Tage 76 und 77: Ärger in Ecuador

Ecuador

Die Lage ist beschissen aber nicht hoffnungslos. Was ich meine ist die Situation in Ecuador. Die Situation, das ist folgendes: Ecuadors Präsident Lenin Moreno hat ein zwei Milliarden Dollar schweres Steuerreformpaket beschlossen. Als Teil dessen sind mit diesem Donnerstag auch Subventionen für Benzin gefallen, die es in der Form seit 40 Jahren gab. Seit Donnerstag blockieren deshalb LKW, Busse, Taxis aber auch Geröll, Stacheldraht brennende Reifen, Bäume und Glasscherben die Straßen in Quito und Guayaquil mit dem Ziel das Land stillzulegen. Das hier sind Bilder aus einer WhatsApp-Gruppe für Überlandreisende in Ecuador, in der ich mich aktuell informiere.Studenten und indigene Gruppierungen haben sich inzwischen zu den Protestierenden gesellt und gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei werden häufiger. Inzwischen sind als 350 Personen verhaftet worden. Reisende berichten davon, dass Demonstranten ihnen die Reifen zerstechen wollten beim Versuch die Sperren zu umfahren. Die Grenze von Kolumbien nach Ecuador ist auf dem Landweg dicht. Täglich heißt es, dass die Straßen bald wieder frei sind. Täglich werden es stattdessen mehr gesperrte Straßen. Seit gestern ist nun auch noch der Notstand ausgerufen und damit die Armee befugt für Recht und Ordnung zu sorgen. Inwiefern das die Situation deeskalieren wird, bleibt abzuwarten.Wie sinnvoll die Aufhebung der Subventionen ist, kann ich nicht beurteilen. Mein Problem ist, dass es keine vespa-geeignete Landverbindung nach Perú oder Brasilien gibt, die ich stattdessen nehmen könnte. Und Kolumbien muss ich bis zum 19. Oktober verlassen. Eventuell muss ich mein Visum um weitere drei Monate verlängern und diese Scheiße hier aussitzen. Trotzdem bin ich irgendwie auf der Seite der Demonstranten. Power to the People, ihr Establishment-Wi***er.

Valle de Cocora

Erst mal habe ich ja aber noch etwas Zeit in Kolumbien und ich nutze den tatsächlich, wie vorhergesagt, schönen Tag für eine Fahrt ins Valle de Cocora. Eine herrliche elf Kilometer lange Teerstrecke auf der ich reihenweise Jeeps überhole, die vespalose Touristen ins Tal karren. Plötzlich geht Bertl aber nach kurzem Leistungsabfall einfach aus. Ich fahre an den Straßenrand, nehme die Seitenhaube ab und sehe, dass die Zündkerze am Zündkabel in der Pampa baumelt. Ich Vollidiot habe beim Rumbasteln an der CDI gestern vergessen die Zündkerze wieder vernünftig festzudrehen. Alle Bertl Probleme, die ich bislang so hatte, waren hausgemacht. Von mir Achtelhirn höchstpersönlich.Halb so wild. Zündkerze wieder rein und ab dafür. Bei der Einfahrt ins Valle, nehme ich die Vielzahl Soldaten wahr, die den Straßenrand zieren. Und dann nehme ich noch etwas wahr. Die Mehrheiten der Kadetten salutiert, als ich passiere. Ob das normal ist, oder aus Anerkennung für Bertl’s grandioses Aussehen geschieht? Ich weiß es nicht…Im Valle parke ich Bertl und laufe zwei, drei Stunden durch das Tal, bestaune die Aussichten und die riesigen Palmen und mache ein paar Fotos. Vormals war das hier alles Wald. 1985 wurde die Wachspalme, wie die langen Latten heißen, dann aber per Gesetz geschützt und das Fällen unter Strafe gestellt. Als dann Teile des Waldes gerodet werden sollten, „mussten“ die Wachspalmen verschont werden und haben sich nun nach und nach zu einer Touristenattraktion entwickelt. Bis zu 60 Meter lang können die Säcke werden.Wie erwähnt mache ich noch die ein oder anderen Fotos……sehe meinen ersten großen Kondor…

…mache aber mein bestes Foto auf dem Rückweg. Besser als die anderen nur deshalb, weil Bertl mit vertreten ist.Dann fahre ich noch auf den Mirador de Salento, den Aussichtspunkt von Salento und schließlich zurück ins Hostel. Da ich dort erfahre, dass der Reifenflicker erkrankt ist, nehme ich mir stattdessen die CDI vor.Das Massekabel hängt aufgrund der Dampfstrahlermassage nur noch an einigen Litzen und Guido erklärt mir, wie man so einen totgeglaubten Patienten unter die Lebenden zurückholt. Zunächst trenne ich dazu das alte Massekabel ab. Dann drehe ich eine Schraube in das Loch, in das das Massekabel reinging und fixiere damit auch gleich noch einen Kabelschuh mit Ring. An den bringe ich dann ein Kabel an und verbinde das auch auf der anderen Seite mit dem üblichen Ring.Die „neue“ CDI sieht super aus.Funktioniert aber noch immer nicht. Ab in den Gulli damit. Von Pipe habe ich bereits Vespaschrauberkontakte in Cali um eine neue Ersatz-CDI zu beziehen. Lesson learnt. Keine Dampfstrahler mehr…Abends gehe ich mit Guido noch ne Runde Billard und mal wieder Tejo spielen. Der Dummsuff bleibt dieses Mal aus.

Road to Cali

Heute Morgen stehe ich zwar eigentlich früh auf. Bis ich aber gefrühstück, gepackt und mich verabschiedet habe, vergeht viel Zeit. Außerdem lasse ich noch meinen eigentlichen Reifen pumpen, den Schlauch flicken, wechsle wieder von Ersatzrad auf den eben gepumpten Schlappen und mache los nach Cali. Schön hier in Salento, aber irgendwie nicht genug um mich länger zu halten. Außerdem will ich näher zur Grenze aufgrund der beschissenen Situation in Ecuador.Erst gegen 12 fahre ich los, um nach 46 Kilometer und um etwa 13 Uhr kurz nach Armenia, einer auf den ersten Blick unschönen Stadt, das erste Mal zu stoppen. Bis dorthin hat sich das Klima aufgrund der Höhenmeter, die ich nach unten gemacht habe schon sehr zu „mild“ gewandelt. Die Kaffeeplantagen sind Bananenplantagen gewichen.Ich steuere ein italienisches Restaurant an und werde nicht enttäuscht. Richtig echtes Brot, leicht getoastet, mit Balsamico-Essig und Olivenöl. Danach eine unglaublich gute Lasagne. Mit knapp unter zehn Euro eines der teuersten Essen, das ich hier je gegessen habe. Und jeden Peso wert.Danach verläuft die Fahrt nach Cali enttäuschend ereignislos. Bertl und ich verharren auf 1.000 Höhenmetern und die Straße verläuft einfach nur geradeaus. Ich fahre heute strikt nur meine 65 km/h und als ich nach 173 km wieder halte, bin ich noch nicht mal auf Reserve unterwegs. Das bedeutet einen Verbrauch von etwa drei Litern pro 100 km. Und das mit meinem gesamten Gepäck. Einen etwas höheren Verbrauch haben diese Geschosse, die ich während desselben Stops an dieser Tankstelle sehe…

Eine Stunde später bin ich abends um sechs auch „schon“ in Cali. Ich beziehe mein Hostel, gehe essen, schreibe diese Zeilen und beginne mir Gedanken zur Gestaltung der nächsten Tage zu machen. Denn die Situation in Ecuador verschlechtert sich zusehends.

2 Antworten zu “Tage 76 und 77: Ärger in Ecuador”

  1. Moin aus Bremen.
    Hallo Norman.
    Ein wirklich geiler Blog.
    Du schreibst wirklich gut.
    Ich hoffe das du ohne große Mühe weiter kommst.
    Werde eventuell im Januar ab Valparaíso mit meinem Moped SA erkunden und hoffe das die Probleme in Ecuador und Venezuela bis dahin weniger werden.
    Drücke dir die Daumen das bei dir alles gut wird.
    Michy P.

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