Tage 121, 122 und 123: Onkel N. macht Meter

Road to Nazca

Da Bertl schon wieder über 4.000 km seit Cali runter hat, möchte ich hier in Ica noch einen Ölwechsel vollziehen. Außerdem gibt es das Mototaxi Torito 2T, dessen Zylinder ich fahre, zwar in Peru zu Hauf. In den besser entwickelten Chile und Argentinien aber wohl eher nicht. Um nicht wieder Kolbenknappheit zu erleben, will ich mir außerdem noch zwei weitere, also insgesamt drei Kolben in meinen Ersatzteilrucksack legen. Damit sollte ich doch hoffentlich eine Weile hinkommen.

Der Vorteil daran einen Torito-Zylinder zu fahren, besteht darin, dass die Ersatzteilbeschaffung wesentlich einfacher ist. Dazu muss ich lediglich ein solches Torito-Mototaxi anhalten und den Kutscher bitten, mich dorthin zu bringen, wo er seine eigenen Teile besorgt. Klappt auch heute wieder wunderbar. Ich kaufe bei der Gelegenheit gleich zwei neue originale Kupferzylinderkopfdichtungen, die ich dann beim nächsten Öffnen des Zylinderkopfes gegen die aktuell verbaute Papierdichtung austauschen werde und außerdem die Dichtung für zwischen Auspuff und Zylinder, die zuletzt der Dichtungsmacher für mich hergestellt hatte. Dass diese bereits vorgefertigt existiert, ist eigentlich logisch, wusste ich aber bis dato nicht.

Die Kolben sollen zunächst 60 Soles pro Kolben kosten. Das ist zwar immer noch nur knapp ein Viertel des Preises eines Vespa-Kolbens, aber fast doppelt so viel wie zuletzt in Trujillo. Also frage ich wieso der Kollege mir die Dinger so teuer verscherbeln will. Original Bajaj lautet seine Antwort. Dumm für ihn nur, dass ich weiß, dass auf der Unterseite der Ringe der Hersteller seinen Namen einprägt. Sam Std steht dort geschrieben. Sam, das ist der Hersteller. Und zwar der Replika-Hersteller aus Indien. Std steht in diesem Fall nicht für Sexually Transmitted Disease, sondern für Standard und meint die Größe der Ringe. Ich sage also, hör Mal amigo, das sind doch keine Originalkolben. Und in feinstem ebay Kleinanzeigen Jargon, jedoch auf Spanisch, letzte Preis? 110 Soles, 28 Euro, inklusive Dichtungen. Ja, geht doch.

Dann steuert mein Mototaxi mit mir ein sogenanntes Lubricentro an, in der Öle aller Art zu besorgen sind. Mein eigentlich zu verwendendes SAE 30 Öl gibt es auch hier wieder nicht. Beziehungsweise gibt es. Aber nur im praktischen 19-Liter-Fass.

Dafür hab ich nun wirklich keinen Platz. Also kaufe ich wieder SAE 10W-30. Damit lief die Reuse schließlich auch die letzten 8.000 km ganz gut. Zuguterletzt besorge ich mir in Ermangelung größerer Alternativen eine 200 ml Spritze und schreite zur Tat. Motor warmlaufen lassen, dass das Öl besser abläuft, dann Schraube auf, Öl ablassen, Geruchs- und Sichttest des abgelassenen Öls, neues Öl rein, Schraube rein. Fertig.

Ich verwende heute endlich neue Dichtungen und auch gleich neue Schrauben für Ölein- und Ölauslass. Auch diese waren in meiner Lieferung aus Deutschland nach Lima neu dabei. Außerdem erweist sich die 20 ml Spritze als mehr als tauglich. Zwar muss ich diese öfter aufziehen. Dafür braucht es bei eben jenem Aufziehen deutlich weniger Kraft als bei der 70 ml Variante. Einen Schlauch braucht es ebenso wenig. Die Spritze allein reicht weit genug in das Gehäuse um ihren Zweck zu erfüllen.

Bei dem routinemäßigen Ölwechsel entdecke ich doch noch einen Makel, der bei der Reparatur durch Arévalo entstanden sein muss. Das Massekabel der CDI ist abgerissen. Zwar läuft die Karre auch ohne, und ich habe keinen Plan wofür das Kabel gebraucht wird, aber es wird wohl nicht aus Jux und Dollerei verbaut worden sein. Da ich die benötigten Kabelringschuhe (eigene Wortkonstruktion) stets zur Hand habe, trenne ich den Rest des Alten sauber ab, isoliere das Kabel etwas ab und bringe einen neuen Ring an. Fast wie neu.

Erst um etwa 13 hundert lege ich ab. Das Navi mit Ziel Arequipa (700 km). Mal sehen wie weit ich heute dorthin vorstoßen kann. Die Reise beginnt wie erwartet mit einem Ritt durch sandige Wüste. Die Straße ist ein einziger Strich. Keine Kurve. Nicht Mal ein leichter Knick.

So zieht es sich für etwa 60 km dahin. Dann ändert sich die Umgebung. Zwar fahre ich weiterhin durch Wüste. Aber bergige Wüste. Mit einem schönen Ausblick auf das fruchtbare Tal dazwischen.

Alle 30 km baue ich eine Pause in meinen Fahrablauf ein. Mindestens zehn Minuten lasse ich den Motor dabei abkühlen. Manchmal sogar mehr. Ob er das wirklich brauchen würde, werden wir nie erfahren. Sicherer ist es jedenfalls. Nach exakt 120 km erreiche ich einen direkt an der Panamericana gelegenen Aussichtsturm mit Blick auf drei, zu den berühmten Nasca-Linien gehörenden, Werke. Die Hände:

Der Baum, oder die Alge:

Und die schwer zu erkennende Echse, der jeden Tag von Tausenden Fahrzeugen über den Pansen gefahren wird, da sie in der Mitte von der Panamericana zerteilt wird.

Insgesamt existieren von diesen Bildern über 1.500 Stück. Teilweise bolzengerade Linien von über 15 km. Die Hände schätze ich auf etwa 20 – 30 Meter Größe. Urheber des ganzen war wohl die Nasca-Kultur, die diese vor 1.400 bis 2.800 Jahren in den Sand gezogen haben. Theorien über deren Verwendung als Alien-Landeplätze gehören ins Reich der Fabeln. Vermutlich ging es wie so oft darum irgendwelche nicht existenten Götter zufrieden zu stellen. Die moderne Forschung geht von deren Verwendung in Fruchtbarkeitsritualen aus. Wofür auch immer. Ich begnüge mich mit dem Blick auf drei der unzähligen Formen vom Turm.

Die Alternative, ein Rundflug in einem Kleinflugzeug, ist mir die USD 80,- nicht wert. Dabei würde man noch einige Formen mehr und außerdem die schiere Größe der Linien erkennen. Nach Ankunft in einem Hostel in Nasca, teilt mir mein Zimmergenosse jedoch abends mit, dass bei der Flugweise des Piloten nur die ersten fünf Minuten an die Linien zu denken ist. Danach heißt es Kotztüte raus und an England denken. So verwende ich Nasca, das ansonsten nur noch ein paar Pyramiden und Aquädukte, ebenfalls der Nasca-Kultur bereit hielte, als Durchgangsstation und starte früh am Morgen meine nächste Fahrt. Ziel wieder das nun noch 569 km entfernte Arequipa. Wie weit ich vorstoßen werde, weiß ich bei meiner Abfahrt wieder Mal nicht.

Road to Atico

Mein Zimmergenosse knallt sich derweil am Morgen pürierten Kaktus in die Rübe. Als ich frage weshalb er das macht, antwortet er um den „flow of the trees“ zu fühlen. Nun denn, wenns sonst nix ist… Ich verneine, als er mich frägt, ob ich auch probieren möchte. Den „flow“ der LKW spüre ich schließlich schon genug. Ich steuere noch drei Tankstellen und zwei sogenannte Lubricentros an, um meinen Vorrat an Zweitaktöl um vier Beutel á 200 ml aufzustocken. Danach haue ich drei Spiegeleibrote in den Magen und lege los.

Es geht voll durch Wüstenlandschaft. Eher fühlt es sich wieder wie auf dem Mars an.

Wind geht hier keiner. Daher ist es unglaublich heiß. Ich halte daher meinen Rhythmus von 30 km bis zu einer Pause eisern durch. Außerdem creme ich mein Näschen immer brav ein und sorge dafür, dass ich nicht dehydrieren indem ich mich unter meinen Wasserkanister hänge.

Die Luft flirrt und ich kämpfe mich weiter voran. Eine Baustelle hält mich eine Weile auf. Mit dem Bügeleisen gestriegelte LKW-Piloten überholen wie die Irren mit kaum Sicherheitsabstand. Um 11:30 Uhr habe ich erst 90 km runter. Ich beschließe Mittag zu essen, da ich just zur 90 km Marke in einem winzigen Pueblo aufschlage. Genau ein Restaurant gibt es dort, in dem mir dann als Tagesmenü ein vor kleinen Knochenstücken nur so gespicktes Reisgericht vorgesetzt wird. Ungenießbar und mit über vier Euro noch extrem teuer.

Danach laufen die beiden folgenden Abschnitte wieder etwas besser. Ich mache Strecke und werde belohnt mit Wahnsinnsblicken auf den Ozean.

Aber nach 150 km wird die Straße miserabel…

…und in Verbindung mit vielen Baustellen muss ich mich wohl vom Plan verabschieden heute über 300 km zu fahren.

Die Vegetation verändert sich. Langsam aber sicher kommt etwas Grün in die Landschaft.

Für ein paar Minuten. Dann wird es wieder sandig. Im Nebel geht es entlang des Meeres.

Nach doch immerhin stolzen 270 km erreiche ich Atico. Ein kleiner unattraktiver Pueblo in dem ich eigentlich nicht bleiben will. Mit Ocoña ist der nächste Pueblo aber nochmal 70 km weit weg. Zu viel für heute. Ich fahre von Hotel zu Hotel, bekomme aber entweder die Nachricht, dass nichts mehr frei ist, kein Parkplatz verfügbar oder der Bums 20 Euro kostet. Letztlich finde ich ein absolut heruntergekommenes Loch für ganze EUR 10,- und beschließe den Tag. Essen finde ich auch nur sehr beschwerlich. Das WLAN im Hotel funktioniert eben so wenig wie das heiße Wasser. Nach einem lässigen Tag des Heizens ein Abend zum Vergessen. Ich mache das beste draus und schlafe früh, um morgen ebenso früh zu starten. Denn um spätestens 4:45 Uhr morgens ist es hier taghell. Wieso hier eine Änderung der Zeitzone nicht km Betracht gezogen wird, wie im benachbarten Chile, das 2 Stunden voraus ist, verstehe ich nicht. Denn abends ist es so um 18:00 Uhr dunkel.

Road to Arequipa

Ich schaffe heute morgen den erhofft frühen Start. Denn um 6:45 Uhr ist Bertl bepackt und betankt und ich unterwegs. Und meine Laune könnte nicht besser sein. Manchmal reicht dazu auch eine Änderung der Musik auf den Lauschern. Heute starte ich zum „Best of 20 years of Dream Dance„, weshalb ich zu Brooklyn Bounce, Cosmic Gate und Darude durch die Wüste peitsche. Die gute alte Zeit.

Durch eine felsige Region und den Nebel kämpfe ich mich entlang der Küste gen Süden, bis es plötzlich sandig und klar wird.

Die Straße ist gut. Bertl läuft und ich mache schnell Strecke. Hin und wieder ist aber höhere Vorsicht geboten. Nämlich immer dann, wenn der Wind die Gegenfahrbahn mit Sand überhäuft und dadurch den Gegenverkehr zwingt auf meine Spur auszuweichen.

Recht bald aber bin ich auf einspuriger Straße und kurviger Strecke in einer LKW-Kolonne von 14 LKW gefangen. Nur ein einsamer irrer Busfahrer und ich kämpfen uns auf einer Straße, die kaum breit genug ist für zwei Fahrzeuge Position um Position nach vorne. Es ist ein ständiger Kampf. Denn kaum lasse ich 30 Zentimeter Platz zum LKW vor mir, denkt sich der LKW-Fahrer hinter mir offensichtlich: Oh, zwischen der Vespa vor mir und dem LKW vor der Vespa ist etwas weniger als ein halber Meter Platz. Perfekt für meinen 17 Meter langen Sattelzug. Denkt es und schert aus um dann so lange neben mir zu fahren, bis ich aufgeben muss, und mich abfallen lasse, nur um ihn an der nächsten Steigung wieder locker zu packen.

Nach 75 km erreiche ich nach all der Wüste Mal wieder eine kleine „Oase“. Direkt am Meer gelegen. Nett anzusehen.

Der Weg führt so recht ereignislos weiter entlang des Meeres, entlang von Wüste.

Nach der Stadt Camaná nach etwa 130 km geht es weg vom Meer rein in die Berge. Herrlich langgezogene Kurven, die ich mit voller Reisegeschwindigkeit von 60 km/h befahren kann. LKW kann ich so locker überholen. Die Sonne ist draußen. Die Straße ein geradezu perfektes Asphaltband. Träumchen.

Die Umgebung bleibt Wüste. Mit nichts als Sand, etwas Felsen und einem Haufen Plastik. Als die Uhr 12:30 Uhr zeigt, habe ich bereits 210 km runter und nur noch 100 übrig bis Arequipa. Was ein Arbeitsnachweis.

Es schmiert. Zu kämpfen habe ich einzig mit viel zu knappen Überholmanövern der LKW und suizidalen Straßenhunden, die wie jeck aus ihren Quartieren geschossen kommen, wenn sie mich von weitem erspähen, dabei laut bellend auf die Straße rennen und mich zum Teil zum Ausweichen auf die (freie) Gegenfahrbahn zwingen.

Zäh wird es dann nochmal auf den letzten 30 km, als ich wieder in einer Kolonne Dutzender LKW mit 15 km/h nach Arequipa schleiche. Trotzdem zeigt die Uhr noch nicht Mal 15:30 Uhr, als ich nach 310 km auf 2.400 Metern im heißen Arequipa ankomme. Aus dem Wetter werde ich hier nicht mehr schlau. Mal ist es kalt in der Wüste. Nun heiß auf 2.400 Metern. Ein ander Mal wieder arschkalt auf Meereshöhe am Meer.

Scheißegal. Arequipa, Alter. Ich bin platt von über 300 km Fahrt, aber happy so gut durchgekommen zu sein. Der letzte Klemmer liegt über 1.000 km zurück und Arequipa, immerhin Perus zweitgrößte Stadt, beschert mir noch einen schönen Abend auf der Plaza de Armas.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.