Tage 137 und 138: Buenos días Argentina (zu Deutsch: Sally zamme Argentinien)

Entweder war ich von den unzähligen tristen Wüstenkilometern nur extrem abgestumpft oder die letzten beiden Tage auf der Straße waren tatsächlich #beschde. Was aus meinen CDI-Problemen wurde. Dazu später mehr.

Road to Purmamarca

Den geplant frühen Start raus aus San Pedro de Atacama erwische ich tatsächlich, als ich um 8 Uhr vollgetankt und mit Numero 3 auf der Liste der Frühstücke der Champions, Bananen und Schokokekse im Magen, auf den Paso de Jama zusteuere. Die Straße führt zunächst voll auf den Volcan Licancabur zu, der zu dieser frühen Stunde noch etwas im Dunst liegt. Nach etwa 25 km fast geradeaus den Berg hoch und bereits fast 900 erledigten Höhenmetern auf 3.412 Metern am Fuß des Vulkans schaut das schon etwas anders aus. Erste Pause für Mensch und Maschine.

Zweiter Abschnitt. Es wird frisch. Ich trage lange Unterhose unter der normalen Hose und oben rum ein langes Thermo-Unterhemd, Pulli, Jacke und Motorradjacke. Unter den Motorradhandschuhen außerdem ein paar Mechanikerhandschuhe. Trotzdem spüre ich die Kälte sich überall an meinen Körper heranwanzen. Zum Glück ist es windstill. Bislang. Mit etwa 40 km/h und zwischen drittem und viertem Gang schleiche ich bergauf. Serpentinen? Fehlanzeige. Dieser Anstieg führt nahezu nur geradeaus.

Wenn ich zwischendurch halte um Fotos von zum Beispiel diesen drei wilden Schönheiten zu machen…

…dann komme ich nur wieder vom Fleck indem ich mit Bertl erst ein Stück in die falsche Richtung bergab rolle und den Schwung um 180 Grad mitnehme. Aber noch läuft der Hobel und ich denke nicht an Umdüsen. Auch weil meine Hände sowieso schon viel zu kalt sind.

Ich kämpfe einfach weiter den Anstieg hinauf. Recht Hand am Gas, während die linke wahlweise auf dem Schenkel gerieben oder per Armkreisen versucht wird zu wärmen. Geht es Mal kurz ein paar Meter bergab, ziehe ich die Kupplung und versuche die rechte Patsche warm zu bekommen.

Als die Straße nach links ins hier nur noch ein paar Meter entfernte Bolivien abzweigt, halte ich kurz, checke die Karte und stelle fest, dass ich bereits auf knapp 4.700 Metern bin. Außerdem geht es nach Ankunft auf dem Gipfel weitere 200 km auf über 4.000 Metern weiter. Also wärme ich meine Hände am Auspuff und wechsle auf eine HD 90. Hatte ich vorher Probleme beim Ankicken und mit der Leistung im Allgemeinen, springt die Alte jetzt auf den ersten Kick an. Außerdem fliege ich jetzt förmlich mit 70 Sachen über den Pass und halte erst in der Nähe des absoluten Höhepunktes, 4.827 Meter. Neuer, so schnell nicht zu schlagender Höhenrekord für Bertl. Und was für ein Anblick hier oben. Nicht von dieser Welt. Ohne irgendwelche Filter oder ähnliches. Ich schwöre.

Außerdem sehe ich hier oben wilde Vicuñas. Deren Wolle wird als die teuerste der Welt verkauft. Und ja, links im Hintergrund ist auch noch eine hellblaue Salzlagune.

Als wäre die ganze Szenerie noch nicht unfassbar genug. Wäre es nicht so schweinekalt, ich würde etwas länger bleiben. Aber beim Annähern an die Vicuñas, mit dem Motiv mir eines um den Pansen zu binden, machen diese sich recht schnell aus dem Staub.

Verkehr gibt es hier oben nahezu keinen. Und wenn, dann sind es andere Touristen in Wohnmobilen oder überraschend vielfach auf Fahrrädern. Wieder werde ich vielfach aus vorbeifahrenden Autos und Wohnmobilen gefilmt und fotografiert. Wo diese Bilder nur alle landen, frage ich mich oft. Und finde doch keine Antwort. Viel Zeit zum darüber nachdenken habe ich allerdings auch nicht.

Denn während ich so mit 70 km/h und ohne Leistungsverlust über das Altiplano (zu Deutsch: Hochiflach) auf über 4.000 Meter jage, hält dieses die nächsten Überraschungen für mich parat.

Eine Salzlagune mit wilden Flamingos im Vorder- und weiteren wilden Vicuñas im Hintergrund.

Nur ein paar Kilometer später eine stechend dunkelblaue Lagune mitten in der sonst kargen Landschaft.

Kilometer mache ich zwar recht schnell wenn ich fahre. Ich fahre aber kaum. Denn ich kann einfach nicht an alledem vorbeifahren ohne anzuhalten und die Landschaft zu bestaunen. Außerdem ist es langsam ganz gut auszuhalten hier oben, da die Wärme der Sonne immer intensiver wird.

Und so geht es weiter. Ein einsames Vicuña vor einer hellblauen Salzlagune, wiederum vor fast 6.000 Meter hohen Vulkanen. Wie könnte ich an so etwas einfach vorbeifahren…

Oder an dieser herrlich marmorierten Salzlagune.

Ich kann es nicht fassen. All das ist der Grund wieso ich auf eigener Achse unterwegs bin. Unzählige Male bin ich in Bussen auf der ganzen Welt an Orten wie diesen vorbeigerauscht mit einem kurzen Blick aus dem Busfenster, sofern es nicht sogar ein Nachtbus war und mir Orte wie diese komplett verborgen blieben. Jetzt habe ich endlich die Freiheit anzuhalten und das alles aufzusaugen so oft und so lange wie ich will. Strecken wie die heutige entschädigen für Hunderte langweiliger Wüstenkilometer.

Erst um etwa 12 Uhr erreiche ich nach etwa 160 Kilometern die argentinische Grenze.

Wo kein Verkehr, da keine Warteschlange. Und so bin ich nach nicht einmal einer Viertelstunde mitsamt Bertl aus Chile aus- und nach Argentinien eingereist. Vier Schalter nebeneinander im selben Gebäude machen diesen effizienten Landeswechsel möglich. Moped oder Gepäck will hier Mal wieder keiner sehen. Ich könnte mit einem Panzer einreisen. Es würde niemand merken.

Ich tanke kurz wieder voll und kann mir unmöglich vorstellen, dass die argentinische Seite des Hochiflach die chilenische toppen soll. Doch sie gibt sich alle Mühe. Wenn auch bei nun starkem Wind, der mich bei entgegenkommenden Fahrzeugen ordentlich durchschaukelt. Was zum Glück selten ist, da Verkehr weiterhin eher die Ausnahme ist. Womit sich die Straße meinem Liebesleben anpasst. Verkehr auch hier eher die Ausnahme.

Zunächst beginnt auch alles sehr ähnlich zu den letzten Wüstenkilometern. Wenn auch immer noch auf über 4.000 Metern Höhe.

Nach 273 gefahrenen Kilometern kommt aber etwas Farbe in die Szenerie. Diese Pferdekoppel wirkt auf mich komplett surreal.

Vielleicht setzt mir zu diesem Zeitpunkt aber auch die Höhenluft zu. Ich bin jedenfalls so euphorisch, dass ich beschließe noch 130 km nach Purmamarca weiterzufahren und damit heute den ersten 400er vollzumachen.

Als die Strecke dann auch noch herrlich kurvig wird, bei weiterhin sehr geringem Verkehrsaufkommen, will ich, dass diese Fahrt niemals endet.

Nach über 350 gefahrenen Kilometern steige ich langsam aber stetig ab auf etwa 3.200 Meter. Um sicher zu gehen nicht zu mager unterwegs zu sein, ziehe ich bei Vollgas kurz den Choke. Der daraus folgende Leistungsverlust zeigt mir, dass die Hauptdüse nicht zu klein gewählt ist. Würde Bertl durch den zusätzlichen Sprit des gezogenen Chokes Leistung gewinnen, wäre dies der Fall. Aber so? Alles im Lack.

So schaukle ich dahin in Richtung Purmamarca und stoppe erst noch einmal als dann diese endlos scheinende Salzwüste rechts und links die Straße ziert. Ich schwöre: Salz, kein Schnee. Ergab der Geschmackstest.

Und gerade als ich denke, dass ich diese Fahrt so sicher ins Ziel bringe, da zieht sich diese herrlich kurvige Strecke entlang dieser merkwürdig zerklüfteten Felsen den Berg hoch auf über 4.200 Meter.

Problematisch dieses Mal? Dort oben ist es nicht nur neblig, sondern dieses Mal auch kalt und nass. Binnen weniger Minuten spüre ich meine Finger nicht mehr. Ohne nochmals anzuhalten fahre ich einfach durch in der Hoffnung schnell wieder abzusteigen, bis auch tatsächlich auf der anderen Seite auf 2.400 Metern das wärmere Purmamarca wartet.

Dort muss ich dann lange suchen bis ich eine Bleibe finde, die weniger als EUR 15,- die Nacht kostet. Diese hat dann weder eine funktionierende Dusche, noch WLAN oder Scheißhauspapier. Aber heute? Heute ist mir das alles völlig Latte.

Was. Ein. Ritt.

Ich ziehe mir meine ersten argentinischen Pesos, mit denen ich mir nach 20 Uhr das erste Essen seit meinem Keks-Power-Frühstück kaufe. Denn dazwischen gab es einfach keine Möglichkeit zu essen. Dass die Argentinier zwischen gefühlt 14 Uhr und 20 Uhr alle Läden dicht machen, hilft sicher nicht meinen Riesenhunger zu stillen, lässt mich aber heute nicht verzagen. Komplett im Arsch, schlafe ich nach dem Abendessen zufrieden ein.

Road to Salta

Und am nächsten Morgen bin ich mit der aufgehenden Sonne daran, den Vergaser wieder für niedrigere Levels einzustellen. Denn mit den schwindelerregenden Höhen hat es sich erst Mal. Auch mit Frühstück hat es sich. Denn vor 9 Uhr macht hier nichts auf. Und so lange will ich nicht warten. Bei bewölktem Himmel und ganz leichtem Nieselregen mache ich mich auf nach San Salvador de Jujuy, nur etwa 60 Kilometer entfernt.

Ein Stop am „Gran Jujuy„, dem großen Jujuy, lässt mich nicht gerade mit Schnappatmung zurück.

So ein großes Flussbett für die paar Liter Wasser ausheben. Pfff, unnötig. Das ist wie XXL-Kondome kaufen, in der Hoffnung noch reinzuwachsen.

Mächtig unbeeindruckt komme ich in Jujuy an, kaufe dort für nur 8 USD pro Monat eine Versicherung, die auch für Chile gilt und atme durch. Denn zwei Polizeikontrollen hatte ich schon ohne Nachfrage danach bestanden. Ab sofort kann ich etwas vorlegen, wenn die Sprache darauf fällt. Dann fahre ich zum Bus-Terminal der Stadt Jujuy und hole dort die CDI ab, die der Teilehändler aus Córdoba dort hin gesendet hat.

Warum ich bislang so unbeschwert fahren konnte? Nun, weil die letzten Probleme doch nicht einer fehlerhaften CDI geschuldet waren, sondern zwei lockeren Schrauben im Vergaser, durch die dann die Spritzufuhr nicht mehr gewährleistet war und der drosselnde Effekt auftrat. Ich, der Versager, habe den Vergaser nicht ordentlich geprüft nachdem die Probleme zuerst aufgetreten sind und mich vorschnell auf die CDI festgelegt.

Halb so wild. Nun habe ich wenigstens endlich wieder eine CDI als Ersatzteil im Gepäckfach.

Nach meinem ersten überragenden argentinischen Steak zu Mittag, geht die Reise weiter. Während des Essens habe ich gelesen, dass auf direktem Weg entlang der Autobahn täglich korrupte Cops warten und dass es eine, sowieso viel schönere Landstraße gibt. 90 Kilometer entlang dieser soll dann die größere Stadt Salta warten.

Noch fühlt es sich aber nach der Highlight-Fahrt gestern an wie eine Pflichtaufgabe. Es ist neblig, kalt und nass. Meine Finger frieren und ein entgegenkommendes Fahrzeug spritzt mich bei Durchfahrt einer Pfütze von oben bis unten nass.

Doch schnell klart es auf und die Sonne kommt raus und trocknet mich. Die Umgebung ist zunächst nichts besonderes aber nach Tausenden Kilometern seit Perus Norden Mal wieder grün. Ich fühle mich bei dem Anblick sofort an Kolumbien zurückerinnert. Ach, mein Kolumbien. Manchmal vermisse ich Dich.

Und dann beginnt die nächste traumhafte Tour. Die Straße ist nicht breiter, als meine Bertl lang. Meistens so breit wie normalerweise eine einzige Spur, aber halt mit einem Streifen in der Mitte. In den Kurven wird sie dann offiziell einspurig und darf immer nur von einem Fahrzeug befahren werden. Irrelevant. Denn der Hauptverkehr nimmt die Autobahn und hier sind nur Mietwägen und Motorräder unterwegs. Für Wohnmobile ist die Straße ebenso zu schmal wie für Busse und LKW.

Keine fünf Kilometer auf der Ruta Nacional 9 unterwegs, wie diese Straße heißt, kommt mir dann eher unkonventioneller Gegenverkehr entgegen. Zwei waschechte Cowboys, die mit Lasso und einer Armee Hunden versuchen zwei ebenfalls entgegenstürmende Rinder einzufangen. Viel mehr Klischee-Argentinien geht nicht.

Aber auch danach stehen immer wieder Pferde und Rinder am Straßenrand. Nicht angebunden. Eher so auf Vertrauensbasis.

Die Straße bleibt schmal, die Umgebung grün und immer wieder wird ein Blick auf bewaldete Berge oder Seen frei.

Es geht keine 50 Meter geradeaus, sondern eigentlich nur wunderschön kurvig bergauf und bergab. Hier einige Kehren mitfahren:

Aufgrund der Enge der Straße und des Abgrundes, muss diese aber trotzdem extrem vorsichtig befahren werden. Denn Gegenverkehr ist automatisch auf der eigenen Spur, da die Straße für ein Auto nicht breit genug ist, auf der eigenen Seite zu bleiben.

Auch diese Fahrt macht extrem Spaß und fast bin ich etwas enttäuscht, als ich nach weiteren 200 km in Salta ankomme. Argentinien, so darf es weitergehen.

Hier in Argentinien fällt auf, dass jeder Vespas kennt. Wurde ich in Peru noch oft gefragt ob Bertl ein neuer Elektroroller sei, drehen sich hier Leute um, wenn sie das Geräusch des Zweitakters vernehmen und rufen oft laut „una Veeeeeespa„. Auch werde ich oft in Gespräche verwickelt, in denen schnell klar wird, dass mein Gesprächspartner weiß, wovon er spricht. Argentinien, das gelobte (Vespa)-Land?

Zum Ende noch ein Scheißhaus-Schmankerl. Klares Regelwerk auf diesem argentinischen Restaurant-Klo.

Solo líquidos, nur Flüssigkeiten. Absolute Stuhl-Sperre. Bis vor drei Wochen wäre ich aber sogar noch in der Lage gewesen, diese Vorgabe für beide Geschäfte zu erfüllen.

3 Antworten zu “Tage 137 und 138: Buenos días Argentina (zu Deutsch: Sally zamme Argentinien)”

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