Tage 147, 148 und 149: Was tun wenns klemmt

Road to Guandacol

Tag der Entscheidung also. Dritter Anlauf. Wie lange trägt mich Bertl heute aus Chilecito heraus? Nachdem ich im ersten Versuch 27 km geschafft hatte, waren es im zweiten ja lediglich noch 2 km. Das mit diesem Trend für Tag 3 extrapolierte Ergebnis gefällt eher so halb gut. Trotzdem wage ich den Aufbruch um 9:30 Uhr.

Es geht kerzengerade raus aus Chilecito und nach 20 Kilometern durch den Pueblo Nonogasta. Als ich dort an einer Geisterkreuzung bei rot an der Ampel etwas Zeit habe, fällt mir ein, dass ich damit schon über den Ort heraus bin, an dem es an Tag 1 dieser Mission Chilecito zu verlassen, geklemmt hatte. Und nur wenig später passiere ich die Stelle des zweiten Klemmers.

40 km gehen beschwerdefrei ins Land und die Straße geht plötzlich bergauf. Zunächst noch geradeaus. Nach weiteren fünf Kilometern schön kurvig mit Blicken aufs Tal.

Fast könnte ich die Fahrt genießen, hätte ich nicht die ganze Zeit diese Angst vor einem klemmenden Kolben im Hinterkopf. Ich erinnere mich, dass es auch beim letzten Mal etliche Hundert Kilometer gebraucht hatte, bis ich Vertrauen in den Kolben gefasst hatte und wieder befreit fahren konnte.

Nächster Sicherheitsstopp nach 70 km. Bertl läuft ruhig und ich halte weiter bedächtig die 60 km/h Spitze ein, um den Kolben vernünftig einzufahren. Es geht entlang von roten Felsen und Kakteen immer weiter Richtung Villa Union, meinem auserkorenen Mittagspausenort.

Die Landschaft verändert sich wieder. Es wird sandig und der Straßenverlauf hat Kurven wieder aus dem Programm genommen.

110 km sind auf der Uhr, als ich Villa Union erreiche und mit merkwürdig starken Arschschmerzen mein Mittagessen in mich reinschlage. Auch die Landschaft gibt nicht so viel her. Gemeinsam mit den Klemmersorgen irgendwie zäh heute.

Dass diese Sorgen nicht komplett unbegründet waren, zeigt sich nach exakt 127 km. Auf ein Schlag sackt die Leistung ab und Bertl geht aus. Klemmer-Alarm. Heute schreie ich nicht. Ich lasse Bertl ausrollen, steige ab und starre einfach nur resigniert mit dem Rücken zur Straße und Bertl in die Pampa. Was willst du denn da noch sagen?

Wie immer warte ich etwas, lasse dadurch Bertl abkühlen und schleppe mich in den nächsten Pueblo Guandacol, der auf Google Maps etwas größer scheint, als das gerade hinter mir gelassene Villa Union. Ein argentinisches Pärchen, das zuvor angehalten hatte um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist, gibt mit 45 km/h vor mir das Begleitfahrzeug. Nette Aktion.

Ich erreiche Guandacol und den dortigen Campingplatz, crashe den 30. Geburtstag der unfassbar schönen Tochter des Besitzers und werde zur Belohnung mit Kuchen, Pizza und Cola versorgt.

Dann wieder der übliche Ablauf: Hinterrad, Auspuff und Vergaser demontieren. Motor abklappen. Zylinder abziehen. Inzwischen (leider) ein Automatismus. An die Reinigung des Zylinders mit Ätznatron kann ich noch nicht gleich gehen, da ich das Ätznatron wie üblich zurückgelassen habe. Dieses hoch ätzende Zeug möchte ich nur ungern im Gepäck mit mir herumfahren. Für heute bedeutet das aber wieder, dass ich aufgrund der argentinischen Ladenöffnungszeiten vor 18 Uhr kein Natron herbekomme. Auch nicht in Schrödingers Ferreteria, die gleichzeitig offen (abierto) und geschlossen (cerrado) ist. Denn durch Beobachtung (Rütteln) wird ihr Zustand als geschlossen determiniert.

Zeit also den Zylinder genauer anzusehen. Und vor allem den Ort des Klemmers. Über zwei der Überströmer die ich vor dem Wiedereinbau des Zylinders in Chilecito „entgratet“ hatte zieht sich die Klemmspur. An Zufall glaube ich hier nicht. Eher an meine miserablen Mechanikerfähigkeiten. Eventuell stand hier nach der eigentlichen Entgratung dann doch mehr über als vorher. Nur eine Theorie. Aber eine plausible.

Bringt alles nichts. Mir bleiben zwei Optionen.

Erstens: Zylinder wieder provisorisch mit Ätznatron säubern, Kolben mit Schleifpapier etwas zurecht schleifen und weiter vortasten nach San Juan oder Mendoza zu einem fähigen Mechaniker mit dem Risiko unterwegs alle 100 km den obigen Ablauf zu wiederholen und außerdem Schäden an Motor und Kurbelwelle zu riskieren.

Zweitens: Bertl auf einen Pickup oder in einen Bus verladen und in oben erwähnte Großstädte fahren zu lassen.

Letztere Idee ist schnell vom Tisch, als weder auf dem Campingplatz noch in der Stadt irgendjemand eine Idee hat, wie sich das bewerkstelligen ließe.

Also muss es über Plan 1 gehen. Fuck. Es macht so gerade wenig Spaß. Heute konnte ich während der Fahrt an nichts anderes denken, als einen möglichen nächsten Klemmer. Jeder Windstoß von vorne der mich verlangsamt hatte, hat mir das Herz in die locker flatternde Hose rutschen lassen. Aber es bringt ja alles nichts. Alternativlos.

Und als ich da so auf dem Boden vor meinem Zylinder liege, fahren zwei weitere Campingplatzgäste in einem Landrover vor. Bis dato war ich der einzige Übernachtende. Die beiden Mitte 50 Jahre alten Landrover-Reisenden stellen sich als Gerry und Mark aus Schottland heraus. Und als ich auf deren Nachfrage von meinem Problem berichte, holt Gerry ein Maßband aus seinem „Celtic Rover“ und vermisst Bertl. Könnte klappen lautet sein Urteil, nachdem er mehrmals zwischen Vespa und Rover hin und her gelaufen war.

Und die Probe aufs Exempel noch vor dem Dunkelwerden ergibt: Recht hat er. Wie abgemessen und ohne einen weiteren Zentimeter Luft, passt Bertl ohne Hinterrad exakt in den Rover.

Auch die beiden haben Mendoza als Ziel ausgegeben und so habe ich Mal wieder mehr Glück als Verstand und mir eben eine Mitfahrgelegenheit für mich und Bertl geschossen. Dass Gerry auch Platz hat zu schlafen, laden wir Bertl wieder aus und beschließen die Nacht. Ich schlafe unfassbar gut in meinem Zelt, wissend dass ich nicht selbst nach Mendoza gurken muss.

Road to Mendoza

Und um Punkt 8:30 Uhr startet die Fahrt eben dorthin entlang einer wenig spektakulären Landschaft. Ich könnte nicht froher sein, dieses Teilstück von fast 500 km nicht selbst fahren zu müssen und schlafe sicher zwei oder drei der sieben Stunden langen Fahrt.

Und doch lade ich das Moped abends nur noch im Hostel ab. Ohne montierten Zylinderkopf, mit demontiertem Auspuff und Hinterrad. Ich habe unter Null Bock mich darum jetzt zu kümmern. Und weil ich auch keine Antwort vom hiesigen Vespa Club bezüglich der Adresse der Werkstatt bekomme, mache ich das einzig richtige und treffe mich an deren letzten Abend in Mendoza nochmal mit Moritz und Theresa auf ein Bier. Die Ablenkung tut gut. Und davon abgesehen bieten mir die beiden an, den alten Originalzylinder, den ich ja immer noch im Gepäck hatte in zwei Wochen mit nach Deutschland zu nehmen und schenken mir im Gegenzug einen Kochtopf und eine Gaskartusche. Fehlt nur noch der Kocher dazu, dann kann das Camping-Abenteuer endlich voll losgehen.

Und diese Prokrastination was Bertl angeht, hat noch weitere Vorteile. Denn als ich später auf mein Handy blicke hat Raúl, Vizepräsident des argentinischen Vespaclubs und mir bis dato unbekannt, eine WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen mit dem Titel Ayudando a Norman, Norman helfen und einem Bild von mir aus Chile als Gruppenfoto.

Darin, eine sorgfältig ausgewählte Taskforce derer Leute, die es braucht um Bertl wieder fit zu bekommen. Keinen davon kenne ich. Alle machen all das nur weil uns die Marke unserer Mopeds eint.

In der Gruppe wird sich lange ausgetauscht und schließlich vereinbart, dass David mich am Dienstagmorgen abholt und wir gemeinsam mit unseren Vespen zu Diego in die Werkstatt fahren und Bertl auf Herz und Nieren prüfen. Übernachten werde ich bei Fergato, dem Vierten im Bunde. Für lau natürlich. Vespa-Community, du lieferst auch weiterhin immer dann ab, wenn ich dich am ehesten brauche. Ich bin unfassbar erleichtert, als das klar ist und schlafe wieder Mal beruhigt ein.

Just chillin‘ in Mendoza

Am folgenden Montagmorgen holen Moritz und Theresa meinen Zylinder ab, lassen den Topf da, vermachen mir ihre letzten Pesos und fahren gen Chile. Gute Heimreise ihr beiden. Es war mir eine Ehre.

Für mich beginnt der Tag wieder sehr erfreulich mit einem erfolgreichen Aktienverkauf. Aktien der Amadeus Fire AG, die ich erst vor einigen Wochen in einem Internet Café in Huanchaco, Perú gekauft hatte, konnte ich heute mit einem Plus von 15% veräußern. Wieso erzähle ich das so ausführlich? Nun, weil ich mir vorgenommen hatte über alles zu berichten und ich außerdem weiterhin ständig gefragt werde, wie ich das denn „finanziell alles so mache“. Jetzt hole ich hierzu Mal etwas weiter aus. Nun, unter anderem eben so „mache ich das finanziell“. Indem ich jeden übrigen Cent statt in Autos, iPhones, unnötige Versicherungen, neue Modetrends, Fidget-Spinners, teure Mittagspausen in Restaurants und Sky Bundesliga-Abos in Aktien und Anleihen investiere und sowohl zu Hause, als auch im Ausland meine Ausgaben auf ein Minimum beschränke.

Sollte ich darüber so offen berichten? Vermutlich nicht. Aber all die (wenn auch wahrscheinlich nur im Scherz gemeinten) Kommentare zu Beginn meiner Reise darüber, dass ich mir meine Reise ja von meinen Eltern finanzieren ließe und die ständige Nachfrage wann ich denn Mal wieder arbeiten gehe, haben jetzt dazu geführt. Die Antwort auf letztere Frage lautet übrigens: So schnell nicht wieder.

Nun gehört hierzu eine gewisse Lernphase. Ich beschäftige mich mit Geldanlagen seit ich 18 bin und ich rate hier keineswegs dazu, blind Aktien zu kaufen. Das geht nämlich ziemlich sicher in die Gerry Weber Jeans. Wobei jede blindlings gekaufte Aktie immer noch eine größere Chance darauf hat, das investierte Geld zu vermehren, als das stattdessen von dem Geld gekaufte Auto oder Smartphone. Denkt daran wenn ihr auf euren neuen mit Handyversicherung ausgestatteten überteuerten Smartphones diesen Artikel lest.

Falls ich mit meinem kleinen Rant nun irgendjemand verprellt haben sollte: Wiedersehn. Aber das musste nun Mal raus.

Ich nutze den Rest des Tages um Bertl in Ruhe zusammenzusetzen, einen Gaskocher zu kaufen und Menschen aus Cafés zu beobachten. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen und im sommerlich heißen verkehrsarmen Mendoza hervorragend möglich.

Am morgigen Dienstag soll dann Bertl auf Herz und Nieren geprüft werden. Neben den bereits bekannten Problemen (schleifendes Vorderrad, Löcher im Auspuffadapter, weitere Kleinigkeiten) wird dann hoffentlich auch der Grund für die Hitzeentwicklung im Zylinder entdeckt und behoben. Drückt eure Daumen. Oder nicht. Das Ergebnis wird dasselbe sein.

Onkel N. out.

4 Antworten zu “Tage 147, 148 und 149: Was tun wenns klemmt”

  1. Hola Comandante
    Ich vermute stark, dass die Simmerringe durch sind und nicht mehr abdichten. Lass dies von der Fachwerkstatt prüfen (Riechest Sprit für Innenliegende, Lima-Seite sieht man von Außen über das Polrad). Wenn Du sichergehen willst, würde ich in Betracht ziehen den Motor Spalten zu lassen. Diese Motorrevision würde ich von einer Fachwerkstatt machen lassen. Es wird hierzu ein wenig Sonderwerkzeug benötigt, welches, in der Regel, jede Motorradwerkstatt haben sollte.
    Hier die Anleitung: http://www.vespa-50.de/motor/motor-revision.html

    Den Zylinder würde ich je nach Zustand mit der Hohnbürste bearbeiten und einen neuen Kolben dazu, fertig. Diese Arbeiten sind nun notwendig, damit Du Ruhe bekommst. Ich bin gespannt wie es klappt!

    Wir warten dann auf die Bilder von der ersten Vespa Kap Horn Umrundung. Comandante Ende und viel Erfolg!
    Braver

    1. Hi Norman, Hi Braver

      ich vermute eher, dass es mit einem extrem verdreckten Luftfilter zu tun hat.
      Somit hast du auch Dreck im Vergaser und da weisst du ja was passiert wenn die Düsen verstopfen.
      Der Sprit in Südamerika könnte noch einen weiteren Teil dazu beitragen.

      Ausserdem ist die gepostete Anleitung nicht besonders zielführend.
      Da wird das Spalten eines SF Motors gezeigt. Bertl ist aber eine PX – somit LF 😉

      Grüsse
      Mirco

      1. Touché amigos,
        das kommt davon wenn man ein Haus baut, drei Kinder erzieht, im Job gefordert wird und dann noch einen Narren an einem jungen Wilden in Patagonien gefressen hat.

        Die Idee mit dem Strumpfband für den Gasi finde ich gut und hoffe Du kannst den auch mal an Deiner argentinischen Polizistin ausprobieren 🙂

        Leider komme ich nicht dazu jeden Beitrag zu lesen wünsche Dir aber weiter gute Fahrt, viele Abenteuer und wenig Schotterpisten!
        Braver

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