Tage 160, 161 und 162: Warum Norman kein Normmann ist

Man könnte sagen: Das Schicksal hat mich zu Weihnachten nach Bariloche gespült. Denn geplant hatte ich das nicht. Was ich aber nun plane, ist das Erreichen von Ushuaia bis spätestens 12. Januar. Denn wie es der Zufall will, wird einer meiner ehemaligen Kommilitonen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls dort aufschlagen. Und wie es nicht der Zufall, sondern ein vorausschauender Ex-Kommilitone will, befindet sich in dessen Reisegepäck eine Flasche feinsten Weinbrandes der Marke Asbach Uralt. Und damit ist klar: Ich muss am 12. Januar in Ushuaia sein. Und wenn ich Bertl über die Ziellinie schieben muss.

Und da auch meine Fingerschmerzen im Laufe der zwei Pausentage genügend abgeklungen sind, geht es heute weiter. Binnen dreier Tage möchte ich die 840 km entfernte nächste Großstadt Comodoro Rivadavia erreichen. Im Schnitt 280 km jeden Tag und damit nach den bisherigen Erfahrungen ein Kinderspiel. Doch Patagonien lehrt mich schnell, dass hier dank schneller Wetterumschwünge und maroder Straßen alles noch weniger planbar ist, als bislang. Und so bin ich drei Tage später noch immer 398 km von Comodoro Rivadavia entfernt. Was mir so die Cornflakes verhagelt hat? Wie üblich: Der Reihe nach.

Road to El Bolsón

Es ist der 27. Dezember. Die Griffel schmerzen zwar noch immer etwas. Aber bei weitem nicht mehr so schlimm wie die letzten Tage. Das 280 km entfernte Esquel wird von mir als heutiges Ziel auserkoren.

Erst Mal muss ich aber mein italienisches Muli neu bepacken. Und das ist gar nicht so einfach. Denn nach meinem Kaufrausch habe ich jetzt ein deutliches Mehr an Zeug. Der Platz auf Bertl ist aber überraschenderweise immer noch gleich. Die zusätzliche Isomatte wickle ich also gemeinsam mit der alten Yogamatte auf. Außerdem mache ich aus dem Küchenrucksack den Ersatzteilrucksack und umgekehrt, da meine Lebensmittel und Küchenutensilien inzwischen deutlich mehr Platz einnehmen, als meine paar Werkzeuge und Teile.

Der Ersatzteilrucksack wandert dann vorne in den Fußraum, mit einem Spanngummi befestigt und immer darauf bedacht die Bremse nicht zu behindern. Der Schlafsack, der vormals genau dort war, landet nun hinten oben auf auf der Isomatte. Brillante Lösung, denke ich. Nur um keine drei Kilometer nach Beginn der Fahrt wieder anzuhalten und alles umzukrempeln. Die mit der Aluoberfläche nach außen aufgewickelte Isomatte ist auf diese Art und Weise viel zu rutschig und verabschiedet sich schon fast. Dazu rutscht auch der Küchenrucksack durch sein hohes Eigengewicht fast vom Bock.

Mitten in Bariloche wickle ich also meine Matten wieder neu auf, dieses Mal mit der weniger glatten Oberfläche nach außen und tausche schweren Ersatzteil- und Küchenrucksack. Ein argentinischer Taxifahrer, der mich am Straßenrand sieht, hält an und erklärt mir, dass er angehalten habe, weil mein Helm auf dem Boden lag. In Argentinien (und wie ich vermute auch in anderen Ländern) bedeutet das anscheinend, dass der Moto-Pilot Hilfe benötigt.

Ich verneine, entschuldige mich für das Missverständnis und mache mich nach dem üblichen Erinnerungsfoto, auf das der Taxi-Kutscher besteht, etwas schlauer als zuvor an die Weiterreise.

Das Wetter ist allesüberragend. Und kurioserweise komme ich genau deshalb nicht voran. Denn ich muss einfach ständig anhalten um Fotos zu machen.

Spätestens alle zehn Kilometer bieten sich wieder Orte wie diese, an denen kein normal behirnter Mensch einfach vorbeifahren kann.

Bei dieser verweile ich eine Weile, auf den See und die Berge starrend und schieße dann, als Erinnerung an diesen Moment, noch ein mega-authentisches gestelltes Instagram-Rückansicht-Foto mit dem Selbstauslöser.

Aber dann wird es ungemütlich. Der Himmel sieht plötzlich von einem Moment auf den anderen wieder so aus…

…und ich schaffe es so grade ohne nass zu werden in den kleinen Pueblo El Foyel, wo ich nach nur 80 km meine Sachen ins Trockene rette und beim Mittagessen dabei zusehe, wie es gnadenlos herunterlässt. Immer wenn ich gerade denke, das Unwetter hat sich verzogen, schieben neue graue Regenwolken von hinten nach und lassen mich so insgesamt zwei Stunden warten. Ich stehe noch für einige Fotos der anderen Restaurantgäste neben Bertl Modell und haue dann, bekleidet mit Regenhose und mit Lenkerstulpen über Bertls Griffen in Sack. Die ungenutzte Jacke meiner Regenkombi verwende ich um meine Rucksäcke abzudecken.

Der Regen ist nämlich zwar weniger, aber über den Berg bin ich längst nicht. Sollte es wieder losgehen, will ich nicht mitten im Niemandsland im Regen erst meine Montur überstreifen müssen.

Eine gute Entscheidung. Denn auf den folgenden 45 Kilometern bis in die Stadt El Bolsón regnet es zwar nicht stark, aber trotzdem stetig. Ein guter Test für meine neu erstandene Regenausrüstung, den sie mit Bravour besteht. Die Regenhose hält mich im Untergeschoss trocken, meine Motorradjacke oben, die Regenjacke meine Rucksäcke und die Lenkerstulpen meine Hände.

Looks like shit, but saves my life und damit Grüße an den einzigen noch schlechteren Verkehrsminister als jenen im argentinischen Kabinett, Andreas Scheuer.

Aber ich bin beruhigt. An durchwegs verregneten Tagen habe ich nicht vor, überhaupt zu fahren. Aber für genau solche Situationen habe ich das Zeug gekauft. Situationen, in denen ich bereits unterwegs bin und mitten im nirgendwo ohne Gelegenheit mich unterzustellen vom Regen überrascht werde. Es beruhigt mich, dass dieses Zeug jetzt endlich mal hält, was es verspricht und mich trocken hält.

In El Bolsón habe ich endlich wieder Internet. Eine Seltenheit. Denn Handysignal hat man in Argentinien wirklich ausschließlich im Stadtgebiet. Und ein solches kann auch mal 200 km auf sich warten lassen. Ich nutze den Empfang um mich außer über Peps Niederlage bei den Wolves auch über das Wetter kundig zu machen. Und der Wetterbericht gibt aus, dass es zwar heute nicht mehr aufhört zu regnen, aber dafür ab morgen etliche trockene Tage aneinandergereiht auf mich zu kommen. Was solls also denke ich mir. Und: Hat heute demnach wenig Sinn.

Da ich meine Campingausrüstung nicht komplett einnässen möchte, entscheide ich mich gegen Zelten und für ein Hostel und lande heute nach nur etwa 120 km in einem lässigen Hostel in El Bolsón. Dort teile ich mir ein Zimmer unter anderem mit zwei argentinischen Rentnern in ihren Siebzigern, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, den Hostelalltag kennenzulernen. Einerseits ganz cool, andererseits hören beide nicht auf bei jeder Begegnung von der ausbleibenden Rentenerhöhung und ihren Enkelkindern zu erzählen.

Road to Esquel

Die Krönung ist dann aber als der weibliche Part der beiden am nächsten Morgen um 4:45 Uhr mit Klingelton auf voller Lautstärke auf ihrem Smartphone chattet. Als mich das dritte Mal das verdammte Nebelhorn, das ertönt, wenn man eine Nachricht im geöffneten Chat erhält, kurz vor dem Wiedereinschlafen zurück in den Wachzustand reißt, da schwillt mir der Kamm. Ob das denn auch auf lautlos ginge, frage ich sie. Wahrscheinlich schon, sie wisse nur nicht wie, entgegnet sie. Süß. Ich stelle also ihr Handy lautlos und schlafe nochmal weiter bis um etwa 8 Uhr. Bis ich gefrühstückt habe, Bertl bepackt und betankt ist und das obligatorische Erinnerungsfoto vor dem Hostel gemacht ist…

…ist es bereits kurz vor 11 Uhr. Ein später Start, aber den Schlaf hatte ich offenbar benötigt.

Die Route führt mich durch ein schönes Bergpanorama und hier und da ragt mal ein schneebedeckter Gipfel hervor.

Nach nur 40 km mache ich bereits Mittag. Und dann wird es karg. Zwar immer noch mit einem Gipfel von Zeit zu Zeit. Aber karg.

Dazu wird der Verkehr mehr und die Straße ist gespickt von Schlaglöchern. Zusammen eine gefährliche Kombination. Auch die Landschaft ist nun eher öde und so dümple ich dahin und bin dann ganz froh, als ich wiederum nach nur lediglich etwa 165 km die Kleinstadt Esquel erreiche, die ja bereits an Tag 1 eigentlich mein Ziel war.

Mir tun Arsch und Rücken überraschend weh. Bei der Aussicht auf die nächste Zivilisation in Form eines laut iOverlander miserablen Campingplatzes in erst 95 km, mache ich für heute lieber Schluss. Auch wenn es wieder gerade erst 16 Uhr ist und eigentlich noch knapp fünf Stunden Tageslicht blieben. Aber ich will mich nicht quälen und niste mich daher auf einem der hiesigen Campingplätze ein.

Bereits um 21 Uhr abends, als die Sonne weg ist, empfinde ich es als sehr kalt und Vorfreude auf die Nacht kommt auf. Völlig zurecht wie sich erweisen sollte. Denn ab 4 Uhr kann ich nicht mehr schlafen, sondern liege in Fötus-Stellung in meiner kleinen Dackelgarage. Die Hände zwischen den Schenken und die Füße aneinander reibend. Google sagt 6 Grad Außentemperatur. Eigentlich auszuhalten. Eigentlich. Aber ich bin nun Mal eine heftige Memme und daher halt doch nicht.

Ich nutze die Zeit und informiere mich etwas über meinen Schlafsack. Dessen Komfortbereich, also der Bereich ab dem laut Laboruntersuchungen die Normfrau friert, liegt bei exakt den aktuellen 6 Grad. Der Normmann friert ab dem sogenannten Übergangsbereich, welcher im Falle meines Schlafsacks 2 Grad beträgt. Da er aber bei 6 Grad schon friert, ist Norman eher so Normfrau, als Normmann.

Und deshalb muss ein neuer Schlafsack her. Oder zumindest ein weiteres Inlet, das mir noch ein paar Grad bringt. Zufällig liegt Esquel sehr nahe an einem herrlich zu bewandernden Nationalpark, weshalb diese Kleinstadt gleich mit gar vier Outdoor-Shops aufwarten kann. Läuft bei mir. Also fast.

Road to Gobernador Costa

Denn zunächst frühstücke ich also wieder meine inzwischen rezepttechnisch perfektionierten Rühreier mit Tomate und Zwiebel und starte dann los. Nur um dann festzustellen, dass heute ja verdammt nochmal Sonntag ist, und mir niemand einen Laden aufsperren wird. Auch wenn ich 17 Schlafsäcke kaufen möchte.

Außerdem fiel mir auf dem Weg in die Stadt an Bertl wieder etwas auf, was ich eigentlich gestern schon auf dem Campingplatz beheben wollte, dann aber völlig vergessen hatte, weil ich mit zwei vespaverrückten Italienern ins Gespräch kam. Bertl pegelt sich beim Kupplung ziehen nicht so schnell wieder auf das Standgas ein und dreht höher als sie sollte. Ich vermute Spätfolgen der Schotterpiste und der gestrigen kurzen Abschnitte ebenfalls auf Schotter und reinige wie üblich in dem Fall meine Düsen. Jetzt eben mitten in der Stadt mit meinem Zeug auf dem Gehweg liegend. Selber schuld. Tatsächlich läuft Bertl mit sauberen Düsen wieder wie sie soll. Was für eine Kriegerin.

Als ich dann endlich Richtung Tankstelle rolle, ist es wiederum wie gestern bereits 11 Uhr und noch immer nicht alles überstanden. Denn nun scheint aus irgendeinem Grund das Licht an meiner Möhre nicht mehr zu gehen.

An der Tankstelle untersuche ich das etwas genauer und stelle fest, dass das eigentliche Licht ohne Probleme funktioniert und lediglich die Anzeige am Tacho ausgefallen ist. Nicht ganz ideal, aber ob das Licht an ist, kann ich auch mit der Hand vor jenem prüfen und daher beschließe ich diese Kleinigkeit erst Mal zu ignorieren und fahre am heutigen Tag endlich los.

Schon seit geraumer Zeit häufen sich voll bepackte Motorradfahrer in beide Richtungen auf dieser Strecke. Die RN (Ruta Nacional) 40 ist ein Mythos. Offenbar etwas weniger bekannt als die Route 66 aber zumindest unter Argentiniern deutlich berühmter. Ein argentinischer Biker hatte mir hierzu Mal etwas übertrieben gesagt: Ein motoviajero ist kein motoviajero wenn er nicht mindestens einmal die 40 entlang gefahren ist. Beim heutigen Abschnitt muss ich mich dann doch fragen wieso eigentlich…

Die Straße ist zwar wieder ohne Löcher, aber dafür die Landschaft völligst highlightfrei. Nichts. Absolut nichts. Außer recht bald zu Beginn der Tour noch dieser sehenswerte Hügel.

Da mir wieder überraschend stark Arsch und Rücken Aua machen und der nächste mögliche Stopp wieder erst in 90 km käme, endet diese Etappe auf dem mehr oder weniger schäbigen staatlichen Campingplatz des Pueblos Gobernador Costa nach wiederum nur 180 km. Auf dem schließe ich dann mit der nächsten Portion Spaghetti mein Ranking der insgesamt fünf gekauften Pasta-Fertigsaucen final ab. Geschmacklose Tomatensauce Typ Napolitana der Marke Knorr siegt punktgleich mit fader Tomatensauce des Typs Pomerola der Carrefour-Hausmarke und verweist damit die drei anderen geschmacklich noch dünneren Tomatensaucen auf die Plätze. Damit schreibt sich der Einkaufszettel der Zukunft fast von selbst.

Eine freudige Nachricht erreicht mich noch über WhatsApp von einem der Gesetz 7722 Demonstranten von San Carlos, der mir mitteilt, dass es wohl tatsächlich gelungen ist, die Gesetzesänderung zu stoppen und das Grundwasser in der Region Mendoza zu retten. Eine schöne Nachricht. Nimm das, Turbokapitalismus.

In der Nacht kühlt es dann zwar „nur“ herunter bis auf 9 Grad. Trotzdem friere ich wieder. Denn heute ballert seitlich Wind ins Zelt. Wieder wird ab 4 Uhr nur noch etwas gedöst während ich mich warmstrample. Das Zelten an sich und fast alles was es mit sich bringt machen mir unheimlich Spaß. Diese kalten Morgen gehören nicht dazu. Aber nahezu keine Hostels entlang der gesamten Strecke bzw. aufgerufene Zimmerpreise von EUR 40,- und mehr für die günstigsten Zimmer, lassen die Kälte dann aber doch plötzlich ganz akzeptabel erscheinen.

Aber Kälte hin oder her. Abschluss Tag 162. Ort: Gobernador Costa.

1.735 km bis Ushuaia.

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