Tage 87, 88, 89 und 90: Zwei Tage bis Ecuador

Aufgrund etlicher Rückfragen möchte ich versichern: Es geht mir hervorragend. Mein Wutausbruch bei der Fahrt nach Girardot bezog sich einzig und allein auf diesen einen Tag. Ich habe noch immer jede Menge Spaß daran Vespa zu reisen. Schwöre, wallah. Diese nächsten vier Tage sollten es wieder in sich haben und jede Menge Spaß bringen.

Girardot

Zunächst befinde ich mich aber noch in Girardot. Wieder erwache ich an diesem heutigen Dienstag sehr früh. Und das nachdem ich sehr spät erst geschlafen hatte. Keine gute Kombination eigentlich. Früh auf zu sein hat prinzipiell jedoch den Vorteil, dass mehr vom Tag bleibt. Einfache Mathematik. Ich mache mich also früh morgens daran Bertl per Schlauch den mit viel zu viel Öl angereicherten Sprit abzulassen. Dann ziehe ich los und besorge in der Ferreteria um die Ecke Loctite Schraubenkleber und einen Inbusschlüsselsatz. Mehr dazu später. Auf dem Rückweg zum Hotel hole ich dann noch zwei Gallonen feinsten neuen Sprit und begebe mich in die hoteleigene Tiefgarage zu meiner Bertl. Erwartungsvoll fülle ich den neuen Sprit ein und stelle niedergeschlagen fest, dass das keine Änderung bringt. Noch immer geht Bertl einfach umgehend wieder aus. Also mache ich weiter mit der Ursachenforschung. Ich nehme das Polrad ab um einen Blick auf den darunterliegenden Wellendichtring zu werfen. Trockener als deutsche Sommer. Wie er sein sollte. Also baue ich wieder alles zusammen.

Und als ich Bertl dann einfach aus Neugierde ankicke, schnurrt sie plötzlich als wäre nie etwas gewesen. Spontane Selbstheilung. Ich bin baff und erleichtert. Ein Problem weniger. Auf zum nächsten. Eine der in Medellín von Pipe, als Stehbolzenersatz, in meine Bremstrommel gedrehten Schrauben hat sich gelöst. Dabei handelt es sich um eine Inbusschraube. Und da diese ansonsten an Bertl nirgends existieren, habe ich ja den oben bereits erwähnten Inbusschlüsselsatz gekauft. Ich schmiere ein wenig Schraubenkleber auf die Schraube, fixiere von einer Seite die Radmutter und drehe von der anderen die Schraube zurück wo sie hingehört.

Und während der Schraubenkleber trocknet, widme ich mich noch einem anderen Problem. Dem Nachstellen meiner Vorderbremse. Irgendwie schaffe ich es aber das Ende des Bremszuges so zu versaubeuteln, dass ich den ganzen Zug tauschen muss. Da dieser dann noch hakt und nicht gleich durchgeht, schaffe ich es Mal wieder aus einem Routineaufgäbchen einen Mordsstress zu machen. Und so ist es zu spät um heute noch weiterzureisen, als alle Aufgaben erledigt und Bertl wieder fit zur Weiterreise ist. Also verlängere ich noch eine Nacht und nehme mir die Fahrt in die Tatacoa-Wüste für den morgigen Mittwoch vor.

Als ich dann noch etwas durch die Stadt spaziere, werde ich Zeuge einer, für deutsche Augen, eher ungewöhnlichen Prozession. Voraus fährt ein Kleinwagentaxi mit offenem Kofferraum und fettem Lautsprecher in eben jenem. Daraus dröhnt lateinamerikanische Pop-Musik und hinterher läuft eine Horde Menschen, von denen die vordersten einen Sarg auf den Schultern tragen. Ziel: Der Dorffriedhof. Hat auch was.

Road to Neiva

Schnitt. Nächster Tag. Abfahrt um 9:30 Uhr mit einer (vermeintlich) fitten Bertl. Das Ziel heißt Desierto de Tatacoa und liegt etwa 150 Kilometer weit weg. Nicht so viel auf den ersten Blick. Meine maximale Geschwindigkeit beträgt aufgrund des erst einzufahrenden Kolbens aber weiterhin max. 50 km/h. Kann also etwas dauern das Ganze.

Und tatsächlich. Nach einer Stunde habe ich stolze 35 km zurückgelegt. Zieht sich wie Kaugummi. Dafür sehe ich bedeutend mehr von der Landschaft. Hat auch was.Zur Mittagessenzeit um 12 Uhr, habe ich gerade erst 90 Kilometer runter, in einer Baustelle 37 Kilo Dreck durch Augen, Nase und Mund gespachtelt und die Hitze lässt mich in meinem eigenen Saft schmoren. Aber so wollte ich es. Also weiter. Außerdem möchte ich nicht zu lange warten. Denn inzwischen flüchte ich vor dieser Regenfront:

Ich schleiche zwar weiterhin durch die Gegend. Als ich aber beim Anfahren Mal etwas länger den Zweiten und Dritten ausfahre, höre ich ein Geräusch, das mir nur allzu bekannt vorkommt. Der Roller wird dabei bei den hohen Drehzahlen etwas lauter. Ich würde es am ehesten als Knattern bezeichnen. Ursache: Der Zylinderkopf sitzt vermutlich etwas locker. Also halte ich, packe ab und sehe nach. Zwei der vier Stehbolzen scheinen sich irgendwie mit der Mutter vereint zu haben. Letztere lassen sich daher nicht mehr fest genug anziehen. Macht nix. Denn auch Zylinderstehbolzen finden sich in meinem Ersatzteillager. Also fix die Stehbolzen mit Hilfe zweier gekonterter Muttern eingedreht und den Kopf wieder drauf gedreht. Erledigt. Denke ich.

Denn als ich los fahre, höre ich ein neues Geräusch. Ein bisschen klingt es, als wäre irgendwo ein Metallteilchen, wo es nicht hingehört. Also wieder rechts ran. Wieder abpacken. Wieder in der prallen Sonne mit Nierengurt und langer Jacke an Bertl werkeln. Der Saft läuft nur so aus allen Poren. Ich mache den Zylinderkopf nochmal runter und schaue in den gut geschmierten Zylinder. Wie erwartet nichts drin. Das hätte vermutlich auch ganz anders geklungen und sich bemerkbar gemacht…

Ratlos wie ich bin, schraube ich den Kopf wieder drauf, ziehe artig über Kreuz an und fahre wieder los, da im Stand nichts mehr zu vernehmen ist. Kaum unterwegs tritt das Geräusch wieder auf. Ich fahre trotzdem noch einige Kilometer und probiere gerade zum ersten Mal seit dem Kolbenwechsel eine Geschwindigkeit von annähernd 65 km/h aus, als es wieder rummst und Bertl ausgeht. Fuuuuuuuuuuck, der nächste Kolben. Was auch sonst. Und das bestimmt auch nur weil ich zu schnell unterwegs war. Ich nehme vorweg: Eventuell wäre es sinnvoll gewesen, Bertl Mal unters Blechkleid zu sehen, anstatt einfach davon auszugehen, dass es der Kolben ist, der zickt.

Aber ich bin mir in diesem Moment aufgrund der vorherigen Geschehnisse und des Geräusches beim Ausgehen einfach zu sicher. Und einen weiteren Kolben zum Tausch, habe ich nicht dabei. 125er Kolben gibt es hier außerdem nicht. Ich müsste also einen 150er Zylinder inklusive Kolben kaufen und Bertl damit aufrüsten. Und das alles binnen fünf Tagen, da ich bis dann das Land verlassen haben muss. Und das ganze außerdem hunderte Kilometer von der Grenze zu Ecuador entfernt. Da könnte einem ja glatt der Butterarsch auf Grundeis gehen. Ich muss nachdenken. In Ruhe. Also schaue ich auf Google Maps und finde einen einige Häuser starken Pueblo, ca. 4 km entfernt. Eventuell kann ich ja dort unterkommen und eine Lösung finden.

Nach etwa einem Kilometer Bertl-Schieben durch die sengende Hitze, hält neben mir ein Motorradfahrer, der sich als Andrés vorstellt. Und Andrés hat eine Idee. Andrés setzt seinen rechten Fuß von hinten an meine linke Seitenhaube und gibt Gas. Gute Idee Andrés. Andrés schiebt mich auf diese Art und Weise also nach Guacirco, den Pueblo. Ein Hotel gibt es zwar nicht. Dafür aber endlich Mal wieder was zu trinken. Außerdem ruft mir Andrés nun noch einen Abschleppdienst, der mich in die 15 km entfernte nächste größere Stadt, Neiva, bringen soll.Als dieser eine Viertelstunde später eintrifft, kann ich es kaum glauben, als er auf meine Frage nach dem Preis erwidert: Gratis. Ein Service der zuständigen Straßenbaugesellschaft.

Dafür kann er mich aber auch nur an den Stadtrand schleppen. Reicht auch. Der Rest wird geschoben, denke ich mir. Ich schmeiße also nach Ankunft die Umkreissuche von booking.com an und buche das nächstgelegene preiswerte Hotel. 2,5 geschobene Kilometer und 67 verschwitzte Liter später, bin ich an der im Buchungsportal angegebenen Adresse. Und wie es an einem Tag wie diesem dann kommen muss, stellt sich die Adresse wieder als falsch heraus. Ich kann nur noch lachen. Aus Verzweiflung. Aber immerhin gelacht. Dieses Land hat so viele schöne Facetten. Dass man sich auf nichts, aber auch wirklich absolut unter Null gar nichts verlassen kann, ist keine davon. Nächste Umkreissuche. Nächstes Hostel. 2 km weit weg. Dieses Mal vergewissere ich mich vorher telefonisch nach der Adresse und schiebe wieder los. Völlig am Arsch komme ich gegen 18:30 Uhr in meinem Hostel an, parke Bertl, dusche, esse, frage noch bei meinen kolumbianischen Vespa-Kontakten Teile an und schlafe recht schnell den Schlaf der Gerechten.

Road to Inzá

Am nächsten Morgen bin ich schon vor 06:30 Uhr wach und mache mich gleich daran Bertl auseinander zu nehmen. Denn das Aussehen des Kolbens sollte Aufschluss bringen. Nicht direkt für mich. Aber für meine Kontakte, denen ich Bilder senden werde. Und während ich mir schon überlege wie ich den Zylinder mit Ätznatron behandeln könnte, wenn er denn nicht bereits am Arsch sein sollte, habe ich nach dem Abziehen des Zündkerzensteckers plötzlich die ganze Zündkerze in der Hand.

Waaaas? Das Scheißteil war locker? Da macht es Klick. Beim Ausgehen gestern war das das gleiche Geräusch wie im Valle de Cocora, als ich vergessen hatte die Kerze vernünftig festziziehen. Einziger Unterschied. Dieses Mal bin ich 100% sicher, dass ich die Kerze angezogen hatte… Sehr merkwürdig. Das Gewinde scheint auf den ersten Blick auch noch in Ordnung. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Egal. Wichtig ist, all die Sorgen über einen Austausch des Zylinders und darüber, es nicht rechtzeitig aus dem Land zu schaffen, verfliegen nämlich, als ich Bertl mit festgeschraubter Kerze auf einen Kick anlasse. All die Schieberei, den Abschleppdienst und den ganzen Stress am gestrigen Tag hätte ich Mal sauber auslassen können, wenn ich einfach noch ein weiteres Mal abgepackt und unter Bertl geschaut hätte.

Naja, ich verorte das alles in der Kategorie Lehrgeld und mache mich nach dem Frühstück auf den Weg. 130 km nach La Plata würde ich kommen, meinten die beiden Kadetten aus meinem Hostal. Von dort aus, müsste ich mich mitsamt Bertl auf eine Chiva verladen lassen, da die Straße nicht mehr bertltauglich sei. Eine Chiva, ein speziell an die Bergregion angepasster Bus, der die ländlichen Regionen Kolumbiens miteinander verbindet und dabei alle (!) Arten von Waren im Bus oder auf dem Dach transportiert.

Klingt nach einem Abenteuer, das ich so eigentlich gar nicht haben wollte. Aber was solls… Die Strecke ist alternativos.

Also bertle ich los. Stets darauf bedacht den Motor nicht zu überhitzen und den Kolben nicht zu klemmen, fahre ich einen neuen Rhythmus. 25 km mit mehr oder weniger 45 km/h gefolgt von mindestens 5, eher 10 Minuten Pause. Diese ersten 25 km zieht Bertl ohne Probleme durch. Und auch klingen tut sie bislang normal. Damit ist sie ihrem Besitzer einiges voraus. Ich halte danach also unter einem Tankstellendach, lasse Bertl verschnaufen und trage neue Sonnencreme auf meine Visage, vom Farbton des ewigen Eises, auf.

Ich schaffe weitere 25 km auf Bertl, währendderer ich Zeuge werde wie die Feuerwehr einen Buschbrand löscht, nur um ebenfalls zu sehen wie fünf Minuten später wieder ein Kolumbianer am Straßenrand seinen Müll verbrennt. Arbeitsbeschaffung für die Feuerwehr vermutlich. Denn die Gegend ist extrem trocken. Lediglich im direkten Umfeld des Flusses gibt es etwas Grün.

Außerdem fallen mir hier erstaunlich viele Bumshotels am Straßenrand auf. Vorkommen tun diese zwar überall, aber in dieser Häufigkeit? Hier rammelt man offenbar wie die Karnickel.

Nach 75 km schnurrt Bertl noch immer wie eine Große. Keinerlei Beanstandungen. Ich dagegen kämpfe mit der Hitze. Der Asphalt reflektiert diese gnadenlos und ich bin darauf bedacht ständig Sonnencreme nachzuschmieren und genügend zu trinken. Auch wenn ich mich dadurch ständig in nahegelegene Büsche entleeren muss.

So ziehen sich auch die Kilometer 76 bis 100 hin und nach 130 derer komme ich in La Plata an. Bertl scheint wieder zurück zu sein nach den paar Tagen Auszeit, die sie sich genehmigt hatte.

In La Plata nehme ich Kurs auf den Terminal de Transportes um die Chiva für den Transport nach Inzá zu organisieren. Zuvor will ich aber noch die Meinung der einheimischen Mototaxistas hören, die wie üblich vor dem Terminal herumlungern. Und entgegen des bisher Gehörten ermuntern mich diese dazu die Fahrt selbst zu machen? Cilindraje 125? Klar schaffst du das. Nuevos llantas? Neue Reifen? Locker… Also plausche ich noch etwas mit ihnen, gebe Bertl somit ihre Pause und mache los. Nicht ohne noch eine Warnung vor der Kälte auf dem Pass mitzubekommen, der mich dann nach Inzá erwartet. Mototaxista 3, der ein Superman-T-Shirt trägt, erzählt gar, dass ihm bei seinem letzten Ausritt nach oben die Zähne zusammengefroren sind. Ich hoffe der gute Mann übertreibt etwas und verschiebe die Sorgen an den Pass auf Morgen.Bei Kilometer 150 bin ich in einem winzig kleinen Pueblo namens Valencia.

Bis hierher ist die Straße noch in einwandfrei geteertem Zustand. Aber es geht teilweise schon steil bergauf. Den Kolben weiter mit niedrigen Drehzahlen einzufahren wird schwer wenn es weiter so nach oben geht. Immer wieder sehe ich recht spät, in Flecktarn gekleidete, Soldaten am Straßenrand. Außerdem Schilder, die vor Minen aus der Zeit des Drogenkrieges warnen. Auf einer Kuhweide. Mit Kühen drum rum. Ich male mir aus wie so eine Landmine in einigen Sekundenbruchteilen anrichtet wofür Metzger und Grillmeister einige Stunden benötigen und sehe dann auch noch eine Chiva, an der, am Vorderrad aufgehängt, ein Motorrad hinten dran hängt. Gut, dass ich meiner Bertl dieses Schicksal erspart habe.

Dann wird es ungemütlich. Ab Kilometer 160 etwa blühen mir noch weitere 17 Kilometer unbefestigter Straße. Es beginnt mit kurzen Abschnitten, ehe unbefestigt dann zum neuen normal wird. Mit nun noch maximal 15 km/h im Zweiten und manchmal noch weniger im ersten Gang holpere ich über dicke Brocken, durch tiefe Löcher und sogar durch kleinere Bäche und Wasserläufe. Alle 300 bis 500 Meter muss ich anhalten, weil mir mein Gepäck verrutscht. Sehr mühsam. Dazu immer darauf bedacht den Motor nicht zu heiß werden zu lassen. Ein Drahtseilakt. Aber was eine Gegend dafür…

Irgendwie schaffe ich es nach über eineinhalb Stunden Schotterpiste völlig durchgerüttelt auf fast 2.000 Höhenmeter nach Inzá, wo die Welt zu Ende ist. Jeder starrt mich an, als hätte er/sie noch nie einen Ausländer gesehen. Handyempfang gibt es so gut wie nicht. Aber das einzig verfügbare Hotel wartet mit einem Wahnsinnszimmer inklusive Whirlpool auf. Immerhin.

80.000 Pesos oder etwa 20 Euro. Aber nach der Schinderei heute, sollte die Premium-Gönnung drin sein. Was ich vergesse: Ich bin immer noch in Kolumbien. Weshalb nach einer halben Minute die Temperatur des Wassers von heiß auf arschkalt wechselt. Also wieder raus. Angezogen. Runter zur Rezeption. Sorry, hab kein heißes Wasser. Aaaaaah, ja mach mal die Dusche noch mit an. Okay. Ausprobiert. Funktioniert. Wieder reingesprungen. Funktioniert exakt eine Minute. Fuuuuuuck. Wieder abgetrocknet. Angezogen. Runter zur Rezeption. Hmmm, merkwürdig. Eventuell im anderen Zimmer. Alles klar. Ausprobiert. Funktioniert. Zimmer getauscht. Rein in den Whirlpool. Wasser wird kalt. Leck mich doch die Welt am Arsch. Ich werd hier gleich zum Axtmörder. Raus aus der Wanne. Abgetrocknet. Dusche an. Whirlpool an. Geht. Rein in die Wanne. Wasser wird kalt. Abgetrocknet, angezogen. Völlig entnervt zur Rezeption, um den Wechsel in ein halb so teures Whirlpool-loses Zimmer zu vollziehen. Hat ja nun auch nur eineinhalb Stunden gedauert und mich sieben Jahre altern lassen das ganze.

Auch aufgrund der ganzen Plackerei mache ich heute die Augen wieder sehr früh zu und entsprechend auch sehr früh wieder auf. Noch vor sechs Uhr genau genommen, weil irgendein Arschloch um diese Zeit vor dem Hotel auf der absolut unbefahrenen Straße ein Hupkonzert veranstaltet. Sollen dir die Gedärme im Leib vefaulen, du Sack.

Road to Popayán

Ich mache wieder das beste draus, tanke sowohl Bertl als auch meinen Kanister an der direkt vor dem Hotel liegenden Tanke und ordere Frühstück. Während ich darauf warte, passe ich die Hauptdüse im Vergaser an die heutige Aufgabe an. Es geht immerhin auf über 3.000 Meter. Der Blick darauf verrät wie die letzten Kilometer der Straße beschaffen waren.

Egal. Lasse ich ein ander Mal wieder reinigen. Zurück zum Gaser. Eigentlich würde ich mindestens eine 94 in den Düsenstock schieben. Weil ich aber eben erst Probleme mit dem Kolben hatte, entscheide ich mich für eine 98 als Kompromiss. Nach einem Telefonat mit meiner kreditkartenausgebenden Bank, bin ich um 8:30 Uhr mit Thermounterhemd und Pulli, sowie griffbereiter Jacke bereit zum Aufbruch zu dem, was die bislang heftigste Etappe der Tour werden sollte.

Die ersten sechs Kilometer sind wie die Vorherigen aufgehört hatten. Holprig, schottrig, eklig. Wenigstens hält das Gepäck heute besser. Immer weiter zieht sich dann die Straße bergan. Meist mit 15 bis 20 Sachen im Zweiten. Manchmal sogar mit 30 im Dritten schleiche ich bergan.Bei 2.500 Metern greife ich zur Jacke und versenke außerdem meine Hose in den weißen Tennissocken. Abdichten wo es geht. Und dann hält der restliche Streckenverlauf einiges für mich bereit, was ich so nicht erwartet hatte.

Ich taste mich langsam rein in die Wolken.

Immer wieder ist eine Fahrbahnseite wegen Hangrutsches gesperrt.

Dann muss ich diese vermeintlich harmlose kleine Rampe nehmen.

Aufgrund des nassen, rutschigen Untergrundes und Bertl’s Gewicht, sowie der mangelnden Power in der Höhe, versagt Bertl zwei Mal die Kraft und mit gedrückter aber wirkungsloser Vorderbremse schlittere ich rückwärts wieder runter. Nur mit viel Ausbalancieren kann ich verhindern, dass ich mitsamt allem Gepäck auf die Seite stürze. Klappen tut es dann auf diese Art und Weise.

Weiterhin hält die Route Schlamm, Pfützen und Dreck für mich bereit.

Selbst wenn geteert, bin ich oft nur noch mit 10 km/h in Gang 1 unterwegs, was dann so aussieht.

Nach gerade einmal dreißig Kilometer macht man mir dann die nette Schilderhalterin vor der Nase die Straße dicht und bestellt mir als Wiedergutmachung Kaffee am Straßenrand.

Als ich dann nach 20 Minuten endlich weiterfahren darf, schaffe ich genau einen Kilometer, als mitten in der Baustelle im Schlamm ein Bagger den Weg versperrt. Wieder fünf Minuten warten. Irgendwann schaffe ich es dann aus diesem Schlammloch raus und kann wieder etwas schneller fahren. Etwas schneller bedeutet in diesem Fall, stolze 20 Sachen. Hier einfach Mal mitfahren…

Ich bin Inzwischen auf über 3.000 Metern wo plötzlich vor allerhand Getier gewarnt wird. Jaguare und Bären hatten mir in meiner Schildersammlung noch gefehlt.

Dann geht es endlich wieder etwas bergab. Und zwar auf einer relativ guten Straße. Lediglich die üblichen Schlaglöcher von Zeit zu Zeit. Bei einem davon plötzlich ein metallisches Klimpern. Ich blicke nach unten und sehe eine Lenkkopschraube auf dem Fußblech. Hat sich das Teil doch tatsächlich gelöst und ist rausgefallen. Ich halte um sie wieder einzustehen. Die Sonne kommt raus. Es wird wärmer. Ich pisse an einen Busch. Die Welt ist toll.

Aber nach vier Stunden Fahrt habe ich erst exakt 73 km zurückgelegt. Das macht einen Schnitt von exakt 18,25 km/h. Ich war schon schneller.

Nach 100 km komme ich gegen 13:30 Uhr dann in Popayán an und beschließe aufgrund der Strapazen des heutigen Tages für heute hier zu bleiben. Ich finde ein günstiges Hostel, in dem ich Bertl im Inneren parken kann und erkunde auf der Suche nach einem (nicht zu findenden) Drehmomentschlüssel etwas Popayán, die weiße Stadt. Die so genannt wird, weil sie überwiegend weiß ist. Auch der Himmel macht mit bei der Mottoparty und regnet wenig später ab.

Weitere touristische Aktionen fallen damit flach. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, da ich eh völlig kaputt bin von der heutigen Reise. Und auch Bertl haben zumindest äußerlich die heutigen Kilometer zugesetzt. So dreckig war die Alte lange nicht.

Immerhin habe ich die Tage meinen Kolben fast eingefahren. Langsam sollte ich mich dann wieder an die höheren Drehzahlen wagen können. Ich habe beschlossen, dass Kolumbien was die Aufenthaltsdauer angeht die Ausnahme bleiben wird. Viel ist passiert, was zu dem langen Aufenthalt geführt hat. Bürokratie in Cartagena, das verlorene Kennzeichen etc.. Nun bin ich eingefahren, habe meinen Rhythmus gefunden und ab sofort soll wieder das im Vordergrund stehen weswegen ich hier bin: Roller faaaahn.

Zwei Tage bis Ecuador.

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