Tage 145 und 146: Comandante Chacho holt die Kuh vom Eis

Erste Reparatur

Um Punkt acht Uhr ist dann am nächsten Morgen für mich Startschuss zum Zusammenbau meiner alten Lady. Nach einer Nacht mit viel Schlaf, geht es hochkonzentriert an die Arbeit. Alle Teile werden vor dem Einbau mit Benzin und Zahnbürste gereinigt. Ebenso jedes Gewinde und jede Mutter. Wo immer möglich werden die Schrauben und Muttern mit dem Drehmomentschlüssel nach Handbuch angezogen und außerdem verwende ich überall neue Dichtungen. Zwei Stunden später sitzt alles wieder wo es hingehört. Noch bevor ich Bertl das erste Mal ankicke, mache ich mir bewusst, dass ich selbst im Erfolgsfall nur das Symptom Kolbenklemmer, nicht aber die Ursache des Hitzestaus bekämpft habe. In anderen Worten: Wenn mich so los fahre, ist nicht die Frage ob, sondern wann es wieder klemmt.

Dann kicke ich. Und Bertl schnurrt. Kurz. Dann geht sie aus. Nochmal kicken. Selbes Spiel. Ich probiere ewig mit der Standgasschraube herum und gebe dann schließlich entnervt auf, als ich um 12 Uhr sowieso das Hostel verlassen muss. Jorge gibt mir noch einen Tipp mit, wo ich einen Mechaniker finden könnte und entlässt mich in die Freiheit. Als ich bei eben jenem Mechaniker vorrolle, bin ich eher skeptisch. Der Methusalem, der darin werkelt hat noch nie eine Vespa gesehen und weiß weder wo der Motor, geschweige denn der Vergaser sitzt. Da die Stadt aber nicht die größte ist, es so viele Alternativen nicht gibt und ich selbst nicht mehr weiterkomme, gebe ich dem Mann, der auf den Spitznamen Chacho hört, eine Chance.

Aber meine Zweifel wachsen, als Chacho (64) beim schiebenden Manövrieren fast die abgenommene Seitenhaube überfährt, die ich nur mit einem Spiderman-Reflex retten kann.

Chacho frägt mich einige Fragen, die ich aufgrund der Sprachbarriere nicht beantworten kann und bittet mich deshalb dann kurzerhand den Vergaser auszubauen. Währenddessen tänzelt er zu lateinamerikanischer Musik aus dem Radio in seiner Werkstatt umher. Der Kerl fängt an mir zu gefallen. Ich serviere ihm den Vergaser und sehe zu wie Chacho vor meinen Augen sein Können zeigt. Er löst und fixiert einmal jede Schraube an diesem Vergaser, den er noch nie zuvor gesehen hat, bläst alles mit Druckluft ordentlich durch, nickt immer wieder mit dem Kopf, singt laut zur Musik, erzählt mir Witze und sagt dann bueno, bau das Ding wieder ein.

Dann dreht er die Standgasschraube genau so wie ich es zuvor probiert hatte. Mit dem Unterschied, dass bei ihm Bertl anbleibt. Ich überlege noch kurz wie Chacho das angestellt hat, und vermute dann, dass die Druckluft das bewirkt hat. Vermutlich war der Vergaser einfach nur irgendwo versteckt verdreckt durch die 130 km Schotterpiste. Denn dies würde auch gleichzeitig eine Erklärung für vormals zu wenig Benzin im Zylinder und damit den Klemmer liefern.

Chacho bejaht diese These ebenfalls, stellt mir dann seine Enkelkinder vor, zeigt mir Bilder aus seinen vergangenen Motorradrennfahrertagen, bringt mir eine kalte Limonade aus seinem neben der Werkstatt liegenden Haus, lädt mich zum Mittagessen ein und verweigert Geld für seine Dienste anzunehmen. Er klopf sich mit der rechten Hand auf die Brust, unter der das Herz schlägt und sagt: Manchmal ist Freundschaft wichtiger als Geld. Ich bestätige, sage aber, dass Freundschaft seinen Enkeln kein Essen auf den Tisch zaubert und lasse von ihm unbemerkt 300 Pesos, offiziell also etwa fünf Euro in seiner Werkstatt. Mehr als seine Arbeit wert gewesen wäre, aber gemessen an seiner Freundlichkeit noch zu wenig.

Schon zuvor hatte Chacho es geschafft mein Bild von ihm komplett zu wandeln. Vor allem durch seine ständigen Späße, als er zum Beispiel die Kompressorpistole, hinter dessen Rücken unbemerkt an den Kopf des Mannes hielt, der dort nur seinen Volleyball aufgepumpt haben wollte. Dabei schaut Chacho wie ein Psychopath und ändert das blitzschnell in ein freundliches Grinsen, als der Volleyball-Kunde sich zu ihm umdreht um zu sehen was los ist, weil ich mein Lachen nicht unterdrücken kann.

Ich schäme mich sogar richtiggehend vor mir selbst dafür, wie ich zu Anfang über ihn dachte. Was dachte ich mir dabei seine Qualität als Mechaniker in Frage zu stellen? Leute wie Chacho, die seit 40 Jahren an Mopeds schrauben, verstehen nach fünf Minuten im selben Raum mit der Vespa mehr davon, als ich Doppellinkshänder jemals darüber wissen werde.

Ich bleibe noch etwas, unterstütze Chacho bei den Tätigkeiten, die er selbst aufgrund seines hohen Alters nicht mehr oder nur unter Schmerzen machen kann, wie Ankicken oder Mopeds bergauf schieben und höre noch etwas seinen Geschichten zu. Chacho arbeitet, weil es ihm Spaß macht. Wenn es sein muss bis Mitternacht. Den ganzen Tag. Die übliche mehrstündige Pause über Mittag? Nicht mit ihm. Wie sich zeigt, hat er heute sein Mittagessen mit den Enkeln aufgeschoben um mir zuerst zu helfen. Ich bin wirklich gerührt über die Einstellung dieses Mannes und seine Geschichten.

Wieder Mal habe ich in einem Mechaniker einen echten Freund gefunden. Sein Enkel macht am Ende noch dieses schöne Foto von uns beiden. Der linke, das ist Chacho.

Dass ich Chacho schon am nächsten Tag wieder sehen sollte, ahne ich nicht, als ich mich um 15 Uhr noch aufmache, Chilecito vermeintlich für immer zu verlassen und weiter gen Süden auf der RN40 zu reiten.

Nach nur 15 km habe ich nämlich wieder einen kleinen Klemmer. Fuuuuuuck. Gibt es doch nicht. Ich erinnere mich aber daran, dass mir das in Peru auch schon einmal so ähnlich ging und ich mit der Ignorier-Strategie damals ganz gut fuhr. Als es aber nach weiteren 12 km wieder klemmt, stelle ich fest, dass diese Strategie wohl so nicht aufgeht. Da ich möglichst viel fahren will, ärgere ich mich über solche erzwungenen Pausentage natürlich sehr. Denn außer der Rückkehr zu Jorge nach Chilecito bleibt mir keine andere Wahl.

Dort gibt es dann das erste Wiedersehen dieser zwei Tage. Mit eben jenem Jorge. In dessen Hinterhof entkleide ich dann wieder Mal Bertl ziehe den Zylinder ab und nehme den Kolben unter die Lupe. Dieses Mal schön verrußt. Wie es sein soll. Nicht zu mager. Wieso hat es also geklemmt? Nun, der Vergleich mit dem vorherigen Kolben und Reibespuren an denselben Stellen veranlassen mich zu glauben, dass ich alter Mechanikerprofi am gestrigen Tag einfach viel zu schludrig war beim Zylinder säubern. Und Tatsache. Als ich heute sehr gewissenhaft an die Bearbeitung mit dem Ätznatron gehe, da löst sich viel mehr Aluminium aus dem Zylinder, als vom neuen Kolben kommen kann. Denn der sieht eigentlich noch ganz gut aus.

Daher bearbeite ich jenen ganz leicht mit Feile und Schleifpapier und beschließe ihn nochmals zu verwenden.

Und während ich da also so rumätze, kommt es zum zweiten Wiedersehen. Moritz und Theresa, die seit Cusco mit zwei 200er-Hondas unterwegs sind, hatte ich in der chilenischen Atacama kennengelernt, als ich mit meinen Pseudo-CDI-Problemen unterwegs war.

Die beiden trudeln nun gerade in Jorges Unterkunft ein. Nicht zufällig. Denn unsere Wege hatten sich zwar nach der Atacama wieder getrennt, aber wir waren zumindest über WhatsApp weiter in Kontakt und ich hatte die beiden wissen lassen, dass ich hier bin.

Dass es nochmal zu einem Wiedersehen kommt, war eher unwahrscheinlich, denn die beiden mussten etwas länger als geplant in Salta bleiben. Grund? Kolbenklemmer bei Moritz‘ Moped. Kein Scheiß. Dadurch hatte ich einen Vorsprung, den ich unter normalen Umständen nicht mehr eingebüßt hätte. Dass nun ausgerechnet ein Klemmer bei Bertl dazu führt, dass die beiden wieder aufholen? Kannst du dir nicht ausdenken.

Wir nutzen die Zeit bis zu Einbruch der Dunkelheit in meinem Fall für weiteres Ätzen und im Fall der beiden für Routine-Wartungen und labern dann noch eine ganze Weile bei argentinischem Bier über alles Mögliche. Eine herrliche Ablenkung von meinem eigentlich eher einsameren (nicht negativ) Reisealltag, den ich ja vorziehe, weil mich die Gespräche in Hostels oft dazu animieren mir einen rostigen Brieföffner ins Herz rammen zu wollen. Mit den beiden passt die Chemie und ich freue mich, dass es mit einem Wiedersehen geklappt hat.

Zweite Reparatur

Am nächsten Morgen starte ich früh mit dem Zusammenbau von Bertl. Wieder alles mit großer Sorgfalt. Auch Moritz schraubt wieder an seinem Moped und wie ich erfreut feststelle, beide geradezu herrlich deutsch in unseren Sicherheitsadiletten.

Als ich alles soweit zusammen habe, starte ich Bertl’s Turbine und stelle hoch erfreut fest, dass sie ohne irgendwelche Probleme vor sich hin surrt. Mit der LLGS auf der Standardeinstellung von 1,5 Umdrehungen. Was dafür spricht, dass, was immer im Vergaser verdreckt war, wieder sauber ist.

Fast zeitgleich wird auch Moritz mit seinem Schraubeinsatz fertig. Und weil wir nicht nur beide bis Mendoza (<600 km) die gleiche Route vor uns haben, sondern auch noch jeweils mit 60 – 65 km/h einen Kolben einfahren müssen, beschließen wir zumindest gemeinsam zu starten. Wie lange wir gemeinsam unterwegs sein werden, das haben wir nicht selbst in der Hand, sondern unsere Maschinen.

Und es ist meine, die nach genau 750 Metern dem Unterfangen einen Strich durch die Rechnung macht. Vor der Abfahrt drehe ich noch die LLGS auf 2,5 Umdrehungen. Warum? Keine Ahnung. Weil ich ein Trottel bin und mir denke, ich mag meine Vergasereinstellung wie meine Frauen: Zu fett ist also besser, als zu mager.

Aber als ich Bertl nach dem Tankstopp nach eben jenen 750 Metern wieder ankicke, hält sie wieder das Gas nicht, geht umgehend aus. Da alles was ich verstellt habe, die LLGS war, drehe ich diese wieder zurück auf 1,5 Umdrehungen und hoffe, dass damit alles geregelt ist. Aber weit gefehlt. Zwei weitere Kilometer später sind wir daher zum Abschieds-Selfie gezwungen…

…und ich fahre etwas besorgt zurück zu Jorge zum zweiten Wiedersehen mit ihm und werfe dort meine Taschen ab. Dann fahre ich zu Chacho, der sich ebenso über ein Wiedersehen freut, wie zuvor Jorge.

Chacho ist aber zunächst noch mit einem anderen Moped beschäftigt und so nehme ich mit seinem Werkzeug meinen Vergaser schon Mal raus und weil genügend Zeit bleibt, auch auseinander. Ich schaue wieder (fast) überall rein, pinsle mit Vergaser-Cleaner in allen Löchern und Ecken herum und blase überall Mal mit Druckluft rein. Dann setze ich alles wieder zusammen, trete den Kickstarter durch und stelle hocherfreut fest, dass Bertl brummt. Für etwa zehn Sekunden. Bevor sie wieder abstirbt.

Chacho will sich dieses Elend nicht länger ansehen und lässt alles stehen und liegen, kniet sich neben den noch offenen Vergaser und lässt mich Bertl immer wieder ankicken. Dabei hält er seine Hand überall Mal drauf oder dran, hört genau auf den Klang, dreht Mal am Gashahn, lässt sie Mal bewusst absterben und sagt dann zielsicher: Algo está mal. Irgendwas stimmt nicht.

Ich sage: Chacho, Comandante, darum bin ich ja hier. Chacho lacht. Ihm gefällt es wenn ich ihn Comandante nenne. Seine Werkstatt ist voll von Bildern von seinem Idol, Comandante Che Guevara.

Comandante Chacho sagt also zu mir im Befehlston: Alemán, schraub die Nebendüse raus. Ich gehorchte, reiche meinem Erretter die ND und sehe erfreut wie Chacho mit einem zufriedenen Lächeln den Kopf nickt. Er zeigt mir die ND. Und Tatsache: Verstopft, das Teil. Statt Mal reinzusehen, hatte ich davor nur Druckluft durch die Düse geblasen und gedacht, das wird schon reichen. Way to go, Norbert. Way to go. Chacho sticht also mehrmals mit einem Draht eines alten Seilzuges, den er mir dann schenkt, durch die ND und gibt sie mir zurück zur Installation.

Bertl schnurrt jetzt wie eine junge Mieze und Chacho reißt erfreut seine Hände in die Höhe. Wieder bleibe ich noch etwas und rede mit dem alten Hexer, ehe ich den alten Mann, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, mit einer Umarmung hoffentlich für immer verlasse.

Heute aber ist es schon spät und ein Aufbruch lohnt sich nicht mehr. Ich kehre also zurück zu Jorge’s und teile diesem mit, dass ich gerne auch diese Nacht nochmal bleiben möchte. Gar kein Problem, meint er, gibt mir ungefragt einen Preisnachlass von 100 Pesos für diese Nacht und lädt mich zum Abendessen noch zu, von ihm und seiner Freundin selbstgemachten, Tacos ein. Ich bin absolut überwältigt von der Gastfreundschaft der Argentinier und schlafe glücklich ein.

Und so sitze ich nun hier, kurz davor nun endlich aus Chilecito aufzubrechen. Wie weit komme ich heute? 850 Meter? 200 km? Läuft Bertl ohne Probleme? Schwer zu sagen.

Meine Hoffnung ist, dass wirklich ein dreckiger Vergaser der Grund für den ersten und ein schludrig gereinigter Zylinder die zweiten Klemmer hervorgerufen hatte. Mit einem nun händisch so gut es ging gereinigten Vergaser hoffe ich ohne weiteren Klemmer nach Mendoza vorzustoßen und dort den Gaser eventuell ultraschallreinigen zu lassen und überhaupt den ganzen Bock von einem dort ansäßigen Vespa-Schrauber Mal wieder durchprüfen zu lassen. Leserschaft, prayt Mal wieder heftig für Bertl…

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