Tage 72, 73, 74 und 75: Ich kann gar nicht so viel pissen wie ich saufen muss

Schlauch, die ich-hab-keinen-Bock-mehr-zu-zählenste

Montag, letzter Tag in Bogotá. Es gibt viel zu erledigen. Zunächst muss ich wieder Mal den Schlauch an meinem Reifen austauschen. Dem gestrigen Platten sei Dank. Wie sich zeigt, geht dieser aber doch nicht darauf zurück, dass ich den Mantel nicht geprüft hatte. Denke ich heute noch. Wie mir auch der Gärtner von Natalia’s Wohnkomplex bestätigt. Tatsächlich habe ich mir nach über 3.000 Kilometer ohne Reifenpanne zufälligerweise zwei Stück in vier Tagen abgeholt. Denke ich heute noch. Als der Schlauch gewechselt und das eigentliche Rad wieder anstelle des Ersatzgummis montiert ist, fahre ich los, den Helm zurückzugeben, den mir der Vespa Club Bogotá netterweise zwei Wochen lang ausgeliehen hatte. Ich lasse mal wieder für circa drei Euro Bertl waschen und in der Zwischenzeit nebenan für einen Euro den zuvor aus dem Reifen entnommenen kaputten Schlauch flicken. Außerdem kaufe ich endlich, pünktlich zum Verlassen des verregneten Bogotás, einen Regenponcho und esse zu Mittag.

Die Folgen des Dampfbades

Nach dem Essen springt dann auf einmal Bertl nicht mehr an. Im Verdacht habe ich CDI oder Zündkabel. Jener Verdacht fußt darauf, dass ich zuvor erst zu spät bemerkt habe, dass der Motorradwaschmeister mit dem Browning M2 unter den Dampfstrahlern in Bertl’s Maschinenraum gepustet hat. Jener ist jetzt zwar wieder strahlend sauber, aber die Flüssigkeit könnte etwas mit den Startschwierigkeiten zu tun haben. Ich drehe also die Zündkerze raus und halte sie, mit dem Zündkabel verbunden, mit dem Gewinde an den Rahmen. Den Stecker in der Pfote haltend, trete ich ein paar Mal den Kickstarter durch, kann aber keine Funken sehen, wie sie zwischen Kerze und Rahmen schlagen sollten, wenn denn alles in Ordnung wäre. Also tausche ich kurz die Zündkerze mit einer der drei Ersatzkerzen aus, die ich mit dabei habe und schon fliegen die Funken und Bertl springt auf den ersten Kick an. Komisch, dass eine fast neue Kerze so einfach ihren Dienst versagen soll, aber was solls.

Im guten Gefühl das Problem gelöst zu haben, will ich mir nun endlich die dringend benötigte, dicke, wasserdichte Jacke kaufen und mache mich an die über eine Stunde lange Anfahrt. Aber schon nach zehn Minuten Zündaussetzer und eine absterbende und nicht wieder anspringende Bertl. Wieder kein Funken mehr. Auch mit der eben ausgetauschten neuen Kerze. Dieses Mal stehe ich mit meinem nicht laufen wollenden Gefährt in einem dreckigen, nach Urin und Gras riechenden, unangenehmen und vermutlich auch gefährlichen Viertel Bogotás. Ruhe bewahren mahne ich mich selbst an. Ich schnaufe durch und probiere nochmal die vermeintlich kaputte Kerze von zuvor. Plötzlich geht jene wieder. Der Fehler muss also woanders liegen. Darüber will ich aber hier nicht weiter nachdenken. Bertl läuft provisorisch wieder und ich will nur hier weg. Mehr Zeit zum Nachdenken habe ich dann als sie zehn Minuten später in einer deutlich netteren Ecke der Stadt wieder ihren Dienst quittiert. Aufgrund des Fehlerbildes und der vorangegangenen Behandlung mit dem Wasserwerfer vermute ich, dass die CDI etwas abbekommen hat.

Ein kleines Kästchen hinten am Motor, dass über das Zündkabel der Zündkerze sagt, wann sie zünden soll. Oder so. So leite ich mir das zumindest her. Ich weiß doch auch nichts über die Karre…

Meine Ersatz-CDI ist eine gebrauchte CDI, die zwar ihren Dienst noch tut, die aber schon arg mitgenommen aussieht, und die ich deshalb vor Jahren an Bertl vorbeugend ersetzt, das Teil aber nie weggeworfen habe. Ich löse also die drei Schrauben und vier Kabel, die die CDI am Roller halten und fixiere daran die neue alte CDI. Bertl gefällt das. Sie springt nämlich sofort an und läuft auch wieder ohne Faxen bis zum Jackenladen.

Auf dem Weg dorthin muss ich an eine Diskussion mit mir selbst vor Reiseantritt denken, als ich abwog ob es überhaupt Sinn machen würde die alte, vergammelte CDI mitzunehmen, wo es doch sehr unwahrscheinlich ist, dass die verbaute streikt und das Teil ja doch etwas Platz wegnimmt. Ich habe mich, wie ich nun lernen musste, richtig entschieden.

Durch die Probleme mit meinem Ross ging doch einiges an Zeit ins Land. Und als ich endlich meine Jacke in Händen halte, muss ich mich auch besser schon wieder auf den Nachhauseweg machen.

Auf dem realisiere ich, dass ich noch nicht von den Kaufleuten, Künstlern und solchen, die es gerne wären, an kolumbianischen Ampeln berichtet habe.

Kategorie 1: Die Schreihälse

Zunächst wären da die Kaufleute, die laut schreiend Getränke, Essen, Zeitungen, Seelen etc. zum Verkauf anpreisen und auf Kommando der wartenden Auto- oder Motorradfahrer zur Tat schreiten. Favorit in dieser Kategorie an diesem Tag der Kerl, der mit einem, auf drei Meter ausgefahrenen, Teleskop-Schrubber in der rechten, einer Schwimmboje in der linken Hand und einer Dartscheibe um den Hals den Weg durch die wartenden Autos macht. Wer kauft denn so etwas spontan an einer Ampel wartend?

Kategorie 2: Die Aggresivlinge

Kategorie 2 ist die aggressivere Herangehensweise, hauptsächlich zum Vertrieb von Erdnüssen und Kaugummis. Die fliegenden Händler haben ihre Ampeln studiert und kennen die Rotphasen bis auf die Hundertstelsekunde. Sie schlängeln sich durch die Reihen mit der einen Hand ihr Produkt hochhaltend, mit der anderen eines der Exemplare entweder auf die Scheibenwischer oder ans Seitenfenster legend. Dann laufen sie wieder zurück und kassieren ab, wo die Fahrer schwach geworden sind.

Kategorie 3: Die Künstler

Und dann wäre da noch Kategorie 3. Die „Künstler“. Deren Bühne ist vor den wartenden Autos und Motorrädern auf der Kreuzung. Und in dieser Kategorie habe ich die letzten Wochen wirklich alles gesehen. Leute, die auf Leitern balancieren, Jongleure, Musiker, Kostümierte. Auch diese Kategorie kennt die Dauer der Rotphasen exakt und schreitet dann rechtzeitig zum Abkassieren. Favorit in dieser Kategorie. Der Kerl, der als Alien, aus dem gleichnamigen Film, verkleidet durch die Reihen schleicht und Leute erschreckt. Es gibt für alles einen Markt…

Abschiedsstimmung in Bogotá

Am nächsten Morgen stehe ich um vier Uhr auf. Ja, vier Uhr. Um mich von Natalia zu verabschieden. Sie muss um diese Zeit zur Arbeit und ich will logischerweise nicht von hier abhauen ohne mich persönlich zu verabschieden. Der Abschied fällt schwer. Und das nicht nur weil es vier Uhr morgens ist, sondern weil es eben ein Abschied ist. Und Abschiede sind immer traurig und schwer wenn man denjenigen wirklich mag, von dem man sich verabschiedet. Aber er gelingt, der Abschied und ich sage tschüss zu Natalia und nochmal hallo zu meinem Bett.

Um etwa halb Neun quäle ich meinen, aus welchen Gründen auch immer, müden Körper in die Vertikale und mache mich abfahrtbereit. Der direkte Weg nach Salento, dem Ausgangspunkt für Trips ins Valle de Cocora, das Cocora-Tal, das ich mir als nächste Destination ausgeguckt habe, würde über Ibagué führen und wohl in einem Tag machbar sein. Rafa, el presidente des Vespa Clubs Bogotá hat mir aber empfohlen die etwas längere „Nord“ – Route via Manizales zu nehmen. Dafür brauche ich zwei Tage. Die Tour soll aber schöner sein. Und Rafa sollte recht behalten.

Wieder Mal bin ich mit meinem Plan früh zu starten so erfolgreich wie Ulrich Hoeneß damit, seinen Tomatenkopf einfach Mal nicht in jede bereitstehende Kamera zu halten und Scheiße zu labern. Und so zeigt die Uhr 10:20 Uhr als ich Bertl bepackt, betankt und deren Reifen mit dem Inhalt von Ulrich Hoeneß‘ Kopf (Luft) befüllt habe.

Road to Fresno

Zunächst geht es auf zweispuriger Autobahn weg von Bogotá in Richtung Norden, auf exakt der Straße, auf der ich vor zwei Wochen hergekommen bin. Endlich kann ich meine neue Jacke antragen.

Nach 47 Kilometern und meiner ersten Pause bin ich bereits auf 1.800 Metern, und damit circa 800 weniger als in Bogota, angekommen. Ich wechsle also die Hauptdüse zurück auf die Medellín-Bedüsung. In der Höhe mit zu großer Bedüsung unterwegs zu sein ist eine Sache. Dabei geht im schlimmsten Fall eben Leistung verloren. Weiter unten mit zu kleiner Bedüsung unterwegs zu sein, kann aber zu Kolbenklemmern oder schlimmeren Motorschäden führen. Daher der Wechsel.

Nach Wiederanpfiff wird die Strecke schnell einspurig. Weitere 45 Minuten später, stehe ich bei 87 Kilometern als Tagesnachweis und befinde mich immer noch auf der, von der Anreise nach Bogota, bekannten Strecke. Ich bin schon bis auf unter 800 Meter abgestiegen und das aus Bogotá bekannte Grau hat sich in Blau verwandelt. Die fröstligen Temperaturen in fast schon wieder Hitze. Längst habe ich meine neue Jacke wieder im Rucksack verstaut.

Danach kann ich länger keine Pause mehr machen und so stelle ich Bertl erst nach 152 km in Honda wieder ab. Auf einer Höhe von 250 Metern, bei kaum auszuhaltender Hitze. Ich habe ebenfalls etwas Bammel, da ich immer noch mit der Medellín-Bedüsung fahre. Ich will keinen Motorschaden riskieren und recherchiere über den Rest meines Weges. Aber binnen 20 km soll es wieder bis auf 550 und binnen 45 km auf 1.500 Meter hoch gehen. Also mache ich einen auf Bundeskanzlerin und sitze es einfach aus.

Nach exakt 199 km erreiche ich mit einem winzigen Pueblo namens Fresno mein Tagesziel. Ich würde gerne noch weitere Kilometer machen. Aber Manizales ist 2,5 Stunden entfernt und es ist bereits kurz vor 17 Uhr. Ich checke also in ein Hotel ein, dusche und gehe noch vor Einbruch der Dunkelheit essen. Sonderlich wohl fühle ich mich hier nicht. Auf offener Straße kiffen gefährlich aussehende Typen, gegenüber von meinem Hotel wartet eine Prostituierte auf Kundschaft und die Art und Weise wie die Leute mich hier ansehen, lässt mich erschauern. Ich verkrieche mich ins Hotel und verlasse dieses bis zum nächsten Morgen nicht mehr.

Destination Salento (mit Schwierigkeiten)

An jenem schaffe ich es dann auch endlich Mal früh aus den Federn. Die Straße verläuft nur noch kurvig bergauf und bergab.

Der Untergrund ist ebenfalls ohne große Schlaglöcher. Ein Traum. Schnell voran komme ich nicht. Aber darum geht es ja auch nicht. Bis Salento sind es nur 176 Kilometer. Das sollte ich bis um 12 schaffen. Denke ich. Nach 33 Kilometern mache ich in einem Restaurant am Straßenrand meine erste Pause, wo ich allen anwesenden LKW-Fahrern meine Geschichte erzählen darf. Die Fragen sind immer dieselben und irgendwie werde ich doch nie müde diese zu beantworten. Einer der Fahrer erzählt mir dann was er über Deutschland denkt. Am meisten bleibt bei mir hängen, dass es seiner Meinung nach in Deutschland keine Armut gibt. Arme Menschen in Deutschland haben trotzdem alle mindestens ein Auto und ein Haus erzählt er mir. Sein Blick als ich ihm sage, dass auch in Deutschland Menschen auf der Straße übernachten müssen? Unbezahlbar.

Als ich los fahren will, sehe ich es. Da leck mich doch die Welt am Arsch. Schon wieder ist dieses verfluchte Hinterrad platt. Zum dritten Mal in fünf Tagen. Dabei konnte ich in dem verdammten Mantel nichts entdecken. Egal denke ich. Heute Abend markiere ich auf dem Mantel die Stelle an der das Ventil steht, hole den Schlauch raus, lokalisiere das Loch und sollte dann wissen, wo ich im Mantel zu suchen habe. Bis dahin wird zum dritten Mal auf Ersatzrad gewechselt.

Ich schenke noch meinen letzten Liter Sprit einem nett fragenden Pärchen, dem eben jener wohl ausging und dann geht es weiter. Und bergauf. Und nichts anderes mehr. Nur noch bergauf. Längst bin ich mit Jacke und Handschuhen unterwegs. Es wird neblig, grau, nass und kalt. Ich schlängle uns den Berg rauf. Jedes Mal wenn ich einen meiner LKW Kumpels von Pause 1 wiedererkenne gibt es ein Hupkonzert und einen ausgestreckten Daumen aus dem Fahrerfenster der LKW. Das sollte den ganzen Tag so dauern. Denn immer wenn ich Pause mache, packen mich die LKW wieder, wohingegen ich schnell wieder zu ihnen aufschließen kann. Und als wir also Höhenmeter machen, reißt über uns plötzlich ein Loch in die Wolkendecke und die Sonne strahlt dazwischen durch und wärmt uns. Ein erhabener, glücklicher Moment.

Und ein kurzer dazu. Denn dann wird es wieder eklig. Die Fahrt macht trotzdem Spaß, aber es ist verflucht kalt.

Plötzlich erreiche ich ein Schild, auf dem steht: Alto de Letras. 3.650 Meter.

Ich traue meinen Augen kaum. Ich wusste, dass wir hoch sind. Aber so hoch? Bertl hatte keinerlei Leistungsprobleme. Sie hat sich einfach anstandslos den Berg hochgeschraubt. Zur Belohnung gönne ich mir hier oben einen Kaffee, der so stark ist, dass es mich wundert, dass er nicht mit Messer und Gabel serviert wird.

Nichtsdestotrotz vermerken wir mit den 3.650 Metern einen neuen Höhenrekord für Bertl und meine Sorgen der letzten Wochen über möglicherweise nicht zu überquerende Pässe verfliegen. Die 4.000er können kommen.

Die Abfahrt kann später für mich nicht schnell genug gehen. Schließlich bringt jeder Höhenmeter mehr Wärme. Nach nur 83 Kilometern in Summe wird meine Fahrt aber schon wieder eingebremst. Regen. Schwach genug um zum ersten Mal mit meinen extra dafür gekauften Müllsäcken trotzdem weiterzufahren. An einer Tankstelle bringe ich diese an und schieße weiter.

Genau einen Kilometer. Denn durch die Tüten sind meine Taschen so rutschig, dass mein Rucksack fast von Bertl rutscht. Ich beschließe einfach auf das Ende des Regens zu warten und mir hierfür etwas neues auszudenken. Probe nicht bestanden.

Als ich weiterfahre ist es schon nach 12 Uhr. Und noch knapp 100 km übrig. Eine weitere Lektion. Nichts, aber auch gar nichts, lässt sich vorausplanen. Ich komme endlich nach Manizales wo der teils bewölkte, teils aufgerissene Himmel eine merkwürdige Atmosphäre erzeugt. Dazu nimmt die Polizei im Vordergrund einen bandido hoch. Die zwei Seiten Kolumbiens.

Ich halte nach Manizales kurz und esse zu Mittag ehe ich mich an die Weiterfahrt mache. Etwa eineinhalb Stunden Fahrt sind noch übrig. Das Wetter scheint nun zu sein wie ich. Stabil. Und so mache ich Kilometer ohne Gnade. Die Vegetation hat sich von Wald hin zu Kaffeeplantagen so weit das Auge reicht, geändert.

Da erreiche ich die größere Stadt Pereira. Und als ich gedankenversunken an einer Ampel warte, da sticht mir auf der anderen Seite der Ampel am Straßenrand ein Wohnmobil mit einem riesigen Lambretta-Aufkleber auf der Rückseite ins Auge. Ich sehe etwas genauer hin. Jepp, da steht auch eine Lambretta davor. Die Ampel schaltet auf Grün und ich fahre langsam an. Zwei merkwürdig ausländisch aussehende Typen winken mich heran. Zeit hab ich. Neugierig bin ich auch. Weshalb ich dem Befehl Folge leiste. Die beiden stellen sich heraus als Alan aus England, seit 13 Jahren wohnhaft in Pereira, Mitglied des Vespa Clubs Pereira und Besitzer von insgesamt fünf Lambrettas und Vespas. Hört sich außerdem am liebsten selbst reden. Lädt mich trotzdem ein, in seinem Haus zu crashen wenn ich eines Tages in Pereira bleiben möchte.

Kandidat zwei begrüßt mich mit: „Ja leck mich am Arsch“ und stellt sich heraus als Guido aus Heilbronn. Reist seit vier Jahren. Aktuell in einem Wohnmobil, gekauft in den USA, durch Südamerika. War davor aber mit einer Lambretta unterwegs. Seine Großeltern kommen im Übrigen aus Gaienhofen.

Bestimmt eine halbe Stunde lang unterhalten wir uns und ich kann den Zufall in diese Typen gerannt zu sein kaum fassen. Wir tauschen Kontaktinformationen und weiter geht’s. Endspurt. An einem Anstieg aus Pereira heraus, sehe ich einen, sich quälenden, Radfahrer. So weit so normal. Radsport ist ein großes Ding hier. Die, aber doch recht großen, Satteltaschen wecken aber meine Neugierde. Ich mache etwas langsamer und sehe im Vorbeifahren den langen roten Bart. Eindeutig ein Ausländer auf der Reise. Mit nem Fahrrad 😳 ich feuere einen Hupfeuerstoß ab und fuchtle mit meinem linken Arm. Weiter so, Junge.

Vier Kilometer vor Salento krönt sich dieser Tag dann endgültig zum Tag der Zufälle, als ich sehe wie jemand am Straßenrand eine Lambretta schiebt. Ich halte also an, frage was das Problem ist, ich hätte ja schließlich einen Haufen Werkzeug und Teile…

Der gute Mann erwidert, no hay problema, es gibt kein Problem. Er spart nur ein wenig Sprit und genießt die Landschaft. Natürlich kommen auch wir wieder ins Gespräch. Sein Name ist Sarco.

Er kennt natürlich Alan und bietet mir ebenfalls seine Hilfe mit allem möglichen an. Nur eben gerade hätte er nicht so viel Zeit, da er sich mit seiner Frau trifft. Ich verstehe zwar, trotzdem formt er um mir zu verdeutlichen was das bedeutet, aus seinem Daumen und Zeigefinger einen Ring und schiebt wiederholt den Zeigefinger der anderen Hand vor und zurück durch eben jenen Ring. Aha, danke für die Veranschaulichung Bruder…

Sarco bietet mir außerdem an, im Hotel seines Freundes Mario abzusteigen. Ich verstehe allerdings nicht, ob das für lau sein soll oder nicht. Und bei EUR 50,- pro Nacht will ich das eigentlich vorher wissen. Als wir das so bequatschen kommt auch noch der rotbärtige Radler vorbei, der sich als Eivind aus Norwegen herausstellt. Bis zu 100 Kilometer strampelt der Kerl jeden Tag runter. Ist in zwei Wochen von Cartagena bis hier her geradelt. Und ich beschwere mich, dass mir nach 200 Kilometer auf nem Roller der Arsch schmerzt…

Vamos, sagt dann Sarco auf einmal und wir rollen zwei Kilometer den Berg hinab in einen kleinen Pueblo vor Salento ohne die Roller zu starten. Ein Meister des Spritsparens dieser Sarco. Dort erwartet er seine Frau, während ich Bertl starte und den letzten Kilometer nach Salento reite.

Eivind und ich haben beschlossen uns in Mario’s Hotel zu treffen. Das ist blöderweise, wie sich dann zeigt, elf Kilometer außerorts und ich beschließe mich in einem anderen Hostel niederzulassen. Den ganzen Aufwand ist mir das heute nicht mehr wert. Denn der Zeiger zeigt schon 17 Uhr. Ich schaue einige Hostels an, von denen das beste einen kleinen Bolzplatz mit Kunstrasen und ein campo de Tejo besitzt. Geil. Auf Rückfrage ob es aber überhaupt andere Gäste habe, mit denen ich spielen könnte, erwidert die Rezeptionistin, dass das leider nicht der Fall ist, weshalb ich mich in einem anderen Hostel niederlasse, von dem ich weiß, dass es noch einen weiteren Gast gibt. Der Laden brummt also förmlich. Nebensaison halt. Mir aber eigentlich auch völlig latte. Ich packe Bertl ab und will nun den Reifen nach der bereits geschilderten Strategie untersuchen. Und als ich den Schlauch draußen hab, kann ich kein Loch entdecken. Ich pumpe den Drecksack mit Volllast mit meiner Handpumpe auf, falte ihn, lege mich mit meinem ganzen Gewicht darauf. Nichts. Dicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Der erste Platten wurde von mir amateurhaft gar nicht untersucht. Der zweite Platten wurde hervorgerufen durch ein Loch auf der Außenseite des Schlauchs, leider aber amateurhaft nicht lokalisiert. Der dritte Platten wurde… ja was eigentlich. Mir egal. Heute keinen Bock mehr.

Ich gehe duschen und suche wieder das einzige Restaurant mit mehr als null Gästen, werde fündig und esse, als sich plötzlich Eivind zu mir gesellt, der mich zufällig entdeckt hatte. Wenig später kommt noch Guido hinzu, der natürlich zufällig in meinem Hostel abgestiegen ist, und wir schnappen noch das ein oder andere Bierchen und tauschen Geschichten aus.

Schlauchmeister Norbert sucht weiter…

Am Morgen checke ich den Wetterbericht und es zeigt sich, dass es heute eher so der Kaffeetour-Tag ist. Kaffee ist die Spezialität dieser Gegend. Das Wetter soll morgen besser sein, weshalb ich beschließe morgen ins Valle de Cocora zu fahren. Vorher will ich aber nochmal nach meinem kaputten Reifenschlauch sehen. Tatsächlich hat der Drecksack über Nacht nun doch Luft verloren. Es muss also irgendwo ein Loch geben. Und das finde ich dann auch, als ich den Schlauch unter Wasser mal ordentlich zusammenpresse. Winzig klein, kaum zu sehen, aber doch da. Ähnlich meiner Restwürde. Ich zeichne das Loch an und lege den Schlauch zurück auf den Mantel, so wie er im Mantel war. Dafür habe ich auf dem ja extra das Ventil angezeichnet. Ich fühle ewig herum, kann aber wieder nichts finden, was den Platten hervorgerufen hat. Guido kommt aus seinem Camper, in dem er auf dem Parkplatz meines Hostels übernachtet, hat den Reifen genau zwei Sekunden in der Hand und sagt: „Ah ja, hier ist er. Ein Nagel.“

Und tatsächlich. Ich fass es nicht. Die ganze Zeit war er da. Und offenbar nur für mich Trottel schwer zu finden. Ich bedanke mich artig bei Guido, ziehe den verhängnisvollen Nagel, der nur etwa einen Millimeter herausragt, mit der Kombizange aus dem Mantel. Neuen Schlauch werd ich heute Abend reinfriemeln. Für heute tuts auch nochmal das Ersatzrad. Ich will aber noch prüfen, ob die Wasserschaden-CDI eventuell wieder funktioniert und hänge diese wieder an. Zig Versuche später ist klar: Es funkt nicht. Wie üblich in meinem Leben.

Also nehme ich die alte CDI und mache sie etwas haltbarer. Denn das Ding ist gebrechlicher als ich. Und das will was heißen. Bei jeder Berührung fällt eine zusätzliche Litze ab.

Guido hilft mir mit Schrumpfschlauch aus und ich halte damit künftig die verbliebenen Litzen des Massekabels zusammen. Da ich zum Überstülpen des Schrumpfschlauches den Ring entfernen muss, erneuere ich den auch gleich mit. Sieht aus wie neu.

Käffchen-Tour

Dann fahre ich mit neuer alter CDI und altem Reifen auf übler Schotterpiste vier Kilometer zur Kaffeetour. Andere laufen diese Strecke. Ich mach das schon allein deshalb nicht, weil sich die Kohle für die Verschiffung ja lohnen soll.

Dort angekommen bekomme ich mangels Teilnehmer eine Privattour. Cristian, mein Guide, erklärt mir vom Anpflanzen bis zur Tasse jeden Schritt. Mir bleibt hängen, dass es in diesem Anbaugebiete aufgrund der Höhe nur zwei Erntemonate, April und Mai, gibt und eine Kaffeebohne von einem süßen, lutschbaren Schleim umgeben ist, wenn man sie aus der Frucht löst. Immer Mal was neues.

Auf dem Rückweg halte ich an einem Restaurant am Weg zum Mittagessen. Ich schmiergle mir gerade meine Pechuga rein, als ich jemanden fragen höre: „Kommsch du aus Konschtanz?“

Ich bejahe und stelle die Gegenfrage. Mein Gegenüber stellt sich als Tuttlinger heraus. Als wir gerade über meine Perle quatschen, höre ich jemanden fragen: „Wer isch hier aus Konschtanz?“

Ich mache brav Handzeichen und stelle die Gegenfrage. Diesmal entgegnet man mir Friedrichshafen. Da scheiß mir doch einer die Wand an. Einmal in so einer ausgewiesenen Touri-Destination und es versammelt sich Gaienhofen, Tuttlingen und Friedrichshafen. Diese Welt ist ein verfluchtes Kaff. Wir reden lange und ich fahre schließlich zurück zu meinem Hostel. Nicht ohne, dass meine neuen Bekanntschaften noch Fotos von und mit Bertl machen.

Auf dem Rückweg erkunde ich noch etwas Salento und werde auf einmal von einem alten Kolumbianer mit zwei Fingern an der rechten Hand und einer merkwürdigen Metallkonstruktion an derselben Patsche in sein Haus gebeten. Im Wohnzimmer machen die Töchter Hausaufgaben, die Frau kocht in der Küche und mittendrin ich. Ohne zu wissen warum. Dann weiß ich es auf einmal. Er hat eine indische Bajaj Plus zu verkaufen. Ich frage wieso er das gute Stück verkaufen will. Er antwortet, weil er sie nicht mehr fahren kann. Ich erinnere mich an die Hand und möchte vor Scham im Boden versinken. Aber er nimmt es sportlich und dankt mir dafür, dass ich Bilder an die mir bekannten Vespa Clubs sende.

Was eine surreale Situation.

Ich gehe noch tanken, scheitere bei dem Versuch den nächsten Schlauch zu flicken an einem geschlossenen Reifen-Rafael und reiße mir stattdessen eine Hülse auf und schreibe diese Worte.

Und nun zu einer neuen Lieblingskatevorie von mir:

Wahllos vorgetragene Informationen, die mir gerade einfallen oder in einsamen Stunden auf Bertl eingefallen sind

Die Rollerhose

So sieht eine helle Hose nach zwei Tagen auf dem Roller aus.

Der Sauf-Piss-Kreislauf

Ich habe viel über den Piss-Trink-Kreislauf an Reisetagen nachgedacht. Mein Problem: Ich starte morgens mit einem Kaffee in den Tag. Um mich zu erleichtern, kaufe ich in einem Restaurant meiner Wahl ein Getränk um mir das Recht zur Toilettenbenutzung zu erwerben. Dadurch muss ich nur umso mehr pissen, weshalb das nächste Getränk zum Erwerb des Pissrechts nur noch früher kommt. Irgendwann kann ich nicht mehr soviel saufen, wie ich pissen muss. Ideen liebe Leser/innen?

Spritpreis

Falls sich mal irgendwer gesagt hat, was der Sprit hier so kostet? Peseten ist die Antwort. Und zwar 9.000, also 2,35 € für eine Galone. Das macht dann also circa 0,53 € pro Liter. Herrlisch, näää?

Maut

So günstig der Sprit ist, so teuer ist die Maut. Dafür EU-rechtskonform, ihr CSU-Drecksfo**en. Wer sich nun über meine Ausdrucksweise wundert, dem sei nochmals in Erinnerung gerufen, dass das Landgericht Berlin kürzlich entschieden hat, dass es sich hierbei nicht um eine Beleidigung handelt. Wie dem auch sei. Pro Trip von etwa 200 Kilometern müsste ich mit einem Auto mindestens zwei Mal, meist drei Mal circa 3,50€ abrüsten. Allein für die 2,5 Stunden lange Hin- und Rückreise zum Salto de Tequendama wären das über EUR 20,- Maut gewesen. Motor- und Fahrräder schlüpfen aber zum Glück durch und sind hiervon nicht betroffen.

Reisen mit Bertl

Jeden Tag, den ich unterwegs bin, realisiere ich, dass Bertl nicht nur Fortbewegungsmittel ist. Die Trips und Aufenthalte dazwischen sind auch geil, aber die Tage, in denen ich 200 Kilometer von A nach B fahre, entwickeln sich, wie erhofft, fast schon zu meinen Lieblingstagen. Aktuell finde ich es fast schon schade, dass ich für ein oder zwei Nächte in Salento bleiben werde. Die kurvigen Straßen, die Natur und die Highway-Gespräche mit Autofahrern während der Fahrt machen einfach zu viel Spaß. Ich hoffe nicht abzustumpfen und das weiterhin so genießen zu können.

4 Antworten zu “Tage 72, 73, 74 und 75: Ich kann gar nicht so viel pissen wie ich saufen muss”

  1. Hey Normen. Weiterhin alles alles gute.
    Lass uns weiter täglich gespannt auf deine Geschichten warten. Einfach genial. Gruß Wilfried und Carmen

  2. Wie du das Problem mit dem Trinken und ….. vielleicht mal an einem Busch halten? 😉
    Aber für die Reinigungen deiner Bertl wäre vielleicht statt:
    – Browning M2 unter den Dampfstrahlern in Bertl’s Maschinenraum gepustet hat. –
    eine Handwäsche die bessere Alternative.
    Kostet vielleicht etwas mehr oder du kannst die vielen Deutschen fragen ob nicht einer wieder mal wie gewohnt am Samstag Morgen sein Auto oder deine Bertl von Hand im Hof waschen will.

    Gruß aus dem Regen im Krebsbachtal
    zudi

    1. Hey Coach, brillante Tips. Aber die möglicherweise drakonischen Strafen für Wildstrunzen lässt du völlig außer Acht…

      Tatsächlich wird auch von Hand geschubbert. Muss ich nächstes Mal ausprobieren 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.