Tage 91 und 92: Immer schön den Kolben schmieren

Heute Morgen verdaddle ich viel Zeit mit dem Organisieren eines Ersatzkolbens. Allerdings ist das ganze ja nicht ganz unwichtig, da ich beim nächsten Klemmer auf unbestimmte Zeit still stehe. Der genialste Lösungsvorschlag, den ich heute Morgen höre, kommt von einem peruanischen Vespisti, der mir vorschlägt, einen indischen Tuktukzylinder inklusive Kolben neu (!) für 30 US-Dollar zu kaufen und unter Bertl zu schnallen. Dieser wäre hier erhältlich, hat aber den Nachteil, dass ich ein Stück meines neuen Rennauspuffs absäbeln müsste um den Zylinder damit zu verbinden. Ein guter Plan D. Mehr aber auch nicht.

Road to El Remolino

Erst um halb 11 fahre ich los. Ich will etwa bis auf halbe Strecke zur Grenzstadt Ipiales vorstoßen. Ich besorge unterwegs noch schnell ein paar billige Kopfhörer um während der Fahrt endlich wieder Musik hören zu können.

Recht schnell geht es recht viele Kilometer bergab. Die ersten 50 km vergehen wie im Flug und ich mache eine erste kurze Pause. Dabei stelle ich fest, dass mit dieser Pause auch der 500. Kilometer nach Kolbenwechsel zusammenfällt. Das Ding sollte also nun gut eingefahren, Kolben und Zylinder gut eingeschliffen sein.

Weil das auch so bleiben soll und es auf diesem Teilabschnitt aber über sehr weite Strecken wieder auf etwa 600 Höhenmeter voran geht, wechsle ich wieder auf eine hoffnungslos überdimensionierte Hauptdüse 102. Ohne Ersatzkolben im Gepäck, habe ich Bammel vor einem weiteren Klemmer und verzichte daher lieber auf Leistung zu Gunsten der Langlebigkeit des Motors.

Langsam wage ich mich also wieder an Geschwindigkeiten von 55 und 60 km/h. Bertl zieht nicht nur super, sondern klingt auch so. Stand jetzt bin ich mit dem neuen Kolben mehr als zufrieden.

Zur Mittagessenzeit habe ich dann aber trotz nun schnelleren Speeds erst 75 km zurückgelegt.

Auf den nächsten biblischen 40 Kilometern habe ich das Gefühl, dass Bertl im vierten Gang, speziell nach Abwärtsrollen das Gas etwas verzögert annimmt. Ich vermute, das liegt an der bewusst zu groß gewählten Hauptdüse. Wissen tue ich es aber nicht. Und so fährt die Angst, dass etwas mit dem Motor nicht in Ordnung sein könnte immer mit.

Außerdem passiere ich auf diesem Streckenabschnitt einen ziemlich bedrohlich aussehenden Hitchhiker. Mit offenem Hemd, ausgehungert und einem Dübel in der Hand steht er an der Straße und zieht merkwürdige Grimassen. Eigentlich keine Erwähnung wert. Jedoch sollte ich dieses Stück verschwendeter Biomasse später nochmals sehen.

Zunächst aber stoppe ich gegen 15 Uhr in einem winzigen Pueblo namens El Remolino, da über meinem inzwischen auserkorenen Tagesziel Pasto ein fettes Unwetter aufzieht.

Ich finde zwar ein Hotel, möchte aber noch nicht aufgeben und suche zunächst auf Google Maps nach weiteren Hotels entlang der Strecke. Eines davon, 20 Kilometer entfernt, scheint machbar zu sein bevor es losgeht mit dem Regen. Also trinke ich in El Remolino nur kurz ein Wasser und fahre danach weiter. Nur um bereits nach fünf Kilometern die ersten Tropfen abzubekommen. Scheiß der Hund drauf. Mach ich eben morgen den Rest, denke ich und werde wieder beim Hotel in El Remolino vorstellig.

Und als ich da so sitze, im hoteleigenen Restaurant und bei einer Dose Poker Bier die nächsten Tage plane, kommt der Hitchhiker von heute Nachmittag angehumpelt, setzt sich an meinen Tisch und fängt an mit mir zu sprechen. Englisch, mit US-amerikanischem Zungenschlag stelle ich fest. Natürlich antworte ich ihm auf Englisch. Woraufhin er freudig erzählt, wie froh er darüber ist jemanden zu treffen, der englisch spricht. Diese Kolumbianer seien offensichtlich zu blöd dazu. Allgemein handele es sich doch bei diesem Land um das beschissenste der Welt. Ganze zwei Wochen sei er nun schon hier unterwegs und das einzig Positive an diesem Drecksloch von einem Land, sei ja, dass er überall Gras angeboten bekäme.

Er hält sich ein Nasenloch mit dem Daumen zu und feuert, indem er durch das andere Nasenloch stark ausatmet, eine Ladung Rotze auf den Boden des Restaurants. Die Leute seien unterstes Niveau fährt er fort. Dabei wollte er hier eigentlich Englisch unterrichten. Aber niemand gäbe ihm einen Job. Egal eigentlich. Weil dieses Volk ihn als Lehrer gar nicht verdienen würde meint er. Was ich denn von „den Kolumbianern“ halte, will er wissen und fordert vermutlich Bestätigung seiner Thesen ein. Den Gefallen tue ich ihm nicht. Ich erwidere stattdessen mit meinem ersten Redebeitrag dieser „Unterhaltung“, dass es „die Kolumbianer“ so nicht gibt. Er müsse wissen, dass man beispielsweise Paisas (rund um Medellín) nicht mit Rolos (Bogotá) vergleichen kann. Oder Rolos mit Costeños (Küstenregion) und Caleños (Cali). Ob er denn Mal versucht habe mit jemandem ins Gespräch zu kommen will ich wissen. Mit zusammengekniffenen Augen sieht er mich an, antwortet dann, als hätte er mich gar nicht gehört, dass er bislang eigentlich nur in Bogotá war, und ihm die Erfahrung mit „diesen Arschlöchern“ völlig ausgereicht hätte.

Ich versuche das Gespräch abzuwürgen, bevor es so richtig beginnt, fühle mich unglaublich unwohl in diesem Moment. Doch der Gringo fährt fort. Erzählt darüber, wie er vor einiger Zeit in Kambodscha ein Hostel in Brand steckte, weil ihm jemand Geld geklaut hatte und nun per Haftbefehl in mehreren südostasiatischen Ländern gesucht wird. Während er sich dann eine Weed-Pfeife ansteckt, schreit er einen vorbeikommenden und nach Geld fragenden Bettler auf Englisch an, dass er sich verpissen solle. Er selbst sei heute auch 10 Meilen gelaufen und habe kaum Geld um sich was zu essen zu kaufen.

Ich bin wie paralysiert. Ich kann die Situation nicht fassen. A propos Geld und Essen fährt er fort. Er habe kaum Geld sich etwas zu essen zu kaufen. Ob ich ihn nicht auf ein Bier einladen könne.

„Jetzt reicht es endgültig, du elendes lumpiges Stück Sch****. Hoffentlich gerätst du recht bald an den Falschen und derjenige pumpt dir eine Ladung Blei in den Magen. Und jetzt verpiss dich, du Wi***er.“ hätte ich sagen sollen. Stattdessen setze ich nach der Brandstiftergeschichte auf gute Miene zum bösen Spiel und sage, er solle sich eines nehmen und es auf meinen Deckel setzen. Parallel arbeite ich schon an einer Strategie um aus diesem Gespräch herauszukommen.

Der Gringo erzählt weiter, was ihn alles an diesem Land und seinen „behinderten Einwohnern“ störe und ich schaffe es irgendwann ihm dazwischenzugrätschen und ihm mitzuteilen, dass ich mich etwas ausruhen ginge. Viel Glück auf seiner Reise wünsche ich ihm noch und hoffe, dass er noch heute Nacht von einem Manchester-United-Jungfrau-Maria-Jesus-Bus auf die Hörner genommen wird.

In meinem Zimmer muss ich aber weiter an die Unterhaltung denken. Was sucht so jemand überhaupt hier? Ganz offensichtlich hatte er hier nicht das Kolumbien vorgefunden, das er sich ausgemalt hatte, statt mit einem offenen Blick hier her zu kommen und sich das Bild erst zu machen. Sein Plan ist weiter nach Ecuador zu ziehen, in der Hoffnung, dass die Menschen dort „besser“ sind. Dass es an ihm liegen könnte, dass er überall wo er hinreist aneckt und Probleme hat. Daran verschwendet er keinen Gedanken. Ich bin froh, dass ich selbst an meinen dunkelsten Tagen, keinen solchen Hass und solche Aggressionen entwickeln kann, wie dieses armselige Würstchen. Trotzdem schafft er es mir zumindest diesen Abend völlig zu vermiesen. Denn die Unterhaltung geht mir nicht mehr aus dem Kopf und ich selbst schlafe nun auch mit einem Groll ein. Mit einem Groll auf Typen wie ihn.

Road to Ipiales

Der ist am nächsten Morgen um 6 verflogen, als ich aufwache. Noch vor 8 Uhr gebe ich Bertl die Sporen. Denn wer weiß wie oft ich heute Regenpausen einlegen werden muss. Die ersten 37 km verlaufen dann stetig leicht bergauf. Recht bald sehe ich am Wegesrand abgekämpft und mit roter Rübe meinen Freund von gestern Abend. Hoffentlich zerfleischt dich ein Jaguar, wünsche ich ihm im Vorbeifahren.

Es ist neblig, aber trocken. Immer wieder ist die Gegenfahrbahn von frischen Hangrutschen versperrt.

Die erste Pause mache ich nach eben jenen 37 Kilometern, da es leicht zu nieseln beginnt. Danach ziehe ich wieder los. Mit übergeworfenem Poncho vermeintlich gut gegen den Regen geschützt. Zunächst läuft alles noch hervorragend. Irgendwann aber sind sowohl meine Schuhe, als auch meine Handschuhe komplett durchnässt. Der Regen wird immer stärker. Dazu schraube ich uns immer weiter in die Kälte bringende Höhe. Und nirgends eine Chance auf ein Käffchen anzuhalten. Irgendwann kriege ich nicht mehr vom dritten in den vierten Gang geschalten, weil meine Hände aufgrund der Kälte zu taub und gefühllos sind. Also halte ich in einer Baustelle am Straßenrand und wärme eben jene solange am heißen Auspuff, bis wieder etwas Gefühl zurück in den Griffeln ist. Adapt, improvise, overcome. Bear Grylls wäre stolz auf mich.

Nach gesamthaft schon 100 km erreiche ich endlich ein Café auf der Passhöhe von 3.184 Metern. Ich stelle Bertl ab, packe alles ab und schleppe es in das Café. Dort ordere ich Milchkaffee und wärme mich auf. Dann ist es Zeit mich für die nächsten Kilometer zu wappnen. Weitere 75 sind es bis zur Grenzstadt Ipiales. Frisches Paar Socken, frisches Paar Handschuhe, frisches Paar Schuhe und dazu altbewährte lange Sipplinger (lange Unterhosen) unter die Jeans. Und als ich irgendwann dann wieder mit übergeworfenem Poncho nach draußen trete, da hat sich der Regen erst mal verzogen. Und vom Pass nach unten, durch unzählige Baustellen, wird es wieder wärmer und trockener. Eine Wohltat.

Immer wieder sehe ich mit zunehmender Grenznähe (vermutlich venezolanische) Flüchtlinge mit oder ohne Wissen des Fahrers auf LKW mitreisen. Einige davon liegen oder hängen teilweise in gefährlichen Posen auf oder am LKW dran.

Die letzten dreißig Kilometer werden dann wieder übel. Es regnet wieder, ist kalt und windig. Aber ich entscheide durchzuziehen. Ich bin zu knapp vor dem Ziel um jetzt noch einmal zu pausieren.

Noch etwa sieben Kilometer vor meinem angedachten Ziel, dem Hotel, sehe ich am Straßenrand am Stadtrand von Ipiales ein Hotel mit gleichem Namen. Ich halte an, frage nach ob eine Reservierung für mich vorliegt und werde tatsächlich gleich eingecheckt. Ich bin nicht unglücklich, dass ich mir heute aufgrund von falscher Location bei Google Maps mal Kilometer sparen kann, statt zusätzlich zu fahren, bin aber langsam komplett verwirrt. Bislang stimmten nur die Adressen in der booking.com App nicht. Dafür wenigstens Google Maps. Dass nun aber auch noch Maps mit der falschen Adresse aufwartet, lässt mich ratlos zurück. Egal. Ich checke ein und gönne mir eine heiße Dusche. Denn Ipiales liegt auf 2.900 Metern und ist verdammt kalt, wenn man gerade erst noch auf 600 Metern geschwitzt hat.

Inzwischen hat der neue Kolben nach etwas mehr als einer Woche knappe 800 km runter. Man sollte niemals den Tag vor dem Abend loben, aber ich denke damit bin ich übern Berg. Jetzt heißt es künftig besser auf die Signale hören, die Bertl mir aus dem Maschinenraum sendet und der Dame immer genug zu trinken geben.

Nachdem ich gestern ja nun nicht wirklich dazu kam, mache ich mir heute für den Nachmittag noch meine Gedanken zur Ecuador-Durchquerung. Aufgrund meines langen Aufenthaltes in Kolumbien, habe ich das gute Wetter zur Durchquerung durch das per Motorrad eigentlich attraktivere ecuadorianische Hochland mehr oder weniger verpasst. Was nun auf mich zukäme, wären zwei bis drei Wochen von dem, was ich heute schon zu spüren bekommen habe. Nass, kalt, neblig. Wenig Fahrspaß. Das Wetter auf der etwas längeren und eben weniger attraktiven Küstenroute dagegen, ist nun gerade herrlich. Schweren Herzens entscheide ich mich also für die Küstenroute und disponiere um. Statt morgen nach Quito zu fahren, werde ich versuchen so weit wie möglich in Richtung Esmeraldas vorzustoßen. Eventuell bekomme ich die nächsten Tage nun doch mal etwas Sonne ab.

Um das Problem mit dem schlechten Wetter nicht dauerhaft zu haben, beschließe ich das Tempo etwas anzuziehen. 2.500 km bis Lima, Perú, entlang der Küste. Ohne Umwege. Machbar in ein bis zwei Wochen. Schade um den Rest Ecuadors. Vor allem, da ich mir hier die Besteigung eines 5.000ers oder sogar eines 6.000ers vorgenommen hatte. Aber auch das ließe das Wetter gerade sowieso nicht zu. Vielleicht seh ich ja was davon auf der Rückreise. Für jetzt ist mir wichtig, die gute Reisewetterwelle wieder zu erwischen. Daher Daumen drücken, dass beim ersten Grenzübertritt mit Bertl morgen alles klappt.

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