Tage 113, 114 und 115: Und wöchentlich grüßt der scheiß Kolben

Road to Huaraz

Mit der Laguna 69 ist das Highlight in Yungay abgehakt. Ich mache mich also auf die kurze Fahrt ins größere Huaraz. Etwa 60 km und eineinhalb Stunden entfernt. Aber auch hier wird der 25/10 Rhythmus aus Fahrt und Pause eingehalten. Denn einen Ersatzkolben habe ich (noch) nicht im Gepäck. Und ein weiterer Klemmer wäre somit fatal.

Wie schon in Ecuador fällt mir in Peru auf, dass viele Einheimische in traditioneller Kleidung unterwegs sind. Das heißt: Die Kleidung ist sehr farbenfroh. Hier in Peru, oder zumindest in der Ecke um Huaraz, kommen noch verschärfte hohe Hüte hinzu, die Alt und Jung, Mann und Frau antragen.

Außerdem gibt es in Peru überdurchschnittlich viele VW Käfer. Die Dinger gibt es in ganz Südamerika in großer Zahl, aber hier in Peru irgendwie nochmal eine Spur häufiger.

Meine Fahrt verläuft von Yungay auf 2.500 Metern nach Huaraz auf etwa 3.000 Meter. Dazwischen bieten sich herrliche Anblick auf schneebedeckte Berge.

Außerdem entdecke ich noch das hier. Wahlkampf für Hitler. Pepe Hitler. Selten wurde dieser Nachname nach 45 vermutlich mit einem Herz als i-Punkt geschrieben.

Dann erreiche ich recht schnell Huaraz. Pünktlich zum Anpfiff von Liverpool vs. Manchester City, das ich mir dann in meinem Hostel auch noch komplett reinziehen. Das letzte Spiel dieser beiden Clubs habe ich in Guatemala am Lago de Atitlan gesehen. Und mit Traditionen soll man nicht brechen.

Nach dem ereignisreichen Spiel, latsche ich ein wenig durch Huaraz, genieße die Aussicht auf die umgebenden Berge der Cordillera Blanca

…esse hier ein Eis, trinke da einen Kaffee und lese etwas. Viel mehr gibt es in dieser Stadt nicht zu machen. Der Regen tut sein übriges.

Wieso ich hier bin, wenn es hier doch nichts zu erledigen gibt? Nun, die Umgebung um Huaraz macht wett für den hässlichen Stadtkern.

Der Nevado de Pastoruri

Und so werde ich am nächsten Morgen um circa 9 Uhr auch von einem Tourbus eingesammelt für einen Ausflug zum Pastoruri-Gletscher. Bevor es dorthin geht, sammeln wir aber erst noch weitere 1,5 Stunden weitere Teilnehmer in ganz Huaraz ein und ich erinnere mich ein weiteres Mal daran wieso ich eigentlich keine organisierten Touren mag. Aber wie schon bei der Laguna 69, verhindert die Straßenqualitat, dass ich selbst fahre.

Irgendwann verlässt der Bus dann Huaraz um auf halber Strecke zum Gletscher nochmals zu halten um uns Teilnehmern ein Frühstück oder den Einkauf von Snacks zu ermöglichen. Ich gönne mir einen Coca-Tee und kaufe noch ein Tütchen Coca-Blätter für den späteren Aufstieg. Schließlich liegt der Gletscher auf über 5.000 Metern und Coca-Blätter sollen zur Behandlung der Höhenkrankheit sehr wirksam sein.

Als alle versorgt sind, legt der Kutter ab zum nächsten Stop. Eine natürliche Mineralwasserquelle. Ein kleiner Tümpel aus dem es in der Mitte nach oben sprudelt. So weit so normal. Allerdings quellt hier nicht einfach nur Wasser hervor, sondern tatsächlich auf natürliche Art und Weise mit Kohlensäure versetztes Mineralwasser. Ich kann es erst glauben, als ich selbst davon einen Schluck nehme. Und tatsächlich. Fast wie aus der Pulle.

Ein weiterer Stop vor der Ankunft am Gletscher ist die Laguna de siete colores. Scheinbar ändert das Wasser hier die Farbe mehrmals am Tag, je nachdem wie die Sonne steht. Nachweisen kann man das nicht, wenn man, wie wir zwei Minuten davor steht. In dem Fall ist es einfach nur ein Wasserloch. Ebenfalls an diesem Stop sehen wir uns noch die Puya-Bäume an. Bäume, die es offenbar ausschließlich in Peru in diesem Mikroklima gibt. Die Dinger sehen zunächst dreißig Jahre lang so aus…

…ehe sie sich dann innerhalb eines Jahres zu dem hier auswachsen…

…und nach 100 Jahren den Geist aufgeben.

Auch spannend, aber irgendwie alles noch kein Gletscher. Der folgt dann tatsächlich danach irgendwann. Der Bus bringt unsere schlagkräftige Truppe auf 4.900 Meter über Meereshöhe. Und von hier übernehmen wir selbst.

Da es bereits am Parkplatz leicht schneit, streife ich mir meine Fake-Adidas-Regenhose und meinen kurz zuvor erworbenen pinken Regenponcho über. Dann schiebe ich mir eine gute Handvoll Koka-Blätter in den Mund und starte meinen Aufstieg.

Und alle Sorge war unbegründet. Vermutlich bin ich inzwischen gut akklimatisiert, denn der etwa 45-minütige Fußmarsch auf einem gepflasterten Pfad macht mir rein gar nichts aus. Als ich beim Gletscher ankomme, muss ich nur etwas schwerer atmen. Mehr nicht. 5.200 Meter über Meereshöhe. Neuer persönlicher Rekord. Wenn auch auf dem Silbertablett serviert und daher nicht ganz so beeindruckend.

Da ich recht schnell hier hinaufgestürmt bin, habe ich noch einige ruhige Minuten bei guten (das heißt trockenen) Bedingungen um Fotos zu machen, ehe erst die Menschenmassen einfallen und es dann ringsherum den Himmel zuzieht und es zuerst zum Hageln, dann zum Schneien kommt.

Circa 20 Jahre geben Forscher dem Pastoruri-Gletscher übrigens noch, ehe der letzte Rest Eis vermutlich verschwunden sein wird.

Auf dem Rückweg stoppt der ganze Zirkus nochmals im Restaurant, in dem schon auf dem Hinweg gestoppt wurde und dann geht es zurück nach Huaraz. Ich beschließe am nächsten Tag in Richtung Lima aufzubrechen und schlafe doch irgendwie ziemlich fertig von einem eigentlich unanstrengenden Tag noch vor 19 Uhr ein.

Road to Barranca

Am nächsten Morgen checke ich aus meinem Hostel aus und bin darüber heilfroh. Nicht nur ziert die Wand ein familienpizzagroßer Schimmelfleck.

Sein Eigengeruch sowie seine verschwitzten Klamotten und Schuhe, lassen meinen tschechischen Zimmergenossen ebenfalls negativ zum Zimmerambiente beitragen. Für umgerechnet 2,68 € pro Nacht werde ich mich aber nicht beschweren.

Meine App gibt mir für heute einen leichten 80 km andauernden Anstieg auf 4.111 Meter vor, ehe es nahezu runter auf Meereshöhe geht, wo ich in Barranca pausieren will.

Und so kommt es auch. Die erste Pause nach 25 Minuten findet auf 3.303 Metern statt. Kalt ist es aber nicht. Vor allem in der Sonne.

Pause 2: 3.647 Meter. Im oberen Drehzahlbereich hat Bertl keine Power. Wenn ich sie aber langsam dort hin bringe, dann kann ich den Berg mit 60 km/h hochstürmen. Auch weil die Steigung, wie von meiner App prophezeit, sehr flach ist.

Ab einer gewissen Höhe werden die Pueblos an der Strecke weniger. Bäume gibt es schon lange nicht mehr. Und auf der linken Seite tauchen die Gipfel der Cordillera Blanca auf. Es gibt nahezu keinen Verkehr mehr hier oben und ich mache viele Pausen um die Landschaft zu genießen, Fotos und Videos zu machen.

Bei einer der Pausen kann ich nicht anders und werde von meinen Emotionen überwältigt. Ich weiß nicht wieso ausgerechnet hier, aber ich muss vor dieser Kulisse und in diesem Moment an jene Menschen aus meinem Umfeld denken, die nicht mehr am Leben sind und die Chance so etwas zu erleben, nicht mehr haben. Und so sitze ich etliche Minuten auf einem Stein, starre ins Weite, bin irgendwie glücklich und verheule doch ein paar Tränen.

Irgendwann beschließe ich weiter zu reisen und fahre die letzten Meter über den Pass. 4.111 Meter also. Neuer Höhenrekord für meine alte Lady. Aber kaum bin ich über den Pass, da wird es eklig. Wettertechnisch. Sofort ist es neblig. Keine Chance mehr für die Sonne ein paar wärmende Strahlen zu senden.

Binnen Sekunden friere ich am ganzen Körper. Und so beschließe ich, die Pause, die für den Motor anstünde, mit ausgeschaltetem Motor trotzdem mit 60 Sachen bergab rollend zu machen. Jeder Meter bergab hilft schließlich.

Irgendwann wird es wieder vertraut steinig und wüstenartig. Auch die Hitze und später der Wind kehren zurück. Ich nähere mich wieder der Panamericana und damit der Küste an. Während der Mittagspause, bei der ich immerhin bereits 150 km auf der Uhr habe, überlege ich heute den ganzen Weg nach Lima, also nochmal 250 km, durchzuziehen. Ich einige mich mit mir selbst darauf, einfach Mal soweit zu fahren, wie ich komme bis um circa 16:30 Uhr und mich dann nach einem Hotel umzusehen, wo immer ich dann bin.

Aber wie üblich, wird dieser Plan durch etwas Unvorhergesehenes durchkreuzt. Wobei dieses Unvorhergesehene so unvorhergesehen gar nicht mehr ist. Denn nur eine Viertelstunde nach der Mittagspause klemmt der nächste Kolben. Wieder ziehe ich umgehend die Kupplung, rolle aus und fluche bereits beim Ausrollen über diese qualitativ minderwertige Suppe, die hier unter dem Namen Gasohol verkauft wird. Aber alle Flucherei hilft nix. Ich gebe Bertl einige Minuten Pause und kicke sie wieder an. Läuft, wenn auch etwas unrund. Denn ohne etwas Gas zu zu geben, geht sie gleich wieder aus.

Mit etwa 40 km/h fahre ich noch circa 35 km ins etwas größere Barranca und gebe dabei der alten Dame alle sieben bis acht Kilometer eine Verschnaufpause. Dabei rechne ich hoch wie viele Kolben ich wohl noch verschleißen werde, ehe ich das (sprittechnisch) gelobte Land, Chile, erreiche.

In Barranca angekommen, niste ich mich im ersten Hotel ein, das endlich Mal die Tür aufmacht, wenn ich klingle, nachdem drei Stück zuvor eben das nicht getan hatten und mache mich an den Auseinanderbau von Bertl. Und nun wird mir der mit Gewalt angeknallte Auspuff zum Verhängnis. Denn um an den Kolben zu kommen, muss der weg. Nicht nur ist er aber motorseitig mit der Sonderkonstruktion unter Spannung befestigt. Ersatzradseitig hat Meister Winston den Mutternkäfig über die peruanische Wupper gesendet, um den Bolzen besser in die Mutter zu kriegen. Entsprechend schwer gestaltet sich also nun dieses Unterfangen.

Irgendwie kriege ich es irgendwann dann doch hin, dass ich die Mutter mit einem 17er-Schlüssel einerseits einspanne und mit der Ratsche auf der anderen Seite den Bolzen löse. Nochmal genau so lange benötige ich um die zwei Muttern an meinem Spezialdrehteil zu lösen. Und dann habe ich den Auspuff wirklich runter. Wie ich das Ding wieder hochbekommen soll? Keine Ahnung. Ist aber aktuell (noch) nicht das Problem. Ich ziehe den Zylinder ab, baue den Kolben aus und schaue beides an.

Ein Cut geht direkt Richtung Auslass entlang des ganzen Kolbens über die beiden Ringe hinweg. Sicherste Variante wäre der Austausch des ganzen Systems. Der Zylinder macht auf mich aber noch einen annehmbaren Eindruck. Den werde ich wieder Mal mit Ätznatron zu retten versuchen. Kolben werde ich aber wohl einen neuen brauchen. Inzwischen ist es etwa 17:30 Uhr und ich laufe zum einzigen Bajaj-Ersatzteilehändler auf Google Maps und kann mein Glück kaum fassen, als der tatsächlich Kolben für etwa EUR 11,- verscherbelt. Ich nehme einen gleich mit und verspreche für einen weiteren als Ersatzteil zurückzukommen, falls der erste gut passt. Außerdem nehme ich noch einen neuen Bolzen für die ersatzradseitige Auspuffaufhängung mit. Denn ein ausgelutschtes Gewinde an jenem war einer der Gründe, wieso Meister Winston den Mutternkäfig aufgebrochen hatte. Vom neuen Bolzen erhoffe ich mir, dass ich die Mutter etwas einfacher treffe und den Auspuff nach dem Kolbentausch wieder leichter montiert bekomme.

Da ich aber nicht im Hotel, wo meine Bertl steht, weiterarbeiten darf, es bereits wieder dunkel wird und ich nicht im Dunkeln auf der Straße arbeiten will, mache ich für heute Feierabend. Sämtliche Reparaturen inklusive der Zylinderätznatronbehandlung, verschiebe ich auf morgen. Sollte ich den Hobel zum Laufen bringen, geht es dann weiter nach Lima. Allerdings verschafft mir die Installation des Auspuffs Bauchschmerzen. Und sollte die Mission wegen des Auspuffs erfolglos enden, dann, ja dann werde ich hier wohl wieder einen Meister Winston aus dem Hut zaubern müssen, der mir bei der Installation hilft.

2 Antworten zu “Tage 113, 114 und 115: Und wöchentlich grüßt der scheiß Kolben”

  1. Aller aller größten Respekt für den Poncho.
    Hoffe nur das die Farbe nicht der Grund für das schnelle schmelzen des Gletschers ist.
    Mach weiter so 👍

    1. Du kennst meine goldene Regel: Wo pink verfügbar ist, da wird pink gekauft. Musste regelrecht mit der Verkäuferin streiten, weil sie mir den blauen aufdrücken wollte 😏

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