Tage 134, 135 und 136: Vulkane, Lagunen und Schlepphoden

Calamaaaaaaaaaa, was geht aaaaaaab? Nichts. Absolut nichts. Die erste große Stadt seit 600 km hat Bars, Restaurants und einen kleinen Park zu bieten. Wie jede Stadt. Ansonsten haftet ihr kein besonderes Flair an. Verständlich. Es ist eine reine Arbeiterstadt, gegründet auf den zahlreichen Minen in der Umgebung. Und eben mitten in der Atacama-Wüste. In der ist es zwar Sommer, aber trotzdem wird es über Nacht ordentlich frisch. Wie frisch?

So frisch:

Road to San Pedro de Atacama

Für den heutigen Tag stehen dann die übrigen 100 km nach San Pedro de Atacama an. Ein leichtes. Ich gehe davon aus, kalt läuft Bertl wieder wie ein Kätzchen. Und werde enttäuscht. Heute macht die CDI auch kalt Faxen. Aber diese 100 km werde ich wohl irgendwie über die Bühne bekommen. Ich unterteile sie Strecke in drei Abschnitte und mache alle 33 km Pause. Durch die Wüste entlang und entgegen der Vulkankette der Anden. Da ich selbst bereits auf etwa 3.000 Meter unterwegs bin, müssen auch diese Klopse wieder an die 6.000 Meter ranreichen.

Etwas anderes sticht mir aber seit Peru ins Auge ohne, dass ich je darüber geschrieben hätte. An sämtlichen Unfallstellen entlang der Panamericana an denen in der Vergangenheit augenscheinlich Menschen tödlich verunglückt sind, haben die Angehörigen kleine Schreine errichtet. So weit so normal. Meistens sehen diese so aus…

Manchmal werden sie auch mit Leitpfosten, dem Lenkrad des mutmaßlichen Unglücksautos oder anderen Fahrzeugteilen dekoriert. Was ich heute sehe, schießt dann aber den Vogel komplett ab…

Die Etappe ist kurz. Und so komme ich schon am frühen Mittag in San Pedro an. Ich checke in mein Hostel ein, da dieses wieder günstiger ist als der günstigste Campingplatz mit Scheißhaus und mache für heute gar nichts mehr. Beine hoch, Augen zu. Dazwischen etwas Netflix und Recherche zur Planung der nächsten Tage und Wochen. Mehr habe ich nach etwa 1.200 teils sehr zähen Kilometern in fünf Tagen nicht mehr im Tank. Die Wüstenhitze tut ihr Übriges.

Alles beherrschend um San Pedro herum thront der Licancabur, ein perfekter, 5.920 Meter hoher Kegelvulkan.

Ich spiele ein paar Mal mit dem Gedanken diesen die nächsten Tage zu erklimmen. Letztlich fällt die Entscheidung dagegen aus. Die Aussicht dürfte einiges bescheidener sein als jene vom Chachani und mit 5.920 Metern über NN ist dieses Hügelchen ehrlicherweise auch weit unter meinem Niveau.

Lagunen ohne Ende

Ungewohntes Gefühl für mich dann am nächsten Morgen. Denn ich mache plötzlich einen Freund. Der herzigste Straßen-Wauzer der Welt mit den traurigsten Augen des Universums folgt mir einige hundert Meter durch die Stadt, bis ins Restaurant in dem ich frühstücken werde und dort dann sogar bis auf den Lokus.

Aber irgendwann enden alle Freundschaften und diese spätestens als mein neuer Freund ein interessanteres potenzielles Herrchen entdeckt. Ich bewaffne mich danach mit Sonnencreme und Wasser, starte Bertl’s alten Motor, fahre zunächst 15 km Staatsstraße entlang und erreiche schließlich die Abzweigung auf die Schotterpiste zur Laguna Cejar. Weitere 12 km mit maximal 20 km/h und eine ordentliche Schüttelpartie später, habe ich nicht nur eine Fliege mitten in die Möhre bekommen, sondern auch den Parkplatz der Laguna Cejar erreicht. Eine Salzwasserlagune mit einem derart hohen Salzgehalt, dass sich darin treiben lässt, wie im toten Meer. Für einen Eintrittspreis von EUR 17,-. Danke nein, Leute. Ich begnüge mich mit einem lausigen Foto von hinter der Schranke.

Weitere 12 km weiter warten die Ojos del Salar. Ein Salar ist eine Salzwüste und Ojos bedeutet übersetzt Augen. Hintergrund ist, dass die beiden Wasserlöcher, die ich nun erreiche wohl irgendwie zwei Augen gleichen. Vom Stressless-Sessel haut mich auch das nicht. Ist halt doch nur ein Wasserloch.

Das macht dann dafür der dritte und letzte Stop. Die Laguna Tebinquiche bietet für nur EUR 2,- einen Wahnsinnsanblick. Die Salzkrusten am Uferrand und auf dem Wasser treibend könnten auf den ersten Blick auch Eisschollen in einem Gletschersee sein. Und immer im Hintergrund. Die bis zu 6.000 Meter hohen Anden.

Tatsächlich ist es aber Salz, in dem Flamingos ihr Essen suchen, wie mir die hübsche chilenische Pförtnerin erklärt. Jene Flamingos betrachte ich dann auch noch durch den Feldstecher, den mir die Gute kurz ausleiht. Denn mit bloßem Auge sind die pinken Schlackse nur als Punkte zu erkennen. Im Winter wenn es in der Atacama nachts Temperaturen von bis zu – 20 Grad Celsius hat und die Lagune zu friert müssen die Zugvögel sich ihr Fressen dann anderswo suchen.

Ich genieße die absolute Ruhe, wenn es einen Moment windstill ist. Es ist wirklich nicht der Hauch eines Geräusches zu hören. Ich bin der einzige hier und kann nicht glauben wie ruhig es ist. Kein Highway in der Ferne, kein Fluglärm, jar nuscht. Ein ungewohntes Gefühl.

Dann mache ich mich an den Rückweg, auf dem ich dann doch noch einen einsamen Flamingo, quasi mich als Flamingo, in einer Nebenlagune relativ nahe herumstacksen sehe. Weitere Parallele zwischen dem Federvieh und mir: Die Wadenmuskulatur.

Auf dem Rückweg, auf dem mir Bertl beim Kupplung ziehen mehrfach ausgeht und danach schwer wieder anspringt fluche ich ein paar mal und erreiche fast 100 km später den sicheren Hafen mit meinem Hostel. Einerseits tut es mir in der Seele weh, Strecken wie diese mit ihr zu fahren. Andererseits sehe ich nicht ein, eine Tour zu buchen, wo ich ja einen eigenen fahrbaren Untersatz habe.

Zwar habe ich nach den ersten Problemen auf eine kleinere Hauptdüse (96) gewechselt und die Leerlaufgemischschraube wieder etwas eingedreht um weniger Benzin zuzuführen, trotzdem hatte Bertl (nur auf Sand und Schotter) die Probleme anzubleiben. Ich vermute, dass durch den Sand noch weniger Luft als durch die Höhe sowieso schon ankommt.

Zurück im Hostel trete ich mit einem Vespa-Teilehändler in Córdoba, Argentinien in Kontakt, der mir anbietet die neue CDI ins immerhin noch 480 km entfernte San Salvador de Jujuy zu senden. Die erste größere Stadt auf argentinischer Seite. Aus irgendeinem Grund erhält man bei Bezahlung mit Western Union in Argentinien einen vielfach besseren Kurs als den offiziellen und so erstehe ich eine nagelneue CDI für fast denselben Preis wie im Almanland.

Ich hänge noch etwas mit den anderen Gästen des Hostels herum und laufe schließlich zum eigentlichen Highlight des Tages. Der Astronomie-Tour außerhalb von San Pedro.

Bei bloßer Betrachtung des wirklich außerordentlich sternenreichen Nachthimmels mit dem nackten Auge erfahren wir etwas darüber, wie der Breitengrad die Beobachtung verändert, wie in beiden Hemisphären anhand der Sterne navigiert werden kann und auch wie man die bekanntesten Konstellationen erkennen kann.

Dann bekommen wir unsere Blicke durch neun bis zu drei Meter große Teleskope. Und diese verschlagen mir die Sprache. Es geht harmlos los mit Blicken auf die Plejaden und Aldebaran. Erstere sind eine junge bläulich kalt leuchtende Sternenansammlung. Letzterer eine riesige alte rötlich warm leuchtende Sonne, von der laut einiger bescheuerter Nazis Hitler auf die Erde gesandt wurde. Kein Scheiß. Diese ersten Blicke sollen uns klar machen, dass entgegen der Annahme weiß bläulich scheinende Sterne die heißen und die rötlichen die kalten Sterne sind.

Beim Blick auf nahe am Horizont stehende Sterne lernen wir außerdem wie die Atmosphäre Sterne vermeintlich funkeln lässt. Bis hier her interessant aber noch nicht herausragend spannend.

Dann fällt mein Blick durch ein Teleskop, dass mitten in das Schwert des Orion deutet und verschlägt mir die Sprache. Hier befindet sich der Orionnebel. Und es ist das erste Mal, dass ich eine solche Sternengeburtskammer mit eigenen Augen sehe. Nicht in Farbe, wie man die Bilder aus dem Web kennt, aber in schwarz-weiß scheint der Nebel etliche Sterne miteinander zu verbinden.

Endgültig aus der Bahn schickt mich dann das letzte und größte Teleskop. Es zeigt auf eine der Wolken, die ich mein ganzes Leben lang als normale Bewölkung wahrgenommen hatte, die aber in Wahrheit die sogenannten Magellanschen Wolken sind. Satellitengalaxien, die nachts eben wie normale Wolken am Himmel stehen. Darin, 179.000 Lichtjahre entfernt, der Tarantelnebel. Was. Eine. Schönheit.

Die Tour endet mit einer kleinen Fragerunde bei heißer Schokolade und ich bin baff. Ein kleiner Dämpfer ist, dass zur aktuellen Jahreszeit mit dem (glaube ich) Perseus-Arm ein sehr dunkler Arm der Milchstraße zu sehen ist. Da ich darüber nicht Bescheid wusste, bin ich ein klein wenig enttäuscht, dass ich heute nicht jenes unfassbar helle Band, das man von Bildern im Internet kennt, zu sehen bekomme. Hierfür müsste ich in den chilenischen Wintermonaten Juni bis September nochmals zurückkehren, wenn der Sagitarius-Arm in voller Pracht erstrahlt. Jammern auf ganz hohem Niveau.

Valle de la Luna

Und es bleibt astronomisch. Nach der späten Nachtruhe fahre ich am nächsten Morgen wieder auf eigener Achse zunächst auf Asphalt, dann auf Schotter zum Valle de la Luna. Dem Mondtal. Die Anfahrt gestaltet sich eher marsig als mondig, wie ich finde.

An diversen Stops entlang der Schotterpiste kann man kurze Wanderungen einlegen. Ich mache die erste solche noch mit, fahre dann noch etwas weiter und beschließe nach acht von elf Kilometern umzudrehen. Bertl zu Liebe. Dieses Gerüttle und Geholpere tut mir bei jedem Meter in der Seele weh. Außerdem geht sie auch weiter beim Kupplung ziehen aus. Nicht ideal.

Mondig wurde es aber am Ende von Wanderung eins, bedingt durch die weißen salzigen Farbkleckse in der Landschaft, wirklich noch etwas.

Zurück im Hostel hole ich den entgangenen Schlaf der vergangenen Nacht nach und bereite anschließend den am morgigen Mittwoch anstehenden Ritt über die Anden vor. Der Blick auf das Höhenprofil verrät nämlich nicht nur, dass mit 4.827 Metern ein neuer Höhenrekord ansteht. Sondern auch, dass es zum Start mit fast zehn Kilometern bei mittleren 10% Steigung steil zugehen wird.

Da ich das außerdem mit einer CDI mit Stimmungsschwankungen angehen werde, empfiehlt sich ein früher Start um genügend Zeit zu haben, auf alle Eventualitäten zu reagieren. Bis demnächst. Dann eventuell schon aus Argentinien.

Off topic

Gibt es unter meinen Millionen Lesern jemanden, der kreativ genug ist mir ein eigenes Logo zu gestalten? Bezahlung kann in jeglicher Form erfolgen: Zum Beispiel in bar, per Paypal, über sexuelle Gefälligkeiten (bevorzugt), in Traveller Cheques oder als Blockflötenkurse bei mir als Maestro.

Off topic 2

Was soll uns dieses Schild sagen? Ich vermute ja irgendwas mit Schlepphoden.

2 Antworten zu “Tage 134, 135 und 136: Vulkane, Lagunen und Schlepphoden”

    1. Hi Mirco, schlicht. Sollte die Silhouette (m)einer Vespa und eine Landkarte, einen Globus oder ähnliches beinhalten. Bin aber offen für andere Ideen. Ist wie im Swinger-Club: Alles kann, nix muss.

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