Tage 47, 48, 49, 50 und 51: Pimmelgesicht und Hähnchenfresse auf großer Fahrt

In dieser Ausgabe von Onkel Norbert’s Ferien auf dem Bauernhof wird er zum deutschen David Attenborough. Außerdem im Gepäck: Eine geänderte Route.Wieso ich das nicht schon immer so machen wollte weiß ich nicht. Aber der neue Plan sieht nun eine Umrundung Südamerikas vor. Je nach politischer Lage durch (pink) oder um Venezuela herum (grün). Ist ja noch bisschen Zeit bis ich wieder hier oben ankomme.

Aufgrund einer Rückfrage, außerdem der Hinweis, dass der WhatsApp-Beitragsnewsletter nicht voll ist und auch nie sein wird. Die Kapazität dessen ist ebenso unendlich wie die Testversion von WinRAR. Weiterhin gilt, einfach diesen Anweisungen Folge leisten wenn ihr per persönlicher WhatsApp-Nachricht über Beitragsneuerscheinungen informiert werden wollt…Aber ab an die Nacherzählung ereignisreicher fünf Tage.

Drähtlefuchsen will gelernt sein

Der neue Tag startet mit einer Zwangspause. Selbst verschuldet. Beim Einziehen des neuen Kabelbaumes als Vorbereitung für die Tour, habe ich die Kabel hinten links an der Batterie nicht korrekt verlegt. Nämlich außen, statt innen, wo sie hingehören. Durch die Hitze des Auspuffs in Verbindung mit der Vibration und dem dadurch auftretenden Scheuern am Rahmen, haben sich der umgebende Schrumpfschlauch und zwei Kabel aufgewetzt, weshalb sowohl vorne als auch hinten das Licht in Streik getreten ist. So gerne ich von mir behaupte die Karre so gut zu kennen, so sehr holt mich Pipe immer wieder auf den Boden zurück, wenn er mir zeigt, wo ich überall gepfuscht habe. Aber ich habe kein Problem damit, mir das einzugestehen. Im Gegenteil. Ich sehe es als Gratislektion an.

Da außerdem meine Vergasereinstellungen an die Höhe angepasst werden müssen, stelle ich heute Morgen meine Bertl zu Pipe und erkunde meine nähere Umgebung auf zwei Beinen statt zwei Takten. Unspektakulär. Langweilig. Nicht der Rede wert.

Vergaserseminar

Gegen 12 etwa informiert mich Pipe, dass alles erledigt ist. Ich hole Bertl ab, drehe eine Testrunde und bin schwer überrascht wie gut die Alte oben raus wieder durchzieht. Pipe sieht bei meiner Rückkehr von der Testfahrt wohl das breite Grinsen in meiner bleichen Hähnchenfresse und begrüßt mich mit einem freudestrahlenden noventa y cuatro. Soll heißen: Eine 94er-Hauptdüse versorgt in meinem Vergaser jetzt Bertl mit Sprit. Anstelle der bisher verwendeten 104er. Die Nummer entspricht der Größe des Durchlasses für den Benzinfluss. Zehn Nummern kleiner sind bei einem Vergaser Welten und erklären die Schwierigkeiten, die ich mit der Power meiner alten Lady in den letzten Tagen hatte.

Den Zusammenhang habe ich glaube ich schon Mal erläutert. Aber schadet ja nicht, es ein zweites Mal zu machen. Hier in Medellin, auf mehr als 1.500 m, ist vereinfacht gesagt weniger Luft vorhanden. Damit das Verhältnis zwischen Benzin und Luft wieder korrekt ist, muss auch die Benzinmenge nach unten reguliert werden. Daher die Verwendung einer um zehn Nummern kleineren Hauptdüse.

Seit Tagen macht Pipe übrigens Witze, weil ich ihn in einem schwachen Moment gefragt habe, ob er sich um meinen Dell’Orto kümmern kann. Bei Dell’Orto handelt es sich um den Hersteller meines Vergasers. Gleichzeitig bedeutet Orto auf Spanisch aber offenbar auch After, was mir dieser Wicht Pipe seither in jeder Situation vor den Bug knallt.
Heute sagt er: Hey Hähnchenfresse, ich hab mich endlich um deinen After gekümmert. Ich hoffe es gefällt dir.
Ich sage: Danke vielmals Careverga, Schwanzfresse, wie ich Pipe inzwischen nur noch liebevoll nenne.

Cerro El Volador

Ich schnappe meine spritzigere alte Dame und cruise etwas durch Medellín. Als ich keinen Bock mehr auf zielloses Rumfahren hab, checke ich die Landkarte und steuere den Cerro el Volador an. Ein Hügel, der mitten aus Medellín heraussticht und außerdem der größte Naturpark in der Region. Soweit ich kann, fahre ich mit Bertl, bis eine Schranke und der zugehörige Schrankner (?) der Meinung sind, dass es hier nicht mehr weitergeht. Ich stelle meine Perle also auf dem nebenan liegenden Parkplatz ab und habe Glück, dass mich eine Mitarbeiterin des Parks, die zuvor eine Rollstuhlfahrerin nach unten befördert hat, auf ihrem Roller auf einer breiten Straße mit nach oben nehmen kann. Bloß nicht zu viel laufen du bleicher Fettsack, mahne ich mich selbst an, während ich auf dem Roller sitzend versuche die wohlduftenden Haare meiner Fahrerin aus den Augen zu friemeln.Zwei Minuten später oben angekommen, weist mich jene Fahrerin noch darauf hin, hier oben nicht abseits der Pfade zu gehen und auf dem Weg nach unten nicht einmal auf den abzweigenden Pfaden, sondern nur entlang der Straße zu gehen. Und weil das noch nicht gereicht hat, um mich bei allem Spaß, den ich habe, Mal wieder daran zu erinnern in was für einem Land ich mich doch befinde, erledigt das dann die Reiterstaffel der Polizei, die ich nach kurzem Fußmarsch auf die Spitze des El Volador entdecke und die in diesem Park den ganzen Tag patroulliert.

Ich genieße ein paar Minuten lang die reine Luft, die Ruhe und die Aussicht…

…und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Sehnsüchtig auf die abzweigenden Pfade blickend, die selbst am hellichten Mittag um 14 Uhr von einem Alleinreisenden gemieden werden sollen.

Pueblito Paisa

Unten angekommen, tippe ich mein nächstes Ziel in mein internetfähiges Mobilfunkendgerät ein: Pueblito Paisa. Die Bevölkerung in und um Medellín im Departamento Antioquia nennt sich selbst Paisas. Und beim Pueblito Paisa handelt es sich wieder um einen Nachbau eines typischen Pueblos des 20. Jahrhunderts. Und wieder voller Geschäfte zum Verkauf sogenannter Artesanías. Ähnlich wie schon in Guatapé. Unter Artesanías fällt alles von Kühlschrankmagneten bis Kackpappehalter. Solange Medellín oder Colombia drauf steht. Der Pueblito Paisa befindet sich auf dem Cerro Nutibara, welcher wie der Cerro El Volador einen Rundumblick auf Medellin ermöglicht. Aber halt ohne die Gefahr Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls zu werden. Einen Tod muss man (im übertragenen Sinne) halt sterben.Abends fahre ich einfach wieder mit Pipe, der alten Pimmelfresse, durch Medellín. Wir treffen eine Freundin von ihm und gönnen uns Perros, die kolumbianische Variante von Hotdogs.Auf dem Heimweg reißt Pipe dann zwar der Kupplungszug. Trotzdem kehren wir noch in der ein oder anderen Kneipe, nahe seines Hauses im Pueblo San Cristóbal ein, ehe wir die letzten Meter zu seiner Bude fahren, wo Hund Chici und Kater Malossi (kein Scheiß) auf uns warten. Malossi ist eine italienische Firma, die unter anderem Zylinder für Vespas anfertigt. In Pipe’s Leben dreht sich wirklich alles darum. Siehe hierzu auch die Beweisstücke B und C.

Comuna 13

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Ich habe eine Tour durch die berühmte Comuna 13 in Medellin angesetzt.Die Comuna 13 war und ist unter den 16 existierenden eine der am dichtesten besiedelten Comunas Medellíns. In den Neunziger Jahren, im Vakuum, das der Tod von Fetti Mc Fettsack Pablo Escobar hinterließ, tobte hier ein ständig schwelender Konflikt um die Vorherrschaft im Bezirk zwischen Staat/Militär, der marxistischen ELN, der linken FARC und wem sonst noch alles. Es ging um Macht, Teilhabe am Drogenprofit und vielleicht auch ein wenig Ideologie.
Das ganze gipfelte in der Operación Oríon im Jahr 2002 als der hier noch immer unfassbar verhasste (jetzt) Ex-Präsident Uribe das Militär in die Comuna 13 sendete. Panzer und zwei Black Hawk Helikopter des US-Militärs sowie Soldaten und mit ihnen Paramilitärs unbekannter Herkunft nahmen alles in Beschuss was sich bewegte. Alte, Frauen, Kinder. Mit weißen Bettlaken baten die Anwohner um Feuerpausen. Ohne Erfolg. Vier Tage lang tobte der Krieg. Neben der vielen zufälligen Opfer wurden auch geschätzte 300 Personen ganz gezielt ermordet und in einer Bauschuttdeponie entsorgt. Bis heute ist das Verschwinden von ihnen unklar. Die Überreste in der Deponie nicht identifiziert.

Viele Menschen wurden glücklicherweise auch „nur“ schwer verletzt und erzählen heute in der Comuna ihre Geschichte.

Nach und nach hat man es aber geschafft Medellín von einer Problemstadt in ein Vorbild für andere (nicht nur kolumbianische) Städte umzuwandeln. Medellín verfügt als einzige Stadt Kolumbiens über eine Metro. Dazu fünf Seilbahnen, die die Anwohner der Hänge und die Metro-Stationen miteinander verbinden. Dazu sozialer Wohnungsbau und Projekte wie die in der Welt einzigartigen Freiluftrolltreppen in der „Trece“ (Dreizehn), haben Medellín zu einem Musterbeispiel für Städteplanung gemacht.

Die Rolltreppen verlaufen unter den rot umrandeten Dächern

Die Comuna 13 lockt außerdem Jahr für Jahr Hunderttausende Touristen an um die Graffitis zu bestaunen, in denen unter anderem oben genannte Ereignisse verarbeitet werden.

Bis mittags um eins führt uns Juan Pablo, unser Guide entlang der Graffitis und erklärt uns deren Bedeutung.

In diesem zum Beispiel symbolisieren die Vögel die beiden 2002 todbringenden Black Hawks.

Dieses hier wurde auf eine Wand gesprayt, in der sich noch die Einschusslöcher des Konfliktes von damals befinden.

Und in diesem scheißt eine Töle direkt vor die Graffitis der beiden rivalisierenden Medellíner Fußballclubs Atlético Nacional und Independiente Medellín. David Attenborough, die Erste.

Mir persönlich gefällt natürlich dieses Graffiti eines Franzosen namens Ludovic am besten.

Er ist vor einigen Jahren mit einer Vespa durch Südamerika gereist und für einige Monate und Graffitis in der Comuna 13 geblieben. Diese Querverbindung zu meiner eigenen Reise gefällt mir derart gut, dass ich mir ein T-Shirt dieses Graffitis kaufe. Zum ersten Mal verstoße ich gegen meine, mir selbst auferlegte Regel, nur neue Sachen zu kaufen wenn die alten kaputt sind und entsorgt werden müssen. Aber ab sofort trage ich also ein T-Shirt eines Graffitis eines Typs, der mit einer Vespa durch Südamerika gereist ist, während ich mit einer Vespa durch Südamerika reise. Verrückte Welt.

Road to Maceo

Danach mache ich mich auf zu Pipe’s Werkstatt. Pablo von der Pizzaausfahrt besitzt vier Stunden von Medellín in Maceo eine Kakaofarm und hat uns übers Wochenende eingeladen. Er selbst ist mit Pipe’s Sohn im Auto bereits um 11:00 Uhr vorgefahren. Denke ich. Pipe und ich fahren um 16:00 Uhr spätestens mit den Vespas nach. Denke ich. Heute allerdings erst mal nur bis das auf zwei Drittel der Strecke liegende Cisneros. Denke ich.

Denn pünktlich um 15:30 Uhr trudle ich ein um dann doch nochmal zwei Stunden in der Werkstatt zu warten. Zwei Stunden, in denen ich Pipe’s Sohn Marco (9) kennen lerne und Pipe mich darüber informiert, dass wir auf Pablo warten, der doch noch nicht gefahren ist, wir entsprechend später losfahren und wir doch die ganze Strecke nach Maceo fahren. Ich gewöhne mich langsam daran, dass hier alles und ständig umgeplant und ohne Vorabinfo über den Haufen geworfen wird und finde es mittlerweile sogar ganz geil. Kann mir ja theoretisch völlig egal sein. Ich hab Zeit.

Ein wenig Bammel habe ich nur davor, dass nun drei unserer vier Stunden Fahrt bei einer Nacht sein werden, die so dunkel ist, dass dunkler nur die Zukunft der Unionsparteien und eines der kürzlich erstmals fotografierten schwarzen Löcher sind. Doch die Sorgen sind unbegründet. Als wir erst Mal wieder aus dem Medellíner Stadtverkehr raus sind und auf die Landstraße nach Maceo abzweigen, kennt der Fahrspaß keine Grenzen.

Kurvig und mit nagelneuem Asphalt zieht sich die Route bergauf und bergab in Richtung Osten, in Richtung Maceo. Dazu kaum Verkehr und eine Vespa mit perfekt eingestelltem Vergaser. Läuft wie Fließschnupfen.

Genau eine Stunde lang. Dann erhält Pipe einen Anruf von Pablo. Der hat seine Papiere daheim vergessen. Wir fahren also rechts raus und warten bei Empanaditos (kleinen Empanadas) und Limonade eine gute dreiviertel Stunde bis Pablo’s Frau ihm die Papiere bringt. Dann geht die Fahrt weiter. Pipe und ich auf unseren Vespas als hätte uns eine Tarantel von den Ausmaßen eines Sauropoden in den Arsch gestochen. Pablo, einer seiner Mitarbeiter und Pipe’s Sohn im Auto hinterher. Pipe und ich können uns aufgrund des geringen Gewichts unserer Gefährte und der geringeren Größe ohne Probleme LKWs, Busse, das Aida Clubschiff und alles andere schnappen, was uns Hermes, der Gott des Verkehrs, an diesem Abend in den Weg wirft. Außerdem können wir uns ohne weiteres links und rechts an einem Stau vorbeidrücken, der aufgrund eines Unfalls schon etliche Kilometer vor Cisneros beginnt.

Cisneros selbst liegt nochmals etwa 45 Kilometer vor Maceo. Wir machen also Halt in Cisneros und wollen „kurz“ auf Pablo warten, während wir gebannt einer kolumbianischen Seifenoper im Tankstellenrestaurant-TV folgen. Eine Stunde vergeht, die Seifenoper wird ersetzt durch die kolumbianische Variante von Cobra 11 und weiter keine Spur von Pablo. Pipe ruft den Mann also an und erhält die erschütternde Antwort, dass sie sich seit über einer Stunde keinen Meter bewegt haben. Inzwischen ist es nach 22 Uhr und das Tankstellenrestaurant schließt die Pforten. Wir laufen also etwas rum und finden einen Pavillon in dem zwei Frauen mit Schürzen sitzen. Jibbet noch wat zu essen? Will Pipe wissen. Zeit haben wir ja schließlich. Klar, meint die ältere der beiden Damen. Carne asada und feuert extra für uns nochmal den Holzkohlegrill an. Carne asada, dünngeschnittenes, gegrilltes Rindersteak. Dazu Maniok und Reis. Nicht schlecht für einen Pavillon am Straßenrand nachts um inzwischen halb elf. Im Gespräch, in dem Pipe den beiden versichert, dass mein echter Name Carepollo ist, stellt sich heraus, dass die beiden Schürzendamen Mutter und Tochter sind. Mutter hat nicht nur einen gruseligen Blick drauf, tanzt aufreizend vor uns zu kolumbianischer Vallenato-Musik, dem Äquivalent zu Andy Borg und dem Rest dieser abgehalfterten Geisterbahnfiguren, sondern fragt mich als Pipe Blase entleeren geht auch noch no te gusta mi hija? Gefällt dir meine Tochter nicht? Ich druckse ein wenig herum. Sage si si, por supuesto. Doch doch, natürlich. Darauf erwidert die alte Schreckschraube: No quiere quedarse aquí? Willst du nicht hierbleiben? Ich druckse noch mehr herum als ich jemals in meinem Leben gedruckst habe, sage, noo, ich muss doch zurück nach Deutschland woraufhin der alte Kahn einen kritischen Blick aufsetzt und wieder fragt, no te gusta mi hija? Mir langt es jetzt und ich sage, Entschuldigung, ich muss jetzt auch mal pissen. Bis gleich. Als ich vom Lokus zurückkomme ist glücklicherweise Pablo bereits eingetroffen.

Es ist schon fast 23 Uhr als wir uns an die Weiterfahrt machen. Wieder nach dem selben Muster. Die zwei Vespen bilden die Vor-, Pablo die Nachhut. Pipe und ich überholen bei durchgezogenen Linien und Überholverbot zunächst die Polizei selbst und dann vor deren Augen weitere Autos und LKW. Als ich Pipe darauf anspreche, zuckt der nur mit den Schultern. Das kümmert die hier nicht…

Um etwa Mitternacht erreichen wir endlich den Pueblo Maceo. Das Problem? Pablo’s Finca liegt nicht im Pueblo, sondern nochmal 15 Kilometer außerorts. Also wieder los. Diesmal Pablo voraus und wir hinterher. Die Straße weicht einem Schotterweg mit teils handballgroßen Steinen auf dem Weg. Absolut nicht vespageeignet dieser Weg. Als hätte es dafür einen Beweis gebraucht, reißt Pipe irgendein Verbindungsschlauch zwischen Vergaser und Zylinder. Oder so. Dieses Gefährt ist noch so viel Original-Vespa, wie Putin „lupenreiner Demokrat“ (danke Gerhard), weshalb ich absolut nichts davon verstehe. Pipe fährt die letzten Kilometer also in Pablo’s Karre mit, während ich mit Bertl den Rest des Weges bezwinge. In Pablo’s Finca angekommen, bleibe ich mit Marco zurück, während der Rest der Versammlung Pipe’s Vespa mit dem Pick-Up einsammelt. Als alle wohlbehalten zurück an der Finca sind, ist es 2 Uhr nachts und als wir nach einer Hülse Weidmann German Premium Beer aus Hannover in die Kojen gehen sogar 3 Uhr.

Pablo’s Finca

Als ich dann am nächsten Tag um 12:30 Uhr erwache, bin ich in der Finca allein. Also fast. Ein paar Mitarbeiter von Pablo sind ebenfalls da. Der Rest meiner Reisegruppe ist in den Pueblo gefahren und versucht das Ersatzteil für Pipe’s Vespa zu besorgen. Ich nutze die Zeit um die Gegend um die Finca etwas zu erkunden. Nicht zu weit. Und mit viel Umsicht. Denn ich habe das Video, das mir Pablo letzte Nacht gezeigt hat nicht vergessen, das eine meterlange Boa zeigt, die sich um einen der Bäume um die Finca schlängelt.

Mein Lieblingsbild dieser Erkundung zuerst. Richard Attenborough, die Zweite. Im Hintergrund die tolle Landschaft Antioquias. Links, ein seichender Gaul.

Außerdem gibt es rund um Pablo’s Finca Orangenbäume, Guanábanabäume, frische Luft und viel Ruhe. Ein herrlicher Ort.

Fluss der Enttäuschung

Irgendwann mittags kehren die anderen zurück. Ohne Ersatzteil. Darum kümmern wir uns später, sagt Pipe und lacht. Unfassbar. Ich würde nicht so entspannt bleiben, wenn es um meine Bertl ginge. Gehen wir zum Fluss. Ay ay Capitán. Mit Pablo’s Suzuki Jeep, der ein wenig an den Jeep Willys des US-Militärs erinnert, fahren wir gemeinsam mit der Familie eines Mitarbeiters von Pablo ein paar Kilometer über die Schotterpisten weiter in den Busch und stellen die Karre dann am Wegrand ab.

Sämtlichen Inhalt des Wagens entnehmen wir und verstecken ihn einige Meter im Wald in einem Busch. Eine weitere Erinnerung daran, dass wir uns immer noch in einem gefährlichen Land befinden. Hintereinander laufen wir etwa eine halbe Stunde durch den künstlich angepflanzten Mischwald, teils extrem steile Hänge hinab und am Fluss angekommen, noch einige hundert Meter durch eben jenen. Der Anblick nach dieser Schinderei ist eher ernüchternd. Braune Brühe und ein etwa zwei Meter hoher „Wasserfall„. Das Leuchten in den Augen und der Stolz und die Euphorie mit der mir aber die Familie von Pablo’s Mitarbeiter darüber berichten, zeigt wie besonders das hier für sie ist. Und ich kapiere, dass es das wirklich ist, wenn man kilometerweit von der Zivilisation lebt und nicht davon verwöhnt ist, ein Schwimmbad um die Ecke zu haben oder so privilegiert zu sein, durch die ganze Welt reisen und die schönsten Flecken der Erde sehen zu können. Ich nehme also ein kurzes Bad, wo wir schon mal hier sind und danach machen wir uns auch schon an den Rückweg. Pipe findet noch durch Zufall in Pablo’s Finca das korrekte Ersatzteil für seinen Rennhobel und nach der späten Nachtruhe am Vortag, kommt die heutige umso früher.

Ab nach Hause

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen müssen wir nochmal kurz mit dem Suzuki los um bei Pablo’s Nachbarn Benzin für Pipe’s Vespa zu kaufen. Das Teil zieht enorm, ist aufgrund des hohen Verbrauchs und des kleineren Tanks aber absolut nicht tourengeeignet. Pipe sollte bis Ende des Trips zwei komplette Tankladungen Benzin mehr brauchen als ich. Auf knapp über 300 Kilometer. Um etwa zehn Uhr sind wir parat und machen uns an die Heimreise. Pipe dieses Mal mit Marco auf der extra umgerüsteten Sitzbank.

Cisneros

Erster planmäßiger Stopp ist wieder Cisneros. Dieses Mal aber nicht bei der gruseligen Alten, die mir ihre Tochter andrehen will, sondern in der alten Finca von Pipe’s Opa. Pipe’s Familie hat diese zwar vor Jahren verkauft. Die Mitglieder der Familie, die die Finca aber jetzt bewohnt, sind alte Bekannte von Pipe’s Opa und so werden wir herzlich aufgenommen, bekocht und umsorgt. Für Pipe ist es ein sehr emotionaler Moment. Sein Großvater war sein Idol. Als Kind hat er unzählige Wochenenden hier verbracht. Seinen Sohn Marco hat er nach seinem Großvater benannt.

Ich bin etwas überrascht, ob der Tatsache, dass hier niemanden zu interessieren scheint, wer der lange Blonde mit der großen Nase ist. Schließlich sind wir wirklich mitten in der (Zitat Pipe) puta mierda und Ausländer sind hier eigentlich nie anzutreffen. Ich vermute aber, dass dies der Emotionalität des Augenblicks geschuldet ist und verharre einfach in der Zuschauerrolle. Mir macht das nichts aus. Ich höre gespannt zu, während die beiden Parteien Geschichten über gemeinsame Bekannte austauschen. Irgendwann stellt dann doch mal jemand die Frage wer denn der Mono ist. Mono, das bezeichnet hier eine blonde, helle Person mit heller Augenfarbe. Es heißt außerdem Affe. Ich hoffe und glaube aber, dass der Fragesteller auf erstere Bedeutung aus war. Pipe erklärt wer ich bin und was ich hier mache. Die Großmutter der Familie ist überaus überrascht, ruft ständig, dass doch mal jemand die Kamera holen soll. Schließlich hat man nicht jeden Tag einen Gringo zu Gast. Mach doch jetzt mal, ruft sie der Tochter zu. Nicht dass, der Gringo wieder geht und wir kein Bild haben. Der Gringo soll auf einem der Roller sitzen und dann machen wir ein Bild. Ein Gringo in unserem Haus. Also so was gibt es selten…

Als Sie fertig ist, muss ich dann wirklich noch für Fotos posieren ehe für uns die Reise weitergeht. Nicht allzu weit jedoch. An einer Brücke in Cisneros stellen wir unsere Vespas ab und klettern rechts davon die Böschung hinab zum untenliegenden Fluss. Pipe war hier als Kind oft. Und eigentlich zum ersten Mal in Kolumbien, sehe ich was mir die ganzen Pozo Azules verweigert haben. Wirklich klares Wasser.

Etwa eine Stunde planschen und relaxen wir hier im und am Fluss, ehe wir Mal wieder etwas Kilometer spulen.

Santiago

Bis in einen weiteren Pueblo, namens Santiago. In Santiago gibt es einen ehemaligen Eisenbahntunnel, der nun auf selbst gebauten Karren, angetrieben von Vespamotoren durchfahren werden kann.

Für 5.000 Pesos, also etwas mehr als einen Euro pro Person gönnen wir uns den „Spaß“. Im Tunnel dröhnen die Vespamotoren mehrerer Karren, die Rollen auf den Schienen rasseln schrecklich laut und zu sehen gibt es, was es in einem Tunnel nun mal zu sehen gibt. Nix. Etwa eine Viertelstunde später auf der anderen Seite angekommen, stellt Lokomotivführer Lukas überrascht fest, dass zwei Sicherungssplinte (umgebogene Nägel) der Rollen an seiner Karre fehlen. Pipe und ich sehen uns kurz etwas besorgt in die Augen und sehen dann zu wie unser Kutscher neue Nägel durch die Rollen fädelt und mit einem Stahlrohr umbiegt. Dann kanns ja weitergehen. Denken wir. Denn nach etwa fünf Minuten stottert zunächst der Motor und fällt dann aus. Mit viel Geschrei und Handytaschenlampen kann verhindert werden, dass die folgende Karre auf uns auffährt. Denn Rücklichter? Fehlanzeige. Da der Motor nicht mehr zum Laufen kommt, schiebt uns Karre 2 so lange an, bis auch deren Motor ausfällt. Die letzten paar hundert Meter, legen wir dann im Kriechtempo zurück, angeschoben von Karre 3. Als wir aus dem Tunnel raus sind, atmen wir tief durch und knallen unsere Ärsche auf unsere alten Ladies.

Wir ziehen durch bis Medellín. Mein persönliches Highlight dabei. Dank abfallender Strecke, Rennauspuff und perfekt eingestelltem Vergaser durchbrechen Bertl und ich erstmalig die magische Marke von 100 km/h. Als ich sie ausrollen lasse, klopfe ich ihr anerkennend auf den Lenkkopf. Dass du das zu leisten vermagst habe ich dir nicht zugetraut, Donna Bertl. In Medellín laden wir Marco bei seiner Mutter ab und fahren noch zu Jungle Burger. Da Chanclas im Urlaub ist, darf ich endlich mal meine Rechnung selbst bezahlen. Ich lade Pipe als Dank für das Wochenende auch grade noch ein. Außerdem spare ich dank ihm jede Nacht EUR 5,- für die Übernachtung. Da ist das das Mindeste, was ich tun kann. Wir rasen die paar Kilometer in Pipe’s Haus hoch, nicht ohne, dass dem Mann nochmal der Sprit ausgeht und wir durch einen Schrumpfschlauch zum Schutz von Kabeln aus meinem Ersatzteilrepertoire Sprit aus meinem Tank saugen müssen und ich schlafe nach einem anstrengenden Tag schnell ein.

Wieder Mal Reiseorga

Ich verbringe zunächst den gesamten Morgen damit diesen Artikel zu verfassen, ehe ich mich daran mache einige aufgelaufene Aufgaben der letzten Tage zu erledigen. Pipe hatte mir übers Wochenende erzählt, dass nicht er, sondern einer seiner Mitarbeiter, Jordan, meinen Vergaser eingestellt hat und dafür einen ganzen Vormittag gebraucht hat. Jordan würde sich über ein Trinkgeld freuen, meint Pipe. Und so fahre ich als erstes zu Pipe’s Werkstatt und überreiche Jordan großzügige 30.000 Peseten Trinkgeld, erzähle ihm von meiner 100 km/h-Fahrt und bedanke mich mehrmals bei ihm. Pipe ist gerade unterwegs um Ersatzteile zu kaufen und so müssen die restlichen Aufgaben, die ich hier zu erledigen habe eben warten.

Also fahre ich zur nächsten Tankstelle und kaufe eine neue Pulle Zweitaktöl. Unglaublich, aber die erste, in Cartagena gekaufte Buddel ist schon leer. Kein Wunder. Auf die 667 Kilometer von Cartagena nach Medellín habe ich hier durch Alltagsfahrten und Ausflüge weitere fast 1.000 Kilometer gespult. Die 1.500 km auf südamerikanischem Boden sind schon gesprengt.

Ich esse zu Mittag und fahre nochmal bei meinem Vermieter, Freund und Vespa-Arzt in Personalunion vorbei. Diesmal ist er da. Ich benötige: Eine Schraube inklusive Mutter für mein Trittblech, die sich durch die Vibration auf der Schotterpiste gelöst hat und davon geflogen ist, einen Schlauch zum Ableiten der Batteriesäure, da mir diese bereits das ganze Ersatzrad versifft hat, eine professionelle Meinung zur weiteren Lebensdauer meiner Reifen sowie für die Ersatzteilsammlung je einen Kupplungs- und Bremszug. Außerdem braucht Bertl dringend eine professionelle Reinigung nach der Tour nach Maceo. Dieses Bild vom Motor spricht Bände.

Pipe wirft also einen Blick auf Bertl’s Schlappen und gibt ihnen noch gute 1.500 Kilometer. Sofern wir vorne und hinten tauschen. Er erteilt Jordan den Auftrag das zu erledigen und zu Fuß marschieren wir in der Zwischenzeit in ein Fahrradgeschäft um die Ecke. Für 10.000 Pesos, also etwa zweieinhalb Euro bekomme ich dort zwei Shimano-Züge, universell einsetzbar. Ein Problem weniger. Als wir zurück an der Werkstatt sind, sind es zwei. Jordan war schnell. Die Schlappen sind bereits getauscht. Pipe und ich setzen uns also auf unsere Böcke und ich folge dem Mann zu zig verschiedenen kleinen Buden, in denen er allerlei Ersatzteile aufgabelt. Stehbolzen für einen Zylinder, Reifen und eben meinen Schlauch für die Batterie. Problem 3, gelöst.

Zwei Blocks weiter. Schrauben, Muttern und Federring für das Trittbrett gekauft. Problem 4. Check. Nochmal drei Blocks und wir sind beim Motorradwäscher, einem Kumpel von Pipe, angekommen. Für umgerechnet etwa vier Euro wienern die Jungs eine dreiviertel Stunde lang jeden Quadratzentimeter meiner Bertl.

Einerseits supi, andererseits sollte mir später vermutlich dadurch die Schwingenabdeckung abfallen und vom nachfolgenden Verkehr in Zehntausend Teile gesprengt werden und meine Gepäckfachsteckdose Wasser abbekommen und die lange Reise über den Jordan antreten. Schade, aber wenigstens ist meine Reuse wieder sauber. Problem 5, ebenfalls abgehakt. Und als könnte der Tag nicht noch besser werden, fahren Pipe und ich auch noch Schuhe kaufen. Ich wollte schon länger ein paar Fake Superstars kaufen, damit ich nicht ständig meine guten Trekking-Schuhe im Alltag abnutzen muss. Pipe führt mich in ein Fake-Schuhgeschäft, in dem Schuhe aller Marken einfach durch die Bank 80.000 Peseten, also etwas mehr als 20 Euro kosten. Und da sind sie auch schon. Die Objekte der Begierde.

Wir gönnen uns auf dem Nachhauseweg vom Schuhladen noch die besten Käse-Arepas von ganz Medellín und beschließen in Pipe’s Haus mit dem Abendessen der Champions, Käsebrot und Cola, den Abend.

2 Antworten zu “Tage 47, 48, 49, 50 und 51: Pimmelgesicht und Hähnchenfresse auf großer Fahrt”

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