Tage 116 und 117: Bertl kaputt, Norbert kaputt, Bertl ganz, Norbert ganz

Road to Barranca

Der ewige Kreislauf aus „Bertl kaputt, Norbert kaputt, Bertl ganz, Norbert ganz“ geht in die nächste Runde. Nachdem gestern Bertl Mal wieder mit Kolbenklemmer von sich reden gemacht hatte, erwischt es über Nacht wieder mich. Ab halb vier morgens etwa ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Flotter Otterich aus dem Maschinenraum hält mich wach. Dazu wieder so ein ständiges Gefühl, als müsste ich mich gleich übergeben. Irgendwas stimmt entweder mit dem hiesigen Essen oder meinem Magen nicht.

Trotzdem mache ich mich daran Bertl’s Zylinder sauber zu machen. Da ich dieses Mal das Ätznatron nur in Granulatform gefunden habe, brösle ich einige Klumpen in eine Wasserflasche. Dann gebe ich etwas Leitungswasser dazu und werde Zeuge einer stark exothermen Reaktion (Chemie LK). Beim Auflösen des Natrons im Wasser wird so viel Energie frei, dass sich die Lösung so stark erhitzt, dass sie das Plastik der Flasche zusammenschrumpfen lässt. Trotzdem tapeziere ich dieses Mal nicht das Hotelzimmer mit der Lösung und löse wieder wie zuletzt die Aluminiumspuren aus dem Zylinder. Dann mache ich mich daran den neuen Kolben einzusetzen und den gereinigten Zylinder überzustülpen. Fast schon Routine. Leider keine Routine: Den Auspuff wieder anzubringen. Was vormals so einfach war, indem zwei Muttern anzuziehen war, ist durch das zwischengeschaltete Adapterstück ein unfassbarer Kampf. Zwei Stunden lang versuche ich die Röhre wieder anzubringen und schaffe es letztlich doch nur provisorisch. Bis Lima wird es reichen. Der Schrauberkönig, der mir dort bereits empfohlen wurde, wird dann hoffentlich seinem Ruf gerecht und denkt sich was neues aus. Denn dieses Gewürge ist natürlich auf Dauer keine Lösung, wenn ich Mal wieder an den Zylinder muss und dafür der Puff weg muss.

Gegen 12 Uhr heißt es dann aber endlich: Leinen los. Destination Lima. Ich bin gerade etwa 5 km gefahren, als der neue Kolben scheinbar klemmt. Power weg, Bertl aus. Die Symptome stimmen jedenfalls. Aber nach 5 km? Ich bin noch nicht Mal komplett aus Barranca raus. Und den Auspuff erst wieder runter und anschließend wieder hochquälen? Keine Alternative. Ich habe schlichtweg keinerlei Motivation mehr mich darum jetzt zu kümmern. Was also bleibt noch als Option? Was ich am besten kann: Ignorieren. Ich lasse Bertl etwas abkühlen, kicke sie wieder an. Läuft. Also weiter. Ich riskiere damit einen Schaden am Zylinder und eventuell auch am Motor und es ist mir in diesem Moment scheißegal. Lima ist noch 200 km entfernt und irgendwie werde ich schon ankommen. Notfalls wird eben in Lima nochmal der Zylinder getauscht. Ein originaler PX150-Topf würde wenigstens wieder mit dem Auspuff zusammenpassen. Das sind die Gedanken, die ich mir so mache, während ich Kilometer um Kilometer mit einem wie von Geisterhand wieder perfekt laufenden Kolben mache.

Weiterhin fahre ich durch sandige Wüste. Aber die ganze Stimmung und Gegend ist irgendwie merkwürdig neblig und diesig an diesem Nachmittag.Nach 30 km darf ich nach ein paar Tagen Bergen wieder Mal einen Blick auf den Ozean werfen. Nur kurz, dann führt die Straße wieder etwas ins Inland. Ich mache mir einen Haufen Gedanken. Ich wusste zwar, dass das Ganze Unterfangen nicht einfach wird. Aber die ständigen Kolbenklemmer und die ständigen Grummeleien in meinem eigenen Maschinenraum schlagen mir auf das Gemüt. Ich hoffe wieder auf das Beste. Nämlich, dass der letzte Klemmer durch den lausigen 90-Oktan-Gasohol herbeigeführt wurde, den ich zuletzt in der Pampa tanken musste. Mit dem 98-Oktan-Stoff jedenfalls, den ich nach dem ersten „Klemmer“ dieses Tages nachgefüllt habe, läuft der Hobel wieder. Und das nun hoffentlich auf Dauer.

Aber irgendwie fühle ich mich heute nicht danach Kilometer zu raspeln. Ich trage keine langen Sipplinger und daher ist mir kalt. Mein Arsch tut unverhältnismäßig stark weh am heutigen Tage, was in keinem Zusammenhang mit dem Durchfall steht. Gegessen habe ich auch noch nichts. Und als mich dann wieder eine Polizeistreife ficken will, da beschließe ich heute nach nur 100 km in einem hässlichen Kaff namens Chancay zu pausieren. Das ist die Freiheit des Reisens mit eigenem Vehikel. Lima ist auch morgen noch da.

In der Polizeikontrolle hatte der Cop zuvor versucht mir einen Strick zu drehen weil ich angeblich ohne Licht gefahren sei. Ob ich auch ein Licht habe, fragt er mich zum Start in unser Gespräch. Klar, sage ich. Aber nur wenn der Motor läuft. Aha, meint er. Ich sei aber ohne Licht gefahren. Ist auch ganz kalt, sagt er und fasst an den Scheinwerfer. Ich fasse selbst hin und sage, stimmt doch nicht. Ist ganz warm und zwar weil das Licht an war. Ne ne ne Freund. Das Licht war aus, erwidert er. Ich lüge ihn an, sage: Hör zu. Das Ding ist 40 Jahre alt. Das Licht ist automatisch. Das Licht kann man nicht ausschalten. Läuft der Motor, läuft das Licht. Schau her, sage ich und kicke Bertl an. Die Funzel glimmt und Wachtmeister Sánchez wirkt schwer enttäuscht. Verständlich, denn hier gibt es heute nichts zu holen. Zähneknirschend sendet er mich weiter.

Road to Lima

Alles gut gegangen. Für mich ist diese Begegnung wie erwähnt trotzdem ein Zeichen, für heute Pause zu machen. Besser, wie ich feststelle. Schon am späten Abend geht es meinem Magen wieder einwandfifi und am nächsten Morgen bin ich wieder voll motiviert für die letzten 85 km nach Lima.

85 km ohne weitere Zwischenfälle. Zu Beginn führt meine Reise wieder durch eine neblige Wüste……ehe kurz vor Lima der Himmel aufreißt und die Sonne es angenehm warm werden lässt.Erwähnenswert finde ich noch diese arme Siedlung, die ich passiere. Hütte an Hütte ziert das „Stadtbild“. Momente in denen man den Luxus, den man zu Hause genießt nochmal ganz anders zu schätzen weiß.Ich steuere also mein Hostel an und lade erst Mal mein ganzes Gepäck ab. Da ich noch nicht einchecken kann, gehe ich erst einmal in Ruhe zu Mittag essen und hole danach die in einem anderen Hostel deponierten Teile und Werkzeuge ab, die mir eine ehemalige Arbeitskollegin auf Südamerika-Urlaub mitgebracht hatte. Und als ich zurück in meinem Hostel bin, kann ich dann auch einchecken. Ich ziehe nochmal los und bringe meinen gesamten Kleiderschrank zu einer Wäscherei. Das letzte Mal liegt lange zurück und allzu viel saubere Sachen habe ich nicht mehr. Unterhosen sind bereits seit zwei Tagen wieder Mangelware. Bei der Rückfahrt von der Wäscherei stelle ich wieder das Geräusch eines lockeren Zylinderkopfes fest. Ich vermute, dass diese Stehbolzen nach dem vielen Raus- und Reindrehen der letzten Wochen einfach ihren Dienst nicht mehr tun.

Wie gut, dass bei den mitgebrachten Teilen auch ein nagelneues Stehbolzenset und ein Drehmomentschlüssel dabei sind. Und so tausche ich die alten Stehbolzen gegen frische, mit Schraubenkleber voreingepinselte und ziehe die Muttern mit Drehmomentschlüssel über Kreuz geradezu herrlich gleichmäßig an. So professionell macht das Schrauben gleich mehr Spaß.

Und mit festem Zylinderkopf mach ich mich dann daran noch etwas von Lima anzusehen. Denn es ist „erst“ 16:30 Uhr und etwas Zeit bleibt noch. Verkehrstechnisch ist Lima allerdings noch ein wenig chaotischer als Bogotá. Dazu kommt, dass Motorräder auf der Stadtautobahn nichts verloren haben. Um also keine Strafe zu riskieren, muss ich grausame Umwege in Kauf nehmen. An unzähligen Ampeln stehe ich mir die Reifen quadratisch. Die Ampeln hier zählen mit digitaler Anzeige die Sekunden der Rot- und Grünphasen herunter. Blöderweise ändern sie Mal die Farbe nach Ablauf der Zeit nicht. Ein anderes Mal ändern sie die Farbe schon etliche Sekunden vor Ablauf der Zeit. Zur Krönung interessiert die Farbe der Ampel sowieso keinen und die Polizei muss an jeder einzelnen der Ampeln die Einhaltung der Rot- und Grünphasen per Verkehrspolizist überwachen. So geht moderne Verkehrsführung.

Eine ganze Stunde benötige ich so zur Bewältigung der zehn Kilometer zur Plaza de Armas, dem Hauptplatz im Zentrum von Lima. Dort parke ich meine Bertl in einer Playa, wie die Parkplätze hier heißen……und schlendere etwas durch das historische Zentrum von Lima. Ich schaue mir den Präsidentenpalast……und die Kathedrale von Lima an.Außerdem werde ich Zeuge dessen, wie ein 147 Jahre alter Mann besser tanzt als ich das jemals können werde.

Ansonsten bleibt festzuhalten, dass Lima und insbesondere der Stadtteil, in welchem sich mein Hostel befindet, Miraflores, überraschend sicher zu sein scheinen. Bertl könne ich beruhigt draußen vor der Tür stehen lassen meinen die Hostelbediensteten. Auch die üblichen Warnungen vor bestimmten Stadtteilen oder Verhaltensmustern bleiben aus.

Im Allgemeinen fällt mir auf, wie oft hier jedwede Geschäfte Werbung nach dem Motto „Sex sells“ machen. Ein LKW- oder Autowäscher ohne ein solches Plakat vor dem Laden? Undenkbar.Selbst Hostels, Parkplätze und Wäschereien haben Plakate mit ihrem Namen und einer Bikini-Braut darauf. Das scheint hier einfach zum guten Ton zu gehören. Eine Abhandlung über die kolumbianische Macho-Gesellschaft habe ich ja bereits verfasst. Die peruanische kann ich noch nicht einschätzen. Diesen Plakaten nach, kann es aber nicht viel besser sein.

Am morgigen Freitag werde ich nun also meinen Vespa-Schrauberkönig aufsuchen und von diesem hoffentlich alle Arbeiten erledigt bekommen, so dass danach die Reise Richtung Nazca weitergehen kann. Peace out.

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