Tage 143 und 144: Natursekt vom Straßenwauzer

Was die Tage so los war? Alles. Bertl kaputt, Bertl ganz, Bertl wieder kaputt, Bertl wider ganz. Dazwischen ganz viel neue Bekanntschaften und Wiedersehen mit alten. Wo fange ich an? Überraschenderweise vorne.

Road to Belén

Ich bin in Cafayate und nach einem Tag des Nichtstuns tiefenentspannt und endlos motiviert wieder aufzusatteln. Ich nehme mir vor von jetzt an meine Fahrten besser (also überhaupt Mal) zu planen und lege gleich damit los. Da die einzige Möglichkeit zum Mittagessen nach 80 km erfolgt und danach bis zum Etappenziel nach Belén nicht mehr gespachtelt werden kann, verdaddle ich bewusst etwas Zeit indem ich im Hostel noch einige Gespräche lostrete und starte erst um etwa 11:00 Uhr in meine Fahrt. In einem dieser Gespräche erfahre ich auch, dass sämtliche ansäßigen Mietwagenfirmen für die Fahrt nach Cachi, also meinen vorgestrigen Höllenritt, Allradautos empfehlen. Allrad oder Bertl. Nimmt sich offenbar nicht viel.

Dann breche ich doch irgendwann auf. Der Weg führt die ersten 65 km entlang von Weinreben durch ein endloses Grün. Ich bin motiviert bis in die Haarspitzen und habe richtig Bock zu fahren.

Ein wenig erinnert mich die Szenerie manchmal an Italien mit dem mediterranen Abinente (geplant), das hier vorherrscht.

Meinen ersten längeren Halt mache ich erst in einem kleinen Pueblo nach 65 km. Hier in Argentinien wirkt alles etwas europäischer. Selbst kleine Pueblos sehen nicht ärmlich aus, sondern bestehen aus massiv gemauerten Häuschen.

Mit Santa María erreiche ich meine Mittagspausendestination nur wenig später nach 75 km um etwa 13 Uhr. Perfekt nach Plan. Zur Auswahl stehen Fleisch, Fleisch mit Fleisch oder Fleischbrot. Pan de carne. Ich entscheide mich für Fleisch. Immerhin das Gericht mit am wenigsten Fleisch.


Dann sattle ich mit vollem Bauch wieder den Esel und reite los. Immer wieder wundere ich mich über die zahlreichen zu durchfahrenden Senken, bis ich irgendwann die Schilder davor wahrnehme. Río XY. Flüsse. Das sind in der Regenzeit alles Flüsse. Mit Bertl könnte ich diese Route da nie und nimmer fahren. Im trockenen argentinischen Sommer heute aber kein Problem.


Der Weg führt mich über einen 2.500 Meter hohen Pass und lässt mich daran zurückdenken wie besonders es für mich vor zweieinhalb Monaten noch war in Bogotá das erste Mal auf so eine Höhe zu fahren. Und wie es das zumindest aufgrund der Höhe heute eben überhaupt nicht mehr ist. Selbst 3.000 Meter hohe Pässe sind inzwischen völlige Normalität.

Nach 120 km wandelt sich die Szenerie. Denn ich biege nach rechts ab und habe die Berge nun im Rücken und vor mir offenes Feld. Ein wenig erinnert alles an Chile, mit dem Unterschied, dass es nicht sandig sondern grün ist. Die Straße ist optimal, das Wetter super und Bertl läuft. Dazu kein Verkehr und eine schöne Aussicht. Ich bin happy.


Entlang der gesamten Strecke grasen Ziegen, Schafe, Rinder, Esel und auch Pferde. Ein paar grasen nicht mehr. Denn die sind tot. Totgefahren. Und mahnen mich dazu die Augen auf der Straße zu lassen. Denn ich bin bislang noch nicht mit 80 Sachen in ein 14 Zentner schweres Rindvieh gerauscht. Und es wäre ganz nice, wenn das auch so bliebe.

Auf der weiteren Strecke schüttelt mich nur noch einmal ein Minitornado heftigst durch, als er von links nach rechts über die Straße fegt. Dann aber erreiche ich Belén.

Ein verschlafenes Nest mit einem kleinen privaten „Campingplatz“, der nicht viel mehr als eine grüne Wiese ist. Fließend Wasser gibt es ebenso wenig wie Scheißhauspapier auf dem Schacht. WLAN? Fehlanzeige. Dafür ganz viel Ruhe und persönlich Bewachung, mit der ich mich durch Spielen anfreunde.


Etwas Sorgen bereitet mir das „Gasloch“, das ich beim Anfahren plötzlich wieder habe. Wie schon in Lima. Damals behoben durch Herausdrehen der Leerlaufgemischschraube. Dieses Mal? Selbe Lösung. Aber vier Umdrehungen herausgedreht? Das erscheint sehr viel. Für heute höre ich aber auf nachzudenken und mache mir Gedanken über mein Abendbrot.

Leider habe ich noch keinen Gaskocher und Lebensmittel bei mir und so ziehe ich nochmal los um Essen zu kaufen und eine der bislang besten Kurzunterhaltungen meiner spanischsprachigen Karriere zu haben. Gedächtnisprotokoll:

Norbert: Hallo Bäckereifachverkäuferin, ist das Schinken auf dem Sandwich?

Bäckereifachverkäuferin: Hallo Norbert. Ja, das ist Schinken auf dem Sandwich.

Norbert: Aha, und das andere? Das ist kein Schinken oder?

Bäckereifachverkäuferin: Nein.

Norbert: Aha, was ist es dann?

Bäckereifachverkäuferin: [unverständliches spanisches Wort]

Norbert: [Unverständliches spanisches Wort]? Was ist das denn?

Bäckereifachverkäuferin: Hmm, das ist wie Schinken. *lacht*

Norbert: Super, dann hätte ich gerne zwei Mal Schinken und zwei Mal wie Schinken. *lacht, die alte Gagkanone*

Zusammen mit Bier, Coke und Joghurt ein super Abendessen für meine erste Nacht im Zelt.


Als es um etwa 20:30 Uhr dunkel wird, strullere ich noch im Bogen vor meinen Zelteingang um mein Revier zu markieren und lege mich schlafen. Versuche es zumindest. Denn in meinem Ein-Mann-Zelt ist es saumäßig heiß. Und offen lassen geht nicht, wenn ich nicht will, dass die drei Hunde sich über meine Rucksäcke hermachen.

Außerdem nimmt meine Bewacherin ihren Job sehr ernst und hält Wache direkt vor meinem Zelt.


Die ganze Nacht jault und bellt sie ein paar Meter neben mir. Ohropax verwende ich nicht, um zu hören, wenn sich jemand an Bertl, die neben dem Zelt geparkt ist, zu schaffen macht. Denn das hier ist zwar irgendwie ein offizieller Campingplatz. Jemanden, der hier arbeitet und andere Gäste gibt es aber keine. Irgendwie hat es damit doch eher etwas von wildcampen und ich will sicherstellen, dass ich auch morgen früh noch eine Bertl habe.

In Embryostellung mit dem Gesicht zur frischen Luft, schaffe ich es irgendwann einzuschlafen. Bis es um 2 Uhr nachts dann plötzlich zu kalt ist und ich deshalb wieder aufwache. Meinen Zeltrhythmus muss ich eindeutig erst noch finden. Höhepunkt ist dann nämlich das Aufwachen um 4 Uhr, als meine Bewacherin mir am Kopfende auf die Zeltplane pisst. Wildcampen – der Inbegriff von Freiheit. Bislang nur so semi nach Drehbuch.

Diese Hundepisse wische ich nach einer wenig entspannten Nacht dann morgens mit bloßer Hand und etwas Duschgel ab, bevor ich das Zelt zusammenlege und verpacke.

Road to Chilecito


Ich frühstücke bei meiner Lieblings-Bäckereifachverkäuferin und starte nach 9 Uhr in den Tag. Ziel unbekannt. Gen Süden auf der Ruta Nacional 40.

Und lange Zeit passiert auf dieser Tour schlicht gar nichts. Die Straße mit schönem Untergrund und bolzengerade. Rechts Berge, links nix. Nur Wallachei. Keine anderen Verkehrsteilnehmer.

195 km müssen vergehen bis dann etwas passiert, was es aus meiner Sicht aber nicht gebraucht hätte. Beim bergab ausrollen ohne gezogene Kupplung, was auf dieser welligen Straße leider unvermeidlich oft passiert, diagnostiziere ich ein merkwürdiges Stocken oder Stottern bei Bertl. Kaum merklich. Aber es ist da. Gemeinsam mit der so weit herausgedrehten LLGS komme ich zu dem nobelpreisverdächtigen Schluss: Irgendwas stimmt nicht.

Ich halte an, denke nach. Aber die unerträgliche Hitze des argentinischen Sommers lässt mich schmelzen. Hier in dieser Hitze, ohne jegliche Chance auf Schatten zum Vergaser schauen? Nope. Ich bin 30 km vor der größeren Stadt Chilecito. Ich beschließe dort abzupacken und Bertl zu untersuchen, während ich dort auf mein Mittagessen warte, ist der bessere Plan.

Doch dazu kommt es nicht. Drei Kilometer vor den Stadttoren, gibt Bertl, beziehungsweise der über 4.000 km so treue Kolben, auf. Ich weiß sofort: Klemmer. Denn ist ja nicht der erste und leider Gottes (Spoiler) im Laufe dieser nächsten Tage auch noch nicht der letzte seiner Art.

Ich lasse Bertl abkühlen und bin froher als am frohesten als sie wieder anspringt. Langsam und mit Bedacht fahre ich die letzten drei Kilometer zu einem Hostel in der Stadt. Wo mir aber blöderweise niemand aufmacht

Alejandro, von drei Häusern weiter, der mich durch sein Fenster beobachtet hat, ruft daher den Besitzer an und lädt mich solange auf eine kalte Cola in sein Haus ein, stellt mich dabei seinen Eltern vor und lädt mich auch noch zum Mitessen ein, was ich dankend ablehne. Eine Unterkunft zu finden, hat erst Mal Priorität. Alejandro versteht, gibt mir seine Telefonnummer und bietet mir Hilfe jeglicher Art an. Nette Begegnung.

Eine Bleibe finde ich dann für fast EUR 8,- pro Nacht zwei Blocks weiter. Platz zum Schrauben. Mit Jorge ein netter hilfsbereiter Gastgeber und eine Dusche. Günstiger wird es eh nirgends mehr. Also ab dafür.

Ich esse erst Mal zu Mittag und nehme danach in Ruhe Bertl auseinander.


Grund zur Eile gibt es nicht. Denn vor 18 Uhr macht hier eh kein Geschäft wieder seine Pforten auf. Mein Ätznatron, dass ich zum Reinigen des Zylinders brauchen werde, bekomme ich also vorher sowieso nicht.

Der Kolben ist übler zugerichtet, als mein für immer vernarbtes und unfähig zu liebendes Herz. Farblich jedoch eher meine Lunge.


Wobei jene Farbe eigentlich schwärzer sein müsste, denke ich. Meinen eigenen Verdacht bestätigen mir dann auch fachkundigere Augen aus dem Vespa-Forum. Der Kolben scheint wohl zu mager gefahren worden zu sein. Das macht für mich aktuell alles wenig Sinn. Die HD war laut Choketest eher sogar zu groß gewählt. Dazu die heute Morgen herauszuschraubende LLGS. Wie passt das zusammen?

Ich höre für heute auf darüber nachzudenken, reinige „noch schnell“ den Zylinder mit Ätznatron (Fehler), bearbeite ihn noch im Kreuzschliff mit Schleifpapier und lasse danach alles liegen wie es ist. Der Zusammenbau soll erst morgen erfolgen.

Liebe Leser, mit diesem unfassbar spannenden Cliffhanger, wie wir in der Filmbranche dazu sagen, lasse ich euch Mal ein wenig hängen. Ereignisreiche Tage, zu denen es viel zu schreiben gibt und kaum Zeit für selbiges haben neben meinem üblichen Samen- jetzt auch zu einem Schreibstau geführt. Wie es also mit Bertl, mir und meinem „Wie-Schinken-Sandwich“ weitergeht, lest ihr in der nächsten Ausgabe von „Onkel Norbert’s Ferien auf dem Bauernhof.“