuschen.

Wird schon gut gehen. Schließlich bin ich die vergangenen Tage auch immer wieder Mal gefahren, ohne dass was passiert ist.

F*ck the police

Geht es nicht. Pipe und ich sind gerade zwei Blocks gefahren, als ich ein mich sehr beunruhigendes Geräusch in Form einer Sirene vernehme und im Rückspiegel eine Motorradstreife sehe, die mich auffordert anzuhalten. Pipe signalisiert mir gleich meinen Schnabel zu halten und übernimmt das Reden.

Das Kennzeichen ging verloren. Der arme Tourist war auch schon bei der Polizei um es anzuzeigen. Und aktuell sind wir auf dem Weg zu DHL um das neue Kennzeichen abzuholen, lügt Pipe den Cops was vor.

Ohne Kennzeichen dürfe das Fahrzeug nicht bewegt werden. Ob Tourist oder Einheimischer spielt keinen Roller (brillant, ich weiß), erwidert Cop 1.

Wir schieben den Roller zurück ans Hostel und alles ist vergessen, kompromissvorschlägt Pipe in die Runde.

Das können sie leider nicht machen, meint die Polizei. Denn das ganze Vergehen ist mit der Bodycam der Polizisten aufgezeichnet und muss deshalb offiziell abgewickelt werden. Das heißt Beschlagnahmung des Fahrzeugs.

Ich verstehe was vor sich geht, mime aber die ganze Zeit den Verständnislosen und mache mein traurigstes, verstörtestes Gesicht, dass ich machen kann und lege mein Schicksal in Pipe’s Mechanikerhände. Und der Mann liefert. Er redet weiter auf die Cops ein, bis diese sich bereit erklären, dass ganze fahren zu lassen, wenn wir den Roller per Abschleppdienst zurück ins Hostel bringen. Pipe macht einen Anruf und fünf Minuten später steht ein Kumpel von ihm mit Pick Up und Auffahrrampen parat und veranlasst damit die Cops zu verschwinden. Ich bezahle 20.000 Peseten, bisschen mehr als EUR 5,- und wir bringen Bertl zurück ans Hostel. Das ging nochmal gut. Dank Pipe’s Diplomatie und meinem Dackelblick. Die zwei großen D’s der Verhandlungstheorie.

Das neue Kennzeichen

Wir warten also ein wenig am Hostel und ein paar Minuten nach dem ganzen Spuk, liefert der Zalando-Mann mir dann tatsächlich mein Kennzeichen aus. Pipe macht sich gleich an die Arbeit und nach wenigen Minuten ist alles erledigt.

Für Santa Fé ist es nun aber zu spät. Scheiß Äquatornähe. Spätestens um 18:30 Uhr ist es hier stockdunkel. Und zwar ganzjährig.

Unterwegs mit General Lee

Also disponiert Pipe um. Er ruft seinen besten Kumpel, namens Pablo an, und gemeinsam heizen wir einfach noch insgesamt fast 50 km auf die Medellín umgebenden Anhöhen hoch bis auf 2.550 Meter, essen Pizza und fahren wieder heim. Auch gut. Fühlt sich gut an. So ganz legal. Also fast. Denn TÜV-Stempel und Stempel des Landes Baden-Württemberg fehlen halt.

Pablo fährt wie fast alle eine hier weit verbreitete PX150, gebaut irgendwann in den Neunzigern. Seine hebt sich etwas von der Masse ab, weil sie in General Lee Optik unterwegs ist. Pipe fährt wie üblich seine 38 PS starke the golden.

Für den nächsten Tag ist eine Ausfahrt mit Jonny nach Guatapé geplant. Ausflüge und Gespräche mit Jonny sind deshalb immer interessant, weil er derjenige ist, der 16 Monate lang mit seiner Frau und Gepäck für zwei Personen sowie Campingausrüstung auf der Vespa ebenfalls ganz Südamerika durchquert hat. Jonny ist freischaffender Fotograf und hat um 16:00 Uhr einen Termin, weshalb wir schon um 07:30 Uhr los machen.

Guatapé

Die ersten 50 km verlaufen auf einem zweispurigen Highway aus Medellín raus. Der bietet zwar schon wieder schöne Blicke auf das im Tal liegende Medellín. Schöner sind aber die folgenden 35 Kilometer, die sich durch grünste Berg- und Talszenerie schlängeln. Wir halten bei der Réplica del Peñol. Einem Nachbau eines in diesem Stausee unter Wasser liegenden Pueblo. Der Nachbau besteht allerdings nur aus Läden in denen uns versucht wird Kitsch anzudrehen. Daher interessiere ich mich mehr für den Ausblick auf den See selbst.

Danach nehmen wir die letzten 15 km in Angriff. Bis zum eigentlichen Highlight, dem Peñón de Guatapé, dem Felsen von Guatapé.

Ein etwa 200 Meter hoher natürlich aus der Umgebung ragender Felsen von dem aus man einen genialen Ausblick auf die umliegenden, durch Anlegen des Stausees, künstlich geschaffenen Inseln hat.

Bei einem Bier auf dem Felsen erzählt mir Jonny viel über den See, die umliegenden Pueblos und auch seine Tour. Ich lausche gebannt.

Danach fahren und schlendern wir noch durch den extrem touristisch geprägten Pueblo Guatapé…

…und machen die obligatorischen Bilder vor dem Schriftzug des Pueblos.

Jonny fährt übrigens ebenfalls eine PX150, wie die zuvor erwähnte General Lee Vespa von Pablo.

Auf dem Rückweg kommt uns dann auch noch, der in Guatapé lebende, Edi auf dem Roller entgegen. Wir schnappen noch nen Saft und Edi begrüßt mich mit einem langgezogenen Walteeeeeeeer, que tal? Ich liebe den Vogel.

Wir verabschieden uns und Jonny und ich fahren den Rest der Strecke zurück nach Medellín. Ich verabschiede mich von Jonny und schaue auf dem Rückweg noch schnell bei Pipe in der Werkstatt vorbei und bekomme den Auftrag den dort wartenden Pablo nach Hause zu fahren. Pipe würde es ja selbst machen, hat dafür ja 38 PS aber halt nur einen Sitz auf seiner Vespa. Also fahre ich mit meinen lausigen knapp 7 PS und einer aufgrund der Höhe bereits unter Leistungsverlust leidenden Bertl die 130 kg Lebendgewicht von Pablo nach Hause. Was Pablo gemacht hätte, wenn ich nicht zufällig aufgetaucht wäre, weiß ich nicht. So läuft hier aber irgendwie alles. Vorausgeplant wird hier nicht.

Jedenfalls bekomme ich dort von den beiden Müttern von Pablo noch frischen Saft und Kuchen für meine Dienste. Auch gut.

Latschen, die Dritte

Später lädt mich nun schon zum dritten Mal Chanclas in seinem Restaurant ein. Es war ihm ein Anliegen mich vor seinem heute beginnenden Urlaub nochmals zu sehen. Wir reden noch ein wenig und am Ende schenkt mir auch der Mann eine Kappe. Irgendwas stimmt mit meiner Frise nicht, vermute ich.

Chanclas dreht eine Runde auf Bertl und gemeinsam mit Pipe machen wir noch ein Erinnerungsfoto vor dem Restaurant ehe Latschen, wie ich ihn nur nenne, sich verabschiedet.

Für den nächsten Morgen nehme ich mir nichts vor. Ich habe etwas Reiseorga zu erledigen und will nun außerdem mal die nächsten Tage planen. Das nimmt meinen ganzen Vormittag in Anspruch, bis ich zu dem Schluss komme, dass alles viel einfacher wäre, wenn ich denn noch einen Monat länger in Kolumbien bleiben könnte. Dafür benötige ich aber einen weiteren Monat Versicherung für Bertl.

SOAT

Ich setze mich also auf meine italienische Dame und fahre zu Büro Nummer 1 in dem mir geholfen werden soll. Davon wissen die Leute dort nur blöderweise nichts und verweisen an eine andere Adresse. Wäre ja auch wirklich mal was neues wenn alles gleich im ersten Anlauf klappen würde.

Ich tippe die Adresse in mein Handy ein und starte die Motoren. 20 Minuten durch stinkenden, heißen, verstopften Medellíner Stadtverkehr. Quer durch zwischen Bussen, LKW und Taxis von einer Spur zur nächsten, über den Gehweg, zurück auf die Straße. Nur so kommt man voran. Wer nicht mitmacht, geht unter.

An der mir gegebenen Adresse angekommen, meint der, sich in seinen Sechzigern befindende, Schranken-Sergio, dass ich hier völlig falsch bin. Ich bin zwar an der Adresse, die mir in Büro 1 gegeben wurde. Die ist aber falsch. Was dort ein Teil der hier immer aus zwei Nummern bestehenden Hausnummer ist, ist eigentlich die Nummer der Querstraße, erklärt er. Oder so. Hab ich selber nach fast sieben Wochen noch immer nicht kapiert.

Schranken-Sergio hilft mir die korrekte Adresse in mein Handy einzutippen und ich quäle mich weitere 25 Minuten durch den grausamen Stadtverkehr. Und zu meiner eigenen Überraschung finde ich tatsächlich den Schuppen, der mir helfen soll meine Versicherung, hier SOAT genannt, zu verlängern.

Ich ziehe also eine Nummer in der Kategorie SOAT und warte geduldig. Kennt man ja von der Zulassungsstelle.

Als aber nach einer halben Stunde immer noch kein einziger Auftrag der Kategorie SOAT, sondern nur aller anderen Kategorien bearbeitet wurde, da frage ich dann doch mal nach, wann ich denn mit Bearbeitung rechnen kann.

Oooooh, SOAT, wir dachten jetzt nicht, dass wirklich jemand dafür da ist. Daher haben wir nur die anderen Kategorien bearbeitet.

Ich sage, aber Freunde, ich hab doch hier ne Nummer gezogen, meinen Zettel hochhaltend, also muss doch klar sein, dass jemand dafür da ist?

So einfach ist das nicht… Ist auch egal… Bitte warte dort drüben…

Sichi, mein Alter. Weitere 15 Minuten vergehen und dann werde ich wirklich aufgerufen. Und ich kann nicht glauben wie problemlos die Dame hinterm Schalter dann einfach einen weiteren Monat SOAT für mich ausstellt. Bertl und ich dürfen nun also offiziell bis 21. Oktober in Kolumbien bleiben. Dadurch kann ich sowohl etwas länger in Medellín, als auch zur größten Veranstaltung für Blechroller in ganz Kolumbien, Mods vs. Rockers, in zwei Wochen in Bogotá gehen. Eile hab ich nicht und so ein Event will ich mir schließlich nicht entgehen lassen.

Wie ich erst danach erfahre, werden Pipe und Pablo ebenfalls gehen und Pipe wird beim Viertelmeilenrennen vor Ort sogar mit the golden antreten.

Alles spitzi also. Aber das ganze hat ganz schön Zeit gekostet. Eigentlich wollte ich mit Pipe um 15 Uhr nun endlich nach Santa Fé fahren. Als ich um 15:30 Uhr an seiner Werkstatt ankomme, sagt er, jetzt ist zu spät, Hähnchenfresse. Machen wir lieber Barbecue in meinem Haus.

Auch nicht verkehrt. Wir gehen Fleisch kaufen und fahren zu seinem Haus. Pipe’s Haus liegt in einem Pueblo, etwa eine halbe Stunde außerhalb von Medellin und auf 2.200 Metern. Die Straße hier her ist übel und mehrmals entschuldige ich mich bei Bertl für das was ich ihr hier antue. Ich ziehe bei der Gelegenheit dann aber auch gleich einen Teil meines Hausstands zu Pipe um, da ich nun nach fast einer Woche doch endlich von seinem Angebot Gebrauch mache und ab sofort gratis bei ihm wohne.

Der Blick von Pipe’s Haus auf Medellin ist genial.

Dazu ist es hier oben wunderschön ruhig und die Luft ist reiner als rein. Bei Bier, Wein, Spareribs und Hüftsteak geben mir Pipe und seine Freundin Laura Unmengen Tipps für meine Reise gen Süden. Träumchen.

Off-Topic

So sieht übrigens ein vernünftiger Biker-Teint aus, Freunde. Modell Kolumbianer bis zum Ellbogen und ab da Modell „Katze aus der Alpina Weiß Werbung“.

1 Antwort zu “Tage 44, 45 und 46: Klein Hähnchenfresse trifft die Polizei”

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