Tage 157, 158 und 159: Kennt sich jemand mit Fingern aus?

All die kleinen im letzten Artikel beschriebenen Widrigkeiten stecke ich ohne Weiteres weg. Etwas was mich mehr beschäftigt, ist, dass ich seit einigen Tagen jeden Morgen mit geschwollenen Fingern aufwache. Dazu schmerzen die Fingergelenke und der kleine Finger rastet beim Auffalten einer Faust auf halber Strecke zunächst ein und ich muss ihn gegen einen Widerstand in die komplett ausgestreckte Position drücken. Die Symptome ähneln denen einer Rheuma-Erkrankung. Mit einer Diclofenac-haltigen Creme bekämpfe ich so ab jetzt jeden Morgen die Schmerzen und damit die Symptome. Ursächlich dürfte einfach reine Überanstrengung sein. Denn durch die Schotterpisten und windigen Streckenabschnitte saß ich, wie bereits öfter erwähnt, in diesen letzten Tagen sehr verkrampft auf dem Hobel. Und genau so verkrampft hatte ich auch die Griffe umklammert. Auch das linke Handgelenk schmerzt etwas vom Kuppeln und Schalten, jedoch bei Weitem nicht so intensiv, wie meine Finger.

Doch trotz der Schmerzen steht mir heute noch ein letzter Tag des Fahrens bevor, ehe ich eine Pause eingeplant habe. Und diese Fahrt hat es wieder Mal in sich. Positiv wie negativ. Alles dabei.

Noch in Junín de los Andes prüfe ich die Wettervorhersage für mein angestrebtes Tagesziel, San Carlos de Bariloche, oder kurz Bariloche. Gemütliche 13 Grad Spitze am Mittag, dazu eine verhältnismäßig hohe Regenwahrscheinlichkeit und außerdem der übliche, im Tagesverlauf immer stärker werdende, patagonische Wind.

Aber bis nach Bariloche sind es „nur“ 232 km und irgendwie werde ich da schon durchkommen. Die kuscheligen drei Grad Tiefsttemperatur lassen mich außerdem nochmal vom Zelten absehen, bis ich das Problem mit der Kälte im Zelt gelöst habe. Daher buche ich noch vor der Abfahrt ein Hostel in Bariloche und mache mich dann auf die löchrigen Socken.

Ich bin nur etwa 20 km unterwegs, als ich mich das erste Mal frage wie ich hier und heute bei so einer Witterung ankommen soll. Von den bis Ushuaia fehlenden knapp 2.000 km Mal abgesehen. Es ist sowieso schon kalt, aber zusammen mit dem einsetzenden Nieselregen und dem Wind frieren mir fast die Flossen ab. Ich halte an um eine zusätzliche Jacke anzuziehen und wärme mir dabei zum ersten Mal die bereits tauben Hände am Auspuff. Ich trage zwar wieder ein Paar Mechanikerhandschuhe unter den Motorradhandschuhen. Trotzdem ist das hier und heute einfach nicht im Ansatz ausreichend. Ich rede mir ein, dass es schon irgendwie gehen wird und ich eben mehr Stopps einlegen muss um mir die Pfoten zu wärmen.

Den nächsten solchen mache ich nach 40 km in San Martín de los Andes. Auf dem Weg dorthin haut mir der Wind die Regentropfen um die im Helm verpackten Ohren. Ich bin in diesem Moment froh, nicht mehr mit Halbschale unterwegs zu sein. Der Regen ist aber noch nicht stark genug um mich zum Pausieren zu zwingen. Ist das alles was du hast, Patagonien? denke ich während ich meine Hände in ein zweites Paar Mechanikerhandschuhe drücke und damit noch in meine Motorradhandschuhe schlüpfe. Damit habe ich zwar kein Gefühl mehr in den Händen, aber etwas besseren, wenn auch immer noch nicht ausreichenden Schutz vor der Kälte.

Die Gegend erinnert mich irgendwie an Alaska, wie ich es aus Filmen kenne. Vegetation, Bauart der Häuser und im Grunde alles, hatten sich im Laufe der Monsteretappe nach Junín de los Andes radikal geändert. So ist die Landschaft geprägt von Nadelwald statt Kakteen, die Häuser sind stabil wirkende Holzhäuser anstelle der zuvor viel gesehenen scheppsen Hütten und überall kann man schneebedeckte Berggipfel sehen.

San Martín de los Andes also. Ein Wintersportmekka im Winter. An diesem See gelegen immerhin schön anzusehen im Sommer.

Und als ich San Martín verlasse, hat sich auch zum allerersten Mal das Wetter radikal gewandelt. Etwas was es heute noch mehrmals machen sollte. Ein unfassbar schöner Streckenabschnitt zieht sich einige Kilometer am Lago Lácar entlang…

… dann kurvig ins Hinterland…

…und offenbart dabei nochmals Blicke auf den See.

Wenn gerade keine Seen in Sichtweite sind, dann sind es die Blumen, die in verschiedensten Farben in voller Blüte stehen, die meine Blicke fangen.

Ich schieße die Straße mit 70 Sachen entlang und mache Kilometer um Kilometer. Es macht unglaublich viel Spaß, wenn mich auch meine kalten Hände spätestens alle zehn Kilometer zu einem Stopp und Kontakt zum Auspuff zwingen.

Ich passiere noch die Lagos Machonico und Hermoso

…und erreiche dann nach nur 90 von 232 km gerade so kurz vor einem Mordsregenguss einen Campingplatz am Lago Falkner, wo ich mich mit Kaffee aufwärmen und meine Bertl und mich selbst unter einem Dach unterstellen kann. Der vormals schön blaue Himmel sieht nun in alle Richtungen so aus:

Bei einer solchen Witterung kann ich schlicht nicht fahren. Das hat nichts damit zu tun, dass ich von Natur aus ein Weichspüler bin. Was ich ohne jeden Zweifel bin. Aber bei mehr als zehn Kilometern ohne zwischenwärmen sind meine Hände komplett taub. In trockenen Handschuhen. Wie sich nasse Handschuhe auf dieses Intervall auswirken würden, kann sich vermutlich jeder selbst ausmalen. Der Rezeptionist des Campingplatzes nimmt mir dann jede Hoffnung, als er sagt, dass es bis Bariloche auch nicht mehr aufhören wird zu regnen. Außerdem sagt er: Bariloche? Das schaffst du heute nicht mehr. Challenge accepted, Bratan. Prophezeiungen wie diese bewirken bei mir in letzter Zeit eher das Gegenteil des vom Aussprechenden Gewollten. In dem Fall ein extra Motivatiosschub. Ich ordere nochmal einen Kaffee, ziehe meine in Peru gekaufte Regenhose und einen weiteren Pullover über und nutze den Moment, als der Himmel über dem Lago Falkner dann plötzlich binnen Sekunden wieder so aussieht.

Genau einen Kilometer schaffe ich, bis es wieder anfängt zu regnen. Aber ich habe keinen Bock umzudrehen und mit eingezogenem Schwanz wieder auf dem Campingplatz vorzufahren. Stattdessen: 30 km absolute Qual. Kein Fahrspaß. Keine schönen Aussichten. Nur Qual. Dazu ständige Stops um die Hände am Auspuffrohr zu wärmen. Das Gummi des Profils auf meinen Handschuhen ist bereits nahezu komplett an den Auspuff geschmolzen. Scheißegal. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.

Dann reißt wieder auf ein Schlag der Himmel auf. Kein Regen mehr. Binnen Minuten trocknet die unglaublich kurvige Straße. Dazu rechterhand der Lago Correntoso. Was macht das plötzlich wieder Spaß.

Ich juble in meinen Helm und denke über den Berg zu sein. Bei einem kurzen Stopp am Lago Espejo Grande (großer Spiegel) zieht allerdings in der Ferne von hinter mir schon wieder der nächste Regenguss heran…

…und ich entscheide schnell weiterzufahren. Genau zehn Kilometer komme ich so, bevor mich der Regen einholt und mich bis zum Erreichen der Stadt Villa Angostura nach gesamthaft 150 km komplett einnässt. Die Regenhose aus Peru ist nicht im Geringsten wasserdicht. Unter 0. Keinerlei wasserabweisende Wirkung. Eine weitere peruanische Lüge, die mich Wochen später nun einholt. So reizvoll Peru landschaftlich war, so wenig wurde ich irgendwie bis zum Ende warm mit den Menschen. Zumindest mit jenen, die ständig versucht hatten, an mir Geld zu verdienen. An das Verkaufsgespräch zu dieser Hose erinnere ich mich noch genau. Mehrmals habe ich nachgefragt ob die Hose auch sicher wasserdicht sei. Ich müsse sie beim Motorradfahren tragen und daher sei die Wasserdichtigkeit sehr wichtig. Ja ja, wasserdicht, log mir die Frau auf dem Markt dreckig ins Gesicht, ausschließlich auf mein Geld aus und nicht im Geringsten daran interessiert, ob ich aufgrund ihrer Lüge später Mal Probleme haben werde. Aber genug nach Peru nachgetreten. Jetzt ist Argentinien.

In Villa Angostura mache ich den Gönni und lasse mir zu Heiligabend Pizza raus, wechsle meine Hose und warte darauf, dass die Witterung wieder fahrfreundlicher wird, sowie darauf, dass der Rest meiner Kleidung etwas trocknet.

Am bislang größten der gesehenen Seen, dem Lago Nahuel Huapi, entlang geht es bei bestem Wetter nach Bariloche. Wieder mit voller Reisegeschwindigkeit auf einer nagelneuen Straße, mit Blicken wie diesen.

Die Gegend erinnert mich oft an die Heimat. Aufnahmen wie die obigen könnten auch aus der Schweiz, aus Österreich und Italien oder gar aus Deutschland stammen.

Mit wieder schmerzenden Griffeln, lege ich diese letzten paar Kilometer nach Bariloche zurück und erreiche nach wieder fast 9 Stunden abends mein Hostel in Bariloche.

In dieser letzten größeren Stadt für fast 1.000 Kilometer will ich Mal wieder Wäsche machen lassen, meinem geschundenen Körper eine Pause von der Fahrerei gönnen und einige Besorgungen machen, ohne die die Reise weiter gen Süden schwer wird. Dazu zählen nach den Erfahrungen der vergangenen Tage zum Beispiel eine vernünftige Isomatte und gescheite Motorradhandschuhe. Blöderweise ist es am heutigen Tag zu spät für irgendwas davon und der morgige 25. Dezember ist hier der Tag, an dem alles dicht ist. Inklusive mir, wie sich zeigen sollte. Aus der geplanten Weiterfahrt am 26. Dezember wird so wohl nichts und ich plane noch einen Tag mehr nichts zu tun, am 26. meine Besorgungen zu machen und tags darauf weiterzuziehen.

Aufgrund wieder starker Fingerschmerzen am nächsten Morgen beschließe ich die etwa 50 km lange Rundtour namens Circuito Chico entlang des Lago Nahuel Huapi nicht zu machen und wandere vormittags stattdessen etwas durch die am heutigen Weihnachtsfeiertag einer Geisterstadt gleichende Innenstadt von Bariloche. Alles ist ausgestorben. Ampeln schalten durch, ohne dass es Autos gäbe, die sich dafür interessieren. Niemand ist auf der Straße. Wieso auch? Hat ja sowieso alles zu.

Ich wandere etwas durch die schönen Gassen…

…und an der Promenade entlang…

…und finde irgendwann sogar ein Restaurant, welches ganztags geöffnet ist. Und weil ich absolut nichts besseres zu tun habe und nach wochenlanger Abstinenz auch Mal wieder mächtig Bock darauf habe, beschließe ich, mich in diesem Restaurant gehörig volllaufen zu lassen, an einem Tag, an dem man sonst nun wirklich nicht viel anderes machen könnte.

Und weil ich ein wenig aus dem Training bin, reichen an diesem Tag 5 Bier und ein Alkopop völlig aus um mich um kurz vor 21 Uhr komplett abgedichtet ins Bett zu begeben. Mission accomplished.

Der zweite Weihnachtsfeiertag beginnt entsprechend spät und verkatert. Ein Gefühl, das ich schon fast nicht mehr kannte. Ich stopfe mir die Taschen voller Geld und mache mich daran meine Einkaufsliste abzuarbeiten. Ich gebe meine Wäsche ab und kaufe ein neues Handyladekabel, eine Schutzfolie für mein in Peru erneuertes Handydisplay, eine zusätzliche Gaskartusche für meinen Kocher, einen Satz Besteck, eine vernünftig dämmende Isomatte für unter meine aktuell genutzte Yogamatte, gute dünne Handschuhe für unter meine Motorradhandschuhe, eine Strumpfhose zum Überstülpen über den Luftfilter als Vorfilterstufe bei der nächsten Schotterpistenfahrt, eine gute Regenkombi und Lenkerstulpen gegen Wind und Regen. Dazu stocke ich meine Lebensmittelvorräte mit mehr Fertigsaucen und 1,5 kg Spaghetti auf. Vom Kauf eines Gläschens Pesto sehe ich bei einem Preis von über EUR 7,- dann aber ab.

Einerseits bin ich nun also optimal ausgerüstet. Andererseits erfahre ich beim Gespräch im Motorradgeschäft auch, dass ich einfach nur Mordspech mit dem Wetter hatte. Bereits am heutigen 26. Dezember beträgt der Temperaturhöchstwert in Bariloche wieder 25 Grad Celsius und Regen ist auch abgesagt. Im Laufe der Woche steigen die Temperaturen gar auf fast 30 Grad. Schade um die spektakuläre Strecke entlang der siete Lagos, der sieben Seen, die ich an Heiligabend am wettertechnisch beschissensten Tag des Monats gemacht habe. Aber wenigstens ist dieses Sauwetter entgegen meiner ersten Annahme nicht die Normalität und ich bin wieder deutlich zuversichtlicher es wirklich lebend, ohne viel zu leiden nach Ushuaia zu schaffen.

Den restlichen Tag verbringe ich bei viel zu hohem Kaffeekonsum mit englischem Fußball auf der Hostelcouch und sehe Kloppo dabei zu, wie er gegen Leicester City weiter an seinem Denkmal werkelt. Den Circuito Chico habe ich der Fingerschmerzen wegen wieder abgesagt. Eventuell hole ich diesen morgen am Vormittag noch nach, ehe dann die Weiterfahrt nach Esquel ansteht. Daumen drücken, dass die Schmerzen vergehen. Aber nicht zu fest, denn sonst tun Erstere auch noch weh.