Tage 83, 84, 85 und 86: Es wird schlimmer bevor es besser wird

Der absolute Horrortag

Aufgrund meines ab 5:30 Uhr hell erleuchteten Zimmers erwische ich unfreiwillig endlich Mal einen frühen Start in den Tag. Das frühe Vögeln entspannt den Wurm sagt man ja in solchen Momenten. Oder so. Nach dem Frühstück ist es etwa 8:30 Uhr als ich den Weg aus dem auf über 2.000 Meter gelegenen Manizales ins nur knapp über Meereshöhe liegende Girardot antrete. Die nächsten Tage sollten also wie ich werden: Übertrieben heiß. Zuvor ist aber noch ein Ritt über den Alto de Letras angesagt. Jenen 3.650 Meter hohen Pass, den ich letztes Mal schon locker übersprungen habe.

Ich werfe meinen Rhythmus, bei dem ich 45 Minuten fahre und danach pausiere über Bord, da ich jene erste Pause nicht in über 3.000 Meter Höhe machen will. Es ist schweinekalt und ich ziehe weiter durch, bis ich nach knapp zwei Stunden ununterbrochener Fahrt wieder auf einer angenehmen Höhe angekommen bin. Schon auf der Fahrt nach unten merke ich, dass Bertl nicht mehr ganz durchzieht, wenn ich im vierten voll am Gas bin. Ich vermute den Vergaser als Ursache, bin ich doch schon wieder über 2.500 Meter abgestiegen. Um nicht zu mager unterwegs zu sein, packe ich auf etwa 500 Höhenmeter eine 100er HD in den Vergaser. Keine zwei Kilometer gefahren, dann ein Schreckmoment. In einer Linkskurve liegend, rutscht mir plötzlich der hintere Schlappen weg. Auch unter Zuhilfenahme meines Fußes kann ich gerade noch korrigieren. Ich fahre langsam zurück an den Ort des Geschehens und entdecke Öl auf der Fahrbahn. Ich atme tief durch und fahre langsam weiter. Gerade nochmal gut gegangen. Weiterhin ist aber jede Linkskurve mit Öl vermint und so brauche ich eine Weile für den weiteren Abstieg.

Schlimmer noch: Die Probleme mit der Leistung bei Bertl bleiben. Da ich weiter absteigen werde, halte ich wiederum, packe alles ab, ändere auf 102 und fahre weiter. Selbe Probleme. Und hier begehe ich vermutlich einen folgenschweren Fehler. Da das Vergrößern der Düsen keinen Effekt hatte, ändere ich zunächst auf 98 und dann auch noch zurück auf 94. Da ich dafür jedes Mal das gesamte Gepäck abpacken muss, schwillt mir schon leicht der Kamm. Als dann aber auch die 94er Düse, die ha zuvor tadellos funktionierte, keine Änderung bringt, schnalle ich erst, dass das Problem nicht der Vergaser sein kann. Erst jetzt untersuche ich Bertl’s Verhalten genauer. Wie sich zeigt, habe ich auch im unteren Drehzahlbereich das Problem, dass sie das Gas nicht gescheit annimmt. Ob diese Theorie stimmt oder nicht, weiß ich nicht, aber ich folgere daraus, dass es nicht die für hohe Drehzahlen zuständige Hauptdüse sein kann, die die Probleme hervorruft.

Vielmehr muss es mit der Zündung zusammenhängen. Also packe ich zum siebten Mal heute Bertl ab und tausche auf einen Schlag Zündkerze und CDI. Und tatsächlich, sie zieht wieder sauber durch. Ich reite weiter und finde noch die Zeit für ein erstes Bild, mit meinem neu erworbenen Tripod.

Nun bin ich aber noch immer mit der 94er HD unterwegs. Also zum achten Mal abgepackt und auf 102 gewechselt. Nicht zu mager unterwegs sein. Könnte ja einen Kolbenklemmer geben. Denke ich gerade noch, als bei voller Fahrt bei 70 Sachen Bertl einen lauten Schrei von sich gibt und aus geht. Ich ziehe die Kupplung und fahre rechts ran. Sofort habe ich den Kolben im Verdacht.

Ich bin mitten in der puta mierda, wie man hier so schön sagt. In der absoluten Wallachei. Die Uhr sagt bereits kurz vor 16 Uhr. Und noch knapp 100 km zu gehen. Jauche. Aber hilft alles nix. Ich rolle zu einer nahegelegenen (stillgelegten) Tankstelle und packe Bertl zum neunten Mal ab. Dann nehme ich den Auspuff ab, löse die Radmuttern, bocke Bertl auf vier Blockziegeln auf, die hier herumliegen und entnehme auch das Hinterrad.

Ich schraube den Vergaser runter, löse die Schraube die den Motor am Stoßdämpfer hält und klappe den Motor ab. Mit abgeklapptem Motor löse ich dann die Muttern des Zylinderkopfes und nehme jenen ab. Ich kontere zwei Muttern auf den Stehbolzen um diese ebenfalls abzunehmen, als mich eine Gruppe neugieriger Kolumbianer umringt. Ich beantworte zunächst wieder die üblichen drei Fragen und äußere dann auf Rückfrage meinen Verdacht, dass der Kolben Schaden genommen haben könnte. Einer der Jungs kniet sich gleich neben mich, stellt sich mir als Zweitaktmotorradmechaniker vor, nimmt mir das Werkzeug aus der Hand und dreht die Stehbolzen aus dem Gehäuse. Ich lasse ihn aufgrund seines offensichtlichen Wissensvorsprungs gewähren und begnüge mich mit der Zuschauerrolle. Mein Mechaniker nimmt den Zylinder ab und gibt mir zu verstehen, dass tatsächlich etwas mit dem Kolben nicht stimmt. Aufgrund der Sprachbarriere bleibt mir zunächst schleierhaft was genau. Unwichtig. Wichtiger: Kolben kann getauscht werden. Ich habe nämlich einen Neuen dabei. Das imponiert den Umstehenden sehr. Alle nicken anerkennend und murmeln etwas von muy bien preparado während uns mit hereinbrechender Dämmerung die Moskitos aufzufressen beginnen.

Als mein Mechaniker den neuen Kolben montiert, sehe ich noch den Pfeil oben auf dem Kolben, mache mir aber keine Gedanken. Der Mann wird schon wissen was er tut. Tut er nicht. Beziehungsweise tut er doch. Denn er faselt noch etwas davon, dass er den Kolben falsch montiert hat. Glaube ich zumindest. Der Sprache geschuldet weiß ich das nicht genau. Ich sage etwas wie: Dann machen wir es halt richtig. Er entgegnet etwas wie: Nein nein, passt schon.

Also gut. Ich übernehme wieder und baue Bertl wieder zusammen. Die Moskitos zerstechen meinen ganzen Körper und den der umstehenden Fangemeinde.

Als Bertl wieder zusammengesetzt ist, startet sie zwar sofort, läuft aber unglaublich flach und ist ständig kurz vor dem Absterben. Außerdem zieht sie kaum vom Fleck. Dazu ist der Hinterreifen nur provisorisch mit Handpumpe gefüllt, da ich die Luft ablassen musste, um die Auspuffschraube herauszubekommen. Da es inzwischen aber nach 18 Uhr und schon wieder dunkel ist, ignoriere ich all das und fahre los in Richtung Girardot. Da ich mit neuem Kolben unterwegs bin und dieser erst noch eingefahren werden muss, reite ich mit satten 40 km/h gen Westen. Weil außerdem meine vor drei Wochen neu gekauften originalen Samsung Kopfhörer schon wieder das Zeitliche gesegnet haben, bin ich außerdem ohne Musik unterwegs.

Nachts durch Kolumbien, durch Pueblos vor denen mich die umringenden Kolumbianer zuvor noch gewarnt hatten, auf einem Moped mit dem irgendwas nicht stimmt, ohne ausreichend Luft im Hinterreifen, mit einer maximal möglichen Geschwindigkeit von 40 km/h, mit 100 km zu fahren und ohne Musik auf den Löffeln. Dazu plagt mich schon seit dem dritten Mal Abpacken wegen des Vergasers ein brutaler Durst. Ich hatte schon bessere Momente. Und das wo ich im Allgemeinen sowieso gerade nicht die beste Version meiner selbst bin…

Ich entscheide mich durch besagte Pueblos durchzufahren und nicht an der Tankstelle zu halten um Luft in den Reifen zu pumpen. Die Strategie lautet, einfach gar nicht mehr zu halten und zu hoffen, dass der Schlappen hält. Und so tuckere ich im Schildkrötengang dahin, bis ich um etwa halb neun in Girardot ankomme. Nach einer weiteren halben Stunde Stadtverkehr, in der ich Bertl inzwischen durch etwas Drehen am Gas ständig künstlich am Leben erhalten muss, da sie mir sonst jedes Mal absterben würde (was auch etliche Male passiert), komme ich an der vom Hotel angegebenen Adresse an. Als dort niemand weiß, wo besagtes Hotel sein soll und auf meine Anrufe im Hotel niemand reagiert, da platzt mir die Krawatte. Ich trete gegen einen nahegelegenen Laternenmast und lasse meinem Frust freien Lauf. Die Wut bricht einfach aus mir raus und ich rufe laut: „Leck mich doch am Arsch. Verf***te Scheiße, verf***te.“

Es ist Nacht. Noch immer habe ich meinen sieben Stunden alten Durst. Mein Rücken und mein Arsch tun mir weh. Mein geliebter Roller ist kaputt und ich weiß nicht wo das Hotel sein soll. Dazu sitzt Natalia in einem Bus hier her mit nahezu 0% Akku und weiß ebenfalls nicht wo das Hotel ist. Dieser Tag hat geschafft, was drei Tage im Hafen von Cartagena nicht geschafft haben. Er hat mich gebrochen und mich dazu gebracht zu explodieren.

Als ich dann irgendwann das Hotel telefonisch erreiche und mir die Rezeptionistin mitteilt, dass das Hotel eine halbe Stunde entfernt im Stadtzentrum liegt, wo ich wenig zuvor noch vorbei gefahren bin, da weiß ich gar nicht mehr wohin mit meiner Wut. Ich bin Tränen der Wut nahe. Darüber, dass die Adresse im Buchungsportal nicht stimmt und darüber, dass ich deshalb nochmal eine halbe Stunde mit einem Moped fahren muss, dass nach Möglichkeit eigentlich nicht mehr bewegt werden sollte. Ich setze mich neben Bertl auf die Straße und starre ins Leere. Ich bin durch. Ich kann heute nicht mehr. Ich will heute nicht mehr. Es soll einfach vorbei sein.

Irgendwann habe ich mich gesammelt und quäle mich wieder eine halbe Stunde lang durch die Stadt. Mehrmals geht Bertl mitten in der Fahrt aus. Als ich dann das Hotel irgendwann nach 22 Uhr erreiche, ist klar, dass dies der Abschluss meines bislang schlimmsten Tages dieser Reise ist. Ich lasse den Hotelbediensteten noch mächtig den Rost runter über die falsche Adresse und die schlechte telefonische Verfügbarkeit, ehe die leicht vor mir angekommene Natalia mich etwas beruhigen und mich zu einer Dusche und Abendessen überreden kann. Wir gehen danach noch in den Stadtpark von Girardot zu Live-Musik, Bier und Zuckerwatte…

…ehe ich erschöpft ins Bett falle. Was ein beschissener Tag.

Einfach Mal nix tun… Part 1

Aufgrund der späten Bettruhe am vorherigen Tag, ist es nach ausschlafen und Frühstück am heutigen Samstag schon fast 12 Uhr, ehe wir startklar sind. Der Plan sieht vor in ein Hotel mit Pool etwas außerhalb von Girardot umzusiedeln und die Beine hochzulegen. Am Sonntag wollten wir eigentlich mit Bertl nahegelegene Wasserfälle erkunden gehen. Aufgrund der eventuell schwerwiegenderen Probleme entscheiden wir aber, Bertl hier zurück zu lassen und wie der Pöbel Bus und Taxi zu fahren. Widerlich.

Eines dieser Taxis bringt uns also an unser Hotel für die nächsten zwei Nächte und der restliche Tag gehört Dosenbier am Pool, Planschen und sinnfreien Unterhaltungen. Herrlich.

Und da wir am nächsten Tag zu den Wasserfällen möchten, ist heute frühe Nachtruhe angesagt.

Die Cascadas de Payandé

Und irgendwie schaffen wir es an diesem Morgen nach gut zwanzig Minuten Taxi, zwei Stunden Bus und nochmal dreißig Minuten Taxi zu den Wasserfällen von Payandé. Gute drei Stunden, wofür Bertl 1:15 h gebraucht hätte. Dazu Ärger mit dem Taxifahrer, der den zuerst vereinbarten Preis nicht einhalten will und solange einfach kein Wechselgeld herausrückt, bis ich entnervt aufgebe. Tag 1 ohne Bertl und ich vermisse sie schon so sehr, dass es weh tut.

Wir besorgen uns Dosenbier und laufen gleich zum letzten der sechs Wasserfälle um zu Schwimmen, von den Felsen zu springen und wieder Mal noch sinnbefreitere Unterhaltungen zu führen.

Um etwas 16 Uhr müssen wir dann den Park schon wieder verlassen und nach einem Kilometer zu Fuß, 15 km per Anhalter, einem weiteren zu Fuß und dem Rest per Bus, schaffen wir es irgendwann tatsächlich nach Girardot zurück. Ich hatte tatsächlich schon vergessen, wie angenehm Bertl einem das Reisen macht. Tage wie diese erinnern mich dann auf schmerzhafte Weise wieder daran.

Immerhin gaben die etlichen Stunden Busfahrt ausreichend Zeit her, mit Natalia meine weiteren Reisepläne zu diskutieren. Aufgrund der Schwierigkeiten mit Ecuador bin ich nun schon fast soweit Südamerika abzublasen und stattdessen über Panama und Mittelamerika nach Mexiko zu reisen und im Anschluss daran sowohl die USA als auch Kanada von Küste zu Küste zu bereisen. Ich setze mir selbst eine knappe Frist von etwa einer Woche um eine Entscheidung diesbezüglich zu treffen und diese umzusetzen.

Einfach Mal nix tun… Part 2

Und als ich dann am Montagmorgen erwache, kann ich diese guten Gewissens in den Wind schießen. Denn ich wache auf zu den News, dass Ecuadors Regierung das umstrittene Gesetz, das zu den Unruhen geführt hatte, zurückgenommen hat. Die Indigenen haben daraufhin das Ende ihrer Proteste angekündigt. Der Weg nach Ecuador scheint geebnet. Dafür brauche ich jetzt nur noch ein funktionierendes Moped. Während also ein weiterer Morgen am Pool mit Dosenbier ins Land zieht, kontaktiere ich wieder Guido, der mich per Rückfrage, ob der Kolben denn richtig rum eingebaut sei, wieder an den Pfeil auf dem Kolben und die merkwürdige Situation erinnert, in der mein frisch kennengelernter Mechanikerfreund vermeintlich etwas von „falsch eingebaut“ gefaselt hat. Sollte es tatsächlich nur daran liegen?

Nachdem wir per Taxi zurück nach Girardot gegondelt sind und ich mich wieder einmal schweren Herzens von Natalia verabschiedet habe, gehe ich an die Arbeit. Wieder wird Bertl von mir bis auf die Knochen ausgezogen.

Und tatsächlich kommt ein falsch herum eingebauter Kolben zum Vorschein. Ich montiere denselbigen also korrekt herum und stelle erleichtert fest, dass die Leistungsprobleme damit bereits behoben sind. Allerdings bleibt Bertl nach dem Ankicken nicht an, sondern geht gleich wieder aus, wenn ich das Gas nicht etwas hoch halte. Das, in Verbindung mit der brutalen Rauchentwicklung, schiebe ich auf das Gemisch in meinem Tank, das ich aus lauter Sorge vor einem weiteren Klemmer immer weiter mit Öl angereichert habe. Nun war es aber wahrscheinlich zu viel des Guten. Herausfinden werde ich das aber erst morgen, da es bereits Montagabend ist und ich nur noch eins will: Essen und Pennen.

Jetzt heißt es also Daumen drücken, dass das der verkehrt eingebaute Kolben das einzige Problem war und die 100 km mit ihm keinen Schaden angerichtet haben. Dann sieht es nämlich so aus, als könnte nach fast drei Monaten Kolumbien die Reise gen Süden doch noch weitergehen…

3 Antworten zu “Tage 83, 84, 85 und 86: Es wird schlimmer bevor es besser wird”

  1. Hey,
    ich mal wieder 😉
    Wenn die Vespa das Standgas nicht halten kann, dann schau mal ob die zwei Schraube, die den Vergaser in der Wanne fixieren, noch fest sind.

    Ausserdem kannst du mal die ND (Nebendüse) kontrollieren und mal durchblasen.
    Wenn da Ablagerungen drin sind, dann macht sich das bei Stand- und 1/4 Gas stark bemerkbar.

  2. Servus Reisender durch die Welten.
    Dich nach so vielen Problemen mit positiven, Kopf hoch und weiter geht’s, aufzubauen ist ja schon fast gelogen.
    Ich hoffe nur dass die rote Göttin weiter durchhält und der Kolbendreher keinen größeren Schaden angerichtet hat. Du musst mal die Zeit stoppen wie lange du für einen Kolben tausch brauchst, wird bestimmt eine Rekordverdächtige Zeit.

    Also Kopf hoch und weiter geht’s 😎

    1. Mahlzeit Thomas, mittlerweile greif ich tatsächlich blind zur richtigen Nuss. Hoffe trotzdem, dass ich die Arbeit nicht mehr so oft machen muss… 😉

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