Tage 130, 131, 132 und 133: Auf Moses Spuren

Vier Tage zwischen Perú und Chile. Ein Wechselbad der Gefühle, wobei der Anteil des Guten recht gering ist. Nach langer Zeit und fast 2.000 km ohne dergleichen, sind nun wieder Probleme zu vermelden. Bislang nur an Maschine. Bleibt zu hoffen, dass der Jockey nicht mitzieht, wie die letzten Male.

Zündspulenprobleme in der Atacama. Was klingt wie ein madiges Feature zwischen den Flippers und den Autohändlern von RTL ist bittere Realität.

Road to Moquegua

Von vorne: Es ist Mittwoch, der 27.11.2019. Oder: Tag 1 nach Chachani. Wie es in der neuen Zeitrechnung heißt. Ich befinde mich noch in Arequipa und stehe morgens gewohnt früh, aufgrund der Helligkeit, um etwa 7 Uhr auf. Muskelkater? Fehlanzeige. Der Vorteil eines muskellosen Körpers. Muskellos statt muskulös heißt das neue Mantra.

Zunächst verbringe ich den Vormittag damit endlich das Paket mit meinem alten Helm und den nicht mehr passenden Kolben zu versenden. Lockere 62 Euro kostet mich das. Dann besorge ich noch ein paar US Dollar, was ich aus Gründen, die ich später erläutern werde zu einer Gewohnheit machen werde. Außerdem „verdaddle“ ich noch viel Zeit im Hostel für interessante Gespräche mit anderen Gästen. Alles in allem vergeht viel Zeit, bis ich mich um 13 Uhr ohne Muskelkater, dafür mit irgendwie wenig Motivation zu fahren, auf den Bock setze.

Zunächst folgt die Straße jener, die ich bereits genommen habe, um Arequipa zu erreichen. Damals wusste ich noch nicht wie diese zwei Berge hier heißen oder wie hoch sie sind. Jetzt genieße ich einen letzten Blick auf Misti und Chachani. Letzteren werde ich nie vergessen. Wie man eben seinen Ersten nie vergisst. Stimmts?

Dann geht es wieder in die Wüste. Und da es davon hier in den letzten Wochen genügend Bilder gab, verzichte ich an der Stelle auf weitere. Ansonsten völlig ereignislos plätschert die Fahrt dahin.

Das Ziel für heute soll eigentlich das an der Küste gelegene Ilo sein. Entsprechend bin ich auch nicht mit langer Unterbuchse ausgestattet. Je länger ich aber fahre, desto mehr kristallisiert sich heraus, dass ich dafür zu spät gestartet bin. Da ich weiter meinen Pausenrhythmus einhalte, ändere ich bei einer derer das Ziel für heute auf Moquegua. Mehr im Landesinneren und überhaupt näher. Das Fahren macht heute keinen Spaß. Außerdem ist mir kalt. Und die Kirsche auf der Sahnetorte ist die verzweifelte Suche nach einem Hotel in Moquegua. Nachdem das erste Hotel keinen Parkplatz hat, will das Zweite 35 Euro pro Nacht. Drei ist voll. Vier und fünf haben zwar Platz und eigentlich einen Parkplatz, aewr heute ist der voll. Sechs ist wieder komplett voll und erst bei sieben habe ich Glück. Das ist dafür mit Badewanne und Netflix ausgestattet. Aber ich bin nach 239 km trotz des späten Starts und der Sucherei völlig am Arsch.

Der nächste Tag startet mit besserer Vorbereitung. Zumindest unten rum. Lange Sipplinger zieren meine Kalkleisten, die noch immer aussehen wie nach drei Wochen Urlaub im Arlbergtunnel und nicht wie nach vier Monaten Südamerika.

Road to Arica

Und schon um 6:45 Uhr bin ich auf der Piste. Aber wieder kommt beim Fahren irgendwie wenig Freude auf. Es ist weiter neblig und auch etwas kalt. Dazu ist die Strecke recht langweilig. Gerade aus durch die Wüste. Wenig abwechslungsreich. Aber wenigstens Bertl läuft ohne Macken. Inzwischen 1.600 km seit dem letzten Klemmer. Lediglich das Radlager vorne muss ich bei Gelegenheit tauschen, wie ich bei einer Routinekontrolle festgestellt habe. Aber das ist eine Kleinigkeit.

Da die Landschaft nicht viel hergibt, Bertl wieder fit ist und ich mich mit Protektoren in Jacke und Handschuhen sowie Integralhelm wieder sicherer fühle, steigere ich meine Reisegeschwindigkeit wieder auf 70 Kilometer in der Stunde. Dafür wichtig: Weiterhin gibt es nur mindestens 95 Oktan-Gasohol, besser noch 98 Oktan. Außerdem gebe ich beim bergab fahren immer wieder Mal Gasstöße ab und feuere damit etwas Gemisch in den Zylinder. Ich habe dazugelernt.

So erreiche ich recht schnell nach 160 km Tacna, wo ich ein vorerst letztes Mal in Peru frühstücke. Denn weitere 37 km später erreiche ich die Grenze zu Chile, wo ich meine Bertl neben zwei dicken BMW-Maschinen mit kanadischen Kennzeichen parke.

Ich wandere ein wenig an den zahlreichen Gebäuden entlang und frage schließlich die mutmaßlichen BMW-Piloten ob sie schon über den Ablauf Bescheid wissen. Gerne weist mich Jesse, wie der männliche Teil des reisenden Ehepaares heißt, in eine Cafeteria in der ich für 5 peruanische Soles, also etwas mehr als 1 EUR ein Formular erstehen muss. Einmal sämtliche Daten zu Pilot und Maschine dort ausgefüllt…

…geht es mit diesem zuerst für mich persönlich aus Perú raus und nach Chile rein. Danach zu einem weiteren Schalter, wo ich Bertl aus Perú aus- und nach Chile einchecken muss. Etwas anderer Ablauf als bisher aber sehr effizient. Da freut sich das deutsche Herz. Danach muss ich lediglich noch Rucksäcke scannen lassen und es heißt:

Mit Jesse und auch mit Steph, wie der weibliche Teil des kanadischen BMW-Pärchens heißt, verabrede ich mich zu einem Bier im Hostel, da wie sich herausstellt, wir dasselbe gebucht haben. Mangels günstiger Alternativen nicht direkt in der eigentlichen Grenzstadt Arica sondern etwas vorher in einem kleinen Pueblo namens Chacalluta.

Mit Überfahren der Grenze ist es auf einen Schlag deutlich später, da Chile wie Deutschland ebenfalls eine Sommerzeit anwendet und zwei Stunden vor Peru liegt. Damit ist es trotz frühen Starts und schnellen Grenzübertritts bereits 15 Uhr als ich nach weiteren 210 km in meinem Hostel (für 11 USD im Schlafsaal) ankomme.

Dort werfe ich ab und schwinge mich wieder auf Bertl. Auch in Chile benötigt man eine Haftpflichtversicherung für das Motorrad. Im Gegensatz zu Kolumbien und Peru wird diese aber nicht direkt an der Grenze verkauft.

Und nachdem ich in etlichen Versicherungsbüros Aricas nachgefragt und nur Absagen bekommen habe, gewinne ich den Eindruck, dass diese gar nicht verkauft wird. Von Jesse und Steph höre ich später dieselbe Version. Allerdings haben sie den Hinweis erhalten, die Versicherung gebe es online zu kaufen. Ich beschließe also noch ein paar Kopien meiner Dokumente zu machen (Routine nach Betreten eines neuen Landes) und kaufe endlich Mal wieder Zweitaktöl in Flaschen und nicht in Plastikbeuteln. Dann geht es zurück zum Hostel, wo Jesse, Steph, ich und ein weiterer Überlandreisender, Alejandro aus Kolumbien, bei ein paar Bierchen unsere Versicherungen online kaufen, Geschichten austauschen und den späten Sonnenuntergang (20:00 Uhr) genießen. Jesse und Steph werden mir länger in Erinnerung bleiben und ich hoffe, ich kann die beiden auf meinem Weg nach Alaska in Kanada besuchen. Die beiden sind Helikopterpiloten und wohnen in einem Luxus-Campervan Mal hier Mal da. Was ein Leben. Spannende Geschichten inklusive. Ihr Angebot mit ihnen im Heli mitzufliegen, wenn ich in Kanada bin, würde ich nur zu gerne annehmen.

Ob es die Zeitumstellung oder die Biere waren, lässt sich schwerlich sagen. Jedenfalls wache ich am nächsten Morgen erst um 08:30 Uhr auf. Seit Wochen Mal wieder später als 8. Und ich verliere nicht länger Zeit. Denn mein Ziel heißt heute Iquique. Immerhin 320 km entfernt. Und alles fühlt sich irgendwie anders an.

Road to Pozo Almonte

Fahren tue ich zwar weiter durch Wüste. Aber die ist nicht mehr vollgemüllt. Getankt wird endlich in Litern und nicht in Gallonen. Es wird Gott sei Dank nicht mehr so viel gehupt wie in Peru und die Straßenlinien sind weiß statt gelb. Dazu stehen verstörende Distanzen auf den Straßenschildern wie „Santiago 2.060 km“ oder „nächste Tankstelle 244 km“. Eine Abwechslung zum ebenfalls großen, aber dichter besiedelten Peru.

Der Weg führt wieder weg von der Küste und etwas bergauf entlang einer tiefen Schlucht.

Und es läuft. Weiterhin fahre ich mindestens 70 km/h und mache ordentlich Strecke. Zeit verliere ich nur als die Straße in beie Richtungen für eine halbe Stunde gesperrt wird weil ein Erdrutsch beseitigt werden muss. Der Baggerfahrer schaufelt das Zeug von der Straße und wirft es wieder an den Hang, wo es mit etwas Glück bleibt und oft mit etwas weniger Glück wieder nachrutscht und wieder geschaufelt werden muss.

Und dann passiert es irgendwann. Nach circa 170 km chilenischen Asphaltes stottert Bertl beim Beschleunigen ab 60 km/h ganz kurz. Ich vermute die Benzinzufuhr. Schließlich bin ich bereits auf Reserve unterwegs. Ich stoppe also, fülle den Tank und fahre weiter. Selbes Problem. Mit der Zeit wird das Stottern immer schlimmer, bis es sich schließlich ab 60 km/h wie eine Drossel auswirkt und ich nicht mehr schneller fahren kann. Das fühlt sich schwer an wie als zuletzt die CDI in Kolumbien den Geist aufgegeben hatte. Nur habe ich dieses Mal keine Austausch-CDI. In Lima habe ich vergessen mich darum zu kümmern und nach Arequipa hätte ich mir eine senden lassen können, habe es aber über den Vulkan ehenfalls vergessen. Ich will die Kerze tauschen, in der Hoffnung, dass es nur daran liegt, und merke dabei, dass der Stecker wieder locker war. Ich hoffe es lag nur daran, tausche die Kerze und mache den Stecker wieder fest. Ohne Ergebnis.

Mit 45 Sachen schleppe ich mich also die weiteren 100 km bis nach Pozo Almonte, wo ich die Nacht verbringen und nachdenken will. Das günstigste Hotel im eigentlich ganz netten Pozo Almonte kostet immer noch EUR 23,-, nachverhandelt. Bienvenido a Chile.

Es stellt sich außerdem als extrem schwierig heraus, eine CDI zu besorgen. Ein chilenische Vespisti möchte mir die steinige für 130 Dollar verkaufen. Das Teil kostet regulär 35 Euro. Danke nein. Reparieren kann ich das Ding aber auch nicht. Und so bleibt nur, damit den mühsamen Weg nach Argentinien anzutreten. Immerhin auch noch über 700 km auf direktem Weg. Aber da muss ich durch. Anstatt also am nächsten Tag die sehenswerte Route zur Küste nach Iquique, entlang jener und dann wieder gen Westen nach Argentinien zu nehmen, beschließe ich auf direktem Weg nach unten und dann gen Westen zu fahren. Küste fällt also weg. Danke CDI. #niewiedercdi

Road to Calama

Aufgrund der technischen Probleme würde ich mir die Fahrt nach San Pedro de Atacama, wo ich ein paar Tage vor der Grenzüberquerung bleiben will, gerne in gleich große, kurze Stücke einteilen. Die Atacama-Wüste, die dazwischen liegt, hat da aber etwas dagegen. Es gibt keinerlei Hotels, Campingplätze oder andere Anzeichen von Zivilisation dazwischen. Und so muss ich heute einen Husarenritt von 340 km nach Calama runterreißen. Mit 45 km/h. Die Rechnung kann jeder selber machen.

Als ich aber losfahre, probiere ich Mal interessehalber die Beschleunigung über 60 km/h und bemerke keinerlei Probleme. Vermutlich ein temperaturabhängiges Problem. Ich werfe also alle motorschonenden Pläne über Bord und heize einfach mit 70 km/h den Highway entlang. Und zwar so lange bis der Sprit ausgeht und ich anhalten muss, um aus meinem Kanister nachzufüllen. 170 km ohne Pause. Ohne Probleme.

Dann aber schlägt vermutlich die Mittagshitze zu und fördert doch wieder das alte Problem zu Tage. Und so muss ich nochmals genau so viele Kilometer nach folgendem Schema zurücklegen: 20 km Fahrt mit 45 km/h gefolgt von einer 10-minütigen Pause. Wie Kaugummi zieht sich die Fahrt. Dazu bin ich unterwegs durch die Atacama-Wüste. Zivilisation Fehlanzeige. Kerzengerade und ohne Abwechslung zieht sich die Straße durch die Wüste. Die Sonne brennt gnadenlos. Der trockenste Ort der Welt hält was er verspricht.

Ich stehe die Fahrt durch indem ich ein Hörbuch einlege und das Hirn darauf fokussiere. Ansonsten ist es wieder nur Qual und kein Fahrspaß. Denn Rücken und Arsch schmerzen inzwischen. Und noch mehr als 100 km zu gehen.

Und erst nach 252 km um 14:23 Uhr steht ein Food Truck an einer Kreuzung und liefert mir damit die erste Chance des Tages auf etwas Essbares.

20 Kilometer vor dem Ende stelle ich überrascht fest, dass ich auf 2.800 Meter Höhe aufgestiegen bin. Anfühlen tut es sich nicht danach. Denn es ist weiter heiß. Die Höhe, in Verbindung mit der kaputten Zündung, machen ein weiteres Ansteigen aber nicht möglich. Kurz vor dem Ziel muss ich also in der Hitze auch noch abpacken und abdüsen um über den Pass zu kommen.

Nach 340 abstumpfenden Kilometern durch erbarmungslose Hitze und damit nach fast genau 10.000 Kilometern insgesamt, erreiche ich erschöpft Calama. Von hier steht morgen nur noch eine kurze Etappe nach San Pedro de Atacama an, wo ich einige Tage verbringen, mich sortieren, Wäsche waschen, Touren machen und vielleicht sogar eine neue CDI besorgen möchte, ehe es über die Grenze nach Argentinien gehen soll.

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