Tage 96, 97, 98, 99 und 100: All Corrupt Cops Are Bastards

Road to Riobamba

Ich erwache heute morgen und fühle mich wie ein Stück Brokkoli nach einer Nacht im Gemüsefach des Kühlschranks. Taufrisch. Nur ein leichter Kopfschmerz ist geblieben von der Lebensmittelvergiftung, die mich die letzten 24 Stunden niedergestreckt hatte.

Daher entscheide ich mich für die Weiterreise. Ich gebe in Google Maps das 1.500 km entfernte Lima ein und fahre einfach los. Heutiges Ziel, wie so oft, unbekannt.

Und gleich von Beginn an geht es bergauf. Und nur bergauf. Im Wortsinn. Nicht metaphorisch. Bertl quält sich und quält sich. Ich blicke zwischendurch auf mein Handy. 3.600 Meter. Fehlen nur noch 50 Meter zum neuen Rekord. Ich freue mich richtig darüber, wenn es nach einer erfolgreich gemeisterten Kehre weiter bergauf geht. Denn ich will neue Höhen erreichen. Bertl’s Grenzen austesten. Dass ich weiter nach oben will liegt auch daran, dass es sich wettertechnisch nicht wie fast 4.000 Meter anfühlt. Ich muss nicht Mal meine Jacke tragen.

Als dann der vermutlich höchste Punkt erreicht ist, befinden wir uns laut meinem Handy auf 3.870 Metern. Neuer Höhenrekord für Bertl. Nicht für mich. Ich war letztes Jahr in Guatemala Mal noch 100 Meter höher. Ich kann den ersten 4.000er daher nicht erwarten.

Weil sich dieser Pass aber wirklich völlig in der Pampa befindet, gibt es nirgends ein Café oder ein Restaurant, bei dem ich Mal zwischenhalten könnte. Ist auch egal. Bertl’s neuer Kolben ist eingecruist und Pausen braucht die Alte heute nicht. Erst nach 90 km und wieder auf unter 2.000 Metern halte ich dann Mal schnell für einen frischen Brombeersaft an und setze dabei wieder die Normalhöhenhauptdüse ein.

Denn danach geht es weiter bergab. Durch sehr ärmliche Pueblos und durch Bananen- und Kakaoplantagen. Solange, bis mich schließlich nur noch 50 Meter vom Meeresniveau trennen. Wieder braucht zwar Bertl eigentlich keine Pause. Aber ich dafür umso mehr. Denn ich trage noch immer Thermounterhemd und lange Unterhosen und kippe, wenn ich mich derer nicht entledige, vermutlich gleich vom Ross, so heiß wie es ist.

Dann passiere ich eine Mautstelle, an der Motorradfahrer ausnahmsweise nicht zu bezahlen haben. Der Schrankenwart winkt von fern und deutet auf die rechte Seite. Also fahre ich nach rechts. Nicht zu weit rechts, denn dort sind Rasensprenger so beschissen eingestellt, dass sie mich einnässen würden, würde ich mich so weit außen halten. Und als ich so auf die Mautstelle zurolle fuchtelt der Schranken-Sergio immer wilder nach rechts. Einen Scheiß fahr ich da rein. Dich setzt man ja auch nicht in den Regen, denke ich. Und als ich dann die Mautstelle erreiche und langsam durchrolle, realisiere ich warum der Kollege die wilde Fuchtlerei bekommen hat. Denn nur ein paar Zentimeter hinter meiner Rübe knallt nun eine Schranke runter, die ich nicht wahrgenommen hatte, da sie vom vorangegangenen Auto noch in senkrechter Stellung wahr. Als ich mich umdrehe, sehe ich Schranken-Sergio noch wilder fuchteln und mir wütend etwas nachschreien. „Dann stell deinen bekackten Rasensprenger richtig ein, du Dachlatte.“ schreie ich zurück. Nochmal gut gegangen. So ne Schranke auf den Zylinder ist vermutlich ganz gut zum wach werden. Mehr aber auch nicht.

Naja, wie ihr ja bekanntlich wisst, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Denn Netflix ist nicht, wenn ich auf meiner Königin Platz nehme um diesen Kontinent zu befahren. Und so stelle ich in aller Ruhe die ersten Unterschiede Ecuadors zu Kolumbien fest: Es gibt weniger Motorräder und weniger Speed Bumps. Dafür eine Eisenbahn (bzw. Gleise). Die Bevölkerung ist überwiegend indigen. Und das sieht man auch an der traditionellen Kleidung, die sie trägt.

Außerdem kam ich während der letzten paar hundert Kilometer mit der super Idee um die Ecke, im Anschluss an Südamerika auch nochmal Mittel- und anschließend Nordamerika zu bereisen. Der neue ganz große Entwurf sieht vor, Bertl danach nach Russland zu verschiffen und durch Zentralasien nach Hause zu fahren. Da sich meine Pläne aber bekanntlich minütlich ändern, wartet bitte noch ab ehe ihr mir die schönsten Hotels der tadschikischen Hochebene empfehlt.

Aber noch vor Sibirien, erreiche ich um etwa 16:30 die Kleinstadt Naranjal. Der Tacho weist als heutigen Arbeitsnachweis 230 Kilometer aus und ich überlege für heute hier zu rasten. Und als ich das so überlege, werde ich zum 983. Mal auf dieser Reise gefragt was das D auf meinem Kennzeichen bedeutet. Vorbei die Zeiten in denen ich immer jedem gerne meine Geschichte erzählt habe. Inzwischen bin ich ehrlicherweise davon extrem angenervt. Dieselbe Frage wieder und wieder. Aber ich lasse es mir gegenüber den Fragestellern nie anmerken. Wer will ihnen ihre Neugierde verübeln.

Ich komme zu dem Schluss, dass es tatsächlich besser wäre, hier zu bleiben, da danach nicht mehr allzu viel auf der Landkarte erscheint. Also bezahle ich USD 10,- für ein grausames Drecksloch, das sich Hotel nennt. Aus dem Scheißhaus strömt selbst bei geschlossener Türe durch die Ritzen ein ständiger Kloakengeruch. Das Bett riecht als wäre es frisch verkotzt statt frisch bezogen. In den Ecken ist Dreck und in der Dusche hat es sich der Schimmel gemütlich gemacht. Kackpappe gibt’s erst auf Nachfrage. Kann man für zehn Dollar wohl alles nicht anders erwarten.

Road to Máncora

Irgendwie schlafe ich aber doch ein und starte am nächsten Morgen trotz leichten Nieselregens weiter gen Süden. Den Nieselregen unterschätze ich dabei völlig. Er ist zwar sehr schwach, aber so stetig, dass er reicht um konstant nass zu werden. Und der Himmel ist anders als die Tage zuvor grauer Einheitsbrei. Kein blaues Loch, kein Sonnenstrahl, in den ich meine Hoffnung legen könnte.

Ich fahre trotzdem weiter. Was ist die Alternative? In diesem versifften Kackloch von einem Hotel hält mich nichts. Und ob meine Taschen nass werden ist egal. Meine Sachen müssen sowieso ausnahmslos alle gewaschen werden. Seit einer Woche trage ich mangels frischer Kleidung dieselbe Hose auf der Vespa. Seit drei Tagen trage ich nicht Mal mehr Unterwäsche, weil ich keine mehr habe. Noch ein Grund mehr endlich eine schöne Küstenstadt zu erreichen und dort zu crashen um unter anderem Mal wieder Wäsche machen zu lassen.

Also kämpfe ich mich durch den Regen. Ständig muss ich meine Sonnenbrille reinigen, weil ich nur noch schlecht sehen kann. Kalt ist mir noch nicht. Denn es ist trotz Regens ja recht warm.

Nach 40 km ändert sich das. Denn meine vermeintlich wasserdichte Jacke ist nicht so wasserdicht wie erhofft und ich bin doch nass. Ich halte also an einer Tankstelle, wechsle einmal das komplette Outfit und werfe mir dieses Mal Poncho über. Das hatte ich nur deshalb nicht gleich gemacht, weil es nicht ganz so praktikabel ist, damit zu fahren und der Poncho außerdem auf die Kleidung und die Sitzbank abfärbt.

Weiter geht’s. Von dem bisschen Flaum, das mit 28 Jahren meine Oberlippe ziert, läuft mir ständig mit Dreck angereichertes Regenwasser in den Mund.

Keine zehn Kilometer später geht Bertl an einer Ampel einfach aus. Ich kicke sie wieder an. Läuft. Einige Sekunden. Dann wieder aus. Ich tausche die Zündkerze. Funktioniert. Weiter geht’s. Keine Zeit für Ursachenforschung.

Nach etwa 100 km staut es sich vor mir leicht aufgrund einer Polizeikontrolle. Also wechsle ich von der ganz rechten Spur, auf der ich mich die gesamte Zeit aufgehalten hatte, auf die linke und fahre nach vorne. Ein folgenschwerer Fehler. Der zuständige Polizist bittet mich anzuhalten. Soweit so normal. In Kolumbien hatte ich mindestens ein halbes Dutzend Kontrollen mit freundlich grinsen und den richtigen Papieren ohne Probleme überstanden. In diesem Fall läuft der Cop um das Fahrzeug, sieht mein Kennzeichen und bittet mich dann doch bitte auf den Standstreifen zu fahren. Auch bis hier her noch alles normal. Geblendet von den positiven Erfahrungen mit den kolumbianischen Polizisten, denke ich weiterhin es ist mit dem Vorzeigen des Reisepasses und der Fahrzeugpapiere getan. Der Polizist (augenscheinlich jünger als ich) begrüßt mich per Handschlag, gefolgt von einem: „Mir scheint du weißt nicht wie man hier Motorrad fährt.„. „Cómo?“ frage ich. In Oberlehrermodus will er von mir wissen auf welcher Spur ich gefahren bin. Links sage ich. Und wo sollte ich fahren, will er wissen. Ich habe absolut keinen Plan, sage ich. Rechts, Motorräder immer rechts, schleudert er mir um die Ohren. No lo sabía, das wusste ich nicht, sage ich. Antwort: Dass ich das nicht wusste, ändert nicht das Gesetz.

Und das ist der Moment, in dem es Klick macht. Linke Spur am Arsch. Um Kohle geht es hier. Folgerichtig feuert der Mann in grün dann auch das gesamte Paket ab, das ich jetzt erwarte. Er brauche jetzt meinen Führerschein um einen Strafzettel zu schreiben. 172 US Dollar würde das alles kosten. Und bezahlen muss ich es bevor ich das Land verlasse. Alles Einschüchterungsstrategie. Aber ich spiele mit. Sage ohne zu zögern. Alles klar. Wo kann ich die Strafe bezahlen? Er zögert jetzt, sagt, nooo, ayudame, hilf mir, und druckst rum. Also greife ich in meine Arschtasche, in der sich ein 20-Dollarschein, zwei Zehner und ein Fünfer befinden und bete, dass ich den Fünfer angle. Denn das ganze Geld vor ihm zu zeigen? Diesen Anfängerfehler möchte ich nicht begehen.

Ich erwische einen der Zehner, lege diesen in den heftchenartigen internationalen Führerschein und gebe ihn dem korrupten Wi***er in die Patsche. Diez dólares? Wie soll das helfen… fragt er. Auch noch gierige, das Arschloch. Und nun begehe ich doch noch einen Fehler. Statt zu sagen, dass ich nicht mehr habe, greife ich nochmal in die Tasche und angle den Zwanni raus. Der Polizist sagt okay, hält die Hand verdeckt für den vorbeifahrenden Verkehr hinter meine Vespa und sagt okay okay okay, woraufhin ich ihm die 20 Dollar in die Flosse reiche.

Danach versucht er mir noch ein Gespräch über meine Vespa aufzuzwingen und weist in die Richtung, in die ich weiterfahre. Vermutlich um die Szene normal wirken zu lassen. Ich habe keinen Bock darauf und sage auf Deutsch in seine Visage: „Verpiss dich jetzt du blöder Schw***lutscher. Es gibt keinen Grund für dich noch hier zu bleiben.“ Qué? erwidert er. Te pregunté si puedo conseguir con mi viaje. Ich hab dich gefragt ob ich nun weiterreisen kann. Er sagt: Aaaaaah, claro, hágale

Auf der weiteren Fahrt denke ich ständig, daran was ich hätte anders machen können oder sollen. Es ist weniger das Geld, sondern der verletzte Stolz auf so eine Nummer „reingefallen“ zu sein. Wenn es auch nicht viele andere Optionen gab. Das regt mich so lange auf, bis ich auf der Strecke Casey aus Kalifornien treffe, der per Motorrad gen Süden reist und dem exakt dasselbe in Kolumbien widerfahren ist. Irgendwie hilft es zu wissen, dass es auch andere erwischt hat. Ehrlicherweise hatte ich mich schon gewundert, dass es so lange gedauert hat…

Einen kurzen Stop muss ich dann noch einlegen. Denn an diesem Schild, kann ich nicht vorbeifahren ohne ein Foto zu machen.

Der Tag war bisher beschissen. Erst der Regen, dann die Polizei. Aber wie auch in der Geschichte unseres Landes, gilt für mich hier: Nach Hitler wird alles besser. Denn der Himmler, Verzeihung Himmel, klart zwar nicht auf. Dafür hört der Regen auf und die Kilometer bis zur Grenze nach Peru schmelzen dahin. An der Ausfahrt zum Immigration Center fahre ich voll vorbei. Und so passiere ich auf einmal das Bienvenido a Perú Schild, ohne offiziell aus Ecuador aus- und nach Peru eingereist zu sein. Ich mache einen U-Turn, reise wieder aus Perú aus und nach Ecuador ein und steuere das Immigration Center an. Auf ecuadorianischer Seite muss ich lediglich das ecuadorianische TIP abgeben und kann dann weiterreisen. Bis zum selben Gebäudekomplex. Aber auf peruanischer Seite. Dort bekomme ich dann den Ausreisestempel vom ecuadorianischen Beamten und vom danebensitzenden peruanischen, den Einreisestempel. Damit geht’s weiter zum Zoll. Und zum ersten Mal hat das hier Hand und Fuß. Die Zollbeamten tragen Uniformen und es scheint einen geregelten Ablauf zu geben. Ich muss zuerst noch die in Peru obligatorische Versicherung für Bertl erwerben, für die mir Dank der korrupten Polizei das Geld fehlt. Ein Geldautomat schafft Abhilfe und dann wird vom (netten) peruanischen Zollbeamten penibelst all mein Gepäck sowie das Fahrzeug durchsucht, bevor ich in die Freiheit entlassen werde. Bienvenido a Perú…

Und diese ersten knapp über hundert Kilometer peruanischen Highways sind qualitativ etwas minderwertiger als jene in Ecuador oder Kolumbien. Wobei sich das sicher noch ändern wird. Was mir auffällt, ist die, selbst für Lateinamerika, außerordentlich große Menge Müll am Straßenrand und vermutlich ausgelöst dadurch, ein ekliger Geruch, der einem ständig um den Gewürzprüfer weht.

Der Highway verläuft bolzengerade und analog meinem Witzeniveau flach in Richtung Meer. Der Boden neben der Straße entwickelt sich zu Sand und nach 200 km kann ich zum ersten Mal in der Entfernung den Ozean sehen. Zwischendurch werden an einem Kontrollpunkt nochmals meine Papiere abgefragt und zehn Kilometer vor meinem Ziel reißt sogar der Himmel auf. Geil. Hat sich gelohnt, die Schinderei.

Mit den heutigen 284 km in das Küstenstädtchen Máncora in Perú bin ich in den letzten eineinhalb Wochen damit fast 1.800 Kilometer gefahren. Lediglich einen Tag musste ich, wie bekannt, krankheitsbedingt aussetzen. Um das Ganze Mal in Relation zu setzen. Das entspricht einer Fahrt vom Bodensee bis fast zur russischen Grenze.

Weil es das günstigste verfügbare Hostel ist, und ich heute auch nicht mehr lange suchen will, lande ich in einem Party-Hostel, was ich recht schnell bereue. Vor der Türe streiten sich zwei Besoffene und einige brauchen um 19 Uhr bereits die Bar um sich festzuhalten. Ohrstöpsel beheben diese Probleme. Zu einem viel schlimmeren sollten sich die Moskitos auswachsen. Diese interessieren sich gewöhnlich nicht für mich. Bei der schieren Menge dieser fliegenden Blutsauger in diesem Schlafsaal jedoch, hat es offenbar auch einige Geschmacksverirrte dabei, die sich mit mir abgeben. Ständig wache ich auf, weil mich die Drecksbiester sogar ins Gesicht stechen. Ich versuche mit der Decke über dem Kopf zu schlafen. Mit wenig Erfolg. Nachts um zwei ziehe ich die Reißleine und besorge an der Rezeption peruanisches Antibrumn. Das wirkt und ich bekomme noch etwas Schlaf ab.

Máncora, die Erste

Trotzdem wache ich am nächsten Tag völlig gerädert auf. Noch vor sieben Uhr flüchte ich aus dem Hostel. An diesem Morgen denke ich, es ist an der Zeit Mal von meiner Campingausrüstung Gebrauch zu machen, die ich nun immerhin schon zwei Monate unbenutzt mit mir herumfahre.

Ich entdecke einen „Campingplatz“, also ein paar Zelte aneinandergereiht und ein Scheißhaus in der Mitte, wo ich mein Zelt für 8 peruanische Soles, etwa 2 Euro, aufschlagen könnte. Aber der Rest der Festgesellschaft schreckt mich irgendwie ab. An jeder Ecke wird gekifft und es riecht entsprechend nach Gras. Wenn nicht, dann riecht es nach acht Tage ungeduscht. Und ein Kerl tanzt zwischen den Zelten zu Musik, die offenbar nur er hören kann. Übel. Dabei will ich mich auf dieser Reise auf das Hippie-Abenteuer auch Mal noch einlassen. Dann sitze ich auch nackt und zugedröhnt bis unters Dach am Feuer, hämmere auf der Bongo und singe Kumbaya. Aber heute? Nee Alter. Dafür bin ich noch nicht bereit.

Stattdessen ziehe ich dann doch wieder in ein Hostel. Und zwar in eines, das ich online entdeckt habe. Einzelzimmer, ruhig, Pool, nur ein Steinwurf vom Strand. Ideal. Und genau was ich aktuell brauche.

Aber zunächst geht es noch an die Arbeit. Mit meinem Kanister auf Bertl steuere ich die Tanke an. Ich brauche Sprit und Öl. Blöderweise gibt es an der Tankstelle kein Öl. Aber der Tankwart zeigt auf einen Schrottplatz gegenüber. Also fahre ich dort vor. Dort hat es dann zwar kein Öl, aber der Mann kann meine Bertl wieder auf Hochglanz bringen. Zur Erinnerung: Die Gute wurde nach der Bergetappe nach Inzá noch nicht gewaschen.

Da ich das auch auf der Liste für heute hatte, lasse ich Bertl stehen und fahre mit einem irren Mototaxista Öl kaufen. Zum ersten Mal in 200 ml Plastikbeuteln. Öl in Plastikbeuteln. Gibt nix was es nicht gibt.

Zurück dorthin, wo der Kollege meine Bertl wienert, sechs Soles, also etwa 1,50 € abgerüstet und mit einer strahlenden Bertl wieder zur Tanke. Da mir auf dem Weg hier her bereits auffiel, dass hier an vielen Tankstellen sogenannter Gasohol verkauft wird und eine Internetrecherche ergeben hatte, dass es sich dabei wohl um E10 handelt, will ich sicher gehen, dass an dieser Tanke vernünftiger Sprit fließt. Ich frage den Zapfmeister, ob er Gasohol oder normales Benzin ausschenkt. Gasolina normal meint er. Super, dann Mal voll die Kanüle, Chef. Als ich Bertl von der Zapfsäule wegrolle um dann das Öl zuzugeben, sehe ich dann dieses Schild.

Wer hätte gedacht, dass man in Südamerika Falschinformationen bekommt… Einerseits ist der Informationsfluss hier etwas, das manchmal lustig sein kann. Andererseits extrem mühsam. In diesem Fall kippe ich etwas mehr Öl dazu und hoffe der Motor verträgt es gut. In Situationen aber, in denen man auf die erfragte Information angewiesen ist, lohnt es sich drei oder vier Mal zu fragen, oder wenigstens unterschiedliche Personen. Auch in diesem konkreten Beispiel frage ich mich wieder, was den Tankwart, der jeden Tag zehn Stunden an einer Zapfsäule mit der Aufschrift Gasohol steht, dazu bringt, auf die klare Frage ob es sich um Gasohol handelt, nein zu sagen. Weiß er es wirklich nicht besser? Schwer zu glauben. Interessiert es ihn einfach nicht, was ich will? Sehr wahrscheinlich. Und daher wie gesagt, sehr mühsam.

Also ist meine Schleuder halt von nun an mit Gasohol unterwegs. Wirds hoffentlich auch tun. Ich tuckere weiter und finde eine Wäscherei, die mir meine Wäsche noch am selben Tag trocken zurück verspricht. Nach gefühlt 34 Anläufen zuvor, wäre das das erste Mal, dass das Versprechen gehalten wird. Aber nun gut. Ich bin willens dieser Wäscherei die nächste Chance zu geben.

Ich lasse also meine circa 4 Kilo Dreckwäsche dort und besorge ein paar Blocks weiter zwei SIM Karten. Eine für mein Handy, eine für meinen GPS Tracker. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich mich dafür mit Reisepass und Fingerabdruck registrieren. Der Orwell’sche Überwachungsstaat rückt näher, liebe Leute. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Und während meine SIM Karten aktiviert werden, lasse ich noch Kopien meiner Dokumente machen um bei Polizeikontrollen nicht sofort die Originale aus der Hand geben zu müssen. Müßig zu erwähnen, dass auf halber Strecke der Kopierer im Copy Shop kaputt geht. Alles andere hätte mich ernsthaft gewundert. Alles egal. Denn damit sind alle Punkte meiner heutigen To Do Liste abgehakt und ich spanne mir die 12 Jahre alte Badeshorts im Hawaii-Blumen-Muster, das schon 2007 nicht mehr cool war, um.

Dann geht es zu Fuß die paar Meter an den, dank Nebensaison, sehr ruhigen weißen Sandstrand, wo ich die nächsten paar Stunden des Nachmittags damit zubringe, nichts zu tun. Ein Traum.

Abends gönne ich mir seit längerem Mal wieder zwei Cuba Libre, was mir sofort in den Schädel steigt. Dadurch habe ich am Tag des Mostfestes in meiner Heimat zumindest auch einen kleinen Rausch beisammen. Als ich nach dem Abendessen noch bei der Wäscherei vorbei sehe, wird mir völlig überraschend mitgeteilt, dass die Wäsche doch noch nicht fertig sei. Das sei so noch nie passiert und es tue ihnen sehr leid. Das glaub ich sofort. Ich sage, no hay problema, ich komm morgen wieder rum. Dann halt nochmal ne Nacht und nen halben Tag ohne Unterhose. Was solls. Auf den kommts nu auch nicht mehr an.

Auch den nächsten Tag verbringe ich nahezu komplett am Strand in Máncora. Ich hole mir dabei tatsächlich Mal ein erstes bisschen Farbe für meinen bleichen Körper, der bislang mehr nach drei Wochen Urlaub im Brennertunnel aussieht, ab. Auch den Sonnenuntergang nehme ich noch abends am Strand mit.

Road to Piura

Und dann bin ich an diesem heutigen Montag auch bereit zur Weiterreise. Es kommen ja auf dem Weg nach Süden noch weitere Küstenstädte. Mein nächstes Ziel ist ebenfalls eine solche. Trujillo. Etwa 600 km entfernt. Theoretisch machbar in zwei Tagen. Blöderweise liegt bei 300 km, also auf halber Strecke, eine Riesenwüste und sonst nichts. Nicht wirklich eine Option also. Daher teile ich die Strecke in drei Tage ein und gehe es heute Morgen sehr gemütlich an. Bis ich abfahrbereit bin, ist es bereits nach 10 Uhr. Kein Problem. Schließlich stehen nur 180 km auf dem Programm. Nur 180 km. So ändern sich Zeiten. Anfangs waren 180 km für mich knapp am (damaligen) Tagesmaximum von 200 km. Heute lächle ich darüber nur noch müde.

20 km nach Máncora sehe ich am Straßenrand einen Radfahrer, der den Satteltaschen nach ebenfalls Reisender ist und ich setze den Blinker und fahre ebenfalls an den Rand. Der Radler heißt Leonardo, ist Kolumbianer und will in einem Jahr von Kolumbien nach Feuerland fahren. Mit einem Fahrrad, das bei uns vermutlich auf der Schrottsammlung landen würde. Leonardo erzählt mir, dass er hier in Peru gerade Arbeit sucht, da er sonst nicht weiterreisen könne. Er finanziert sich seine Reise nämlich auf dem Weg.

Vor so viel Eiern kann ich nur den Hut ziehen. Ich hätte sie nicht. Auf einer Reise nicht zu wissen ob nächste Woche das Geld noch für etwas zu essen reicht oder nicht. Das könnte ich nicht. Leonardo dagegen hat so einen starken Entdecker- und Reisedrang, dass ihn das nicht daran hindert einfach loszufahren. Für mich ein wahrer Held der Panamericana.

Mit der Reparatur seiner Reifenpanne ist Leonardo bereits soweit fertig und so fülle ich ihm zumindest noch seine Wasserflasche aus meinem Kanister auf. Das mindeste was ich tun kann.

Und Zeit dafür bleibt auch noch.

Nach etwas mehr als 30 km lege ich dann in El Ñuro einen kurzen Stopp ein um die dort heimischen Schildkröten zu sehen. Mir fehlt die Geduld mich anzustellen um mit ihnen zu schwimmen und so begnüge ich mich mit dem Blick vom Pier.

Danach geht es ereignislos weiter auf einer Straße, die so gerade und flach ist, dass nur die Erdkrümmung verhindert, dass man noch weiter sieht. Trotzdem kann ich nicht allzu schnell fahren, denn es weht ein brutaler Wind. Ich muss mich richtig zur Seite lehnen um dagegen anzukämpfen und dann entsprechend vorsichtig sein, wenn mich ein LKW oder ein Bus überholt, und durch den Windschatten das Windkissen plötzlich wegfällt, in das ich mich ja die ganze Zeit reinlege. Mehr als 55 km/h sind auf diese Weise leider nicht drin. Reicht aber auch.

Irgendwann beobachte ich dann im Rückspiegel eine Polizeistreife, die verdächtig lange hinter mir bleibt anstatt zu überholen. Und tatsächlich: Wenig später werde ich gebeten zur Seite zu fahren. Ich gehe im Kopf schon das Szenario durch, bei dem ich wieder für irgendeine erfundene Straftat abrüsten muss. Seit Ecuador habe ich Vertrauensprobleme mit dem Freund und Helfer. Und tatsächlich. Mein Kennzeichen sei nicht in seiner Soat-Datenbank. SOAT, zur Erinnerung, das ist die obligatorische Versicherung, die jedes Fahrzeug haben muss. Entspricht etwa der Kfz-Haftpflichtversicherung in Deutschland.

Ich zeige ihm also meine Bestätigung in Papierform und nach kurzem Check der Daten im Streifenwagen, werde ich tatsächlich ohne weiteres in die Freiheit entlassen. Polizeivertrauen teilweise wiederhergestellt.

Der Wind wird irgendwann weniger und mit ihm auch die Zivilisation. Die Strecke zieht sich auch jetzt schon durch eine Wüste. Weit und breit kein Restaurant, kein Café an dem ich anhalten könnte. Mir bleibt nichts anderes übrig als weiterzuführen. Der Kontrast zu letzter Woche in Ecuador könnte nicht größer sein.

Gegen 16:30 Uhr erreiche ich mit der Stadt Piura mein heutiges Etappenziel. Nur Durchgangsstation auf der morgen weiterzuführenden Route nach Trujillo.

Zum Abschluss von Tag 100 dieser Reise bleibt zu sagen: Ich habe meinen Rhythmus gefunden und einen Plan vor Augen. Bertl könnte nicht zuverlässiger laufen und das Wetter spielt auch wieder mit. So macht das ganze Laune. Der Traum von Patagonien lebt.

ACCAB. Hochachtungsvoll, euer Onkel Norbert.

4 Antworten zu “Tage 96, 97, 98, 99 und 100: All Corrupt Cops Are Bastards”

  1. super story! und alles gute. werde dir nächstes jahr folgen, aber weichgespült. mit neuer enduro und „klimatisiertem“ overall. aber auch mit dem spirit of riding….und deine erfahrungen fliessen ein.
    keep on moving!!

    1. Hi Detlef, sauber. Wichtig ist, dass du mit dem Gefährt reist, mit dem du dich am sichersten für alle Eventualitäten gewappnet siehst. So macht die Tour am meisten Spaß. Und was mir die Vespa, ist dann eben dir die Enduro. Etwas weichgespültes kann ich darin nicht erkennen 😉 gibt’s bereits konkrete Routenpläne bei dir?

    1. Hi Christian, keine Sorge 😉 War die Tage nur Mal wieder mit einer Lebensmittelvergiftung außer Gefecht und konnte mich nicht zum Schreiben aufraffen. Denke aber spätestens morgen, Mittwoch, sollte ich was hochladen können. Und künftig dann auch wieder in schnelleren Rhythmus.

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