Tage 126, 127, 128 und 129: Chachani? Check!

Dem ein oder anderen dürfte noch in seinen alten Hirnwindungen hängen, dass zum Ende des letzten Artikels mein Handy die Arbeit eingestellt hatte. An diesem Samstagmorgen genießt also die Reparatur dessen allerhöchste Priorität. Señor Hugo kann ja unmöglich die einzige Adresse sein. Und nach etwas Herumfragen finde ich nicht weit vom Hostel einen Gebäudekomplex, der im ersten Stock aus Verkaufs- und im zweiten Stock aus Reparaturläden für Handys besteht. Und Alter, geht es da zu…

In jenem ominösen zweiten Stock reiht sich Laden an Laden. Etwa wie in einem Einkaufszentrum, aber in deutlich kleiner was die Ladengröße angeht. Jeder schreit irgendwas durch die Bude, dazwischen tummeln sich Mangoverkäufer und Hähnchenbrater. Man kann nicht durch den Gang latschen ohne förmlich in einen der Läden hereingezogen zu werden. Displays, Akkus, Wasserschaden, wie kann ich dir helfen? schreit mich immer ein aggressiver Kundenfänger an wenn ich einem Laden zu nahe komme. Ich schaue mir das Treiben erst einmal an, dann erfrage ich diverse Preise für mein benötigtes Display. Von Fake für 450 Soles (etwa 120 Euro) bis Original für 240 Soles, wofür ich mich letztlich entscheide, ist hier alles vertreten. Dank meiner Einkäufer-Vorbildung hole ich noch 5 Soles raus und erstehe so ein nagelneues Samsung Originaldisplay inkl. Montage. Nach der mit 20 Minuten angesetzten und 90 Minuten dauernden Reparatur habe ich mein altes Handy inklusive aller Bilder und, wichtiger, Notizen wieder am Start.

Danach mache ich einen kleinen Mittagsschlaf und gehe mittags zur trinkgeldbasierten ‚Free Walking Tour‘, die wenig spektakulär in den alten Knast und die alte Universität Arequipas und wieder zum Schnurrbart-Alpaca führt. Bleibt hängen: Auch Arequipa wird, als inzwischen fünfte Stadt entlang meiner Reise, „die weiße Stadt“ genannt. In diesem Fall weil die Mehrheit der Gebäude im historischen Zentrum der Stadt aus weißem Vulkanstein der umgebenden Vulkane gemacht sind und/oder weil die Spanier nach ihrer Ankunft den dunkelhäutigeren Einheimischen verboten im Zentrum zu leben.

Ich entscheide mich gegen den Besuch des Colca Canyon aufgrund einiger Erfahrungsberichte von Hostelgenossen und mache an diesem Sonntag nicht mehr, als aufgrund eines weiter stabilen Wetterberichts, die Chachani-Vulkantour für die nächsten zwei Tage zu buchen, die Ausrüstung dafür anzuprobieren und meinen Reiseplan bis Ende Februar weiterzuplanen. Als Vorbereitung auf die Vulkanbesteigung pfeife ich mir noch zwei Mal an diesem Tag Pasta rein und gehe früh schlafen.

Chachani I

Am nächsten Tag erwarte ich dann ab 8:00 Uhr die Abholung durch meinen Touranbieter. Bis um 8:10 Uhr passiert aber nichts dergleichen. Als sich dann die Natur nochmal meldet, gebe ich dem Ruf nach. Und wieder wiederholt sich ein Phänomen, dass einerseits höchst unangenehm, andererseits sehr spannend ist. Meine Abholung zu Tours findet immer dann statt, wenn ich es mir gerade nochmal auf der Keramik bequem gemacht habe.

Nach erfolgtem Geschäft führt der Weg dann in die Agentur zur Abholung bzw. zum Anziehen der gestern anprobierten Kleidung sowie zur Entgegennahme der mit ins Basislager zu schleppenden Gegenstände: Zelt, Schlafsack, Matratze sowie Essen. Ursprünglich sollte die Gruppe vor uns all ihr Equipment vor Ort lassen. In der Nacht auf Montag hatte es aber auf dem Gipfel 11 cm Neuschnee und im Basislager das Äquivalent in mm Regen runtergelassen, weshalb wir neues trockenes Equipment doch zum Basislager bringen müssen.

Außerdem lerne ich bei der Gelegenheit meine Mitstreiter kennen. Eine Spanierin mit der ich mich auf Anhieb sehr gut verstehe und ein deutsches Pärchen. Auch die beiden sollten sich im Laufe der zwei Tage ebenfalls als sehr nette Zeitgenossen herausstellen.

Ein letzter Stopp in Arequipa um Snacks wie Schokolade und Nüsse, Mittagessen und die benötigten sechs Liter Wasser zu kaufen. Dann werden wir auf zwei Allrad-Jeeps verteilt um das Gewicht zu verteilen, ehe die zweieinhalbstündige Fahrt zum Beginn des Trekks dann endlich los geht.

Vom auf 2.400 Meter liegenden Arequipa aus machen wir zunächst auf 3.100 und dann nochmal auf etwa 4.000 Meter Akklimatisierungsstops, die uns außerdem Gelegenheit geben die seltene peruanische Vegetation vollzustrunzen. Außerdem sehen wir dabei ein wildes Vicuña, eine Lama-Art.

Auf etwas weniger als 5.000 Metern hält der Tross mittags um 13 Uhr und es geht mit etwa 14 Kilogramm auf dem Rücken per pedes in Richtung Basislager. Dieses erreichen wir recht einfach nach eineinhalb Stunden auf 5.200 Metern. Doch obwohl ich bislang eigentlich nie Probleme mit der Höhe hatte und zuvor genügend Wasser getrunken hatte, erwischt es mich als Einzigen der Gruppe. Ich bekomme Kopfschmerzen und mir wird übel wenn ich mich bewege. Meine arme spanische Zeltkollegin muss ich so mit der Arbeit alleine lassen. Aber irgendwann steht das Camp.

Ich kaue derweil Kokablätter und nehme eine Paracetamol sowie eine Tablette gegen eine mögliche Hirnschwellung. Obwohl die Kopfschmerzen noch harmlos und noch nichts sind gegen jene nach drei Flaschen Rotwein beim Reichenauer Weinfest. Aber es gilt Vorsicht walten zu lassen.

Festzuhalten bleibt jedenfalls: Das schwächste Glied der Truppe bin ich.

Denn meine Schmerzen sind auch nicht weg, als es um 16:30 Uhr Suppe und Spaghetti zum Abendessen gibt.

Und auch noch nicht, als um 17:30 Uhr zum Zapfenstreich geblasen wird und es ins Bett geht. Dort ist es zu Beginn noch schön warm. Kaum ist aber das letzte Tageslicht gewichen, sinkt die Außentemperatur auf kuschelige -5 Grad Celsius. Um genügend Sauerstoff zu bekommen, muss das Zelt außerdem die ganze Nacht leicht geöffnet bleiben. Und als wäre das noch nicht genug, ist wegen des, wegen der Höhe, erhöhten Herzschlages an Schlaf nicht zu denken. Die Pumpe geht so schnell und so stark, dass deren Pochen beide Lauscher nichts anderes hören lässt. Außerdem kann ich an nichts anderes denken, als dass ich es vermutlich nicht zum Gipfel schaffen werde. Denn meine Kopfschmerzen sind noch immer da. Maximal sind über die ganze Nacht verteilt so immer wieder Mal 15 Minuten Halbschlaf drin. Mehr lassen Kälte, Höhe, Hirnaktivität und Kopfweh nicht zu.

Chachani II

Grund für die frühe Nachtruhe ist übrigens der geplante Start zum Gipfel um 2 Uhr nachts. Und als uns der Comandante um 1:15 „aus dem Schlaf“ reißt, da sind die Wolken gewichen und der Himmel ist klar, wie prophezeit. Ein unfassbar schöner Sternenhimmel tut sich über uns auf, als wir das Frühstück der Champions zu uns nehmen: Käsebrot und Koka-Tee. Zumindest in meinem Fall ergänzt um eine weitere Paracetamol. Denn der Schmerz ist immer noch da. Wenn auch nur leicht.

Um 2:30 Uhr sind wir startklar. Mit Stirnlampe auf, Snacks und Wasser im Rucksack, sowie dick eingepackt, geht es an den Aufstieg. Befände sich das Wasser außen am Rucksack. Es würde wohl gefrieren, meint unser Guide als er kontrolliert, dass jeder das Wasser im Rucksack hat.

Zu fünft hintereinander, mit winzigen Schritten und im Schneckentempo geht es dann im Zick Zack bergauf. Der Blick geht nur auf die Fersen des Vordermannes. Denn auch wen die Höhenkrankheit nicht voll erwischt, bei dem sorgt sie zumindest für einen leichten Schwindel. Ein Blick zu den Sternen entfällt somit. Eingeatmet wird durch die Nase durch ein Tuch, das diese umhüllt. Ausgeatmet durch den Mund. Gesprochen wird nicht. Bedächtig setzt jeder seine Stöcke und Schuhe in den Mix aus Sand und Schnee, der von seinem Stirnlampenlichtkegel vor ihm erleuchtet wird.

Ich fühle mich überraschend gut. Mein Kopfschmerz wird nicht besser. Aber auch nicht schlechter. Wir laufen fast eine Stunde ohne Pause, machen aber wegen der geringen Steigung beim Zick Zack sowie der geringen Geschwindigkeit kaum Höhe.

Bis 5.300 Meter klappt in unserer Karawane alles ganz gut. Bei etwa 5.400 Metern beginnen dann aber die ersten Probleme. Bei meiner Zeltkollegin sorgt die Höhe für leichte Übelkeit. Sie kämpft aber tapfer weiter bergan. Bei mir selbst hält sich lediglich hartnäckig das leichte Pochen im Kopf.

Bis 5.500 wird es dann übel. Noch immer ist es dunkel. Kein Anzeichen der aufgehenden Sonne. Die Zehen sind taub. Die Hände kaum mehr zu spüren. Der Kopf brummt weiterhin. Ein Ausscheiden sehe ich aber nicht ein. Denn die Beine sind ja gut. Ich werfe ein paar Koka-Blätter ein und stapfe weiter. Es geht bereits nach 300 Höhenmetern nur noch über den Willen. Ich versuche diesen noch etwas zu stärken, indem ich meine Motivationsplaylist auf ein Ohr lege. Ich atme weiter konzentriert durch die Nase ein, bewege Finger und Zehen so gut es geht und rede mir selbst mehrfach ein, dass Aufgeben keine Lösung ist und ich nicht schon so weit gekommen bin, um nur so weit zu kommen.

Als wir die 5.600 m reißen, sind auch die beiden deutschen Mitstreiter erstmals etwas angeschlagen. Schwindel und Übelkeit machen sich breit. Und bei mir? Ist das Gegenteil der Fall. Ich bin plötzlich alles los. Mein Kopf schmerzt nicht mehr. Meine Finger und Zehen sind warm und als es beginnt zu dämmern und hell zu werden, habe ich die zweite Luft. Ich merke gar nichts mehr, fliege fast den Berg hoch.

Unterbrochen immer wieder durch Pausen, wegen der Beschwerden der restlichen Teilnehmer und ab 5.700 Metern, wo wir nur noch durch Schnee stapfen, auch sichtbar des Guides. Ja, richtig gehört. Den Guide hat die Höhenkrankheit erwischt. So bin ich plötzlich der einzige der beschwerdefrei den Berg angehen kann. Bringt mir aber nichts. Denn wir pausieren nun mehr, als wir gehen.

Meine Zeltkollegin spürt einmal ihre Hände nicht mehr. Ein ander Mal scheint ihr ganzer Arm eingefroren. Hinweise diesbezüglich ignoriert unser Guide inzwischen, entweder wegen seiner Kopfschmerzen oder wegen Lustlosigkeit ebenso komplett wie die Wünsche der anderen beiden Deutschen nach etwas mehr Pausen. Für mich ist es ärgerlich, dass ich nicht schneller weitergehen kann. Aber meine Truppe hat nachvollziehbare Gründe für ihre Beschwerden. Das hätte mich genauso treffen können und hat es ja am Vortag auch. Also schlüpfe ich in die Rolle des Guides, schwinge Motivationsreden, die ich selbst ja erst wenig zuvor angehört habe und mache vor wie Hände und Arme wieder durchblutet und damit gewärmt werden können. Aufgaben, deren Erfüllung ich eigentlich von meinem Guide erwartet hätte.

Je näher wir dem Ziel kommen, desto schwieriger wird es. Der Comandante kämpft weiter mit Kopfschmerzen und spricht nach wie vor nicht. Die drei Anderen handicappen die Kälte, Kraftlosigkeit, und/oder die durch die Höhe ausgelösten Kopfschmerzen und Übelkeiten.

Mit dem Passieren der 6.000 Marke sehen wir dann endlich den Gipfel. Mit einer Fahne und einem kleinen Kreuz markiert.

In mir löst das noch mehr Motivation aus. Ich will sofort dort hochstürmen. Als meine Zeltkollegin von mir mit einer letzten flammenden Rede davon abgehalten werden kann, jetzt mit Blick auf den Gipfel aufzugeben, erfrage ich bei meinem Comandante die Freigabe zur Gipfelstürmung. Und bekomme diese prompt erteilt. Ich haste los, mache fünf Meter und werde gleich von der Höhe eingefangen. Sofort brennen die Schenkel. Die Lunge schmerzt. Das Herz rast. Ich nehme also einen Gang raus und stapfe wieder kontinuierlich, aber eben etwas schneller als zuvor nach oben.

Dort angekommen werfe ich meinen Rucksack und die Stöcke ab, breite die Arme aus und brülle laut. Niemand außer unserer Gruppe ist am Berg unterwegs und ich entsprechend alleine auf einem 6.075 Meter hohen Vulkangipfel mit diesem Ausblick auf zunächst den etwas niedrigeren, sehr nahen Vulkan Misti und dann den 6.425 Meter hohen, aber fernen Coropuna und seine zwei kleineren Nachbarn.

Wieder Mal habe ich nahe am Wasser gebaut, als ich so hier oben sitze und diese unfassbare Umgebung ansehe. Und nicht nur die Schönheit der Umgebung. Auch die Art und Weise wie ich hier her kam, lassen ein paar Tränen der Freude meine Wangen herunterrinnen, bis irgendwann der Rest meiner Gruppe eintrifft.

Und nach dem üblichen Gipfelfoto, auf dem dann der kleinere Nachbar des Coropuna gerade eine Eruption im Hintergrund herausfeuert…

…geht es in nur zwei Stunden geradeaus am Zick Zack vorbeirutschend wieder zum Basiscamp. Hier wird sich kurz ausgeruht und die Stunde zu den Autos zurückgewandert. Während der Heimfahrt sehen wir noch ein wildes Guanaco (ebenfalls Lama-Art) und haben von unten unglaubliche Blicke auf den Misti, dem wir wenig zuvor noch in den Krater spucken konnten.

Ich bekomme das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Ich bin erschöpft, aber happy. Mit dem Chachani habe ich jetzt eines der Hauptziele dieses Trips, nämlich die Besteigung eines 6.000ers abgehakt, obwohl ich vor einer Woche noch nicht einmal wusste, dass er existiert. Ich bin außerdem glücklich darüber wie locker ich diesen Klops in die Knie gezwungen habe. Auch wenn das bedeutet, dass die Suche nach dem Berg, der mich an meine Grenzen bringt, weitergeht.

Weitergehen tut nun hoffentlich morgen auch mein Trip gen Süden. Streng nach Plan in meinen Handynotizen, die ich ja glücklicherweise wieder habe.

Danke noch an meine Chachani-Mitstreiter. Es war mir eine Ehre.

6 Antworten zu “Tage 126, 127, 128 und 129: Chachani? Check!”

    1. Du wärst nackt, nur mit einem Babybärenfell um die Hüften und ohne Ausrüstung hochgestürmt? Es hatte die Tage davor glücklicherweise nicht geschneit, weshalb die Steigeisen im Rucksack geblieben sind ☝🏼

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