Tage 118, 119 und 120: 4.000 Tonnen Scheiße

Wie auf meiner Startseite beschrieben, gibt es ein Problem mit dem Upload von Bildern. Provisorisch kann ich Artikel hochladen, indem ich die Bilder auf eine Mondestgröße komprimiere. Darunter leidet jedoch die Qualität. Auf Dauer also keine Lösung. Aber WordPress arbeitet an einer solchen. Solange also mit verpixelten Bildern.

Lima. Was kann ich sagen? Überraschend sicher. Viele schöne Ecken und eigentlich einen längeren Aufenthalt wert. Ich habe aber nur noch zehn Tage Mopedversicherung und will mein großes Ziel Patagonien bis Mitte Januar nicht aus den Augen verlieren. Dem nicht an der Vespa-Technik interessierten Leser empfehle ich den Sprung zur Überschrift „Ceviche mit Vini und Oli„. Denn bis dorthin geht es technisch zu.

Besuch beim Schrauberkönig

Heute steht also erst Mal ein Besuch bei Vespa-Schrauber Arévalo an. Zuvor muss ich noch mein Zimmer wechseln, da ich meinen Wunsch nach einer weiteren Nacht wohl zu spät geäußert habe. Und dann läuft auch in Lima wieder alles wie immer in Südamerika. Dauert nur 15 Minuten. Dann ist die neue Koje fertig, flötet die Rezeptionistin. So könne ich gleich umziehen und müsse nicht meine Sachen im Gepäcklagerraum zwischenlagern. Ein nervöser deutscher Blick meinerseits auf die Uhr. Ich wollte so früh wie möglich zu Arévalo, da ich nicht weiß wie beschäftigt er ist und den Umfang der Arbeiten nicht abschätzen kann. Aber 15 Minuten? Die hab ich noch. Wie ich nach fast vier Monaten Südamerika immer noch denken kann, dass 15 Minuten 15 Minuten sind? Ich kann es mir selbst nicht erklären. Wahrscheinlich aber rottet der harte Schanker gerade meine paar verbliebenen Gehirnzellen aus.

Nach 40 Minuten Wartezeit frage ich nochmals nach, wie lange das Ganze wohl noch dauern wird und werde auf meine Rückfrage hin umgehend zu meiner neuen Bleibe geführt. Herausragend.

Nun denn, es geht weiter zu Arévalo. Wieder mit etwas Schwierigkeiten, da der direkte Weg für Motorräder nicht legal befahrbar ist. Schließlich aber erreiche ich die Bude. Arévalo, mit dem ich zuvor schon über WhatsApp in Kontakt war, begrüßt mich herzlich, lässt all seine Arbeit stehen und liegen und frägt mich über meine Tour aus, bevor wir Bertl auf seine Hebebühne fahren und er wissen will, wo es überall hakt. Ich gehe mit ihm nach und nach meine Liste der Probleme durch.

Priorität 1 hat für mich der Auspuff. Da es sehr wahrscheinlich ist, dass ich über kurz oder lang wieder Mal den Zylinder abnehmen muss um einen Kolben zu tauschen, muss dieser wieder einfacher abzunehmen sein. Ich lege mein ganzes Schicksal hier in Arévalo’s dreckige Mechanikerhände. Und diese sind offenbar auch die Hände eines Magiers. Denn Arévalo weiß sofort was zu tun ist. Er flext die Schweißnaht, die die Auspuffschelle am Auspuff hält, etwas an, sägt sie dann auf und nimmt sie ab.

Dann schleift er das Drehteil aus Trujillo ganz leicht und macht es an der richtigen Stelle etwas schlanker.

Anschließend hämmert er es mit Gewalt komplett in den Auspuff rein. Wo wir vorher aufgrund der störenden Schelle und des zu dicken Drehteils etwa 7 Milimeter Höhe verschenkt haben, schließt der Auspuff nun komplett mit dem Adapter-Drehteil ab.

Dadurch passt der Winkel wieder und der Auspuff lässt sich auf beiden Seiten ganz ohne Gewalt aufstecken. Und das ohne ihn zu zerstören. Denn die Schelle habe ich ja weiterhin und kann diese bei Verwendung eines Original-Zylinder jederzeit wieder auf den Auspuff setzen und falls nötig sogar wieder wie zuvor anschweißen. Ein riesiger Stein fällt mir bereits hier vom Herzen. Arévalo setzt eine neue Mutter ein und repariert noch den Mutternkäfig und der Auspuff passt wieder wie eine Eins.

Priorität 2 hat die Ursache des letzten Klemmers. Mit Blick auf den alten Kolben lässt Arévalo mich wissen, was mir im Vespa-Forum so auch schon mitgeteilt wurde. Hitzeklemmer. Aus irgendeinem Grund lief Bertl zu mager und wurde zu heiß, wodurch der Kolben klemmte. Teil des Problems war sicherlich der billige 90-Oktan-Gasohol, den ich aufgrund schlechter Tourplanung an einer Provinztanke in der Wüste tanken musste. Aber das alleine kann es nicht gewesen sein. Denn ich war in über 4.000 Metern unterwegs. Die verwendete 110er Hauptdüse war also hoffnungslos zu GROẞ. Nicht zu klein. Sie lief also tendenziell eher zu fett. Arévalo hört Bertl kurz zu, dreht die Leerlaufgemischschraube eine Umdrehung weiter raus und sagt Listo, fertig. Jetzt dämmert es mir. Geklemmt hatte Bertl erst bei der Abwärtsfahrt von 4.000 Metern auf 0. Diese habe ich teils bei gezogener Kupplung, teils mit Motorbremse bewältigt. Da es aber fast ausnahmslos bergab ging, nahezu ohne Gasstöße. Ohne gezogene Kupplung, kam so zu wenig Gemisch im Zylinder an. Und bei gezogener Kupplung kam durch die falsch eingestellte Leerlaufgemischschraube ebenfalls zu wenig an. So hab ich zumindest Arévalo’s Ausführungen verstanden. Mein Spanisch wird zwar immer besser, aber solch technische Unterhaltungen bleiben ein verständigungstechnisches Chaos. Durch die falsch eingestellte LLGS hatte ich außerdem beim Anfahren immer ein kleines Drehzahlloch. Auch hier kam zu wenig Gemisch im Zylinder an. Ich hatte dieses Loch auf die Höhe geschoben und darauf, dass Bertl zu fett läuft. Als das Problem auf Meereshöhe in Lima immer noch bestand, dachte ich an eine zu kleine Nebendüse. Letzten Endes war es nun die LLGS. Man lernt nie aus. Damit ist Prio 3, das Drehzahlloch, auch schon ausgemerzt. Und Prio 2, die Kolbenklemmerursache wohl auch.

Dann wird es einfacher. Ich bitte Arévalo meine Bremsbeläge zu tauschen. Er wirft einen Blick drauf und sagt mir aber, dass diese noch gut sind. Bei der Gelegenheit bemerken wir auch, dass die Beläge, die ich seit 8.000 km spazieren fahre, sowieso nicht passen, sondern für ein anderes Modell sind. Egal, Bremsen sind ja noch gut.

Problem 5: Ein Gewinde im Vergaser, mit dem der Luftfilter befestigt wird ist oben, genau dort wo die recht kurze Schraube greifen soll, ausgenudelt. Das Problem löst Arévalo mit einer längeren Schraube. Hätte man auch selber draufkommen können. Ich dachte an Gewinde nachschneiden als Lösungsansatz.

Zuguterletzt beult Arévalo noch das Blech etwas aus, das etwas lädiert ist, vom Umfaller am Wasserfall und sendet mich zur Probefahrt. Und diese verläuft herrlich. Der Auspuff wieder dicht, in Verbindung mit dem korrekt eingestellten Vergaser. Herrlich. Arévalo hat geliefert. Für seine Dienste verlangt er dann, wie schon Winston fast ein wenig verschämt 50 Soles. Für fast drei Stunden Arbeit. Das sind etwa 13 Euro. Und das obwohl ich hier in Peru alles etwas teurer empfinde als in Kolumbien. In Relation zu den Lebenshaltungskosten sind die 13 Euro also ein absoluter Witz. Ich gebe Arévalo 60 Soles und noch wichtiger, die nicht passenden Bremsbeläge im Wert von 20 Euro, für die er nach eigener Aussage leicht einen Käufer findet. Ich kann sie sowieso nicht gebrauchen und der Mann verdient es definitiv. Denn ich habe mit Arévalo hier in Lima nicht nur einen Mechaniker gefunden, sondern auch einen Freund.

Ceviche mit Vini und Oli

Während der Reparaturen taucht dann auch noch Vinicios auf. Vinicios? Wer das? Mag der ein oder andere sich zu Recht fragen. Als ich vor Wochen versucht hatte, über eine Facebookgruppe jemanden zu finden, der mir 125er-Kolben aus Alemania bringen kann, hat dieser Mann mich angeschrieben und mir die Umrüstung auf den jetzt verbauten Torito-Zylinder empfohlen. Außerdem hat er für mich den Kontakt zu Arévalo hergestellt. Und als er dann hörte, dass ich jetzt in der Werkstatt bin, hat er sich auf die Reuse seines Kumpels gesetzt und ist eine Stunde durch Lima gefahren um mich kennenzulernen. Sein Hobel, eine Vespa 150 Sprint von 1970 mit wunderschöner Patina.

Gemeinsam fahren wir danach noch Ceviche essen, wo wir durch Zufall einen weiteren Freund von Vini, Oli, treffen. Nicht nur Ceviche wird aufgetragen sondern auch Leche de Tigre, was nicht tatsächlich Tigermilch ist, sondern prinzipiell ebenfalls Ceviche, aber zum trinken und so essighaltig, dass es den stärksten Seemann von den Planken haut. Selbst mir als Essigliebhaber ist das zu heftig. Aber so gewollt. Und nach dem Trinken klopft man sich stark auf die Brust und grollt etwas. Für die Extraportion Power.

Mit Vinicios unterhalte ich mich noch lange. Der Kerl macht selbst Tausende Kilometer jedes Jahr auf Vespa, ist bereits von Perú nach Buenos Aires gefahren und gibt mir jede Menge Tipps zur Befahrbarkeit der Straßen und Geheimtipps für unterwegs. Restaurants, Hostels etc. Der Kerl ist herrlich verrückt und irgendwie ist es schade, dass ich bald schon aufbreche. Ich denke wir könnten uns gut verstehen. Aber der Abschied muss ja nicht für immer gewesen sein. Ich ziehe Bilanz: 1 funktionierende Bertl, 2 neue Freunde. Läuft.

Abends gönne ich mir mit dem Pisco Sour den ersten Alkohol seit über zwei Wochen. Denn der Pisco Sour ist ein traditionelles Getränk der Limeños, der Menschen in Lima. Ein Cocktail auf Basis von Pisco, einem Traubenschnaps, vermengt mit Limettensaft, Zuckersirup und Eiweiß vom rohen Ei. Schmeckt tatsächlich ganz geil. Eigentlich wollte ich diesen Drink traditionell im Gran Hotel Bolívar Lima zu mir nehmen. In einer Bar, in der mit Hemingway und Orwell, zwei von mir sehr geschätzte Autoren schon zu den Gästen gezählt haben sollen. Eineinhalb Stunden Anfahrt schrecken mich aber ab und ich trinke das Gerät stattdessen in der Hostelbar. Nicht ganz so geschichtsträchtig. Aber knallt auch.

Road to Ica

Und am nächsten Morgen ist Bertl bereit für den nächsten Ritt durch die peruanische Wüste. Ich selbst noch nicht ganz. Nicht nur Bertl’s Mischungsverhältnis ist in den letzten Wochen abgemagert, sondern auch ich, bedingt durch die Krankheiten. Ich kaufe also in einem Sporternährungsladen ein paar Päckchen Proteinpulver und hoffe dadurch in den nächsten Wochen wieder ein paar Pfund auf die Hühnerbrust zu packen.

Dann mache ich noch den Kanister mit feinstem 97er-Gasohol voll und kontrolliere Bertl’s Reifendruck. Und schon ist es nach 11 Uhr bis ich mich überhaupt auf den Weg aus Lima heraus mache. Die Landschaft ist auf diesem Teilstück mehr oder weniger langweilig. Sandig und ereignislos geht die Fahrt dahin. Hin und wieder sehe ich Mal das Meer. Aber meist in diesigem, trüben Licht.

Ich werde aus einem Auto heraus gefilmt, ernte wie üblich einen Haufen Daumen hoch und werde in einem einspurigen Teil der Strecke von einem LKW-Fahrer laut hupend und vom Beifahrer aus dem Fenster gestikulierend darauf hingewiesen, dass ich auf dem Standstreifen zu fahren habe. Klasse Idee eigentlich. Dieser liegt aber häufig voll mit Glasscherben, Karosserieteilen und toten Tieren. Also allem was Rang und Namen hat. Daher reagiere ich auf sein Gefuchtel meinerseits mit einem erhobenen Mittelfinger und einem freundlichen „Halt die Fresse du Arschloch.„, das mehr der Tatsache geschuldet ist, dass er sein Schiffshorn abgefeuert hat, nachdem er sich von hinten an mich rangeschlichen hatte und ich vor Schreck fast vom Roller gefallen wäre, als an seiner eigentlichen Bitte.

Alles in allem läuft Bertl anstandslos. Mit 60 bis 65 km/h ziehe ich durch die sandige Landschaft. Alle halbe Stunde eine kurze Pause. Ich bin überglücklich. Einige Polizeikontrollen, vor denen bei iOverlander gewarnt wird, überstehe ich ohne Probleme. Reisende in Camper-Vans berichten regelmäßig von Polizisten, die ihnen unbemerkt das Licht ausschalten und sie dann dafür bezahlen lassen. Die Nummer zieht bei Bertl nicht und aus meinem Fehler mit der linken Spur habe ich gelernt. Allgemein ist es für mich selbst beeindruckend wie viel ich auf dieser Tour an Verhaltensweisen, technischen Tricks und auch sprachlich lerne. Fehler kann man machen. Aber nur einmal.

Nach 180 km sehe ich dann zum ersten Mal so etwas wie blauen Himmel und die Sonne kommt langsam raus. Nach 220 km ist der Himmel dann endgültig frei und die Abendsonne wärmt mir noch etwas den Pelz.

Mit dem jetzt geilen Wetter habe ich wieder einen unfassbaren Glücksmoment. Mit einer Bertl in dieser Verfassung würde ich außerdem am liebsten durchreiten bis Ushuaia. Aber für heute tut es auch Ica, das ich mangels günstiger Hostels in Paracas (ab 15 USD) für heute als Ziel ausgebe. Einen Campingplatz hätte es zwar in Paracas gegeben. Aber ohne Scheißhaus. Das muss nun ja wirklich nicht sein.

Da ich nun auf den letzten Kilometern in Richtung Osten unterwegs bin, geht die Sonne hinter mir unter. Ich kann kaum erwarten auf dem Rückweg nach oben Mal klischeehaft in einen Sonnenuntergang zu reiten und dabei die Titelmelodie von Lucky Luke zu hören. #rollergedanken

Nach 294 technisch sorgenfreien Kilometern erreiche ich mein Hostel in Ica, wo ich auf einen vespabegeisterten Italiener treffe und eine Deutsche, die eben erst gemeinsam mit ihrem Vater, der aus Radolfzell kommt, eine Bertl-gleiche 125er restauriert hat. Was ein Zufall. Es wird etwas gefachsimpelt, ich knalle mir ein paar Cuba Libre hinter die Ohren und schlafe glücklich ein.

Die Islas Ballestas und Huacachina

Ich schlafe solange bis mich zum ersten Mal seit Wochen ein Wecker aus dem Schlaf reißt. Denn für heute habe ich eine Tour zu den Islas Ballestas und später zum Sandboarden nach Huacachina gebucht. Vor der, wie üblich zu späten, Abholung gibt es zum Frühstück noch Brötchen, die aus der Dachziegelabteilung des Baumarktes sein könnten, gepaart mit eiskaltem Kaffee von gestern. Hostels. Man muss sie einfach lieben. Auch hier kein Anlass zur Beschwerde. Denn für EUR 4,- für die Übernachtung inklusive Frühstück, kann man nicht viel mehr erwarten.

Zu den Islas Ballestas führt der Weg zunächst per Bus zurück nach Paracas und von dort auf ein kleines Schnellboot. Als meine Reisegruppe am Boot ankommt, hat sich bereits eine andere Gruppe dort niedergelassen. Um gemeinsam Reisende zusammenzusetzen, werden die Plätze zugeteilt. Der Capo ruft, „der Kerl da im gelb-karierten Hemd, der ist alleine„. Und so werde ich gleich einem einzelnen Platz auf einem Boot zugeteilt, auf dem nun jeder weiß, dass ich keine Freunde habe. Ich bitte um Verständnis. Es ist nicht einfach mit diesem Gesicht Freunde zu finden.

Das Boot legt ab und fährt etwa eine Viertelstunde zu einem, in einen Felsen geschlagenen, Geoglyphen. Über die Entstehung gibt es mehrere Theorien. Einig ist man sich aber, dass der Geoglyph über 1.000 Jahre alt ist. Er zeigt entweder einen Kerzenständer oder einen Kaktus.

Dann geht es weiter zu den eigentlichen Islas Ballestas. Die man übrigens auch als Galápagos-Inseln des armen Mannes bezeichnet. Und ohne jemals auf den Galápagos-Inseln gewesen zu sein, verstehe ich warum. Es handelt sich um nur zwei Inseln, auf denen es aber vor Getier nur so wimmelt. Zunächst sehen wir einige Humboldt-Pinguine, über die ich erfahre, dass sie monogam sind und entsprechend nur mit einer Partnerin leben.

Diese Gattung kann zwar nicht fliegen, aber sehr gut schwimmen. Ich könnte den kleinen Frackträgern stundenlang zusehen. Bekommen tun wir aber nur etwa drei Minuten. Schade.

Als nächstes lotst der Käptn uns zu einer Kolonie Seelöwen. Erst heute lerne ich, dass Seehunde und Seelöwen nicht dasselbe sind. Für mich waren das bislang alles „Robben“. Offenbar unterscheiden sich die beiden aber ganz gewaltig. In Peru gibt es so nur Seelöwen. Unterscheiden kann man dort wo es auch Seehunde gibt, an den Ohren. Seelöwen haben welche, Seehunde nicht. Wieder was gelernt. Ich könnte mich schlapp lachen, an dem Versuch eines dieser Schwabbelsäcke auf den Fels zu den anderen zu klettern, bei dem er ständig scheitert. Im Gegensatz zu den Pinguinen haben die deutlich größeren Männchen mehrere Partnerinnen. Pancho hier zum Beispiel hat fünf derer.

Auch ein drei Monate altes Seelöwenbaby sehen wir.

Die Pinguine und Seelöwen sind aber in enormer Unterzahl, verglichen mit den Hauptbewohnern der Inseln. Vögeln. Kormorane, Pelikane und viele weitere Arten sind hier beheimatet. Diese scheißen das ganze Jahr über den Fels voll, was um die Insel herum auch für einen merkwürdigen Geruch sorgt. Und es kommt noch geiler: Die Scheiße der Vögel wird alle zehn bis zwölf Jahre „geerntet“ um sie als Dünger zu verkaufen. Bei der letzten Vogelscheißeernte kamen, sofern ich das korrekt verstanden habe, 4.000 Tonnen Vogelscheiße zusammen. Ein paar Gramm werden bei der nächsten Ernte fehlen. Die landen nämlich auf der Rübe eines vorlauten Mitreisenden, der während der ganzen Tour seine Fresse nicht halten kann und wegen dem ich so manche Information nicht mitbekomme. Karma is a bitch.

Auf der nördlichen der beiden Inseln, sitzen so viele Vögel, dass die Insel wegen deren schwarzen Gefieders schwarz erscheint.

Mein Highlight sind aber die Sturzkampfbomberangriffe der Vögel. Aus fünf bis zehn Metern Höhe überwachen sie die Wasseroberfläche. Sobald sie einen Fisch darin entdecken stürzen sie nach unten, justieren noch die Richtung mit ausgebreiteten Flügeln und klappen diese erst Sekundenbruchteile vor der Wasseroberfläche nach hinten und verleihen sich dadurch die Form eines Speers um tief ins Wasser einzutauchen und die Beute zu schnappen. Leider findet Spektakel zu weit vom Boot entfernt start, so dass ich es nicht auf bewegten Bildern festhalten kann.

Per Bus geht es danach zurück nach Ica, wo kurz Pause bleibt für ein Mittagessen ehe mich die zweite Tour des Tages ins 15 Minuten entfernte Huacachina nimmt. Huacachina, eine nahe an Ica gelegene Oase mitten in der Wüste. Dort werden wir um etwa 15:15 Uhr abgeladen und dürfen etwa eine dreiviertel Stunde die Oase erkunden. Fünf Minuten hätten gereicht. Die Lagune, die zur Oase gehört liegt zwar herrlich eingebettet in der umgebenden Wüste. Aber das Wasser ist dreckig, es liegt Müll herum und es stinkt. Wie man so mit Gewässer umgehen kann, dass eigentlich Touristen anziehen sollte, ist mir unverständlich. Der Blauton des Wassers, der noch überall vermarktet wird, gehört der Vergangenheit an.

Immerhin shoppen kann man hier hervorragend und so lege ich mir einen Daypack zu, so dass ich künftig nicht jedes Mal meinen Ersatzteilrucksack entleeren muss, wenn ich auf eine Tagestour gehe. Farbe? Keine Frage.

Mein Highlight soll dann aber das Sandboarden in den Dünen der angrenzenden Wüste werden. Kurz zuvor wieder ein klassischer Südamerika-Moment. Die Tour wird im Hostel mit Bildern von auf echten Snowboards die Dünen herunterwedelnden Touristen vermarktet. Als ich kurz vor Beginn der eigentlichen Tour um 16 Uhr nachfrage, ob sie denn auch Goofy-Snowboards, also welche mit dem rechten Fuß vorne, haben. Völlig überrascht über meine Frage wird mir eröffnet, dass ich das ja schon viel früher hätte erwähnen müssen. Bei der Tour legt man sich auf ganz normale Holzbretter und schlittere damit den Berg herunter. Ich sage der Frau vor Ort in der Agentur in ruhigem Ton, dass sie mir in diesem Fall bitte mein Geld zurückerstattet und mich nach Ica zurückbringt. Denn das sei nicht, wofür ich mich angemeldet hatte. Geld zurück? Da klingeln natürlich alle Alarmglocken. Ein Anruf und fünf Minuten später steht der Boardvermieter mit einem Snowboard und Boots bereit. Die 30 Soles extra, die ich jetzt nochmal bezahlen muss, ärgern mich etwas, weil darüber zu keiner Zeit informiert wurde. Aber wenn ich dafür mein Board bekomme, gerne.

Südamerika-Moment die Zweite: Ich solle noch schnell (denn wir haben nicht mehr viel Zeit) die Boots probieren und checken ob die Bindung korrekt eingestellt sei. Ich schlüpfe in die Boots, steige auf das Board und sage, jaaa, wird schon irgendwie gehen. Mein Guide sagt, nein nein, bitte sag wenn etwas nicht passt. Nachher auf der Düne ist es zu spät. Also frage ich ob wir den Winkel der hinteren Bindung etwas verändern können. Guide, Agenturtante und Brettvermieter sehen sich an und fragen sich wo sie denn nun einen Schraubenzieher herbekommen können, ehe der Guide mir eröffnet, dass diese Änderung nicht möglich ist. Als ich zurückfrage, was ich dann überhaupt überprüfen soll um es gegebenenfalls zu ändern, sagt er, ach egal, wir müssen jetzt eh los. Ich bleibe etwas verdattert zurück und wundere mich wieder über etwas, was mir schon länger aufgefallen war. Man hat sich hier an den Tourismus gewöhnt. Mehr als nötig macht keiner. Das Geld sollen die Gäste am besten auch ohne Gegenleistung da lassen und kein Handstrich wird umsonst gemacht. Ausnahmen bilden meist familiengeführte Hostels, Restaurants und Touranbieter, sowie Menschen, die bislang gar nichts mit Tourismus zu tun haben, wie zum Beispiel meine Mechaniker. Sobald es aber an die Massenabfertigung der Gringos geht, ist man nur noch eine Nummer. Schade.

Dann wird mein Board mit den Holzbrettern der anderen Teilnehmer auf einen der über 70 bereitstehenden Dune Buggies gepackt.

Und der Kutscher gibt dem Hobel die Sporen. Es geht harmlos los, bevor er den Buggy mit Volllast die Dünen hochjagt, um auf der anderen Seite wieder runterzukippen. Das Gefühl in der Magengegend entspricht dem in einer Achterbahn. Das macht tatsächlich saumäßig Spaß. Noch mehr Spaß, wäre wohl nur das Ding selber zu drücken. Unser Guide erwähnt, dass wir drei bis vier Dünen ansteuern werden. Abhängig davon wie lange wir uns für Fotos und das Boarden Zeit nehmen.

Nachdem beim ersten Fotostop nach zehn Minuten dieser Bodensatz der Gesellschaft, namens aufmerksamkeitsheischender like-gieriger Möchtegerninstagrammer, immer noch versucht Sprungbilder und Kopfstände (ja, richtig gelesen; siehe links im folgenden Bild) zu machen, schließe ich mit Düne 4 bereits ab.

Dann geht es an die erste Düne. Mein Guide erklärt dem Rest der Gruppe, wie sie sich auf dem Brett zu verhalten haben und sendet mich ein paar Meter weiter. Dort kannst du runterfahren. Okay, alles klar. Danke Bruder. Ich wachse mein Brett etwas, knalle es mir unter die Quanten und kippe über die Abbruchkante. Der Winkel ist eigentlich enorm steil. Und trotzdem stehe ich mit meinem Board. Das Ding ist an den Hang geklebt. Das macht ja Spaß, denke ich, schiebe ein wenig, springe ein wenig und rutsche auf einmal doch los. Ich wedle ein paar Kurven in den Sand und komme nach wenigen Sekunden unten an. Dort erklärt mir mein Guide dann, dass dieser kurze Hang nur der Übungshang war und die nächsten steiler und länger werden. Außerdem klärt er mich darüber auf, dass der Anfang immer etwas stockend verläuft, da das Wachs sich erst aufwärmen müsse. Cool, sage ich. Schauen wir Mal was noch kommt.

Im Buggy geht es weiter zu Düne 2. Wieder werde ich einfach ein paar Meter weiter geschickt und darf da mein eigenes Ding machen. Und als ich da so an der Abbruchkante sitze, kommt eine andere Gruppe mit Skiern und Snowboards angestapft. Helm und Protektoren an den Körpern und auf dem Kopf und drei Guides dabei, die deren Fahrten mit einer Kamera begleiten. Ich frage, wieso sie denn so professionell ausgestattet sind, woraufhin mir ein Guide entgegnet, dass sie eine Agentur seien, die sich ausschließlich auf die Abfahrten mit Snowboards und Skiern spezialisiert hat. Ich kann es nicht glauben, blicke wehmütig auf meine eigene Gruppe, die ein paar Meter weiter auf ihren Brettern den Hang hinunterrutscht und drücke mich selbst über die Kante. Wie gern, wäre ich Teil dieser anderen Gruppe. Die zweite Fahrt verläuft ähnlich. Nach dem stockenden Anfang, läuft es dann und ich wedle nach unten. Im Unterschied zum Schnee, gleitet man im Sand nicht wirklich. Immer wieder zwischendurch „stockt“ das Brett etwas, bremst also recht aprubt ab. Selbiges gilt für das Erreichen der Ebene. Statt noch etwas „auszurollen“, ist mit dem Ende des Gefälles der Spaß sofort vorbei.

Unten wird wieder alles im Buggy verstaut und es geht zu Düne 3. Hier bitte ich meinen Guide wenigstens Mal ein Video meiner Fahrt von oben zu machen und er folgt. Als ich unten im flacheren Teil versuche über die kleinere Düne zu springen, sieht man sofort wie ich noch davor sämtliche Geschwindigkeit verliere und noch vor der Düne zum liegen komme.

Bei Düne 4, zu der es dann wirklich noch kommt, lege ich meine beste Fahrt hin. Ich habe mich etwas an den Untergrund gewöhnt und ziehe wunderbar gleichmäßige Kurven in den Sand. Im etwas flacheren Teil will ich dann noch einen 180° in den Sand zelebrieren, komme in steilen Winkel mit dem Tail zuerst auf, verkante und drehe dadurch noch weiter und mache dadurch sogar eine Art 360°, bezahle dafür aber mit einem Aufschlag im Sand mit dem Hüften. Eine Tourteilnehmerin, die sich bereit erklärt hatte, diese Abfahrt zu filmen, hat es geschafft, rechtzeitig zu Beginn meiner Fahrt bei der Aufzeichnung auf Stop zu drücken und so wird dieser Sturz leider nie das Licht der Welt erblicken. Ich ärgere mich kurz über so viel Unfähigkeit und schlucke dann meinen Groll runter. Witzig war es trotzdem.

Sandboarden allgemein ist kein Vergleich zum Pendant im Schnee. Wenn ich aber an einem geeigneten Ort vorbei komme, werde ich es wieder machen. Denn Spaß macht es trotzdem. Noch mehr Spaß kann es machen, wenn man bei der Wahl des Touranbieters etwas sorgfältiger ist.

2 Antworten zu “Tage 118, 119 und 120: 4.000 Tonnen Scheiße”

  1. Hi Norman,
    schön wieder von Dir zu hören. Besonders gut gefällt mir immer, wenn Du von den Instagram-Spackos schreibst . Diese Typen braucht wirklich niemand.
    Viel Glück weiterhin!
    Christian

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