Tage 124 und 125: Achtung! Akute Einschlafgefahr

Reiseorga in Arequipa

Diese letzten beiden Tage waren unfassbar urlangweilig. Mit der Negativausnahme, dass ich gestern mein treues Smartphone mit einem Sturz vom hosteleigenen Kickertisch zerstört habe. Ein gefälschtes Second Hand Huawei Smartphone für trotzdem stolze EUR 40,- von Señor Hugo bildet gerade mein einziges (langsames) Tor zur Außenwelt. Selbiger Señor Hugo bietet mir auch an, mein altes Handy für etwa EUR 100,- zu reparieren. Haken daran, neben dem teuren Preis: Die Dauer von vier Tagen, da er das Display erst bestellen müsse. Und so werde ich heute noch diverse andere Señor Hugos ansteuern, in der Hoffnung auf schnellere, günstigere Hilfe.

Die letzten beiden Tage waren wie erwähnt alles andere als spannend. Da dies hier aber auch irgendwie mein eigenes Reisetagebuch ist, werde ich sie trotzdem kurz umreißen. Wer dabei Sekundenschlaf bekommt, dem sei an dieser Stelle versichert, dass es mir beim Schreiben ähnlich geht und der darf gerne in vier Tagen wieder reinklicken, wenn ich wahrscheinlich einen über 6.000 Meter hohen Vulkan in die Knie gezwungen und den, je nach Messart, dritttiefsten Canyon der Welt gesehen habe.

Ich habe den Vorteil einer Großstadt genutzt und die letzten Tage einigen dringend notwendigen Reiseorganisationen gewidmet. Die letzten Tage und Wochen hatte ich mich, unter anderem aufgrund der irren LKW-Fahrer und der suizidalen peruanischen Kamikaze-Hunde nicht mehr ganz sicher gefühlt auf meiner alten Lady. So ganz ohne Schutzausrüstung und mit Halbschalenhelm, mit dem ich bei einem Sturz im Extremfall mein wunderschönes Gesicht inklusive preisgekrönter Nase auf dem rauen peruanischen Asphalt zurücklassen müsste, wollte ich nicht weitermachen. Und so kaufe ich für lächerliche EUR 160,- einen zertifizierten Vollhelm, eine Motorradjacke mit Protektoren und Handschuhe, ebenfalls ausgestattet mit Protektoren. Müßig zu erwähnen, dass die Jacke im ersten Anlauf zu groß und die Handschuhe zu klein gekauft werden und ich deshalb noch ein weiteres Mal aufschlagen muss. Beim zweiten Anlauf nehme ich auch gleich wieder eine neue USB-Steckdose fürs Gepäckfach mit, da die letzte aus Bogotá-Tagen bereits wieder streikt.

Danach bekommt Bertl nach Wochen der Fahrt durch peruanische Wüste Mal wieder eine wohl verdiente Wäsche. Nicht von mir natürlich. Für 2,50 € lasse ich waschen.

Ich selbst schrubbe aber später noch meine weiße Sitzbank unter Verwendung von Chlorreiniger, da diese ebenfalls sehr mitgenommen aussah und in der Motorradwäscherei mit herkömmlichen Mitteln nicht sauber wurde.

Ich besorge neue Kabelschuhstecker und schließe die neue Gepäckfachsteckdose an und tausche einen durchgewetzten Hauptständergummi aus.

Ich verlängere meine Mopedversicherung um einen weiteren Monat, da ich anders als geplant etwas länger in Arequipa bleiben möchte und es nicht rechtzeitig über die Grenze schaffen würde.

Ich trete außerdem dem Problem der akuten Schlüpferknappheit entgegen, das sich nach ein paar Reisetagen ja automatisch immer einstellt und schlage bei vier Baumwollschlüpfern der Marke Boston zu. Dem Schießer Südamerikas.

Zuguterletzt sortiere ich meinen Reisehausstand. Die dringendste aller Tätigkeiten. Denn nach nun drei Monaten auf der Straße, habe ich herausgefunden, dass ich keine Kolbenringzange benötige. Die Hand tut es auch. Seegeringzange mit drei Wechselaufsätzen? Es reicht die Spitzzange, die ich sowieso im Gepäck habe. Eine Zange, ausschließlich zum Abknipsen von Brems-, Kupplungs- und sonstigen Zügen? Nice to have, aber nicht wirklich Notfallwerkzeug. Dazu fahre ich den sperrigen, schweren alten Zylinder, nicht passende 125er Kolben und ab sofort auch einen zweiten Helm durch die Pampa. Ich sortiere und reinige also all meine Besitztümer und als ich damit fertig bin, habe ich nicht nur ein aufgeräumtes Gepäckfach, sondern auch einen fast leeren Ersatzteil- und Werkzeugrucksack und damit Platz für z.B. einen Gaskocher.

Ich schlendere aber auch etwas durch das bei weitem nicht so hektische Arequipa. Zumindest verglichen mit Lima. Eine ganze Weile sitze ich an der Plaza de Armas auf einer Bank und mache etwas „People Watching“, plane dabei außerdem meine Route durch Chiles Norden und die ersten paar Hundert Kilometer Argentiniens und finde (deutscher geht nicht) anhand einer schnell aufgesetzten Excel-Tabelle heraus, dass ich meinen Tageskilometerschnitt auf 153,47 km anheben muss, wenn das mit meinem Plan etwas werden soll. Heftige Zahl, bedeutet so immerhin ein Tag Pause zwingend einen 300er am darauffolgenden Tag. Das geht nur mit mehr Planung, die ich dann mit Reiseführer und Google Maps en detail mache und in meinen Handynotizen festhalte, nur um jene ja dann abends über den Jordan zu jagen.

Alpacas und Vulkane

Dort sind auch die Bilder meines Besuchs bei „Mundo Alpaca“, einem Alpaca- und Lama-Kleidungshersteller, der dort kurze Führungen umsonst anbietet. Auch ein paar lebende Alpacas und Lamas mit verschiedensten Frisuren und einem mit Schnurrbart sind vor Ort. Bilder und Videos, wie ich den Schnurrbartbruder füttere, werden hoffentlich nachgereicht.

Auserdem fahre ich mit Bertl zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man die umgebenden Vulkane Misti (knapp 6.000 Meter hoch) und Chachani (etwas über 6.000 Meter hoch) sehen kann. Bilder davon, ihr ahnt es, auf meinem alten, derzeit kaputten, Handy.

Letzteren Vulkan möchte ich am Montag gerne besteigen. Eine frühere Besteigung habe ich aufgrund des Wetterberichts abgelehnt, auch wenn nach Meinung der Touranbieter das Wetter „immer gut“ sei. Schneegestöber und starke Winde ab 5.500 Metern sprechen eine andere Sprache. Hoffen wir, dass es Montag und Dienstag anders aussieht. Hoffen wir außerdem, liebe Gemeinde, dass ich mein altes Handy wieder fit bekomme. Denn schon dieser eine Artikel auf dem neuen Gerät hat mir alles abverlangt.

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