Tage 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107 und 108: Veni, vidi, vomiti ­čĄ«

Zitat zum Abschluss des letzten Beitrages: „Bertl k├Ânnte nicht zuverl├Ąssiger laufen […]„. Spoiler: Das geh├Ârt nur einige Tage sp├Ąter wieder der Vergangenheit an. Das einzige was seit inzwischen ├╝ber f├╝nf Tagen zuverl├Ąssig l├Ąuft, ist der Durchfall aufgrund der n├Ąchsten Lebensmittelvergiftung. Der Artikel gleicht dadurch inhaltlich etwas meinem Stuhl: D├╝nn. Au├čerdem zu 95% vespatechnikbezogen. Mit etwas Gl├╝ck geht die Reise aber bald weiter und ich kann wieder ├╝ber Land und Leute berichten. Aber wie ├╝blich: Der Reihe nach.

Road to Lambayeque

Zun├Ąchst befinde ich mich ja noch in Piura und mit Bertl ist alles im Lack. Als n├Ąchstes Etappenziel hatte ich beim Blick auf die Landkarte heute morgen das 220 km entfernte Chiclayo auserkoren.

Da dazwischen die bereits einmal erw├Ąhnte W├╝ste liegt, f├╝lle ich Benzin- und Wasservorr├Ąte auf…

…g├Ânne mir pinke Bratwurst zum Fr├╝hst├╝ck und mache los.

Und viel gibt es tats├Ąchlich nicht zu sehen. Rechts und links ist nur Sand. Hin und wieder taucht aus dem Nichts ein kleiner Pueblo auf. Mehr aber auch nicht. Alle halbe Stunde mache ich eine Pause, decke mich neu mit Sonnencreme ein, strullere in die peruanische W├╝ste und h├Ąnge mich unter meinen Wasserkanister um meinen Wasserhaushalt wieder aufzuf├╝llen. Es ist zwar, gerade aufgrund des wieder sehr starken Windes, nicht so warm wie erwartet f├╝r eine W├╝ste. Aber Sonnencreme und Fl├╝ssigkeit sind wichtig, Freunde.

Auch die peruanischen Auto-, LKW- und Motorradfahrer halten ihren Fl├╝ssigkeitshaushalt wohl auf Top-Level. Im Unterschied zu mir strunzen die Kollegen aber nicht hinter eine Sandd├╝ne, sondern mitten auf den Standstreifen. Schwengel immer voll in Richtung der nachfolgenden Verkehrsteilnehmer. Drei peruanische L├╝mmel darf ich so auf den ersten 100 W├╝stenkilometern bereits sehen. Und eben Sand…

Ansonsten f├Ąllt mir erneut auf, wie viel M├╝ll hier herumliegt. In den direkt an die Stra├če angrenzenden kleinen B├╝schen verf├Ąngt sich all das Zeug.

Die Stra├če l├Ąuft wieder bolzengerade und so flach, dass durch die Luftspiegelung die entgegenkommenden Fahrzeuge weit entfernt erst einmal auf mich zu schweben bevor sie zu fahren beginnen. Und weil die Stra├če nur geradeaus verl├Ąuft und ich die Geschwindigkeit konstant halten kann, denke ich ernsthaft dar├╝ber nach heute den ersten 400er zu machen und die 430 km nach Huanchaco durchzuziehen. Wieso auch nicht? Ich habe mich an die Fahrerei gew├Âhnt und der Tag ist noch lang…

Und wie ich mir das so ausmale und darauf warte, dass Bertl mir durch ein kurzes Stocken und ein Abfallen der Leistung signalisiert, dass ich den Benzinhahn auf Reserve umstellen muss, da kommt wirklich ein kurzes Stocken, aber gefolgt von einem m├Ąchtigen Leistungsabfall und einer ausgehenden Bertl. Ich ziehe sofort die Kupplung und rolle auf dem Standstreifen aus. Nun sollte ich eigentlich besorgt sein. Denn das deutet schwer auf den Kolben hin. Und ich bin noch mindestens 20 km vom Ende der W├╝ste entfernt. Ersatzteile habe ich auch keine. Ich trinke, strulle und denke nach. Zuerst schlie├če ich aus, dass es sich wieder nur um eine lose Z├╝ndkerze handelt. Dann lasse ich Bertl rund 15 Minuten abk├╝hlen, bevor ich sie wieder versuche anzukicken. Erster Kick, Bertl schnurrt. Das ist gut. Trotzdem hatte ich vermutlich eben gerade einen Kolbenklemmer und sollte nun hohe Drehzahlen tunlichst meiden. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 25 km/h im vierten Gang schleppe ich mich 25 km in den n├Ąchsten Pueblo. Dieser ist aber zu klein um zu besorgen, was ich zur Reparatur von Zylinder und Kolben ben├Âtige. Also nochmal 15 km weiter bis zur Stadt Lambayeque. Alle sieben Kilometer lege ich eine Pause ein. Damit gebe ich Bertl die Zeit, die sie ben├Âtigt um wenigstens ein bisschen abzuk├╝hlen zwischendurch.

In Lambayeque checke ich im erstbesten Hotel ein, bocke mit Hilfe des Schemels des Nachbarn meine Bertl auf und lege los damit sie auseinander zu nehmen.

Dass das Hotel in derselben Stra├če wie die Kirche der Zeugen Jehovas ist, wusste ich nat├╝rlich nicht. Und so muss ich w├Ąhrend der Demontage von Bertl mehrmals Avancen abwehren. Ein Kadett sollte sich als besonders hartn├Ąckig herausstellen. Ich sage mehrmals, dass ich gerade andere Probleme habe, aber er h├Ârt nicht auf mich zu fragen, ob ich denn Jesus kennen w├╝rde, ob ich auch brav die Bibel lesen w├╝rde und auch wisse, dass Jesus f├╝r meine S├╝nden gestorben sei. Mir schwillt schon langsam der Kamm, ob so viel Dreistigkeit. Ich ├╝berlasse jedem das Recht, seine Religion in Frieden auszu├╝ben, erwarte aber eben andersrum auch genau so viel Verst├Ąndnis daf├╝r, dass ich damit nichts zu tun haben m├Âchte. Erst recht wenn ich mit meinen ├Âligen H├Ąnden im Maschinenraum von Bertl stecke. Aber ich l├Ąchle alles weg und tue dann als verst├╝nde ich nicht, als mir mein Hobbymissionar auch noch eine Bibel schenken will.

Irgendwann habe ich Zylinder und Kolben dann freigelegt, ohne meinem nimmerm├╝den Prediger mit der Ratsche mit der 22er-Nuss einen neuen Scheitel zu ziehen. Und tats├Ąchlich. Auf den ersten Blick sieht es gar so aus, als h├Ątte der Kolben an gleich zwei Stellen geklemmt. Au├čerdem ist der untere Kolbenring festgebacken. Wieso es im Zylinder so hei├č wurde… Mir bislang ein R├Ątsel. Im Verdacht habe ich dieses Mal wirklich die Gasohol-Suppe, die ich hier an der Tanke serviert bekomme.

Aber dem konnte ich auch noch sp├Ąter auf den Grund gehen. Erst will ich noch zu Laden├Âffnungszeiten ├ätznatron und feines Schmiergelpapier besorgen um damit Zylinder und Kolben zu bearbeiten. Denn neue Teile sind Fehlanzeige. Alternativen also auch. Zun├Ąchst frage ich in einer Apotheke nach dem ├ätznatron. Zumindest als ich irgendwann Mal drankomme. Denn etwas was sich wie ein roter Faden durch alle drei bislang von mir besuchten L├Ąnder S├╝damerikas zieht, ist dass die Menschen hier anders „anstehen“ als wir. N├Ąmlich gar nicht. Aus Diskretionsgr├╝nden lasse ich aus Gewohnheit hinter der vor mir stehenden gerade bedienten Person etwa einen Meter Platz. In diesen versuchen sich dann hier aber regelm├Ą├čig Leute zu dr├Ąngen. Weist man h├Âflich darauf hin, dass man vorher dran ist, wird man nicht selten in leicht aggressiver Weise mit irgendeiner spanischen Hasstirade betraut, in der ├╝berraschend oft auch das Wort „Gringo“ vorkommt. Wird man dann endlich bedient, ist es keine Seltenheit, dass sich jemand einfach daneben stellt, kurz beim Gespr├Ąch zuh├Ârt und dann einfach dazwischenredet. Sicher nicht so angenehm, wenn man gerade mit dem Apotheker sein Genitalwarzenproblem bequatscht. Sei wie es sei. Es ist soweit, dass ich leicht sauer reagiere, wenn sich wieder jemand in der Reihe einfach vor mich schiebt.

Ganz ohne Dr├Ąnglerei finde ich irgendwann mein ben├Âtigtes Utensil in einer Ferreteria. Auf dem R├╝ckweg sehe ich dann nochmal in der Apotheke vorbei. Ich ben├Âtige neue Sonnencreme. Beim Preis von 134 peruanischen Soles, also etwa EUR 36,- f├╝r eine Tube Nivea Sonnencreme f├Ąllt mir allerdings die Futterluke auf den Apothekentresen und ich lehne dankend ab. Ham die denn den Arsch offen…

Ich eile zur├╝ck in mein Hotel, ordere Pizza dorthin und mache mich an die Arbeit. Mit dem ├ätznatron behandle ich zun├Ąchst den Zylinder und dann (versehentlich) auch noch den Hotelzimmertisch. Uuups.

Das ├ätznatron trage ich dabei mit einer Spritze auf die Stellen auf, an denen der Alukolben im Graugusszylinder abgerieben hat. Die Aluspuren l├Âsen sich durch das ├ätznatron einfach auf. Der Zylinder bleibt „unverwundet“. Dann r├╝cke ich noch dem Kolben mit Schmiergelpapier zu Leibe, bevor ich den Abend beschlie├če. Den Zusammenbau verschiebe ich auf den n├Ąchsten Morgen.

Road to Huanchaco

Und als ich recht fr├╝h wieder vor dem Hotel auf dem Gehweg vor Bertl knie, dauert es exakt zwei Minuten bis mein wohlbekannter Prediger vom Vortag wieder um die Ecke biegt. „Jesus ist der Weg und die L├Âsung. Wei├čt du das?“. Alter, dem rast doch der Blocker. Ich versuche nochmals ihm klar zu machen, dass seine Saat hier nicht auf fruchtbaren Boden f├Ąllt. Ohne Chance. W├Ąhrend ich also Bertl wieder zusammenstecke, zitiert der Vogel also neben mir die halbe Bibel runter. Jedem das seine.

Als Bertl wieder beisammen ist, kicke ich und hoffe, dass nun alles gut geht. Aber schon gleich h├Âre ich ein merkw├╝rdig metallisches Ger├Ąusch aus dem Motorraum. Eine erste Internetrecherche ergibt, dass es sich um einen sogenannten Kolbenkipper handeln k├Ânnte. Das w├Ąre halb so wild. Und darauf spekuliere ich auch, als ich beschlie├če mit 45 km/h und vielen Pausen die Weiterreise anzutreten. Ich will es immerhin in das etwas mehr als 200 km entfernte Huanchaco, an der K├╝ste gelegen, schaffen. Au├čerdem kommen meine neuen Kolben per Privatkurier (danke Lisa ­čśë) in Lima an. Und das liegt noch 800 km entfernt. Also riskiere ich weitere Sch├Ąden am Zylinder und gurke los. Wieder mache ich W├╝stenkilometer. Nur etwas m├╝hsamer als gestern. Ob der geringeren Durchschnittsgeschwindigkeit.

Und nach langen 240 km und nach Einbruch der Dunkelheit, erreiche ich tats├Ąchlich Huanchaco mit seinen wei├čen Str├Ąnden und seinen unter Surfern beliebten Wellen. Aber zu meiner ├ťberraschung, ist es hier verh├Ąltnism├Ą├čig kalt. Nichts mit Badebuchse um und ab an Strand. Langarm ist angesagt.

Beziehungsweise f├╝r heute ist nur noch eines angesagt: Feierabend.

Denn am n├Ąchsten Morgen wird malocht. Ich will mit Hilfe von erfahreneren Vespisti im online-Forum die Ursache f├╝r den Klemmer erforschen und au├čerdem dem metallischen Klappern auf den Grund gehen. Dazu muss Bertl also wieder ausgezogen werden. Bei der Gelegenheit reinige ich auch grade noch den Vergaser. Und im Laufe dieses Tages lerne ich dann einiges dazu. Unter anderem, dass ich den nun geklemmten Kolben vermutlich falsch eingefahren habe. N├Ąmlich zu langsam bzw. mit zu niedriger Drehzahl. Und ich lerne, dass Ethanol, was ja hier gro├čz├╝gig zum Sprit gegeben wird, hei├čer verbrennt als Benzin und dadurch ebenso zu mehr Hitze f├╝hrt. Beides eine m├Âgliche Erkl├Ąrung f├╝r den Klemmer.

Genug gelernt. F├╝r diesen Donnerstag lasse ich Bertl so auseinandergerissen stehen und liegen, wo sie ist. Denn f├╝r die Beantwortung der Frage, ob es mit dem Zylinder weitergehen kann oder nicht, ben├Âtige ich mehr Zeit oder einen Experten. Die Umr├╝stung auf einen 150 cc Zylinder w├Ąre einerseits wohl relativ einfach machbar und w├╝rde f├╝r Ruhe im Motorraum sorgen. Andererseits sind die neuen Kolben f├╝r den jetzigen Zylinder schon gekauft. Diese passen in einen gr├Â├čeren Zylinder logischerweise nicht mehr rein und w├Ąren dann f├╝r den Arsch. Aber mit dieser Frage befasse ich mich heute nicht mehr. Wieder Mal Feierabend.

Und zu diesem g├Ânne ich mir zum ersten Mal seit den beiden Pullen, die ich getrunken hatte, als ich zum ersten Mal flach lag, wieder Bier zum Abendessen. Drei an der Zahl. Und wieder schie├čt es mir mit Anbruch der Nacht aus allen verf├╝gbaren ├ľffnungen. Ein grausamer Verdacht beschleicht mich. Ist eventuell der s├╝damerikanische Gerstensaft verantwortlich f├╝r den Spr├╝hstuhl? Die ganze Nacht schiebe ich wieder Schicht auf dem Schei├čhaus. Das bittere: Ich teile mir ein Zimmer mit drei anderen. Mein Bett ist ein Stockbett. Ich liege oben. Es gibt kein eigenes Bad. Jedes Mal muss ich also vom Bettenturm klettern, raus aus dem Zimmer, r├╝ber ins Gemeinschaftsbad und das ganze wieder zur├╝ck. Am n├Ąchsten Morgen regle ich deshalb als erste Amtshandlung erst einen Umzug in ein Zimmer mit eigenem Bad und normaler Koje.

Der d├╝nne G├╝nther hat ├╝bernommen

Viel mehr kriege ich nicht mehr auf die Reihe. Au├čer, dass ich an diesem Tag den Entschluss fasse, die neuen Kolben nicht f├╝r die Katz gekauft haben zu wollen und sie daher in meinem alten Zylinder fahren will.

An Essen ist absolut nicht zu denken. Nur der Gedanke daran l├Ąsst mich gr├╝n werden. Ich verbringe den Tag daher damit die neue Staffel „Vikings“ zu bingen und hoffe, dass das Ganze wie zuletzt am n├Ąchsten Tag schon wieder weg sein wird.

Wird es nicht. F├╝r diesen Samstag hatte ich mir eigentlich vorgenommen einen Mechaniker im nahegelegenen Trujillo ausfindig zu machen und ihn meinen Zylinder inspizieren zu lassen. Vergiss es, Alter. Ich sollte wohl besser einen Arzt ausfindig machen, der meinen eigenen Maschinenraum Mal etwas genauer unter die Lupe nimmt. Ich habe in der Nacht wieder kaum geschlafen. Zu den bekannten Problemen hat sich au├čerdem ein ├╝bler Kopfschmerz gesellt. Ich versuche mit Elektrolytl├Âsungen aus der Apotheke hydriert zu bleiben. An Essen ist aber weiterhin nicht zu denken. Der Versuch eine Br├╝he zu essen, scheitert nach drei L├Âffeln, weil mir sterbensschlecht wird. Und so l├Ąuft auch an diesem Tag wieder nicht viel mehr als Netflix. Au├čer, dass mir viele Forumsmitglieder im Vespaforum ins Gewissen reden bez├╝glich meiner Idee den alten Zylinder zu fahren. Der n├Ąchste Kolbenklemmer w├Ąre mit diesem Zylinder wohl nur eine Frage der Zeit und ich ├Ąndere den Plan wieder. Ein neuer Zylinder soll es also sein. Bevor ich aber selbst nicht wieder fitter werde, brauche ich an die Umsetzung des Planes gar nicht zu denken. Bleibt die Hoffnung, dass morgen alles weg ist.

Ist es nicht. Aber es ist besser an diesem heutigen Sonntag. Wenn auch nur ein bisschen. So gut, dass ich zwar noch keinen Appetit versp├╝re, mir aber zutraue etwas essen zu k├Ânnen, ohne alles sofort wieder in die Keramik zu br├╝llen. Und tats├Ąchlich. Mit einem halben Omelette ohne irgendwelche Dreingaben, findet nach ├╝ber 60 Stunden Mal wieder etwas Essbares den Weg in meinen Magen. Sorgt aber gleichzeitig trotzdem wieder daf├╝r, dass mir wenig sp├Ąter wieder kotz├╝bel wird. Freunde, es ist ein langer Weg. Ich diszipliniere mich nicht die hosteleigene Skatebahn mit meinem Verdauten zu asphaltieren und stecke an diesem Morgen noch Bertl wieder soweit zusammen, dass ich damit am Montag nach Trujillo fahren k├Ânnte um einen Mechaniker aufzusuchen. Abh├Ąngig von meinem Zustand nat├╝rlich. Essen kann ich wieder nichts weiteres f├╝r den Rest des Tages. Langsam wird es kritisch an der Front.

Neuer Topf f├╝r Bertl

Der Dienstagmorgen kommt. Und mit ihm weiterhin Durchfall. Aber dieses latente Pr├Ą-Kotzgef├╝hl, das ich st├Ąndig habe, nimmt mit jedem Tag etwas ab. Ich f├╝hle mich fit genug f├╝r die Mission Zylinder.

Also klappere ich mit Bertl im Kriechgang die 13 km nach Trujillo in die einzige Bajaj-Werkstatt, die auf Google Maps vermerkt ist. Eine sehr professionell eingerichtete und gef├╝hrte Werkstatt, sowie eine nette Empfangsdame erwarten mich dort. Letztere hat zwar den Zylinder nicht da, nennt mir aber eine Adresse in der N├Ąhe, wo ich diesen bekommen kann. Ich solle den Zylinder dort besorgen. Der Mechaniker ├╝bernehme dann die Montage und vor allem die vermutlich komplizierte Verbindung zu meinem bestehenden Auspuff. Kompliziert deshalb weil aktuell der Auspuff nur auf den Auslass vom Zylinder aufgeschoben und dann mit einer Schelle zugedr├╝ckt wird. Der neue Zylinder jedoch ist flach mit zwei Bohrungen, wo der Alte das Rohr zum Aufschieben hat. Dieser wird mit dem Original-Bajaj-Auspuff gew├Âhnlich n├Ąmlich verschraubt. Aber es wird sich zeigen, wie die Kollegen damit umgehen.

Ich lasse Bertl also wo sie ist und laufe nach Anweisung zum Teileh├Ąndler, der dann tats├Ąchlich den 150cc Eimer vorr├Ątig hat. EUR 38,- inklusive Kolben und Ringen. Was en Schnapper.

Beim Verlassen des Gesch├Ąfts sehe ich gegen├╝ber noch eine dreckige, unorganisierte, weitere Werkstatt mit Bajaj-Logo. Jedoch ist der Laden nicht einfach nur Bajaj-Schrauber, sondern spezialisiert auf die Torito Mototaxis, von deren Spezies ich ja gerade einen Zylinder gekauft habe. Gut zu wissen. Erst Mal aber zur├╝ck zum Vertragsschrauber. Dort angekommen, darf ich ein kurzes Gespr├Ąch mit dem Mechaniker f├╝hren, in dem dieser es aber nicht einmal f├╝r n├Âtig befindet, einen kurzen Blick auf Bertl zu werfen. Jaja, machen wir alles. Jaja, das k├Ânnen wir. Ich habe so meine Zweifel. Und da der n├Ąchste Termin erst in vier Stunden w├Ąre, packe ich den Zylinder ein, starte Bertl und rolle zur Dreckwerkstatt.

Und die Jungs dort haben zwar eine dreckige Werkstatt, aber einen einwandfreien Charakter. Roll rein, wir schauen uns das Mal an. Alles klarsen. Ich erkl├Ąre, was ich will und erkenne an den Sorgenfalten auf der Stirn des Werkstattmeisters, dass er versteht. Daf├╝r braucht es eine Spezialanfertigung, meint er. Yessss, endlich versteht mich einer.

Wir einigen uns auf folgenden Ablauf: Alten Zylinder ausbauen (ich), Pr├╝fung ob wirklich identische Ma├če an den entscheidenden Stellen vorliegen (er), Adapter fertigen lassen (ich), neuen Zylinder montieren und mit Auspuff verbinden (wir).

Die ersten beiden Schritte sind schnell erledigt. Dann aber wird es kompliziert. Wir kommen zu dem Schluss, dass die beste L├Âsung eine Art Adapterplatte in der Rautenform der Fl├Ąche des neuen Zylinders mit zwei Bohrungen au├čen und einem aufgeschwei├čten Rohr in der Mitte ist. ├ťber die zwei ├Ąu├čeren Bohrungen kann dann das Teil mit dem Zylinder verschraubt werden und ├╝ber das Rohr kann wie gehabt der Auspuff geschoben werden. Werkstattmeister Winston, wie er wegen seines Zigarettenkonsums genannt wird, sendet mich mit zwei Zylindern im Rucksack die Stra├če runter, wo ich ein solches Teil bekommen k├Ânne.

Und Tatsache, fast zu ├╝bersehen und nur zu erkennen, an den sechs aufgesteckten [hier korrekten Plural des Wortes Auspuff einsetzen] vor der Klitsche…

…finde ich den Mann, der alles m├Âglich machen soll. Der Auspuffteilefriedhof in seiner kleinen bescheidenen H├╝tte macht mich zuversichtlich, dass da was f├╝r mich dabei ist. Der alte Mann krustelt eine Weile in seinen Teilen rum und findet schlie├člich tats├Ąchlich eines, das exakt auf meinen Zylinder passt, was Gr├Â├če und Position der Bohrungen angeht. Dummerweise ist das Rohr etwas zu d├╝nn und das Teil v├Âllig verrostet.

Immerhin aber nennt er mir die Stra├če in der ich ein solches exakt passendes Teil fertigen lassen k├Ânnte. Da dies etwas weiter entfernt ist, lasse ich mich von einem Taxikutscher dorthin bringen. Und hier angekommen beginnt wieder eine beispielhafte Kurzodyssee, geschuldet dem Informationsfluss in S├╝damerika, anhand des nachfolgenden Bildes kurz erl├Ąutert.

Mein Taxifahrer sendet mich in den hintenliegenden Schrottplatz (1). Dort k├Ânne man mir helfen. Die Kollegen dort senden mich zur├╝ck in Gesch├Ąft (2). Der dort gerade schwer besch├Ąftigte Schwei├čer schickt mich dann aber um die n├Ąchste Ecke, wo man mich wiederum zur├╝ck zu Gesch├Ąft (2) sendet, man mir nochmals genau zuh├Ârt und mich dann aufgrund meines Bedarfs zu Gesch├Ąft (3) schickt. Dort ist aber grade Mittagspause. Jackpot.

Offiziell soll diese bis 14 Uhr dauern. Ich bezweifle, dass hier so schnell jemand zur├╝ckkommt und setze mich vor dem Laden in den Sand und spiele etwas mit den herumliegenden Steinen. Damit hadernd, dass mein Teiledreher beim Mittagessen ist und ich schon wieder den ganzen Tag nichts gegessen habe. Au├čerdem ist mir schlecht von der Taxifahrt hier her. Wenns l├Ąuft, dann l├Ąufts.

Mit erwarteter 20-min├╝tiger Versp├Ątung kehrt dann eine ganze Armada an Drehern und Fr├Ąsern gut gest├Ąrkt zur├╝ck und ich erkl├Ąre, was ich brauche. Kostet 70 peruanische Soles, etwa 19 Euro, und dauert circa zwei Stunden lautet die Antwort. Alles klar. Ab daf├╝r. Da Bertl aber nun auseinandergenommen in einer Werkstatt ein paar Kilometer weiter steht, muss ich erst sicherstellen, dass die Kollegen dort auch so lange ge├Âffnet haben und der Laden nicht dicht und meine Bertl eingesperrt ist, wenn ich mit meinem Teil zur├╝ck komme. Als es mir magentechnisch gerade wieder etwas besser geht, schwinge ich meinen Prachtarsch wieder zur├╝ck in ein Taxi und fahre zur├╝ck zur Werkstatt.

Dort angekommen schnaufe ich tief durch und wertsch├Ątze, dass ich noch am Leben bin. Denn der Verkehr in Peru ist der bislang schlimmste. Ampeln sind nur schm├╝ckendes Beiwerk. Die Farbe interessiert nicht. Es wird gehupt und in die Kreuzung gefahren. Nicht aber normal, sondern immer mit dem Gaspedal am Bodenblech. Einbahnstra├čen werden ebenso missachtet wie Vorfahrtsregeln. Funktioniert irgendwie auch auf diese Wiese. Aber eben viel chaotischer.

Meine Werkstatt jedenfalls hat ge├Âffnet bis um 19:30 Uhr und ich beschlie├če in der Zeit einen Friseurbesuch einzulegen. Danach wieder in ein Taxi und zur├╝ck zum Dreher, der absolut erwartungsgem├Ą├č nach zwei Stunden noch nicht fertig ist. Halbe Stunde noch. Klar, Diggi. Also drehe ich noch eine Runde durch die Stra├čen und den Markt von Trujillo und kehre nach einer dreiviertel Stunde zur├╝ck. Zur ├ťberraschung aller ist das Teil noch nicht fertig. Das dauert schon fast bis um 17:45 Uhr. Daf├╝r sieht das Teil genial aus.

Blick auf die Uhr. Das k├Ânnte heute eng werden mit Bertl. Zur├╝ck ins Taxi. Wieder konzentrieren nicht auszulaufen und rein in die Werkstatt.

Dummerweise haben sich dort inzwischen noch andere Kunden vor mir angesammelt. Und diese zu bedienen, zieht sich offenbar. St├Ąndig werde ich vom Stift vertr├Âstet, dass ich es in zehn Minuten soweit sei. Nie taucht jemand auf. So ziehen geschlagene zwei Stunden ins Land, ehe ich um kurz nach 20 Uhr dann nach Hause geschickt werde, mit der Auskunft, dass es heute doch nichts mehr wird. Aber daf├╝r dann gleich morgen fr├╝h. Klar. Ich will mich ├Ąrgern, habe aber in meinem immer noch krankheitsgeplagten, auch heute ungef├╝tterten K├Ârper nicht mehr die Kraft dazu. Ein letztes Taxi heute bringt mich zur├╝ck nach Huanchaco.

Zylinder zum Zweiten

Dort kann ich zwar schnell einschlafen, tr├Ąume aber dann die ganze Nacht schlecht davon, weiterhin in der Werkstatt zu sein und zu versuchen Bertl reparieren zu lassen. Ohne Erfolg nat├╝rlich. Als ich erwache bin ich entschlossen, das nun zu ├Ąndern. P├╝nktlich um 8:30 Uhr stehe ich wie vereinbart vor der Werkstatt und bin nicht mehr ├╝berrascht, dass au├čer mir niemand da ist. Ich wusste, dass das passieren w├╝rde, bin aber einfach zu deutsch um selber auch zu sp├Ąt aufzutauchen. Ich hab es versucht. Ich kann es nicht. Ich muss p├╝nktlich sein. Ich nutze die Zeit und kaufe meinen zwei Werkstattmeistern, die mich gestern etwas am Seil runter lie├čen eine eiskalte Coke. Make love not war und so. Und nach etwa 20 Minuten tauchen auch beide Kadetten wieder auf. L├Ąuft doch.

Doch bevor es an die Arbeit geht, sendet mich Werkstattmeister Winston wieder die Stra├če runter. V├Âllig zu Recht. Denn zwischen mein Drehteil und den Zylinder geh├Ârt eine Dichtung. Und da es diese fertig nicht gibt, m├╝ssen wir diese selbst basteln. Ein ├Ąlteres Ehepaar in einem kleinen H├Ąuschen etwa einen km die Stra├če runter verkauft zum Gl├╝ck das Dichtungsmaterial.

Ab ins Mototaxi, Stra├če runter zum Dichtungsehepaar, Material gekauft. N├Ąchstes Mototaxi und zur├╝ck zu Meister Winston. Dort machen wir mit etwas ├ľl einen Abdruck der zu dichtenden Fl├Ąche auf dem Material und versuchen das Ding zu schneiden. Da es sich um Dichtungsmaterial mit einer d├╝nnen Schicht Metall dazwischen handelt, l├Ąsst sich dieses aber kaum schneiden.

Ab ins Mototaxi, Stra├če runter zum Dichtungsehepaar, Material schneiden lassen.

N├Ąchstes Mototaxi und zur├╝ck zu Meister Winston. Dichtung kann sich sehen lassen.

Da Meister Winston dann wieder grade besch├Ąftigt ist, als ich zum dritten Mal heute Morgen die Werkstatt betrete, muss ich wieder etwas warten. Man lernt definitiv geduldig zu sein, auf einer Tour wie der diesen. Inzwischen ist es bereits schon wieder 10:30 Uhr und au├čer der besorgten Dichtungen sagt mein Arbeitsnachweis nicht viel aus. Ich schaue stattdessen Meister Winston etwas beim Schrauben zu und warte weiter geduldig.

Dann endlich, gegen 11 Uhr geht es an meine Bertl. Zun├Ąchst werden alle metallenen Teile von Meister Winston penibel, inklusive Zahnb├╝rstenschrubbung, in Benzin gereinigt. Dann setzt er nach und nach und ohne Eile Teil f├╝r Teil auf. Ich schaue genau zu um f├╝r k├╝nftige Eins├Ątze zu lernen. Neu ist f├╝r mich zum Beispiel die Verwendung von Silikon beiderseits der Zylinderfu├č- und Zylinderkopfdichtung. Zylinderkopfdichtung mag sich der Vespisti unter meinen Lesern fragen? Gibt’s doch gar nicht. Beim Torito-Topf schon. Und daher fahre ich jetzt mit Zylinderkopfdichtung spazieren.

Und dann geht es an den Auspuff. Durch den anders geformten Auslass und die zus├Ątzliche Adapterplatte st├Â├čt der Auspuff fr├╝her am Zylinder an, h├Ąngt dadurch ja schr├Ąg unter der Karre und wird daher einmal auf der anderen Seite nicht mehr passen und/oder undicht sein. So die Theorie, die mich letzte Nacht nicht schlafen lie├č.

Und die Praxis best├Ątigt dies. Wenn die Abweichungen auch nicht so drastisch sind, wie bef├╝rchtet. Dazu kommt ein zerst├Ârtes Gewinde am ersatzradseitigen Bolzen, das es nicht einfacher macht, eben jenen in die Mutter im K├Ąfig zu bekommen.

Letztlich bekommen wir es hin, indem Winston den Mutternk├Ąfig aufbiegt und von Motorenseite gezielt die Mutter Richtung Bolzen f├╝hrt, w├Ąhrend ich diesen von Ersatzradseite eindrehe.

30 Soles, etwa 8 Euro. Ob mir das fair erschiene f├╝r die gemachte Arbeit (├╝ber drei Stunden) fragt mich Meister Winston fast mit einem schlechten Gewissen. Ich sage nein, dr├╝cke ihm 40 Soles in die Hand und verabschiede mich. Es war mir eine Ehre, Meister Winston.

Das hat nun aber zur Folge, dass das Demontieren des Auspuffs nicht ganz einfach wird. Daher muss ich feststellen, so genial ich mein sonderangefertigtes Drehteil auch finde. Es kann eigentlich erst Mal nur provisorisch sein. Ich bin bereits in Kontakt mit einem offenbar sehr guten Vespaschrauber in Lima. F├╝r die 600 – 800 km (je nach gew├Ąhlter Route) bis dorthin sollte es klar gehen. Bis dorthin, werde ich ├╝ber Alternativen nachdenken und hoffentlich eine z├╝ndende Idee haben.

So lange gilt aber, Bertl l├Ąuft erst Mal wieder. Und das mit einem 150er Topf und gef├╝hlt etwas mehr Dampf. Ab sofort hei├čt es damit erst Mal wieder Kolben einfahren. Diesmal richtig.

A propos Topf: Brandaktuell, Mittwochmorgen, bin ich zum ersten Mal seit sechs Tagen mit einem Erfolgserlebnis vom Topf zur├╝ckgekehrt. Die Leidenszeit scheint also f├╝r Bertl und mich gleichzeitig vorbei zu sein. Danke f├╝r die Nachrichten und Kommentare besorgter Leser. Ihr seid der zyklostrophische Wind unter meinen inzwischen kr├Ąnklich d├╝nnen Fl├╝geln. K├╝nftig werd ich wieder schneller liefern.

Und zum Abschluss: Der gestrige Sonnenuntergang in Huanchaco.