Tage 78, 79 und 80: Onkel N. hat ein dünnes Fell

Vielen Dank vorweg an alle, die ebenso besorgt waren um meinen Sauf-Piss-Rhythmus wie ich und mich mit vielen Ratschlägen und Geschichten versorgt haben. Ich denke an euch wenn ich das nächste Mal eine Stange Wasser abschlagen gehe.

Cali, Stadt des Salsa

Nun also Cali, Stadt des Salsa. Mir wäre Stadt der Salsa ja lieber. Denn fressen kann ich besser als ich mit meinen zwei linken Krummstelzen tanzen kann.

Im Vorfeld habe ich schon öfter gehört, dass es so viel gar nicht zu tun gibt in Cali. Und wer immer das gesagt hat, der hatte vollkommen Recht. Ich lasse mich im Hostel beraten und erkunde einige Orte per pedes.

Ich starte mit der Kirche San Antonio, in der, weil Sonntag ist, sogar grade noch ein Gottesdienst stattfindet. Auch so aber hätte ich mich mit dem Ausblick auf Cali und dem Anblick der Kirche von außen zufrieden gegeben.

Auf den dann folgenden nur wenigen hundert Metern entlang der Hauptstraße zum Gato del Río fühle ich mich eher unsicher. Ein dürrer oberkörperfreier Kerl schreit Polizisten an. Es riecht öfter nach Urin. Urin der schlechten Sorte. Rückfragen wie Urin der guten Sorte riecht? Nicht gestattet. Ich erreiche den Gato trotzdem sicher. Der Gato. Eine 3,5 Meter hohe, drei Tonnen schwere, urhässliche Bronze-„Statue“, deren Paps der Schwanzform nach vermutlich Mal nach einer durchzechten Nacht mit einem Eichhörnchen gevögelt hat.

Um den Gato herum sind seine Katzen angeordnet. Dieselbe Katze, 15 Mal unterschiedlich lackiert. Kunst nennt man das. Bezeichnenderweise gefällt mir diese am Besten.

Bezeichnenderweise sage ich deshalb, weil ich danach lese, dass das Design dem Hirn eines 12-jährigen entspringt, der das Recht eine Katze nach seinem Gusto lackieren zu lassen bei einem Schülerwettbewerb gewonnen hat.

Allgemein reißt mich Cali noch nicht vom Stressless-Fernsehsessel. Das ändert sich aber auf dem Weg zur Kirche La Ermita.

Ich entdecke immer wieder Graffitis, die mir schwer gefallen, halte einige Male inne uns bestaune dieselbigen.

Und als ich gerade etwas warm werde, mit Cali verhagelt mir eine Nachricht von Guido, der noch in Salento ist, Volllast die Cornflakes. Nur wenige Meter von meinem dortigen Hostel entfernt wurden einen Tag nach meiner Abreise auf zwei Jugendliche, 14 und 18, geschossen. Das 18-jährige Hauptziel der, vermutlich mit Drogengeschäften in Verbindung stehenden, Tat stirbt dabei. Der 14-jährige überlebt schwer verletzt.

Auch wenn ich selbst nicht mehr dort bin, drückt mir diese Nachricht schwer aufs Gemüt. Und irgendwie kann ich deshalb auch mein Nachmittagsprogramm, eine Fahrt zur Cristo Rey Statue von Cali nicht so wirklich genießen. Ich mache ein paar Bilder und fahre zurück ins Hostel, das ich nicht mehr verlasse.

Bertl-Service

Für morgen wollte ich eigentlich nur eine neue CDI und Reifen in Cali organisieren und dann so viele Kilometer wie nur irgendmöglich in Richtung Ecuador machen. Ziel: Ecuador so schnell wie möglich durchqueren. Denn wenn sich das ganze zu einem ernsthaften Problem auswachsen würde, dann wäre ich in Kolumbien „gefangen“, da es keine andere Möglichkeit gibt das Land auf dem Landweg zu verlassen.

Doch als ich am Montagmorgen erwache, ist es dafür schon zu spät. Das Balg ist bereits im Brunnen. Ich sehe die Bilder in der WhatsApp Gruppe und die Aufrufe der in Ecuador festsitzenden Touristen bloß nicht einzureisen und finde mich damit ab, dass ich wohl so schnell nicht in Richtung Süden reisen werde.

Außerdem habe ich den Mord in Salento noch nicht aus den Kleidern geschüttelt und seit Tagen aus unerfindlichen Gründen nicht mehr länger geschlafen als 6 Uhr. Ich bin unfassbar dünnhäutig. Als ich neben mir einem Deutschen zuhören muss, wie er einer Taiwanesin in Bezug auf die Streiks in Ecuador erörtert, dass ihn an dem Konzept „Streik“ stört, dass es nicht nur die Arbeitnehmer und -geber betrifft, sondern auch andere unbeteiligte Menschen wie ihn, da platzt mir die Krawatte. Ich drehe mich um und blaffe ihn an: „Alter, hörst du dir eigentlich selbst zu? Du merkst, dass gerade das Sinn und Zweck eines Streiks ist? Mann Mann Mann.“

Ich drehe mich um und gehe weg. Fuck Alter. Ich bin zu alt für diese dämlichen, hohlen, weltfremden Backpackergespräche über den Graspreis und die ersten sexuellen Erfahrungen im Ausland von 18-jährigen frisch gebackenen Abiturienten. Ab sofort wieder Hotel statt Hostel und Einzelzimmer statt Schlafsaal.

Ich brauche ganz dringend Schlaf und Ruhe, will einfach nur gar nix machen. Aber ich muss mich trotzdem um Bertl kümmern. Die 4.000 km sind durchbrochen und ich möchte einen Ölwechsel vornehmen. Außerdem sind die Reifen runter. Von Pipe habe ich wieder die Adresse eines Vespateilehändlers erhalten und so fahre ich an diesem Morgen erst einmal dort vor.

Der Mann hat nicht nur meine benötigte Backup-CDI, sondern auch eine Schwingenabdeckung und einen Hauptständergummi auf Lager. Endlich wieder ein Gummi für meinen Ständer. Und so decke ich mich mit oben genannten Teilen ein. Bei den Reifen allerdings lehne ich dankend ab, als ich die Zahl 0607 erblicke. Produktionsdatum Kalenderwoche 06 im Jahr 2007. Dann lieber weiter auf meinen Slicks unterwegs. Ich bezahle meinen Deckel und haue in Sack.

Nächster Halt. Die um die Ecke liegende Vespa-Werkstatt. Ich drehe zwar immer schön über Kreuz an, habe es aber trotzdem geschafft, bei den unzähligen Radwechseln der letzten Tage zwei Stehbolzen der Bremstrommel in die ewigen Stehbolzengründe zu schicken. Kein Problem für Adolfo, der das in einer guten halben Stunde erledigt. Dabei erzählt mir Adolfo, dass sein Name doch sehr deutsch klingt, was ich bejahe und mir dabei ein Lachen nicht verkneifen kann. Wenn du wüsstest wie Deutsch, hermano…

Auf dem Rückweg entdecke ich dann doch noch einen Reifenhandel mit Reifen aus diesem Jahrzehnt und schlage direkt zu. Zurück am Hostel verliere ich keine Zeit und bereife meine Bertl gleich neu. Danke an der Stelle an Leser Mirco und seinen Tipp zum Abstützen des Rollers mit dem Ersatzrad.

Bertl sieht nicht mehr ganz so geil aus wie mit Weißwandschlappen, aber geht leider nicht anders. Dafür glänzt am Vorderrad nun wieder eine Chrom-Schwingenabdeckung.

Als ich die alten Reifen zurückbringe entdecke ich aus Zufall auch gerade wieder eine Pulle des Getriebeöls, das ich zuletzt verwendet hatte. Also nehme ich das auch grade noch mit. Zurück am Hostel lasse ich dann das alte Öl ab und drücke wieder ein paar Spritzenladungen frisches Getriebeöl in die Alte.

Abends kommen noch Álvaro und Sebastián vom Vespa Club Cali vorbei und wir gehen essen. Die beiden hatte Carlos, der Vespateilehändler, über meine Ankunft informiert. Und prompt wollten sie mich und meine Bertl also kennenlernen und zum Essen einladen.

Road to Manizales

Heute Morgen fühle ich mich schon etwas besser. Ich habe wieder nicht viel geschlafen. Aber die Ablenkung mit Bertl hat etwas gebracht. Und da ich also nicht weiter nach Süden kann, beschließe ich wieder in Richtung Norden zu ziehen. In der Gegend um Manizales habe ich Besuche zu den bis zu 5.000 Meter hohen Bergen ausgelassen um eben schnell gen Süden zu gelangen. Das und mehr will ich nun also nachholen. Also starte ich gegen 10 Uhr in Richtung Manizales.

Nach einer guten Stunde und 30 km bin ich gerade Mal so aus Cali raus. Auch weil ich mich mindestens drei Mal verfahre. Danach läuft es besser und auf den nächsten 70 Kilometern lädt mich erst ein Motorradfahrer zum Mittagessen ein, bevor ein anderer bei 70 km/h sein Handy zückt um ein Selfie von uns zu schießen. Der Rest der Fahrt verläuft aber wie schon die Anreise nach Cali. Der Rest der Fahrt dann aber wie Mario Barth Witze: Flach und langweilig. Lediglich zwei kurze Regenpausen muss ich einlegen bevor ich nach stolzen 290 km Manizales erreiche.

Ich lasse mich in einem Stundenhotel nieder, da dies mit 4 Euro die Nacht im Einzelzimmer mit eigenem Bad die günstigste Variante ist und schreibe daher diese Zeilen während in sämtlichen Zimmern um mich herum nachweislich gebrahmst wird, dass die Heide wackelt. Gute Nacht, Welt.

1 Antwort zu “Tage 78, 79 und 80: Onkel N. hat ein dünnes Fell”

  1. Freut mich, dass ich mich so formulieren konnte, dass es wohl verständlich genug war 😉
    Lese deine Berichte immer gerne & freue mich auf die weiteren Blog-Einträge.

    Grüsse aus der Schweiz

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