Tage 153, 154, 155 und 156: Gestürzt, vollgepisst, stinkend und durchgefroren. Aber in Patagonien.

Mario Andrés Meoni heißt der Mann, dem ich momentan übelsten Sprühstuhl aus der Hölle in Verbindung mit zwei unbeweglichen gebrochenen Armen wünsche. Der Mann ist Verkehrsminister Argentiniens und verantwortlich dafür, dass eine der beiden Hauptrouten gen Süden, die Ruta Nacional 40, über 80 km so aussieht und mir meinen ersten Sturz mit Bertl auf dieser Tour eingebracht hat:

Road to San Carlos

Der Reihe nach: Das Schicksal will offenbar unter gar keinen Umständen zulassen, dass ich mir die Flöte fülle. Denn vom angedachten Jahresaustandsabendessen des VC Mendoza melde ich mich am Donnerstagabend wieder ab, nachdem der Präsident jenes Clubs Daniel und Fergato noch am Donnerstagmittag rausgeworfen hatte. Vermeintlich weil die beiden ein Bild von uns allen beim Pizza essen auf der Facebook-Seite ihrer lateinamerikaweiten Gruppierung Vespa Ratz Latinoamerica hochgeladen hatten. Aus irgendeinem Grund missfiel das dem Präsidenten, weshalb er mit seinem offensichtlich nervösen Finger am Abzug keine Sekunde fackelte und die beiden einfach rauswarf.

Ich zögere ebenfalls keinen Moment und melde mich daraufhin gleich wieder ab. Mit dieser clubpolitischen Scheiße will ich nichts zu tun haben. Außerdem möchte ich nicht als Gast des Präsidenten erscheinen, der mir zuvor zwei Tage nicht geantwortet und mich mit meinem Vespa-Problem allein gelassen hatte, während Daniel und Fergato mir halfen.

Geschenkt. Ich nutze den Freitag daher und kaufe morgens in aller Ruhe noch meine ersten Lebensmittel ein, um meinen Gaskocher nicht nur rumzuschleppen, sondern sogar zu nutzen, wenn die Zelterei jetzt so richtig starten soll. Pasta, Fertigsaucen, Eier und die Basics Essig, Öl, Salz und Pfeffer.

Gegen Mittag um 13:00 Uhr starte ich dann, was Bertl anbelangt, noch vorsichtig aus Mendoza heraus. Sie sollte zwar überm Berg sein, aber wer weiß das nach den letzten Tagen schon so genau…

Mit dem Best of U2 und damit zu neuen Klängen auf dem rechten Lauscher, heize ich so parallel zu den Anden und der chilenischen Grenze gen Süden. Irgendwo in den Wolken da, sollte folgerichtig auch der fast 7.000 Meter hohe Aconcagua stecken. Dank der Wolken aber alles recht unspektakulär. Ich kann es aber kaum erwarten, auf dem „Rückweg“ die Anden von Chile kommend wieder zu überqueren.

50 km bei 65 km/h auf dem Tacho und meine Alte schlägt sich wacker. Hin und wieder denke ich für einen Moment es entwickelt sich Hitze im Zylinder und es klingt wie die Vorstufe zum Klemmer. Nur um dann doch alles nur meiner lebhaften Fantasie anzukreiden. Nichts. Rein gar nichts. Außer dem metallischen Klappern des Kolbenkippers, an das ich mich hoffentlich noch gewöhnen werde.

Nach etwa 85 km erreiche ich den Pueblo Tunuyán, vor dem sich ein Riesenstau gebildet hat. Auf dem Standstreifen passiere ich den, bis meine Fahrt an dessen Anfang erst einmal für eine gute Viertelstunde unterbrochen wird. Demonstranten protestieren gegen die Aufhebung eines Gesetzes „7722“ und dagegen „ihr Wasser anzurühren“ und haben dafür unter Aufsicht der Polizei die Straße blockiert. Es wird getrommelt, getanzt, gebrüllt und Wasser gespritzt. Ein Polizist vertreibt mir die Wartezeit indem er mit mir sein Englisch verbessern möchte, das bis dato nicht über ein unverständliches „Hello how are you?“ herausgeht. Jeder fängt mal klein an…

Irgendwann werden die Spuren frei gemacht und ich fahre durch ein gröhlendes Spalier weiter. Aber nur 20 km weiter in San Carlos erwartet mich die selbe Szenerie. Nur in bedeutend größer. Ein Polizist rät mir, Bertl schiebend, die Demonstranten um Durchlass zu bitten. Als ich aber ganz vorne ankomme, sehe ich dass das ein schwieriges Unterfangen wird. Der Protest geht über bestimmt 200 Meter.

Ich unterhalte mich also mit ein paar Demonstranten, zeige mich interessiert am Protest und erfahre, dass mit dem heutigen Tag ein Gesetz verabschiedet werden soll, das den Schutz des Grundwassers aushebeln soll und das es einer kanadischen Firma erlaubt hier Fracking zu betreiben. Und das macht mich dann tatsächlich auch etwas aggressiv und ich habe vollstes Verständnis für die Proteste.

Die vier Jungs mit denen ich mich unterhalte, raten mir von einer Weiterreise ab. Sie sagen, dass ab hier jeder Pueblo seine Straßen blockiert hat und ich kaum voran käme. Da ich sowieso nur noch 20 km weiterfahren wollte und es bereits 16:30 Uhr ist, fahre ich daher lieber in San Carlos zum Hostal Rosengarten und schlage in eben jenem mein Zelt auf.

Für fast vier Euro bekomme ich in diesem von einem Deutschen gegründeten Hostal nicht nur eine super Dusche, Swimmingpool-Nutzung, sondern auch Besteck zum Kochen geliehen und Beistand durch den deutschen Schäferhund Otto Schneider. Japp, korrekt. Der Hund hat einen Nachnamen bekommen.

Onkel N. kocht sich noch lecker Salätchen und Pasta und macht dann bald schon die Äuglein zu. Das Leben als Vespapilot ist ein (nur körperlich) ermüdendes.

Road to Bardas Blancas

Weil der Protest gestern neben einer YPF-Tankstelle von Statten ging, haben die angehaltenen Streikopfer jene gestern noch leergetankt und ich muss heute meinen eigenen Shell-Boykott brechen und bei diesem Verbrecherverein volltanken. Denn die nächsten 300 km gibt es sonst keinen Markensprit mehr. Und nach all der Kolbenmisere kommt mir kein billiger Fusel mehr in den Tank. Da die YPF leer ist, ist die Schlange bei Shell entsprechend lang und es dauert bis 10:30 Uhr bis ich heute zum Best of Dropkick Murphys San Carlos verlasse.

„Du bist jetzt quasi an der Schwelle zu Patagonien. Ab hier hast du immer einen Reisebegleiter: Se llama viento. Er heißt Wind.“ hatte der selbst viel gereiste Hostelbesitzer mir gestern Abend noch erzählt. Und er hatte nicht gelogen, wenn auch der Wind bislang noch unter dem Perú-Niveau liegt.

Ansonsten ist die prä-patagonische Landschaft noch keine solche der absoluten extreme wie Chile oder Perú. Davon abgesehen, dass man hin und wieder, zumindest laut Beschilderung, die Eiger Nordwand hochzufahren hat.

Aber die Landschaft ist auf ihre Weise mit Flüssen, Vulkanen und endloser Weite auch irgendwie schön.

Viel geradeaus. Wenig Verkehr. Ich denke mal wieder viel nach. Heute an Cartagena vor vier Monaten und wie alles begann. Wahnsinn, was seither alles passiert ist. Ein Grinsen kann ich mir nicht verkneifen beim Gedanken daran wie amateurhaft ich anfangs unterwegs war. Und ein wenig auch immer noch bin, wenn man ehrlich ist.

Die Hitze von Mendoza gehört der Vergangenheit an. Lange Sipplinger, Thermo-Unterhemd und ein Pulli unter der Motorradjacke heißt die Realität. Dazu zwei Paar Handschuhe. Ab jetzt fahre ich mit jedem Kilometer mehr näher an die Antarktis und damit in die Kälte.

Um 12 Uhr sind hundert, mental ermüdende, weil geradeaus gefahrene Kilometer abgehakt und nach 180 km finde ich an einer Tankstelle endlich etwas zu essen. Und als ich da so an der Theke stehe und mein Sandwich ordere, höre ich plötzlich jemanden rufen: „Norman? Eres Norman?“, „bist du Norman?„. Was’n hier los, denke ich mit Lukas Podolski Stimme und sehe mich einem jungen Argentinier namens Bruno gegenüber. Seines Zeichens Mitglied des dünnhäutigen Vespa Club Mendoza. Über die WhatsApp-Gruppe des Clubs hatte er schon mal ein Bild von meiner Vespa gesehen und mich daher mit Namen angesprochen. Er fährt mit Freunden übers Wochenende in die Wallachei, weshalb sich unsere Wege gerade hier, über 300 km außerhalb Mendozas kreuzen. Wir unterhalten uns kurz. Bruno zeigt mir Bilder seiner PX 150 und dann verabschieden wir uns. Was ein Zufall…

250 km. Ich erreiche Malargüe. Die erste größere Stadt seit Mendoza. Zeit Tank und Kanister bei meiner geliebten YPF-Tanke zu füllen und frisches Gemüse für heute Abend zu kaufen. Nachdem ich zunächst die Avancen der beiden Gemüse-Ladies noch abblocken kann und lediglich für ein Foto mit Bertl bereitstehen muss…

…kapiere ich erst 30 km außerhalb, als es längst zu spät ist, dass das Gespräch, das die gutaussehende argentinische Polizistin kurz nach den Gemüsefotos mit mir begonnen hatte, auch ein Flirt war. Im Gegensatz zu den Gemüseladies wäre ich von der Bekanntschaft mit dieser Frau nicht abgeneigt gewesen. Aber abgelenkt durch die Uniform und schlicht gestraft mit grundsätzlicher Dummheit realisiere ich erst später, dass ihre Fragen nach meinem Bestimmungsort und ihr Vorschlag doch heute in Malargüe zu bleiben nicht nur dienstlicher Natur waren. Frauen und ich. Eine Erfolgsstory.

Aber meine uniformierte argentinische Traumfrau streiche ich schnell aus dem Kopf, als ich die traumhaft kurvigen letzten 40 km ab Malargüe nach Bardas Blancas in Angriff nehme.

Zeit und Kilometer vergehen einfach bedeutend schneller, wenn hinter jeder Kurve wieder ein neuer Blick auf ein Tal, einen Berg oder einen Fluss lauert.

Auf dem Parkplatz eines unglaublich netten alten Hostelbetreibers, schlage ich meine sämtlichen Heringe krumm, beim Versuch mein Zelt, das sich nur mit Heringen im Boden aufrichten lässt, aufzubauen, finde aber irgendwann ein paar Quadratmeter weichen Untergrundes und habe Erfolg mit meinem Unterfangen. Ich mache meinen Salat mit Pasta, der vermutlich zum Standardessen der nächsten sechs Monate werden wird, bestaune die krassen Farben des Sonnenuntergangs…

…und schlafe dank Stromausfalls im Vier-Häuser-Pueblo Bardas Blancas, den ich ja einem möglichen Super-Date mit einer argentinischen Göttin in Uniform vorgezogen hatte, in völliger Dunkelheit ein.

Road to Chos Malal

Der nächste Morgen hält neben selbstgekochtem Rührei mit Tomaten und Zwiebel eine unbequeme Wahrheit bereit, die ich seit Tagen versucht hatte zu ignorieren. Laut meiner App wird es ab hier bis zum nächsten Zwischenziel Bariloche (843 km) nämlich wieder verdammt schottrig.

Als ich vor Wochen bereits einmal die Machbarkeit der Strecke geprüft hatte, hatte ich 50 km „unbefestigt“ gesehen und als machbar eingestuft. Seit der Horrortour Cachi –> Cafayate aber weiß ich, dass der Ausdruck „befestigt“ jetzt auch kein Grund mehr zur Spontanejakulation ist, sondern ebenfalls ruppig sein kann. Und der heutige Abschnitt zeigt jede Menge „befestigt“ und nur ganz wenig „Asphalt“. Alternative gibt es dieses Mal aber wirklich absolut gar keine. Die RN40 ist eine der beiden Hauptverkehrsadern gen Süden und von allen beschissenen Straßen noch die beste. Da muss ich jetzt durch.

Wieder rein in meine eklige verschwitzte stinkende Reisekleidung. Denn Zeit zum Waschen bleibt bei dem Rhythmus, den ich an den Tag lege nicht. Und frische Kleidung kommt nicht in Frage. Denn irgendwie saut man sich als Zweitaktpilot immer wieder mit Öl ein. Und ein Satz versauter Kleidung reicht vorerst völlig. Eklig? Jepp. Aber nur ohne Fahrtwind.

Sowieso wäre dieser Reiserhythmus nicht jedermanns Sache. Den ganzen Tag von früh morgens unterwegs durch absolutes Niemandsland ohne Kontakt zu irgendeiner Menschenseele und abends völlig gerädert an Hostel oder Campingplatz ankommen um nur noch erschöpft in die Koje zu fallen. Zeit für Friseurbesuche o. Ä. bleibt da ebenfalls nicht, was auch erklärt, dass ich inzwischen aussehe wie eine gruselige Horror-Version von Robinson Crusoe. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird.

Genau 22 km sind es ab meinem Nachtlager entlang dieser herrlichen Landschaft…

…bis es schon schottrig wird. Ich halte nochmal kurz, sammle mich und lege los. Ich habe mir vorgenommen mir heute meine Laune nicht von der Straße versauen zu lassen. Komme was wolle.

Und zu Beginn kann ich auch noch mit 40 die Straße entlang stauben. Manchmal etwas holprig aber im Allgemeinen kein Problem. Im Allgemeinen. Denn im Speziellen ist es doch manchmal eines. Nämlich dann wenn der Untergrund, ob Sand oder Schotter, plötzlich sehr tief wird. Dann schlingert das Hinterrad nämlich wieder etwas und es braucht Körpereinsatz zum Verhindern eines Crashs.

Wenn ich nicht gerade hochkonzentriert einen Sturz verhindern muss, lockere ich ständig meine Hände, meinen Nacken und meinen Rücken etwas auf. Es gilt nicht dieselben Fehler wie zuletzt zu machen. Bislang läuft also alles. Und die Landschaft trägt dazu bei…

Dann kommt es aber wieder geballt. In Form von Querrillen, sowie Sand und Staub und demzufolge auch wieder Bertl-Problemen. Manchmal pendelt sich beim Kupplung ziehen das Standgas nicht mehr ein und sie dreht stattdessen immer weiter hoch, was gewöhnlich ein Symptom von Falschluft ist. Ein ander Mal geht sie beim Kupplung ziehen dagegen aus. Passt hinten und vorne nicht zusammen.

Da ich mir vorgenommen hatte, ab sofort ganz genau auf die Signale zu hören, die Bertl mir funkt, halte ich an und denke nach. Niemals mehr einfach weiterfahren. Niemals mehr weitere Kolben- oder Zylinderprobleme riskieren. Allzu komplex ist der Sachverhalt hier und heute allerdings nicht. Zwei Dinge sind anders als auf Asphalt. Die Vibrationen. Und der Staub. Erstere sollten eigentlich keine derartigen Auswirkungen haben. Letzterer dagegen schon. Kann der Luftfilter das Zeug nicht alles aus der angesaugten Luft filtern, verstopfen die Düsen und bescheren weitere Probleme. Da bereits nach 20 km der Motorraum so aussieht, gehe ich davon aus diese Theorie könnte passen.

Ich reinige gründlich beide Düsen, setze alles wieder zusammen und Bertl läuft wieder ganz ruhig. Theorie bestätigt. Weiter geht es.

Mit gereinigten Düsen entgehe ich in der Folge zum ersten Mal ganz knapp einem Sturz. In einer Linkskurve fahre ich weit außen, da dort eine der Spurrillen einen festen Untergrund bietet. Als der aber plötzlich tief wird, fängt das Hinterrad an zu pendeln und lässt sich nicht mehr einfangen, sondern pendelt mit jedem Pendler sogar schlimmer. Bevor es aber in einem Crash enden kann, komme ich zum Glück noch zum Stehen. Durchatmen. Weiterfahren.

Keine 5 km weiter. Wieder Drehzahlanomalien. Das gibt es doch nicht. Super, dass ich das Problem kenne. Aber alle 10 km anhalten um den Vergaser zu reinigen, kann bei 100 km Dreckpiste ja lustig werden. Denn jedes Mal muss ich mein gesamtes Gepäck abpacken, Bertl öffnen, Vergaser aufschrauben, Düsen säubern und das ganze wieder umgekehrt zum Zusammenbau. In heftigster Hitze ohne auch nur den Hauch einer Chance auf Schatten. Das nervt hart an. Zum ersten Mal muss ich mich sammeln um gut gelaunt zu bleiben. Ich rede mit mir selbst und versichere mir, dass es nur ein Zufall ist, dass es dieses Mal so schnell ging mit dem Verdrecken und danach sicher besser wird.

Und tatsächlich stellt sich der Verursacher dieses Mal merkwürdigerweise als ein kleines rotes Stück Plastik in der Nebendüse heraus. Und ebenfalls tatsächlich sollte es bei gesamthaft 80 km Dreckpiste bei vier Mal Düsen reinigen bleiben.

Aber der Reihe nach. An dieser Schlucht unterhalte ich mich mit zwei Argentiniern, die selbst nicht fassen können, in welch schlechtem Zustand sich diese Hauptverkehrsader befindet.

Der weibliche Part dieses Pärchens spricht gar davon, sich für ihr Land zu schämen, dass es so etwas seit Jahren zulässt.

Tatsächlich sollte sich meiner Ansicht nach nur der, nach Andi Scheuer, zweitschlechteste Verkehrsminister der Welt schämen. Und niemand sonst. Aber die Erfahrung vom letzten Mal hilft und ich lasse mir die Laune nicht verderben. Dazu trägt auch die spannend bizarre Landschaft mit ihren farbigen Felsformationen bei.

Und selbst als ich dann nach etwa 78 km zum ersten Mal Feindkontakt mit der Schotterpiste habe, nehme ich es sportlich. Musste ja irgendwann passieren. Ähnlich wie zuvor treibt es mich immer weiter aus der Kurve heraus. Im sandigen Untergrund bin ich dann nicht mehr in der Lage zu manövrieren und letztlich stürze ich bei etwa 20 km/h auf die linke Seite. Mein Knie macht ebenso wie Bertl’s linke, sowieso schon vom Wasserfall-Umfaller verdellte Seitenhaube, Bekanntschaft mit der Piste. Hose und lange Sipplinger reißen auf und es blutet etwas. Bertl scheint außer ein paar Kratzern mehr in der Haube nichts passiert zu sein. Ich richte die Alte auf, schnaufe durch und verlasse den Unglücksort.

Ohne meine Medellíner Adidas Superstars. Die waren wie üblich in der Isomatte eingerollt, haben aber bei all dem Gerüttel wohl irgendwann zwischendurch den Sprung über die Planke gewagt und zieren nun irgendwo in der Pampa die Ruta Nacional 40.

Keine sechs Kilometer später, hat das Leiden nach 84 km Rüttelbehandlung ein Ende. Endlich wieder Asphalt unterm Gummi und dazu diesen Ausblick. Wat willste mehr?

Ich nutze den guten Untergrund und mache Kilometer. Denn bislang war ich zwar schon lange unterwegs. Strecke habe ich aber nicht viel gemacht. In der Ferne bieten sich mir endlich wieder Blicke auf schneebedeckte Berge. Irgendwie immer ein Highlight entlang der Route.

Und irgendwann passiere ich ein völlig unscheinbares Schild, das mir bei genauerem Hinsehen anzeigt, dass ich offiziell Patagonien betreten habe. Das Bild zeigt eine gestellte Kloppo-Jubelsäge zur Feier dieser Leistung.

Als ich dann um 16:00 Uhr in Buta Ranquil ankomme, beschließe ich dass es noch zu früh ist für Feierabend und ziehe noch durch bis nach Chos Malal. Inklusive 84 zäher Rüttelkilometer habe ich heute so trotzdem noch über 270 km machen können.

Ich schlage mein Zelt auf dem öffentlichen Campingplatz auf und koche mir meine Pasta. Habe ich dazu immer noch kein eigenes Besteck? Möglicherweise. Kann mir hier nun zum ersten Mal niemand Besteck borgen? Danach sieht es aus. Esse ich daher meine Spaghetti nun mit einem Stock, den ich vom Baum gebrochen habe? Aber sichael.

Road to Junín de los Andes

Am nächsten Morgen werde ich wieder durch die Kälte geweckt. Irgendwie scheint mir von unten zu viel davon ins Zelt zu ziehen. Will ich weiter südlich weiter campen, dann muss ich hier eine Lösung finden. Aber selbst wenn die Kälte es nicht erledigt hätte, dann hätte mich spätestens der fleißige Gemeindemitarbeiter aus meinem Träumen vom Polizistinnen-Superdate gerissen, als er um 5:30 Uhr morgens den Campingplatzrasen mäht. Warum, Bruder? Warum?

Wieder haben über Nacht Hunde meine Sachen verpisst. Heute hat es den Benzinkanister und die Vorderradfelge erwischt. Nach gründlicher Reinigung starte ich so, zu diesem frühen Start regelrecht gezwungen, zu „80’s Rock Anthems“ und der Erkenntnis, dass es auch in Argentinien H***nsöhne gibt, in den Tag.

30 km runter. 9:30 Uhr. Erster Stop. Hinter mir die Berge.

Vor mir kilometerlanges Asphaltband.

Mir gefällt es nicht so sehr, wenn ich bereits so lange vorher weiß was kommt. Das Überraschungsmoment bleibt da irgendwie (Achtung, flach) auf der Strecke. Schön ist es irgendwie trotzdem.

Weitere 30 km später. Technisch alles in Butter und mit einwandfifi Straßenbelag kann ich endlich den Fokus wieder etwas auf die Umgebung richten. In diesem Fall sind das wieder diese weird geformten Felsen mit den geschwungenen Farbverläufen.

90 km durch. Zu Whitesnake und Here I go again eskaliere ich lautstark singend in meinen Helm der Marke Shaft und denke dabei zurück, wie oft ich dazu im heimischen Sportheim auf dem Barhocker das Gitarrensolo gerockt habe. Tolle Erinnerungen.

Die auf dem vorherigen Bild gesehenen Berge habe ich inzwischen durchquert und befinde mich im freien Feld. Der Wind ballert daher von der Seite rein. Nicht allzu schlimm aber latent nervig trotzdem.

Bis ich um 11 Uhr die 120 km anreiße, sehe ich eine Herde (heißt das so?) Strauße (ist das der Plural?) oder Emus. Oder irgendwelche anderen Riesenvögel ohne Flügel. Keinen Plan ehrlicherweise. Wann hat man schon Mal Zeit sich mit Vögeln zu beschäftigen? Jepp, der musste sein. Anyway… Für ein Foto der Viecher reicht es leider nicht. Dafür sind sie zu flink.

Nach 150 km durch diese ewig vorherzusehende Senke, schenkt mir der Streckenverlauf endlich neue Berge vor mir.

Der Wind hat inzwischen bereits eine solche Stärke erreicht, dass ich selbst wenn es steil bergab geht, merklich langsamer werde, wenn ich die Kupplung ziehe.

165 km. Las Lajas. Mittagessen. Auftanken. Nicht der Rede wert. Weiterschießen.

Die Strecke wird etwas zäh. Nicht viel los. Immer geradeaus. Nur der Wind bläst immer stärker werdend unaufhörlich weiter. Um fokussiert zu bleiben, nutze ich das inzwischen sonnengewärmte Wasser aus meinem Kanister und mache lauwarmen Instantkaffee. Ein Traum dieses Vagabundenleben.

Die Kilometer raspeln sich heute wieder von selbst. Einzig der inzwischen ultraheftige Wind und leichte Knieschmerzen vom Sturz machen es etwas zäh. Das größte Problem, das der legendäre patagonische Wind mit sich bringt, hängt aber nicht mit dem Fahren zusammen, sondern liegt in der nun erschwerten Ausrichtung des Rüssels während der Pisspause. Die unberechenbare Richtung in Verbindung mit der Intensität des Windes führt nicht selten zu Spritzern auf dem Beinkleid.

Während der Fahrt macht sich der Wind durch hin und wieder heftige Böen bemerkbar, aufgrund derer ich ähnlich wie auf der Schotterpiste sehr verkrampft auf dem Hobel sitzen muss. Dazu kommt das plötzliche Wegfallen des Windkissens wenn mich Autos überholen. Die meisten Verkehrsteilnehmer respektieren den dazu wichtige Sicherheitsabstand. Merkwürdig oft sind es jedoch Fahrer unnötig großer Pickups der Modelle VW Amarok, Ford Ranger und Toyota Hilux, die darauf einen Scheiß geben. Jeder einzelne wird von mir mit einem Huper zur Erlangung der Aufmerksamkeit und einem erhobenen linken Stinkefinger zur Kundtuung meiner Verachtung für sie bedacht.

320 km heute und 13.000 gesamthaft sind runter. Ich lehne bei Wind von vorne oft kilometerlang vornübergebeugt, möglichst zusammengekauert wie ein Moto GP Pilot, auf Bertl um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Bei Seitenwind muss ich so mit Gewichtsverlagerung dagegen arbeiten, dass ich sicherlich mit einem stabilen 15°-Winkel unterwegs bin.

Beim Pause machen, habe ich mehrmals Angst, dass es mir Bertl wieder umbläst, weshalb ich jene Pausen möglichst kurz halte. Das werden Kolben und Zylinder schon aushalten, denke ich mir.

Irgendwann erreiche ich nach 421 km Junín de los Andes und entscheide mich heute gegen einen Campingplatz und für ein Hostel. Bitter nötig. Kalte Nächte im Zelt, stinkende Klamotten, Hundepisse, Spaghetti und Rührei mit dem Stock essen. Dazu ein Sturz. Die letzten Tage waren fordernd. Wie erwartet. Und daher beklage ich mich auch nicht. Aber ein Hostel tut heute trotzdem gut.

Der Wind und dadurch eben auch der Windwiderstand waren heute so stark, dass die Reichweite eines Tanks bis zum nötigen Umlegen des Benzinhahns auf Reserve, von 220 km am vorgestrigen, auf 150 km am heutigen Tag sank. Ein enormer Unterschied.

Aber all das ist vermutlich nur ein Vorgeschmack auf das was mir auf dem Weg nach Feuerland noch so blüht. Ich freu mich drauf. Ich bin nach diesen 1.149 km in vier Tagen mehr als bereit. Bring it on, Patagonia, bring it on. Auf noch mehr windige Kilometer und verpisste Hosen.

2 Antworten zu “Tage 153, 154, 155 und 156: Gestürzt, vollgepisst, stinkend und durchgefroren. Aber in Patagonien.”

  1. Hallo Norman, Respekt vor deiner Leistung 👍.👏
    Ich wünsch dir trotz aller Strapazen noch ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch (nicht wörtlich gemeint)ins neue Jahr. Und allzeit gute Fahrt und immer ein paar Zentimeter Asphalt unter den Reifen.
    Viele Grüße aus Orsingen
    Thomas Josef

Schreibe einen Kommentar zu Asesino del osos massivo Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.