Tage 150, 151 und 152: Wie Jonny Raúl dazu animierte mich von Daniel zu Diego bringen zu lassen und was Fergato und Marcelo damit zu tun haben

Zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Artikels, ist es Donnerstagabend argentinischer Zeit. Wieso das wichtig ist? Zur zeitlichen Einordnung der Tatsache, dass ich mir am morgigen Freitag nach wochenlanger Abstinenz (von drei, vier Bier abgesehen) Mal wieder mächtig einen auf die Lampe gießen werde.

Save Bertl Pt. 1

In der Rückschau ist es aber zunächst noch Dienstag. Reparaturmorgen. Alle meine Sachen sind gepackt. Mein Hostel will das übliche Foto von Bertl und mir vor dem Hostel machen. Daniel, wie David aus dem letzten Artikel eigentlich heißt, steht auch „schon“ (10:30 Uhr) parat und so gurken wir los Richtung Diego, meines vermeintlichen Heilsbringers. Denke ich. Denn erst halten wir nach etwa 20 km noch an Daniels Haus, laden dessen Tochter auf und fahren dann laut Daniel die fünf km zu Diego, die dann doch eher 20 km sind. Alles irgendwie wie immer in Südamerika.

  • Pläne sind eher so grobe Richtungsvorgaben
  • Ich bin darüber prinzipiell nie im Bilde
  • Am Ende klappt doch alles
  • Und das auch noch immer mit einem Lachen auf den Lippen

Als wir um kurz vor 12 bei Diego ankommen und dieser mich, wie üblich in Argentinien mit Umarmung und Küsschen auf die Wange begrüßt, eröffnet er uns allerdings, dass sein Mechaniker, der für den Einsatz an Bertl vorgesehen war, heute Geburtstag hat und frei hat. Offenbar kam der Geburtstag dieses Jahr spontan im Dezember rein und all dies war nicht planbar.

Diego ist aber unfassbar nett, serviert gleich kaltes Wasser für Daniel und mich, führt mich herum, zeigt mir seine drei (!) Sechzigerjahre Vespas und seine NSU von 1959, die das Wohnzimmer hüten und den Rest seiner Junggesellenbude mit der zugehörigen Werkstatt im, mit kleinem Pool ausgestatteten, Garten.

Dann ein Dämpfer: Als ich so erläutere wo es an Bertl überall hakt, da nennt mir Diego fünf Tage Arbeit im worst und drei Tage im best case. Ich bin etwas überrascht. Achslager tauschen, Löcher im Auspuff zuschweißen, Zylinder und Kolben ausbauen, gegebenenfalls richten und wieder einbauen und dem Problem der Hitze im Zylinder auf die Spur kommen. Dazu den Vergaser reinigen und einen prüfenden Blick auf Reifen und Bremsen werfen. Drei Tage dafür? Als mir Diego auf Rückfrage auch noch sagt, dass Marcelo, das Geburtstagskind, in dieser Zeit nur an meiner Karre schraubt und an keinen anderen Mopeds, da verstehe ich die Welt erst recht nicht mehr. Drei Tage dafür sind echt eine Ansage.

Mich haut das um. Ich dachte eventuell würden wir heute, am Dienstag, noch fertig. Und nun offenbar nicht vor Freitag…

Da die Alternative, ein weiterer Mechaniker, aber weitere 250 km südlich liegt und auch nicht viel schneller arbeiten kann und ich außerdem zwischenzeitlich vom Präsidenten des Vespa Clubs Mendoza über Facebook zum Jahresausstandsessen des Clubs am Freitagabend eingeladen wurde, ist der Schock schnell überwunden. Was ist schon eine Woche Mendoza in meinem großen Plan? Dann muss ich eben danach wieder Kilometer raspeln. Außerdem ist für die geschätzt 50.000 km, die mir noch bevorstehen, so ein dreitägiger gründlicher Service sicherlich nicht das Schlechteste.

Da es eh gerade Siesta-Zeit ist und der selbständige Diego nicht arbeiten „muss“, sitzen wir so ein bisschen da und plauschen bei Mate-Tee (mehr dazu später) über Gott und die Welt.

Die Konstellation, in der wir hier versammelt sind, ist wieder Mal einzigartig: So kennen sich Daniel und Diego schon länger. Daniel kennt außerdem Jonny aus Medellín, der das hier mehr oder weniger ins Rollen gebracht hat. Später kommt dann noch Fergato dazu. Mein auserkorener Gastwirt, der zwar Diego noch nicht kannte, aber Daniel. Alle zusammengetrommelt durch Raúl, der 200 km weiter in San Juan sitzt, auf Initiative von jenem Jonny aus Medellín. Städte- und sogar länderübergreifende Kooperation. Nur wegen meiner Vespa. Dieses Moped mag mehr Probleme machen, als andere. Die Begegnungen und Geschichten, die es mir daraus resultierend aber ermöglicht, möchte ich nicht missen.

Da Diego mir ebenfalls anbietet, bei sich wohnen zu können, bis Bertl wieder vernünftig läuft, beschließen wir dies der Einfachheit halber und Daniel und Fergato ziehen nochmal los um Pizza zu besorgen. Alle sind genial drauf und Diegos Haus sowie seine herzigen Hunde Chiquito und Nena lassen mich mich hier wohler fühlen, als in jedem Hostel. Dazu die Einladung zur Fiesta am Freitag… Längst habe ich mich mit dem Gedanken komplett abgefunden noch etwas hier zu bleiben. Irgendwann nachmittags verabschieden sich Fergato und Daniel dann und ganz argentinisch baue ich bei 36 Grad ebenfalls eine Siesta in meinen Tagesablauf ein, nachdem ich noch ein wenig mit Chiquito und Nena gespielt habe.

Und als ich da so auf meiner Matratze zwischen Mopeds liege, die doppelt so alt sind wie ich, da kommt Diego wieder um die Ecke und sagt, Marcelo, das Geburtstagskind und Mechaniker, kommt jetzt doch vorbei und sieht sich Bertl an. Überragend, Alter. Classic Südamerika.

Wir schieben die Alte auf die Hebebühne, ich nehme die Seiten ab und bin noch nicht richtig fertig damit, als Marcelo schon mit seiner Mutter um die Ecke biegt, die ihn wie ich vermute aus gesundheitlichen Gründen begleiten muss.

Wieder viel Umarmen und Küsschen zur Begrüßung und dann legt Marcelo gleich voll los. Kurzer Gehörtest und dann wird der Zylinder gezogen.

Wohl etwas aus Zeitdruck und Bequemlichkeit verzichtet man trotz meiner Bedenken darauf den Zylinder bei abgeklapptem Motor über die Stehbolzen abzuziehen und dreht diese stattdessen heraus. Meine Sorgen zur Beschädigung des Gewindes werden weggebügelt. Naja, einmal mehr wird schon nix machen. Ich selbst werde künftig wieder die sicherere Variante erwählen.

Während Marcelo also Kolben, Zylinder und Vergaser untersucht und sich meine Geschichten zu den diversen Klemmern anhört, serviert Diego Mate-Tee. Mate-Tee. DAS Nationalgetränk Argentiniens. Tee aus den Blättern des Mate-Strauchs. Entweder als eiskalte Variante oder frisch aufgebrüht, wie normaler Tee. Das besondere daran: Serviert wird der Tee in einem kugelförmigen Gefäß aus dem durch eine Bombilla, das Metallröhrchen, getrunken wird.

Wichtig ist die wenig Flüssigkeit fassende Kugel immer wieder schnell aufzufüllen und weiterzugeben. Wie wichtig verstehe ich nicht gleich. Aber dann sehe ich wie sehr Diego darauf bedacht ist, dass der Bottich schnell aus der bereitstehenden Thermoskanne wieder aufgefüllt wird und in der richtigen Reihenfolge zwischen ihm selbst, Marcelo, dessen Mutter und mir weitergereicht wird.

Etwa drei Stunden Schrauberei später ist dann folgendes diagnostiziert:

  • Der Zylinder sieht für alle Beteiligten und wie von mir erwartet überraschend gut aus –> statt gehont, muss nur poliert werden
  • Aussehen von Kolben, Kerze und Zylinder deuten aber auf zu wenig Gemisch im Zylinder hin
  • Vergaser scheint sauber, jedoch fehlt vermeintlich eine Dichtung
  • Außerdem hat der Gasschieber Spiel und lässt sich nicht entfernen
  • Vermutlich ist die verwendete HD 100 nicht groß genug –> Marcelo empfiehlt wieder auf 110 zu wechseln
  • Löcher im Auspuffadapter können zugeschweißt werden
  • Die Schlappen machen weitere 8.000 km, sofern vorne und hinten getauscht werden
  • Auch die original Bremsbeläge von 1982 sind weiter gut (?)
  • Am Vorderrad ist nicht nur das Achs-, sondern auch das Nadellager am Sack
  • Ansonsten steht Bertl weiter da, wie frisch vom Band gelaufen, von den äußeren kleinen angehäuften Macken mal abgesehen

Soweit die Diagnostik. Für die Behebung der Probleme fehlen neben der Zeit, die Marcelo nicht mehr hat, weil er in seine eigene Werkstatt zurückkehren muss, auch die Teile. Japp, richtig gehört. Marcelo besitzt selbst eine Motorradwerkstatt und schraubt in der sich in seinem Laden selbst auferlegten Siesta dann stattdessen in Diegos Auftrag. Dafür verleihe ich Marcelo im Namen meiner ehemaligen Grundschullehrer das bronzene Fleißbienchen, bevor das Insektensterben auch das noch dahinrafft.

Er und seine Mutter verabschieden sich also und Marcelo nimmt meinen Zylinder und den Kolben mit zu einer dritten Werkstatt, in der beides wieder auf Vordermann gebracht werden soll.

Diego auf seinem Motorrad und ich auf seiner P200E…

…in den Achzigern abgekauft von einem spanischen Botschafter, der sie mit nach Argentinien gebracht hatte, fahren dann noch Ersatzteile kaufen. Schrauben, Muttern, sowie die benötigten Lager für die Achse. Dann fahren wir noch in Marcelos Werkstatt vorbei, wo dessen Mutter uns dann wie zuvor Diego mit Mate versorgt. Ständig wird der Kelch reihum gereicht und wir ratschen etwas, bevor es dann zurückgeht zu Diegos Casa.

Abends finde ich mit Müh und Not ein Restaurant, das nicht erst um 21 Uhr öffnet, und penne danach mit dem Wissen, dass Bertl spätestens morgen Abend wieder fit sein soll, mit einem hässlichen Grinsen auf den Lippen ein.

Save Bertl Pt. 2

Am nächsten Morgen arbeiten Diego und ich nach gemütlichem Frühstück so viel von der Liste ab, wie wir können. Wir richten die Lager der Vorderachse…

…tauschen die Reifen von vorne nach hinten und logischerweise umgekehrt und Diego schweißt halbnackt und ohne Schutzmaske den Auspuff zu und dabei auch gerade das Adapterstück an den Rest des Auspuffs.

Er stellt für die Arbeit an meiner Bertl das Motorrad eines zahlenden Kunden zwei Tage zurück, bekocht mich jeden dieser Tage…

…lässt mich bei sich wohnen und will am Ende, so viel sei verraten, keinen Cent dafür. Seine Begründung: Auch er selbst reist viel mit dem Motorrad und das sei nun mal die Behandlung, die er sich wünschen würde, wenn er ein Problem hätte.

Überhaupt gefällt mir der Kerl wieder äußerst gut. Diego ist 46, hat über 20 Jahre im klassischen nine-to-five gedient und es bis zum Abteilungsleiter gebracht. Vor vier Jahren hatte er nach eigener Aussage „auf die ganze Scheiße“ keinen Bock mehr, gekündigt, und repariert und restauriert nun Motorräder für sorgfältig ausgewählte Kunden und Freunde. In der Garage in seinem Garten. Die Garage beschallt er den ganzen Tag mit Classic Rock und auch sonst sind wir irgendwie auf einer Wellenlänge. Diego ernährt sich gesund, trinkt nicht, raucht nicht und kümmert sich in seiner wenigen Freizeit um Benachteiligte. Der Mann scheint mit sich selbst im Reinen und behandelt mich nach ein paar Stunden, die er mich kennt, schon wie seinen eigenen Bruder.

Gegen Mittag trifft Marcelo ein. Wieder mit seiner Mama, die heute Geburtstag hat, im Schlepptau. Aber vor Aufnahme der Arbeit springen die beiden Mechaniker und ich noch schnell in den Pool…

…ehe losgeschraubt wird. Mit nacktem Oberkörper und nasser Badehose schraubt es sich bei der kaum auszuhaltenden Hitze ungemein viel besser.

Marcelo bastelt also aus Dichtungspapier eine Dichtung für hinter den Deckel, der den Gasschieber einsperrt und setzt den Gaser (jetzt mit HD 110) wieder zusammen. Wie ich inzwischen dank Vespaforum weiß, gehört dort eigentlich keine Dichtung rein, aber schaden tut sie hoffentlich auch nicht. Danach werden Kolben und Zylinder eingebaut und Bertl wieder Stück für Stück zusammengesetzt. Für die beiden Mechaniker ist klar: Die Kolbenprobleme kamen von zu wenig Sprit im Zylinder, ausgelöst durch zu kleine HD und dreckigen Vergaser. Außerdem durch zu wenig Öl im Sprit. Denn über 1:50 schütteln beide nur den Kopf. 1:50 mag in Deutschland funktionieren. Aber hier mit der schlechteren Qualität des Öls gibt nur 1:35 genügend Tinte auf den Füller, meint Marcelo. Der Rest sei absolut einwandfrei in Ordnung. Alle Dichtungen super, keine Falschluft. Ab zur Probefahrt.

Aufgrund des abgetragenen Materials am Kolben, hat dieser offenbar minimal Spiel im Zylinder und verursacht dadurch ein metallisches Klappern beim Anfahren. Kolbenkipper sagt man dazu wohl, wie ich dank Vespaforum gelernt habe. Die Kompression ist trotzdem bombastisch.

Und weil die 60 km Probefahrt bei fast 40 Grad, ohne Pause und immer mit mindestens 2/3 Last, eher mehr, tatsächlich ohne Zwischenfälle verläuft, vertraue ich den beiden, wenn sie sagen, dass das nur ein Geräusch ist und keine weiteren Folgen hat.

Während der Probefahrt, reißen Bertl und ich die 12.000 km auf südamerikanischem Grund und weil ich auch das Getriebeöl noch von den zwei fähigen Mechanikern prüfen lassen will, mache ich solange Bertl noch heiß ist (und das alte Öl besser abfließt), den dritten Getriebeölwechsel binnen vier Monaten. Marcelo schaut, riecht und fühlt das alte Öl. Außer der paar wenigen, normalen, winzig kleinen Alu-Partikel darin, sind keine Auffälligkeiten festzustellen. Kein Geruch nach Benzin, der auf einen kaputten Wellendichtring hindeuten und eine andere Ursache für Hitzeentwicklung im Zylinder sein könnte. Alles also im Lack.

Für Marcelos Arbeit, bzw. investierte Zeit werden nach einmaligem „Vespa-Viajero-Discount“ von 50% noch 4.000 Pesos, also etwa EUR 60,-, fällig. Die mit Abstand teuerste Werkstattrechnung bisher, aber für die erhaltene Leistung wie ich finde, gerechtfertigt. Dazu habe ich zwei Tage lang kein Geld für Frühstück, Mittagessen und Übernachtung ausgegeben, da Diego wie oben erwähnt jegliche Bezahlung ablehnt.

Es ist also Mittwochabend und Bertl wieder vollends fit. Also hoffentlich. Zeigen wird sich das erst im Dauertest. Ich werde noch etwas Zeit und einige Hundert Kilometer brauchen, bis ich wieder komplett Vertrauen in meine orange Rakete gefasst habe. Die Erklärungen der beiden Sachverständigen machen aber durchaus Sinn und auch die Probefahrt stimmt ja zuversichtlich.

Zurück nach Mendoza

Den nächsten Morgen gehe ich wieder ruhig an. Mehr lässt die brütende Hitze am heutigen bislang heißesten Tag des Monats auch nicht zu. Überhaupt hat mich der argentinische Sommer voll in seinem Würgegriff. Appetit entwickle ich bei dieser Hitze wie schon einst in Cartagena zu Beginn meiner Reise keinen und bewegen will ich mich auch nicht mehr, als unbedingt nötig.

Vom Ventilator in Diegos Werkstatt angeblasen, schaffe ich es aber zumindest meine sämtlichen Werkzeuge und Ersatzteile wieder mit Benzin sauber zu machen. Diese waren durch den ständigen Einsatz der letzten Tage völlig verölt und dreckig, weshalb ich sie in dieser Form nicht wegpacken wollte. Außerdem hilft von Zeit zu Zeit eine Bestandsaufnahme der Teile und Werkzeuge dabei, einzuschätzen, was unnötigerweise mitgeschleppt wird und was eventuell nachbeschafft werden muss.

Gegen Mittag heißt es dann Abschied nehmen. Von Diego nur bis morgen beim Abendessen. Von seinen beiden mir ans Herz gewachsenen Wauzern leider bis Februar, wenn ich über Santiago de Chile vermutlich wieder nach San Martín komme.

Ich heize die 45 km ohne Pause und mit 70 Sachen zurück nach Mendoza und fasse bereits auf dieser Fahrt wieder etwas Zutrauen in Bertl. All die kleinen Querelen der letzten Tage werden in der Rückschau hoffentlich nur genau das sein: Kleine Querelen.

Der Traum von Feuerland lebt, Leute. Die Reise scheint weiterzugehen.