Tage 66, 67, 68, 69, 70 und 71: Salto, Salz und Suff

Eigentlich wollte ich Bogotá ja nach meinem triumphalen Sieg bei Mods vs Rockers gleich verlassen. Dass ich das nicht gemacht habe, hängt mit meinem Programm am darauffolgenden Sonntag zusammen. Aber der Reihe nach…

Erinnerungsfotos

Der Dienstagmorgen beginnt schön. Also wettertechnisch. Und deshalb beschließe ich ein wenig durch Bogotá zu cruisen. Ich markiere einige umliegende Aussichtspunkte auf der Karte und steuere diese an. Dort parke ich meine Bertl schön vor dem Panorama und lasse dann Bilder machen: Von ihr, meiner Trophäe und meiner Fresse. Wie früher, wenn man für eine Woche den Pokal für einen respektablen siebten Platz vom E-Jugend-Saisonvorbereitungsturnier des FC Schwandorf-Worndorf mit nach Hause nehmen durfte. Und eben weil man ihn nur eine Woche behalten durfte, nach Erhalt noch ein Erinnerungsfoto damit gemacht hat. Ach, die gute alte Zeit.

Diese Trophäe muss ich zwar nicht abgeben, werde es aber vermutlich trotzdem. Aktuell versuche ich eine Möglichkeit zu finden, sie nach Deutschland zu senden. Um sie ständig mitzuschleppen, ist sie einfach zu groß und schwer. Und weil man nie weiß, was auf der unbgleiteten Heimreise alles passieren kann, eben noch ein Foto.

Weil ich bei der Heimfahrt vom Rennen (mit Natalia auf der Sitzbank, also Gewicht auf der Hinterachse) ab 60 km/h ein leichtes Lenkerflattern festgestellt habe, fahre ich danach zu Z4 um das überprüfen zu lassen. Außerdem will sich auch Alejandro in meinem Ruhm sonnen und möchte, dass ich mit meinem Pokal für Fotos für die einschlägigen sozialen Netzwerke vorbeikomme. Was tut man nicht alles, wenn man so im Rampenlicht steht…

Als ich ankomme, lasse ich mich erst nochmal hart abfeiern. Wir machen das ein oder andere Foto…

…und ich hänge den, dann wieder verregneten, Nachmittag in der Werkstatt ab, rede mit anderen vespabegeisterten Kunden, schaue den Jungs beim Reparieren zu, trinke Kaffee und lasse schließlich auch nach Bertl sehen.

Als es an die Überprüfung von Bertl geht, kommt mein zuständiger mecánico zunächst zum selben Schluss wie ich: Lenkkopflager ist in Ordnung. Danach schauen wir uns die Radlager an, die überraschenderweise ebenfalls in Ordnung sind. Überraschenderweise, weil ich eines von denen im Verdacht hatte. Es stellt sich heraus, dass wie üblich alles an Bertl super in Schuss ist. Alejandro vermutet, dass das Flattern durch viel zu viel Luft im Reifen hervorgerufen wurde. Vor dem Rennen habe ich die Reifen nochmals für nen Taui (in Pesos) pumpen lassen. Scheinbar hat es der Kollege an der Tanke aber viel zu gut gemeint. Ob es wirklich daran lag, wird sich erst zeigen, wenn ich mit meinem Gepäck auf Bertl weiterreise. So dümpelt der Nachmittag vor sich hin. Und ruckzuck ist es sechs, dunkel und ich mache mich an die Heimreise.

Jackengate

Heute Morgen gehe ich es gemütlich an. Ich frühstücke in Ruhe, mache mich fertig und starte Bertl. Denn ich möchte mir endlich eine warme Jacke kaufen. Bislang arbeite ich mit Zwiebelsystem, indem ich wenn es kalt wird, alles an dünner Kleidung übereinander ziehe, was ich habe. Klappt auch, ist aber nicht allzu praktikabel. Bei Mods vs Rockers habe ich verschärft aussehende Jacken, wasserdicht und dick, für nur knapp mehr als 20 Euro entdeckt. Leider waren mir alle ausgestellten Jacken dort zu klein. Ein Problem, was ich so auch vom Kondomkauf kenne. Die Besitzer gaben mir auf dem Festival also deren Karte mit Adresse und Telefonnummer und ich navigiere meine orange, nun auch offiziell gekrönte, Königin über eine Stunde lang durch den Stadtverkehr von Bogotá. Um dort vor verschlossenen Türen zu stehen. Kurze Rückfrage per WhatsApp.

Achso ja, heute bleibt geschlossen, weil die Busfahrer die Straße bestreiken.

Ich krieg schon wieder Blutdruck ob so viel Gleichgültigkeit und Unzuverlässigkeit. Eine Entschuldigung? Nope. Eine Info auf der Instagram-Shop-Seite? Fehlanzeige. Ich gehe also vor Ort nur Mittagessen und fahre wieder eine verfluchte Stunde lang zurück nach Hause. Gerade noch rechtzeitig ehe der übliche Regen zum Nachmittag einsetzt. Natalia und ich kochen Hühnereintopf und der Tag endet ohne weitere nennenswerte Erfolge, Misserfolge oder anderweitige Vorkommnisse.

Die Laguna Guatavita

Auch an diesem Donnerstagmorgen ist das Wetter zunächst wieder vielversprechend und so lasse ich meine To-Do-Liste, auf der auch die Jacke steht, links liegen und mache wozu ich eigentlich hier bin. Reisen. Um acht breche ich auf zur etwa zwei Stunden entfernten Laguna de Guatavita. Einem Tipp von Alejandro. Informiert darüber, was das eigentlich ist, habe ich mich wie üblich keine Sekunde. Eine Lagune halt.

Die Strecke verläuft wie üblich raus aus Bogotá auf breiten Trassen, dann noch einige Kilometer auf einer zweispurigen Autobahn, auf der ich die 3.000 km-Marke durchbreche, ehe ich jene Autobahn für eine einspurige Landstraße in die kleine Ortschaft Sesquilé verlasse. Dort angekommen weicht für die letzten knapp zehn Kilometer zur Lagune die geteerte Landstraße dann einer (langsam) wider Erwarten gut zu befahrenen Schotterpiste, die schlussendlich meine Bertl zum ersten Mal in ihrem Leben auf über 3.000 Meter heben wird.

Nachdem ich Bertl mit etwas mulmigem Bauchgefühl auf dem öffentlichen Parkplatz der Lagune abgestellt und mich in den benachbarten Busch erleichtert habe, schreite ich zum Eingang. In fünf Minuten startet eine Tour in englischer Sprache wird mir dort eröffnet. Läuft wie gelutscht.

In einer zehnköpfigen Gruppe laufen wir, aufgrund der Höhe sehr langsam, den gepflasterten Pfad zur Lagune. Dieser führt unterwegs an einem Nachbau eines Hauses der Muisca, des vormals hier ansäßigen indigenen Volkes, vorbei.

Der Anführer der Muisca, der zipa, wurde stets in der Familie nachbesetzt. Jedoch nicht einfach so. Der Anwärter musste zunächst neun Jahre (symbolisieren die neun Monate einer Schwangerschaft) alleine in einer Höhle (symbolisiert den Mutterleib) verbringen. Nach Abschluss der neun Jahre musste er, als Teil der Prüfung, in einem der Häuser der Muisca nackt vor dem Feuer sitzend, das Feuer anstarren. Genial.

Das war so lange einfach, bis die Muisca dann nackte Muisca-Frauen in dasselbe Haus sendeten, um aufreizend vor dem Anwärter zu tanzen. Nur wenn er auf das Feuer fokussiert blieb, ging für ihn die Reise weiter. Der Legende nach ist nie ein Anwärter gescheitert, da die Rolle des zipa dafür zu bedeutend war. So bedeutend, dass der zipa nicht Mal auf den Boden spuckte. Sein Schnodder wurde stattdessen gesammelt, da er zu kostbar war um einfach auf der Erde zu vertrocknet.

Im nächsten Schritt wurde dann also der noch immer nackte zipa-Anwärter komplett mit Goldstaub bedeckt und in der Morgendämmerung auf einem Floß in die Mitte der Lagune gesendet. Wenn die Sonne aufging, und er aufgrund des Goldstaubes zu strahlen begann opferte er den Göttern Gold, indem er dieses in der Lagune versenkte und sich damit zum neuen zipa machte. Das klingt nach Spaß. Finde ich, während ich mir hier auf knapp 3.200 Metern einen wegfriere. Verfluchter Streik.

Darüber wie die Lagune entstanden ist, gibt es viele Theorien. Vulkan und Meteorit lassen sich zwischenzeitlich jedoch ausschließen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Formation entstand, als das hier alles noch von einem gigantischen Meer bedeckt war.

Die Laguna Guatavita ist der Ort, an dem aufgrund der oben erzählten Geschichte zur Krönung des neuen zipa die Legende von El Dorado entstand. Tatsächlich schöpften die Spanier nach ihrer Ankunft den See in ein paar Wochen lediglich mit Schalen um drei Meter ab und fanden im See Goldmünzen und Goldartefakte. Etliche Jahre später wollten wiederum die Spanier eine der, den See umgebenden Wände öffnen und das Wasser dadurch ablassen. Nachdem der Wasserspiegel um mehr als 18 Meter fiel, stürzte der gezogene Graben ein und hunderte Indios starben dabei. Tatsächlich entdeckten die Spanier aber auch bei diesem Versuch wieder Goldgegenstände.

Um 1900 gelang es einem Briten den See durch Tunnel komplett abzulassen. Der darunter hervortretende Schlamm, war allerdings nicht zu betreten. Und bevor man hierfür eine Lösung fand, verstopfte der Schlamm die Tunnel und der See füllte sich wieder mit Wasser. Unnötig zu erwähnen, dass auch der Brite wieder Gold entdeckte. Seit 1965 sind Missionen wie die obenstehenden verboten. Was immer noch auf dem Grund des Sees liegt, bleibt auch dort.

Als ich zurückkehre zu meiner Bertl, nehme ich mit Schrecken wahr, dass das, was mal mein Reifen war, jetzt einer schlaffen Schwimmnudel gleicht. Ich pumpe mit meiner Fahrrad-Handluftpumpe erst Mal wieder auf, bis der Reifen fahrtauglich ist, rolle bergab los und lasse die Kupplung im Zweiten kommen. Ankicken versuche ich in dieser Höhe erst gar nicht mehr. Klappt eh nicht. Zurück in Sesquilé lasse ich dann an der Tanke per Kompressor wieder für nen Taui Luft nachblasen. Bis hierher sah der Reifen doch ganz ordentlich aus. Mal sehen wie lange das gut geht.

Zehn Kilometer lautet die ernüchternde Antwort. Dann schlingert mir beim Anfahren an der Ampel der Arsch, als wäre ich auf einem zugefrorenen See unterwegs. Ich mache also was die CSU seit Jahren macht und blinke rechts. Ich stelle Bertl am Straßenrand ab, drehe den Benzinhahn zu und lasse sie verdursten. Auf diese Art und Weise will ich sicherstellen, dass kein Benzin mehr im Kreislauf ist, wenn ich sie gleich auf die Seite lege um den Reifen zu wechseln. Ich nehme beide Seitenhauben und mein Ersatzrad ab, löse die fünf Radmuttern an und bette meine geliebte italienische Rennmaschine zwischen faules Obst und Hundescheiße in die Wiese am Straßenrand.

Dann nehme ich die Radmuttern gar ab, den Reifen runter und packe den neuen Reifen drauf. Radmuttern über Kreuz wieder angezogen und den kaputten Schlappen auf die Ersatzradhalterung montiert. Fast freue ich mich ein wenig über den Zwischenfall, da ich die letzten Tage bereits über eine Reduzierung meines Ersatzteil- und Werkzeugbestandes nachgedacht hatte. Zwei Reifenschläuche kamen mir dabei zu viel vor. Da ich nun einen verwenden werden muss um den Reifen zu flicken, hat sich dieses Problem von selbst gelöst.

Die Cátedral de Sal

Mit neuem Schlappen unterm Arsch fahre ich weiter in den Pueblo Zipaquirá, empfohlen von Natalia. Highlight hier die sogenannte Cátedral de Sal, die Salzkathedrale. Eingehauen in ein Salzbergwerk, circa 200 Meter unter der Erde liegt die gigantische Kathedrale. Den einleitenden Kreuzweg schaue ich mir dieses Mal zumindest im Vorbeigehen an, da es sich um künstlerische Interpretationen der einzelnen Stationen handelt und mir der deutsche Audioguide diese kurz und knackig erläutert. Mehr interessiert mich aber die architektonische Leistung beim Bau der Kathedrale. Dieses von einer Empore sichtbare Kreuz im Hauptschiff der Kirche misst 16 Meter, wirkt von weitem wie ein „normales“ Kreuz, ist in Wahrheit aber aus dem Stein gehauen und von hinten beleuchtet.

Dadurch wirkt es als würde es erst einen Meter über dem Boden beginnen und schweben.

Dieser massive Hauptaltar wiegt lässige 16 Tonnen und besteht aus einem Stück.

Und dann wäre da noch der espejo de agua, der Wasserspiegel. Wieder Mal ohne mich zuvor um Informationen bemüht zu haben, stehe ich zwei, drei Minuten davor, starre „in die Grube“ und frage mich wieso das alle tun. Bis ich kapiere, dass das vor mir Wasser ist und aufgrund der Lichtverhältnisse für eine perfekte Spiegelung sorgt.

Als ich die Kathedrale verlasse ist es, auch aufgrund der Reifenpanne, bereits etwa 17:30 Uhr und daher bei mehr als einer Stunde Heimreise nicht mehr genügend Zeit um den Pueblo selbst anzusehen. Schade, trotzdem breche ich hierfür nicht meine mir auferlegte Regel, nur die allernötigsten Fahrten bei Dunkelheit zu machen. Speziell in Bogotá und Umgebung…

Tejo

Freitagmorgen verbringe ich zunächst damit einen neuen Schlauch in meinen eigentlichen Hinterreifen zu packen und eben jenen anstelle des Ersatzrades wieder auf Bertl zu montieren. Bei der Rückkehr vom anschließenden Frühstück sieht es in Bogotá schon wieder schwer nach Weltuntergang aus.

Und weil ich mittags mit Natalia zu Tejo verabredet bin, bleibe ich für den restlichen Morgen in der Bude. Dann gehe ich Mittagessen und setze mich in ein Taxi in Richtung Campo de Tejo. Wieso ich Taxi fahre, obwohl ich Bertl habe? Nun, weil ich bereits ahne, was dann auch eintreffen sollte. Nämlich, dass ich von Tejo-Spiel vermutlich knüppeldicht zurückkehren werde und wohl besser nicht mehr selbst fahren sollte.

Was ist Tejo? Einfache Antwort: Nichts weniger als das geilste Spiel der Welt. Je nach Variante kann die Tejo-Bahn unterschiedlich lang sein. In unserem Fall spielen wir, wie ich verstanden habe, Mini-Tejo. An beiden Enden einer Tejo-Bahn befindet sich eine im 45-Grad-Winkel angebrachte, mit Lehm gefüllte Holzkiste. In deren Mitte ein etwa zwanzig Zentimeter großer Metallring, auf den vor Spielstart oben, unten, links und rechts kleine, dreieckförmige, mit Schießpulver gefüllte, Briefchen angebracht werden.

Etwa sieben Meter entfernt von der Lehmkiste, muss dann der Tejo, ein etwa handflächengroßer, drei Zentimeter dicker Eisendiskus, auf das Ziel geworfen werden. Trifft man dabei eines der Schießpulverbriefchen, explodiert dieses mit einem lauten Knall.

In zwei Teams wird gegeneinander angetreten und auf 20 Punkte gespielt. Ein Punkt für das Team, dessen Spieler am nächsten am Ring ist. Sofortiges Ende dieser Runde und zwei Punkte für das Team, dessen Spieler eines der Dreiecke zum Explodieren bringt. Ebenfalls sofortiges Ende der Runde und sogar drei Punkte für das Team, dessen Spieler den Tejo in der Mitte des Eisenrings platziert. Dann werden die Tejos aus dem Lehm gefriemelt und auf die andere Seite geworfen.

Die Krone setzt sich dieser „Sport“ durch die Tatsache auf, dass man um die Bahn zu mieten eine 30-er-Kiste Bier kaufen muss. Nach jedem Wurf kommt so der obligatorische Griff zur Pulle. Wie üblich führt dies anfangs noch zu einer Verbesserung der Leistung, ehe diese rapide abfällt.

Da Natalia anfangs noch etwas für ihre Arbeit erledigen muss, wir aber bereits die Bahn haben, werfe ich ein paar Tejos alleine. Dabei schaffe ich schon meine erste kleine Explosion. Fünf Jungs auf der Nebenbahn sehen dies und meine exzellente Technik und bieten mir an, bei ihnen mitzuwerfen.

Mit den fünf Studenten und später auch mit Natalia, spiele ich also die ersten Runden Tejo meines Lebens.

Ich bin noch deutlich nüchterner als die Kadetten und entscheide mehrere Runden für mein Team per Knall oder Treffer ins Zentrum.

Hier übrigens nicht…

Ich kriege natürlich gleich wieder einen Höhenflug und träume von der großen Tejo-Karriere, ehe ich denselben Pegel wie die Jungs erreiche und irgendwann froh bin, den Tejo überhaupt noch im Lehm zu versenken und nicht die Deckenbeleuchtung damit auszufeuern.

Dazu kommt die Tatsache, dass um den Lokus zu erreichen, drei Tejo-Bahnen passiert werden müssen. Da ja auf zwei Seiten geworfen wird, ist das wie einen dreispurigen Highway zu passieren. Bei jeder Spur einen vorsichtigen Blick nach links, vorsichtigen Blick nach rechts um den/die Werfende/n auszumachen. Dann Blickkontakt mit dem/der Werfenden suchen, Zeichen oder Wurf abwarten und schnell überqueren. Nach zwei Stunden Tejo, acht Bier und 87 atü auf dem Kessel dann irgendwann nicht mehr so einfach. Und nur ein so ein etwa drei Kilo schweres Eisenteil an die Murmel und das Steak wird ab sofort durch einen Schlauch im Pflegestift verspeist.

Natalia und ich ziehen mit unseren neu gewonnenen Freunden noch weiter in eine Bar und am nächsten Morgen bin ich mir nicht mehr sicher, wie wir überhaupt nach Hause gekommen sind. Entsprechend läuft dieser Samstag dann auch ab. Ich bin einfach in einem Alter angekommen, in dem man so einen Qualitäts-Suff nicht mehr so einfach wegsteckt. Auch ohne einen drei Kilo schweren Tejo an den Pfirsich bekommen zu haben, brummt eben jener ganz schön. Die eigentlich für heute gemachten Pläne, begraben Natalia und ich ganz schnell und stattdessen verbringen wir den ganzen Tag mit Netflix und per Lieferdienst geordertem Essen. Bloß nicht unnötigerweise bewegen. Ein grausamer Samstag, der den vorangegangenen Freitag aber doch irgendwie wert war.

Der Salto del Tequendama

Irgendwie wird es dann doch Sonntag und beim Frühstück beschließen wir den gestern verworfenen Plan teilweise umzusetzen indem wir vormittags zum Salto del Tequendama zu fahren. Teilweise deshalb weil der zweite Teil des gestern verworfenen Plans das Oktoberfest Bogotá, mit der extra aus München eingeflogenen Waldramer Tanzlmusi gewesen wäre. Dafür ist aber heute keine Zeit, weil ich mich für den Distinguished Gentleman’s Ride 2019 in Bogotá angemeldet habe. Mehr dazu später.

Zunächst fahren wir also die circa 50 Kilometer auf Bertl zum Salto. Einem 145 Meter hohen Wasserfall des Rio Bogotá. Die Fahrt verläuft wenig ereignisreiche. Lediglich ein wenig frisch ist es unterwegs. Verdammter Streik. Kurz bevor wir aber am Salto ankommen, ist es urplötzlich unglaublich neblig. Keine 50 Meter weit sehe ich auf der Straße. Ebenso vernebelt ist dann auch der Blick auf den Salto.

Direkt an den Abgrund gebaut, befindet sich mit Blick auf den Salto (bzw. den Nebel) ein irgendwann im 19. Jahrhundert erbautes Hotel, das zunächst jahrelang vergammelte und vor ein paar Jahren zu einem Museum umgebaut wurde. Vieles handelt von von Humboldt, dem deutschen Wissenschaftler, der hier in Kolumbien hoch angesehen ist. Die, tatsächlich sehr interessante, Führung durch das Museum müssen wir leider eine Viertelstunde vor Ende abbrechen, da Natalia zum Mittagessen mit ihren Freundinnen und ich um 13:00 Uhr mit Anna aus der verlorenen Stadt zum Gentleman’s Ride verabredet bin.

Der Distinguished Gentleman’s Ride

Der Gentleman’s Ride, eine 2012 ins Leben gerufene Initiative um Geld zu sammeln für die Forschung und Bekämpfung von Prostatakrebs und Suizidprävention. Dabei kleiden sich in inzwischen über 700 Städten weltweit am selben Tag Hunderttausende Männer und Frauen auf eine elegante Art und Weise und fahren alte Motorräder und Roller auf der vorher festgelegten Route durch die Stadt. Jeder der Teilnehmer hat dazu die Möglichkeit nach Registrierung über seine eigene Spendenseite Spenden einzutreiben. Da ich erst vier Tage vor dem Event überhaupt davon gehört habe, ist meine Spendenseite mit 10 Dollar gefüllt. Gespendet von mir selbst. Ich habe mir vorgenommen, das ganze nächstes Jahr früher anzugehen. Wer selbst interessiert ist, kann sich Infos auf https://www.gentlemansride.com/ ziehen.

Bevor ich allerdings dort ankomme, haben Natalia und ich in Bogotá den nächsten Platten. Und schon als mir der Arsch etwas wackelt, habe ich einen Verdacht. Dieser lautet, dass ich ein Vollidiot bin. Als ich den neuen Schlauch in den alten Reifen gefriemelt habe, habe ich den Reifenmantel nicht überprüft. Was auch immer den ersten Platten verursacht hat, war also immer noch im Mantel und hat nun auch den zweiten Platten verursacht.

Was. Für. Ein. Anfängerfehler.

Also wieder selbes Spiel wie zwei Tage zuvor. Benzinhahn zu, Bertl auf die Seite legen, Reifen wechseln, weiter geht’s. Aufgrund der Reifenpanne lasse ich Anna leider etwas warten. Nur etwa eine halbe Stunde vor dem Treffpunkt zum DGR, lade ich Natalia in der Stadt ab und Anna auf. Und pünktlich auf dem Weg zum Ride, beginnt dann auch der übliche Nachmittagsregen wieder einzusetzen. Noch immer ohne Jacke. Verdammter Streik. Nach kurzer Pause unter einer Brücke, geht es weiter zum Treffpunkt. Unsere Verspätung macht nichts. Denn aufgebrochen wird erst wenns trocken ist. Und so bleibt Zeit die Motorräder und Roller zu bestaunen. Mit knapp über 200 Teilnehmern ist der Bogotá DGR eher einer der Kleineren. Trotzdem sind ein paar schöne Roller zu finden. Einer sticht mir schon bei der Anfahrt ins Auge. Bertl’s größerer Bruder.

Eine P200X Baujahr 1983. Die sticht mir deshalb ins Auge, weil die hier nie gebaut oder verkauft wurde. Erst zehn Jahre später kamen Vespas vom Typ PX hier auf den Markt. Ein längeres Gespräch mit den Besitzern (Vater und Sohn) bringt Klarheit. Die Vespa gehörte einem nach Kolumbien umgesiedelten Italiener, der diese damals von Italien mitgebracht hatte. Juan, wie der Sohn heißt, hat das gute Stück von jenem Italiener für umgerechnet nur EUR 1.300,- erstanden. Mit unfassbaren 1.500 km auf dem Tacho. Das Teil ist quasi neu.

Außerdem treffe ich viele bekannte Gesichter vom letzten Wochenende wieder. Hier und da ein kurzer Plausch und dann geht es irgendwann doch los. Hintereinander fahren wir gemütlich durch die Stadt.

Hin und wieder wird ein bisschen rumgehupt, hier und da filmen Leute am Straßenrand. Alles in allem aber dann irgendwie doch nicht so cool wie erwartet. Auch weil wir unterwegs wieder nass und kalt erwischt werden. Nach einer weiteren Regenpause, liefere ich Anna dann an der Bushaltestelle ab und sage wohl ein letztes Mal auf Wiedersehen zu ihr. In Bogotá zumindest. Dann fahre ich noch weiter in ein Café wo sich Natalia mit ihren Freundinnen aufhält und wärme mich mit einem Capuccino und später Pizza und Bier auf, ehe der Abend wie üblich mit Netflix ausklingt.

Vermutlich werde ich nun nach über zwei Wochen, Bogotá am Dienstag in Richtung Valle de Cocora verlassen. Auch wenn ich mich nach diesen zwei Wochen nur ungern von Natalia verabschieden werde, da das nächste Wiedersehen wohl frühestens in einem Jahr stattfindet.

Einen Freund / eine Freundin wie sie hier zu haben, ist von unschätzbarem Wert, was Empfehlungen und Hilfe angeht und nicht zuletzt auch dafür, dass sie mich umsonst bei sich wohnen lässt. Sie wird mir sehr fehlen. Nichtsdestotrotz ist es Zeit neue Kapitel zu schreiben.

2 Antworten zu “Tage 66, 67, 68, 69, 70 und 71: Salto, Salz und Suff”

  1. Kleiner Tipp zum Reifenwechsel – damit die Vespa nicht im Dreck liegen muss 😉

    o Benzinhahn schließen
    o Seitenhaube(n) abnehmen
    o Reserverad abnehmen
    o Radmuttern lösen und bis auf zwei Stück entfernen
    o Roller von der rechten Fahrzeugseite mit der rechten Hand festhalten
    o Reserverad im 45°-Winkel in die Mulde über dem Motor (über dem Vergaser / Ansaugschlauch) halten und den Roller langsam nach rechts abkippen, bis das Reserverad den Boden berührt (s. Bild)
    o Lenker nach rechts einschlagen und den Roller weiter kippen, bis die Schaltraste den Boden berührt. Jetzt sollte das Hinterrad soweit freigekommen sein, daß es abgenommen werden kann.
    o Roller etwas anheben, bis die Bremstrommel auf dem Boden aufsetzt und das den Roller stützende Reserverad gegen das abmontierte Hinterrad austauschen. Dann den Roller langsam wieder nach rechts (auf das stützende Reserverad und die Schaltraste) absenken
    o Rad an der Bremstrommel befestigen (Federringe nicht vergessen!)
    o Roller aufrichten und auf den Hauptständer stellen
    o Radmuttern sorgfältig festziehen
    o defektes Rad am Roller befestigen und Seitenhaube(n) wieder montieren

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