Tage 52, 53, 54, 55, 56 und 57: Der erste Unfall

Leute, Leute, Leute, ich weiß ich hab aufzuholen. Aber ich komm nicht immer zum Schreiben. Ich muss ja auch noch reisen. Darum jetzt ohne langes Faseln, hier der Bericht der letzten sechs Tage. Und weil die App gerade spinnt, mal ohne Fettdruck und Überschriften. Dafür mit ebenso viel Liebe wie sonst immer 😘

„Früh aufstehen“ bedeutet in Kolumbien sich etwa um acht Uhr aus der Koje zu quälen. Ich dagegen mache heute die deutsche Variante von „früh raus“ und quäle meinen noch immer bleichen, klapprigen Körper um 06:30 Uhr aus der Falle. Ich möchte früh genug dran sein, da ich heute in den Parque Arví möchte. Ich fahre also die paar Kilometer von Pipe’s Bude zu Pipe’s Werkstatt, wo ich Bertl sicher abstellen kann. Zu Fuß geht es ein paar hundert Meter zur Metro-Haltestelle Estadio, wo ich mir ein Ticket bis zur Haltestelle Santo Domingo kaufe und dann zum ersten Mal auf lateinamerikanischem Boden eine Metro besteige. Fühlt sich irgendwie immer noch komisch an. Passt so gar nicht zu Lateinamerika. Ich fahre drei Haltestellen und steige um, fahre weitere sechs Haltestellen und steige wieder um, fahre noch vier Haltestellen und bin dann an der Haltestelle Acevedo. Dort wechsle ich von Metro auf Metro Cable, die öffentliche Seilbahn, und erklimme so im Eiltempo den Hang bis ich in Santo Domingo ankomme. Dort wechsle ich noch ein letztes Mal die Seilbahn, so dass mich eben jene aus dem Stadtgebiet raus, erst noch ein Stück bergauf, dann in der Ebene über die, Medellín umgebenden, Baumkronen trägt.

Außerdem mit mir in der Gondel: Eine US-amerikanische Familie, die insgesamt, aber besonders in Person der Tochter, eindeutig zu viel redet. Mein Lieblingsteil der Unterhaltung in Bezug auf durch Lüftungsschlitze in die Gondel strömende Luft beginnt mit folgender Aussage von Töchterchen: „I don’t like the air coming in.

Antwort Mutter: „But that’s good. Makes it a bit cooler in here.

Darauf Töchterchen mit einem sorgenvollen Blick: „Yeah, but that means there must be holes somewhere.

Sauber, Sherlock denke ich und überlege mir wie lange wohl acht ausgewachsene Menschen wie wir in dieser Gondel in einer eben solchen ohne Löcher überleben würden. Ich versuche das Gelaber dieser geistigen Energiesparlampen für den Rest der Fahrt so gut es geht zu ignorieren und den Blick auf das weite Grün zu genießen.

Als ich dann oben im Park aussteige, ist es trotz meines frühen Starts bereits 11 Uhr und ich schlage mir erst Mal den Pansen für unfassbar günstige 3.000 Peseten pro Empanada voll.

Dazu, als Vorbereitung für den folgenden Marsch einen jugo de mora, Morasaft, und ab geht’s.

Hätte ich zumindest gerne. Denn bevor ich den Park erkunden kann, die ernüchternde Nachricht am Eingang, dass das Erkunden auf eigene Faust wegen a) Bandidos und b) der schieren Größe des Parkes, in Verbindung mit nicht vorhandener Beschilderung nicht möglich ist. Einzig eine schöne Picknick-Anlage, erreichbar zu Fuß durch einen Spaziergang eine halbe Stunde entlang der Straße, kann individuell gemacht werden. Für Touren durch den Wald, muss ein Guide für 25.000 Peseten gemietet werden. Ich checke also den Stundenplan für die Touren und laufe zum Picknick-Areal. Dort ist es tatsächlich schön idyllisch und ich höre ein wenig dem Bachgeplätscher und dem Vögelgezwitscher zu…

…ehe ich zurückhetze, um rechtzeitig zur Orchideen-Tour um 14:00 Uhr zurück zu sein. Die Orchidee ist die Nationalblume Kolumbiens und allein schon deshalb interessant. Außerdem sehen Orchideen aber geil aus und die Orchideen hier sollen riesig sein, im Vergleich zu den Mini-Zimmerorchideen, die man halt so kennt. Als ich dann aber um 13:55 Uhr die Kohle für die Tour abrüsten will, teilt mir der laufende Kubikmeter am Eingang mit, dass ich leider der einzige Interessierte bin und die Tour mindestens drei Teilnehmer voraussetzt. Leider steht davon nirgends etwas und im Gespräch zu Beginn, in dem man über die Notwendigkeit des Guides aufgeklärt wird, wird davon auch nichts erwähnt. Ich könne ja eine Stunde warten, vielleicht habe ich um 15 hundert Glück. Dieselbe Tour ist für da nochmal angesetzt. Ich schlendere also etwas herum, trinke noch einen tinto, wie schwarzer Kaffee in einigen Regionen Kolumbiens genannt wird und verdaddle Zeit.

Als ich um 14:55 Uhr wieder vorstellig werde und frage ob es nun mehr Teilnehmer gibt, hat sich ein Schichtwechsel vollzogen. Der laufende Kubikmeter ist nicht mehr da und ihr Nachfolger teilt mir erstaunt mit, dass um 15:00 Uhr keine Tour geplant ist. Woher ich denn die Information habe, möchte er wissen. Ich koche, will aber keine Szene machen. Schließlich war die Fehlinfo nicht von ihm. Mit dem letzten Funken Geduld, den ich habe, sage ich gracias, no te preocupes. Danke, mach dir keine Sorgen, drehe mich um und stapfe davon mit einem Zorn unter der Haube, dass ich dem laufenden Kubikmeter wünsche, dass ihn der Blitz beim Scheißen treffen möchte. Mir langt es jetzt. Ich kaufe mein Ticket zurück und besteige die Metro Cable. Die Fahrt in der Metro Cable ist wieder genial. Der Rest des Tages, naja…

Zurück an Pipe’s Werkstatt bekomme ich dann einen Botenauftrag. Auf dem Rückweg von Pablo’s Kakaofinca sollten wir seiner Gattin in Bogotá eine Thermotasche, wie in Deutschland in jedem Discounter erhältlich, vorbeibringen. Für Pablo sind diese unglaublich wertvoll. Er bzw. seine Frau benötigt sie nämlich einerseits zur Kakaoproduktion und andererseits sind die Dinger in Kolumbien nicht erhältlich. Pipe und ich haben es trotz der uns bekannten Wichtigkeit geschafft, die Tasche im Jungle liegen zu lassen. Und jetzt bekomme ich also den Auftrag diese abzuholen und endlich bei Pablo’s Frau abzuliefern.

Ein wenig fühlt sich das an wie Real Life GTA. Musik und die Anweisungen von Google Maps auf dem Ohr steuere ich durch den dichten Stadtverkehr. Rein ins Jungle, die Mitarbeiter mit Handschlag begrüßt, kurzer Smalltalk, die Tasche abgeholt und weiter zu Pablo’s Haus. Küsschen links für Pablo’s Frau, kurzer Smalltalk, die Tasche abgeliefert und zurück zu Pipe’s Werkstatt. Mission abgeschlossen. In meinem Kopf bin ich Victor Vance und es ertönt der kurze Jingle für eine abgeschlossene Mission vom letzten GTA, das ich noch gespielt habe. Vice City Stories auf der Playse 2, Leute. Klassiker.

Pipe und ich essen noch kurz zu Abend und fahren zurück zu seiner Bude. Vermeintlich. Denn unterwegs hat Pipe mehrmals Probleme, weil die Kundenvespa mit der er gerade fährt, das Gas nicht vernünftig annimmt. Als wir mit Mühe und Not an seiner Bude ankommen, nehmen wir also gemeinsam den Hobel nochmal auseinander. Ich habe das nötige Werkzeug, Pipe das Wissen. Er gibt mir Kommandos und lässt mich zur Übung die Arbeiten an der, Bertl größtenteils sehr ähnlichen, Vespa machen und beaufsichtigt diese. Polrad abziehen, Zündspule runter, Vergaser auseinander und reinigen. Jedes Teil wird von ihm genauestens geprüft. Außer einer leicht verstopften Hauptdüse blöderweise ohne Ergebnis. Pipe kommt zu dem Schluss, dass es eventuell Verunreinigungen im Tank waren und macht das Ding ordentlich sauber, während er mich den Rest der Vespa wieder zusammensetzen lässt. So eine Auffrischung, darüber wie die alten Ladies unten rum aussehen, schadet nie und ich gehe trotz der Scheiße im Parque Arví zufrieden in die Koje.

Für den nächsten Tag hat mir Pipe einen Ausflug in den Parque Explora und das Observatorium in Medellín empfohlen. Passenderweise ist der Tag wettertechnisch auch eher so semi. Und so stolziere ich nach und nach durch die nach unterschiedlichen Themen sortierten Gebäude des Parque Explora.

Ich starte mit dem Aquarium in dem, für mich inzwischen wenig überraschend, ohne Vorwarnung oder ähnliches renoviert wird. Das bedeutet keine Infotafeln an der Wand und die Info-App steht gerade nicht zur Verfügung. Naja, die Fische sind ja trotzdem da. Irgendwie aber nur halb so geil.

Danach weiter ins Vivarium, wo dann alle möglichen Arten von Landgetier in ihren gläsernen Gefängnissen warten. Am beeindruckendsten sicherlich die, gefühlt jedenfalls, kilometerlange und, gemessen, oberschenkeldicke Anaconda…

…und der Rana Dorada, der goldene Frosch. Die deutsche Bezeichnung lautet Schrecklicher Pfeilgiftfrosch. Weil die Ureinwohner sein Gift benutzten um Ihre Pfeilspitzen noch tödlicher zu machen. Das Gift eines dieser lediglich tischtennisgroßen Biester reicht aus um 10.000 Menschen zu töten. Keine üble Quote.

Mein Highlight heute ist aber das Observatorium. Der domo, ein Kinosaal bei dem die Leinwand die komplette kuppelförmige Decke ist und auf der somit mit einem dreidimensionalen Effekt die Planeten und deren Monde unseres Sonnensystems vorgestellt werden. Die Informationen sind nichts neues für mich, aber in dieser Form absolut beeindruckend. Die im Observatorium außerdem ausgestellten Bilder und interaktiven Experimente, lassen mich dann wie immer geflasht zurück. Als ich das Observatorium verlasse, schlendere ich noch ein wenig durch den nebenan liegenden Jardín Botánico, kann aber keinen klaren Gedanken fassen, sondern versuche im Gehen aufgrund der Eindrücke des Observatoriums, zum gefühlt 387. Mal in meinem Leben, Gravitation, deren Effekt auf die Raumzeit und den Effekt der Zeitdilatation zu verstehen. Ohne Erfolg. Sollte dies irgendjemand in meiner Leserschaft bereits geschafft haben, bin ich über Zuschriften und Erklärungsversuche sehr dankbar.

Im Laufe der Woche, hat sich herauskristallisiert, dass ich am morgigen Donnerstag die erste Etappe meiner Fahrt nach Bogota machen muss, um rechtzeitig am Freitagmittag dort anzukommen und Natalia zu treffen, die ich letztes Jahr in Nicaragua kennengelernt habe. Sie hat sich extra Zeit genommen um Freitagnachmittag und -abend mit mir zu verbringen. Sie zu versetzen um noch länger in Medellín zu bleiben kommt nicht in Frage. Zwei Wochen waren zwar nicht genug für Medellín, aber ja schon mehr als erwartet.

Ich lade also an diesem, für mich letzten Abend in Medellín, noch meinen Mechaniker, Gastgeber, Reiseguide und Freund Pipe in ein argentinisches Steakhouse ein und gehe anschließend früh ins Bett um am nächsten Morgen für einen langen Tag auf eigener Achse fit zu sein.

Das bin ich auch als ich um 6:30 Uhr aufstehe. Blöderweise bin ich die nächsten 1,5 Stunden damit beschäftigt einen Skype Account einzurichten um mich mit meiner depotführenden Bank über ein Problemchen zu unterhalten. Bis ich nach exzellentem Frühstück von Pipe, dann noch Geschirr abgewaschen, mich selbst geduscht und Bertl bepackt habe, ist es schon zehn Uhr. Bis ich an der nächsten Tankstelle wieder abgepackt, getankt und wieder bepackt habe, fast elf Uhr. Da bin ich noch keine fünf Kilometer gefahren. Kein idealer Start.

Trotzdem beschließe ich heute zum ersten Mal auf meinem Handy einen Timer zu setzen, anhand dessen ich alle 45 Minuten eine kurze Pause einlege, in der ich mich selbst hydriere, meinen Arsch erholen, meine Ladungssicherung prüfe, Sonnencreme neu auftrage und nicht zuletzt Bertl eine verdiente Pause gönne.

Die ersten 45 Minuten verlaufen noch durch etwas dichteren Stadtverkehr auf derselben zweispurigen Autobahn wie auf dem Weg nach Guatapé mit Jonny. Der Verkehr ist zwar dichter aber als ich den Riesenstau auf der Gegenfahrbahn sehe, der sich aufgrund eines Unfalls im Tunnel anstaut, bin ich ganz froh. Wenigstens rolle ich. Bei einem Feuerlöscheraufffüllgeschäft, dass ich dummerweise für einen kleinen Kiosk gehalten habe, mache ich so also nach 45 Minuten und 31 km die erste Pause.

Bei der Gelegenheit ziehe ich mir meine in Medellín neu gekaufte Jacke über, da ich zwar nicht viel Strecke aber dafür einiges an Höhenmetern gemacht habe und es hier schon deutlich frischer ist.

Danach läuft es besser. Die Straßen sind zwar inzwischen einspurig aber dennoch so gut und der Verkehr so gering, dass eine Geschwindigkeit von 80 km/h auch mit der bepackten Bertl kein Problem ist und ich Kilometer spulen kann. Bis ich nach exakt 70 Kilometern kurz vor Ablauf der nächsten 45 Minuten in eine Polizeikontrolle gerate.

Der Cop will zunächst nur meinen Führerschein sehen.

Ich lege ihm also meinen nationalen Führerschein vor, woraufhin er mir sagt, dass wir nun ein Problem haben, da ich einen internationalen Führerschein benötigen würde. Haben wir nicht, entgegne ich und lege ihm auch meinen internationalen Führerschein vor. Er nickt knorrig und gibt mir beides zurück.

Er müsse dann jetzt den Mietvertrag für den Roller sehen. Mietvertrag? Das gute Stück ist meins. Schau hier. Deutsches Kennzeichen. Er benötigt dann die Zulassung, meint er, weshalb ich ihm in der Folge auch noch meinen Fahrzeugschein reiche. Nun hätten wir ein Problem, sagt er. Denn auch ausländische Fahrzeuge benötigen Versicherungsschutz. Wieso er einfach annimmt, dass ich ohne unterwegs bin, ist mir schleierhaft. Ich erwidere wiederum, dass ich nicht denke, dass wir ein Problem haben und lege ihm meine SOAT Dokumente vor. Er nickt wieder. Fast ein wenig enttäuscht, dass er mich noch nicht ficken konnte. So kommt es mir vor. Im nächsten Schritt, soll ich also nun Bertl abpacken. Ich leiste treu Folge. Er geht nach und nach erst den Ersatzteilrucksack und dann mein eigentliches Gepäck durch. Fach für Fach wühlt sich die Spürnase durch mein Zeug und hört, so glaube ich, erst auf als er eine kräftige Nase von meinem Dreckwäschebeutel nimmt. Fast kommt er mir danach vor, als hätte er nun ein schlechtes Gewissen. Denn er hilft mir ohne, dass ich ihn darum bitte, wieder alles genau wie es war zu bepacken und die Spanngummis festzumachen, macht dann noch ein wenig Smalltalk und schickt mich wieder auf die Reise.

Eigentlich will ich eine weitere dreiviertel Stunde fahren. Schließlich hatte Bertl ihre Pause. Das Zeug wurde auch neu bepackt und mein Arsch hat sich auch erholt. Zehn Kilometer nach der unfreiwilligen Pause kann ich aber nicht widerstehen, als ich auf einer Anhöhe an einem Aussichtspunkt mit Restaurant vorbeikomme.

Schließlich ist es fast 13 Uhr und der Magen knurrt. Chorizo mit Fritten und ein Maracuya-Saft stärken mich für die nächsten 45 Minuten.

Während derer mache ich viele Höhenmeter in beide Richtungen und mir wird abwechselnd entweder zum Frieren kalt oder zum Schwitzen heiß. Aber ich ziehe weiter entlang der inzwischen herrlich kurvigen Strecke durch kolumbianisches Hinterland und mache nach exakt 125 km die nächste Maracuya-Saft-Pause in einer Koykarpfenfarm.

Ab hier wird es nur noch heißer und ich bin längst wieder ohne Jacke unterwegs. Die Straße zieht sich mal durch den Dschungel, mal nicht, aber immer wieder warnen Schilder, wie diese vor ungewöhnlichen Besuchern auf der Straße.

In Río Claro mache ich nach 166 km die nächste Pause. Es ist bereits etwa 15 Uhr und ich überlege ob ich für heute auf dem direkt an der Straße liegenden Campingplatz bleiben soll. Der morgige Abschnitt wäre dann aber zu lange, denke ich, jage mir einen Tinto rein und es geht weiter.

Ich komme unter anderem an Pablo Escobar’s Hacienda Napoles vorbei, die inzwischen in einen Freizeitpark umgestaltet wurde. Da es aber bereits 16 Uhr ist, lohnt sich ein Besuch nicht mehr und ich begnüge mich mit einem Foto von Bertl davor.

Kurz vor Ablauf meiner nächsten 45 Minuten wird die Straße dann wieder zu einer kerzengerade verlaufenden zweispurigen Autobahn und als ich nach 211 km raste, ist es Zeit sich Gedanken über das Nachtquartier zu machen. Ich könnte heute noch ewig weiterfahren, habe weder Arsch- noch Rückenschmerzen und bin noch immer voll konzentriert. Bei Nacht zu fahren, ist aber zu gefährlich und daher mache ich das weitere 42 Kilometer entfernte Puerto Salgar zum Zwischenziel. Ich steuere das erstbeste Hotel an. 25.000 Peseten für ein Einzelzimmer und Bertl darf in der Garage übernachten. Was will ich mehr. Ich gehe noch Abendessen und falle dann doch recht erschöpft ins Bett. 253 km sind auch die bislang weiteste an einem Tag zurückgelegte Strecke.

Der nächste Morgen startet mit der guten Nachricht, dass „Fest und Flauschig“ längst aus der Sommerpause ist und ich somit über drei Stunden Podcast Material für die heutige Etappe nach Bogotá habe. Mit Olli und Jan’s geistigen Ergüssen über den Jugoslawienkrieg geht es ab kurz nach 8:00 Uhr auf einer dreispurigen Autobahn den Berg hoch. Erst nach 65 km bietet sich in einem kleinen Kaff überhaupt die erste Möglichkeit anzuhalten, wo ich dann auch endlich frühstücke.

Danach wird die Straße wieder schnell einspurig und kurvig. LKW für LKW arbeite ich mich nach vorne um nach 101 km an einem Kiosk am Straßenrand eine Eistee-Pause zu machen und alle wieder passieren zu lassen.

Also mache ich das Ganze eben nochmal. Aber ab sofort ständig nur noch bergauf. Bis nach 143 km wieder der Alarm im Ohr ertönt. Ich setze den Blinker und mache Rast auf einer Passhöhe über 2.000 Meter. Es ist noch vor 12 Uhr und ich fühle mich super. Ein früher Start ist Gold wert, wenn man Strecke machen will. Strom für den Saftmixer gibt es hier gerade leider nicht und ich entscheide mich für einen Capuccino.

Ich bin noch etwa 45 km von Natalia’s Wohnung und ziehe das letzte Teilstück ohne weitere Unterbrechung durch. Nicht ohne festzustellen, dass der Stadtverkehr von Bogotá weitaus schlimmer ist, als der von Medellín.

Natalia’s Bruder öffnet mir die Pforte und gemeinsam mit seiner Freundin gehen wir Burger zu Mittag essen. Natalia arbeitet noch bis nachmittags, weshalb ich Zeit habe und seit längerem mal wieder in die Barbería gehe. Nicht irgendeine natürlich. Nein, in die Barbería Schnurrbart.

Nachmittags treffe ich dann endlich Natalia wieder. Wir hatten ja ursprünglich den Plan gemeinsam eine Woche nach Caño Cristales zu reisen, ehe sie ihren Job gewechselt und sich zurück nach Bogota verlagert hatte. Etliche Planänderungen später und sieben Monate nach unserem letzten Wiedersehen, hat es nun also doch irgendwie geklappt.

Wir labern etwas in ihrer Wohnung und später am Abend zeigt sie mir eine vierstöckige Szene-Bar in Bogotá und versucht bei Cuba Libre und Margarita vergeblich mir Tanzen beizubringen. Nicht meine Disziplin. Aufgrund der späten Heimkehr um etwa 3 Uhr, sollte sich die Abfahrt des fürs Wochenende geplanten Trips nach Villa de Leyva auch entsprechend verzögern.

Am heutigen Samstag wollen wir also die knapp 170 km nach Villa de Leyva in Angriff nehmen um dort übers Wochenende zu bleiben. Dummerweise hat Natalia keinen Motorradhelm. Ohne geht hier nicht. Und wäre ehrlicherweise auch ein zu großes Risiko, selbst wenn die Cops nichts dagegen hätten. Ich nehme also bereits am Vortag Kontakt mit dem hiesigen Vespa Club auf und als ich heute Morgen aufwache, habe ich bereits die Adresse auf dem Handy, wo ich einen Helm abholen kann. Läuft mal wieder wie Diarrheu. Erst nach elf Uhr morgens legen wir dann aber zu diesem Trip ab. Die ersten Kilometer durch den Stadtverkehr von Bogotá. Als ich einen Spurwechsel bei nur 20 oder 30 km/h machen muss und mich kurz nach hinten umsehe, entgeht mir, dass auch mein Vordermann einen Spurwechsel vollzieht und danach auf die Bremse latscht. Ich steige noch voll in die Eisen, bekomme es aber nicht mehr komplett verbremst und fahre dem Auto vor mir hinten auf. An dessen Auto ist nahezu nichts zu sehen. Was man von meiner Bertl nicht behaupten kann. Der Kotflügel ist eingedrückt und die Zierleiste darauf abgesprengt.

Ich sage zu meinem Unfallgegener: Ich denke wir brauchen keine Polizei. Ich gebe dir etwas Kohle und fertig?

Wie viel, will er wissen.

Ich bluffe und tue als müsste ich nochmal den Schaden an seinem Auto sehen und stecke im Sichtschutz des Autos mein gesamtes Bargeld in eine Tasche und 53.000 Pesos in die andere, gehe zurück, greife in die Tasche mit den 53.000, sage, das ist alles was ich habe. Alter Trick, den Onkel Norbert gelernt hat beim Polizisten bestechen. Aber der Kerl hier ist eine ehrliche Haut. Nimmt 50.000 Peseten und gibt mir sogar noch 10.000 raus mit dem Hinweis, dass es mehr nicht kosten wird. Als auf der anderen Straßenseite eine Streife anrollt, beenden wir das Ganze schnell und machen uns auf. Kann eigentlich nur besser werden…

Nun ja, das Wetter sieht das anders und meint es nicht gut mit uns. Es regnet, ist neblig, ist kalt. Nach einigen Kilometern sind wir bereits nass. Natalia trägt neben all der anderen Kleidung bereits mein Thermounterhemd und meine Mechanikerhandschuhe unter ihren eigenen Handschuhen. Ich nutze den alten Tour-de-France-Trick und lege mir meine ausgedruckten Reparaturanleitungen unter die Kleidung auf die Brust, so dass der Fahrtwind nicht auch noch die nasse Kleidung direkt auf meine Brust drückt. Die Fahrt macht wenig Spaß.

Erst auf den letzten 30 Kilometern haben wir wieder Sonnenschein. Außerdem liegt Villa de Leyva deutlich niedriger als Bogotá, weshalb es ganz allgemein wärmer wird. Trotzdem sind wir ganz schön durchgefroren, als wir ankommen. Und mehr als eine heiße Dusche, Abendessen und zwei Cocktails sind heute nicht mehr drin.

Der nächste Morgen ist dann vergleichsweise schön und wir starten unsere Erkundungstour mit dem nahegelegenen Terrakotta Haus, das von einem, wie ich verstanden habe, französischen Architekten fünfzehn Jahre lang erbaut wurde. Dann hat er zwei Tage darin gewohnt und keinen Bock mehr gehabt. Heute finden Führungen darin statt.

Die Bude ist deshalb besonders, weil sie aus einem einzigen Stück besteht…

und in sich nochmal viel Kunst beherbergt. Wie zum Beispiel das Scheißhaus im Gaudí-Stil…

…oder den unverkennbaren Peniskamin.

Danach schlendern wir noch durch Villa de Leyva und ich kann nicht verhindern, dass mich Natalia dazu bringt ein Fotoshooting in historischer Kutte mitzumachen. Wobei es sich hierbei nicht um die beim Shooting entstandenen Fotos handelt.

Diese werden nach Zusendung durch die Fotografin dann nachgereicht. Als wir in dieser Kluft zunächst auf die unfassbar gut besuchte Main Plaza latschen, möchte ich vor Scham fast im Boden versinken. Ich muss aber zugeben, dass es am Ende doch relativ spaßig war und etwas, was ich alleine zumindest nie gemacht hätte.

Wir kehren danach noch im Deutsch-Kolumbianischen Restaurant ein, wo ich zum ersten Mal seit dem Curry Wurst König in Ulm wieder eine Curry Wurst esse. Dazu gibt es himmlisch gute Bratkartoffeln.

Herrlich. Das Essen hier ist nicht schlecht. Aber ich vermisse trotzdem einiges aus heimischen Gefilden.

So gestärkt, gestaltet sich die Heimfahrt, die wir antreten müssen, weil Natalia am morgigen Montag arbeiten muss, ohne Schwierigkeiten. Anstrengend für den Arsch, aber sonst ohne Schwierigkeiten. Außerdem ein wenig kalt, aber sonst ohne Schwierigkeiten. Dazu Schmerzen Natalia die Knie, aber sonst ohne Schwierigkeiten. Also eigentlich mit einem Haufen Schwierigkeiten.

Dank des kleinen Unfalls habe ich die nächsten Tage erst Mal etwas Arbeit mit Bertl. Eventuell werde ich auch mal einen Blick auf die (eigentlich noch in Ordnung sein sollenden) Bremsbeläge werfen. Außerdem muss ich wieder am Vergaser arbeiten. Auf 2.500 Metern, auf denen sich Bogotá befindet, habe ich schon wieder kleineren Leistungsverlust. Mir wird so schnell also nicht langweilig.

1 Antwort zu “Tage 52, 53, 54, 55, 56 und 57: Der erste Unfall”

  1. Na noch mal gut gegangen mit dem kleinen Auffahrunfall. Hauptsache ist, daß dir und deiner Mitfahrerin nichts passiert ist. Die Reise soll ja noch etwas weiter gehen…
    Alle Daumen gedrückt für viele unfallfreie Kilometer!

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