Tage 163, 164 und 165: Neues von der Ringzehe

Fast hätte ich nicht gewusst, worüber ich schreiben sollte. Dann habe ich mir glücklicherweise die Ringzehe gebrochen oder stark verstaucht/geprellt. Die Ringzehe. Ihr wisst schon. Das ist die Zehe, an die wir Menschen den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken. Ihr erinnert euch sicher. Denn die war ja schon Mal angeschlagen.

Die Weite der patagonischen Pampa macht es zu einer Pflichtaufgabe jeden Tag exakt durchzuplanen. Jeder Tankstopp, jedes Auffüllen der Essensvorräte, jede Übernachtung muss im Vorfeld geplant werden, will man nicht irgendwo in der Wildnis ohne Benzin, Lebensmittel, Wasser oder Übernachtungsgelegenheit stranden. Und so habe ich einen Zwölf-Tagesplan aufgesetzt, der mich von heute an, entlang einiger Campingplätze und Tankstellen nach Ushuaia führen soll.

Als ich vor einigen Wochen meinen Routenplan für die nächsten Monate gemacht habe, hatte ich mich noch gewundert, dass im Reiseführer keine Informationen über diese Gegend zu finden waren. Nun weiß ich wieso. Es gibt hier einfach absolut gar nichts. Nur Steppe und alle paar hundert Kilometer eine Tankstelle mit Mini-Mercado. Nichts worüber sich bei einem Lonely-Planet-Autor eine Spontanbeule in der Hose bilden würde.

Auch Hostels sind absolute Fehlanzeige. Zumindest in einem bezahlbaren Bereich. 45 Dollar für ein Bett im Schlafsaal ist da eher die Regel als die Ausnahme. Wenn ich irgendwie endlich mein Problem mit der Kälte in den Griff bekommen würde, wäre das aber halb so wild. Denn die Zelterei selber, gibt meiner Tour jenen abenteuerlichen Zusatz, den ich mir davon versprochen hatte. Oder wer könnte diesem Bild von heute Morgen eine gewisse Wildcamp-Romantik absprechen?

Road to Sarmiento

Aber Schluss damit. Etappe 1 meines Plans soll mich heute etwa 250 km von Gobernador Costa nach Sarmiento führen. Und das tut sie schlussendlich auch. Auf langweiligste Art und Weise. Mit ganz viel Chile-Flair wie ich finde. Kerzengerade ohne auch nur etwas ansatzweise Interessantes entlang des Weges führt die Strecke etwa 180 km dahin.

Einzige „Highlights“ sind das Reißen der 14.000 km Marke und die bedauernswerten totgefahrenen Tiere entlang der Strecke. Darunter Guanacos, Strauße, Gürteltiere, Füchse und Hunde. Arme Kreaturen.

Nach den erwähnten exakt 180 km, erreiche ich einen landschaftlich ebenfalls langweiligen aber für mich dennoch besonderen Punkt. Nämlich jenen an dem ich nach etwa 3.500 km die Ruta Nacional Cuarenta (40) zu Gunsten des kürzesten Weges gen Süden verlasse. Jener kürzeste Weg führt erst zur Ostküste Argentiniens und von dort entlang der Ruta Nacional 3 gen Süden. Dorthin würde auch die 40 irgendwann führen. Ich bevorzuge aber nun gen Süden den schnelleren, weniger sehenswerten Weg und nehme dann wieder die highlightreiche 40 auf dem Weg nach oben.

Ciao 40. Es war ein wilder Ritt.

Landschaftlich kommt erst nach über 200 km etwas Abwechslung auf, als auf einmal der Lago Musters zwischen all dem Sand zu sehen ist.

Das blau des Sees wirkt, vermutlich aufgrund der Einfachheit der restlichen Landschaft, extrem krass.

Der Lago Musters bedeckt eine Fläche von 810 Quadratkilometern und ist damit fast 300 Quadratkilometer größer als der Bodensee.

Im Unterschied zum Bodensee, gibt es aber nur ein einziges kleines Städtchen am Lago Musters. Und das liegt noch nicht mal direkt am Ufer. Dabei handelt es sich um das von mir anvisierte Sarmiento. Für die billigste Unterkunft müsste ich stolze EUR 53,- abrüsten, weshalb ich den Campingplatz Tres Hermanos ansteuere. Ein kleiner Bauernhof, unterhalten von einem alten Ehepaar mit neun Hunden und unzähligen freirennenden Gänsen, Hühnern und Truthähnen. Die „Zeltfläche“, der Garten, ist komplett mit Scheiße aller möglichen Tiere vermint. Kein Quadratmeter scheißefrei. Nach kurzer Verhandlung bekomme ich für 300 Pesos Zeltplatz, WiFi und Zugang zum Badezimmer. Ich räume an einer Stelle die Scheiße zur Seite, errichte mein Nachtlager, kaufe mein Gemüse und koche unter Beigabe frischer Kräuter aus dem Gewächshaus des alten Bauers ein neues Rezept mit dem Namen: Wallah, alles was es in der Dose gibt in einen Topf und heiß machen. In Dr. Oetker Rezepte des Jahrhunderts wird es dieses kulinarische Highlight wohl nicht schaffen.

Da ich meine Füße als Schwachpunkt ausgemacht hatte, bestreite ich diese Nacht mit drei Paar Socken und außerdem mit Buff über dem Kopf, sowie einem um den Hals komplett zugezogenen Schlafsack. Und was soll ich sagen… Etwas stimmt mit mir oder dem Schlafsack nicht. Denn bei eigentlich aushaltbaren 12 Grad ist mir wieder kalt.

Road to Comodoro Rivadavia

An diesem Morgen verliere ich daher keine Zeit und rufe sämtliche Outdoor-Shops im 150 km entfernten Comodoro Rivadavia an, um deren Öffnungszeiten an diesem Silvestertag zu erfragen. 10 bis 12 Uhr lautet die deshalb niederschmetterende Antwort, weil es bereits 9:30 Uhr ist, und ich es nicht rechtzeitig schaffen werde. Am morgigen Neujahrstag sind dann alle Geschäfte komplett geschlossen. Ich stehe also vor der Wahl gen Süden aufzubrechen und wissentlich weiter zu frieren, da keine Outdoor-Shops mehr an der Strecke liegen oder zwei Tage zu warten in einer Stadt, in der es wirklich absolut gar nichts zu machen gibt. Außerdem riskiere ich durch ein mögliches Warten meine selbst gesetzte Asbach-Deadline zu verpassen. Beides wie der Zeltplatz meiner aktuellen Unterkunft: Beschissen.

Aber wie immer, schlägt Südamerika zu. Die Tochter des alten Bauernhofbesitzers, Mónica, die gerade zu Besuch ist, hatte mich telefonieren gehört und bietet mir an, mich in Sarmiento in einen Laden zu fahren, der möglicherweise Schlafsäcke verkauft. Und Tatsache. In einer namenlosen Mini-Version eines Real-Marktes findet sich hinter all dem Ramsch auch genau ein Schlafsack mit dem Temperaturbereich 0 bis minus 5 Grad. Dieser in Verbindung mit meinem jetzigen Schlafsack sollten doch wirklich ausreichen. Für über 50 Euro nicht direkt ein Schnapper. Aber für ein mögliches Ende kalter Nächte jeden Cent wert. Außerdem ist es nicht so, dass ich eine Wahl habe.

Auf dem Rückweg bietet mir die Frau dann auch noch an, die Silvesternacht in ihrem Haus in Comodoro Rivadavia zu verbringen, da sie ja hier in Sarmiento sei und „das Haus deshalb nicht brauche„. Ich nehme dieses Angebot mit der Aussicht auf ein richtiges Bett gerne an und den Hausschlüssel entgegen und mache mich auf den Weg nach Comodoro.

Die Strecke ist ermüdend langweilig. In Verbindung mit den zuletzt sehr kurzen unbequemen Nächten und der brutalen Hitze, die hier zumindest mittags aufkommt, kämpfe ich zum allerersten Mal während der Fahrt mit erheblicher Müdigkeit. Ich muss deutlich öfter anhalten als sonst, um kein Einnicken auf dem Bock zu riskieren.

Ganze Herden Guanacos und Strauße direkt am Straßenrand nehme ich vor lauter Müdigkeit erst wahr, als diese vor Schreck fliehen und zu rennen beginnen.

Dazu ist es windig wie die Sau und mächtig viel wie bekloppt überholender Verkehr unterwegs. Ich bin heilfroh, als ich die etwa 150 km bis nach Comodoro mittags um 14 Uhr heil überstanden habe. Ich drücke mir in einem Irish Pub kurz etwas zu essen zwischen die Kiemen und mache anschließend fast fünf Stunden Mittagsschlaf im Gästebett meiner Heldin Mónica.

Obwohl ich am liebsten liegen bleiben würde, quäle ich mich dann nochmal raus. Es ist schließlich Silvester. Nachdem ich aber fünf Bars verschlossen vorfinde und der vom Mittagessen bekannte Irish Pub mich trotz 15 freier Barhocker wieder wegschickt, weil ich keine Reservierung habe, bekomme ich noch einen kurzen Kaufrausch in der einzigen offenen, aber keinen Alkohol führenden Tankstelle Comodoros…

…und verabschiede um etwa halb zwölf allein und zum ersten Mal seit 2006 wieder nüchtern das alte Jahr, indem ich einschlafe. Klingt traurig. Ist es irgendwie auch. Mir aber ehrlicherweise völlig egal. Irgendwelche Traditionen sind mir so lang wie breit. Ein Feuerwerk sehen muss ich auch nicht. Und der Kater bleibt mir auch erspart. Ich sage also zufrieden Ciao zum vermutlich geilsten Jahr meines Lebens. Was ebenfalls völlig egal ist. Denn ich habe nicht vor 2020 langweiliger zu gestalten.

Road to Fitz Roy

Während also an diesem Neujahrsmorgen alle Welt verkatert in der Koje liegt, bin ich bzw. Bertl um kurz nach 8 Uhr bereits vollgetankt und abfahrbereit.

Dann aber stellt sich mir ein unlösbares Rätsel. Ich muss das Zugangstor zum Haus abschließen und den Schlüssel aber innen unter dem Blumentopf zurücklassen. Will ich die Nachbarn, die sich die Auffahrt mit meiner Gastgeberin teilen nicht aufwecken, dann bleibt mir nur alles zu verriegeln, den Schlüssel zu deponieren und anschließend per Kletter- und Sprungeinlage den Ort des Geschehens zu verlassen. Erscheint machbar.

Als ich aber meine frühmorgendliche Neujahrs-Parcours-Einlage mit einer sauberen Landung zum Abschluss bringen will, komme ich wohl irgendwie ungünstig auf. Denn sofort durchfährt mich ein stechender Schmerz von der linken Ringzehe kommend. Das ist die Zehe, an die wir Menschen den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken. Und als ich kurz vor Schmerz zusammenzucke, beim Versuch die Zehe im Schuh anzuwinkeln, da kommt zu allem Überfluss auch die Nachbarin um die Ecke und frägt mich, ob ich denn schon gehen will. Die unnötigste Verletzung seit Nicolai Müllers Torjubel-Kreuzbandriss.

Entsprechend gehandicapt stelle ich meinen linken Fuß während der heutigen Fahrt mit der Ferse in den Fußraum und lasse die Zehenregion nach außen weghängen. Mit dem ganzen Fuß auf Bertl schmerzen die erzeugten Vibrationen zu sehr.

Dann aber ist für einen kurzen Moment jeder Schmerz vergessen. Denn nach über einem Monat und Tausenden Kilometern, zuletzt in Arica, Chile, ist es da wieder. Das Meer.

Etwa zwei Drittel der heutigen 150 km nach Fitz Roy, nämlich bis nach Caleta Olivia zieht sich die Strecke so entlang des Meeres. Eine willkommene Abwechslung. Auch wenn ich mehrheitlich meine Augen auf die Straße richten muss, da diese über die meiste Zeit so aussieht.

Aufgerissen, mit dicken Schlaglöchern versehen und auch sonst extrem holprig. Dazu wieder eine Menge Verkehr, der um Schlaglöcher zu vermeiden auch gerne Mal auf meine Spur ausweicht. Högschde Konzentration ist geboten. Mit dieser kann ich aber nach der herrlichen letzten Nacht auch wieder aufwarten.

Unterwegs passiere ich noch eine Polizeikontrolle, bei der ich in einem kleinen Container meine Daten aufgeben muss. Durch das Fenster sehe ich wie sich einer der Polizisten ohne vorher gefragt zu haben einfach auf Bertl setzt und seinen Kollegen bittet Fotos zu machen. Etwas, dass ich aufgrund kaputten Hauptständergummis und unebenen Untergrundes sowieso nicht so gerne sehe. Gewöhnlich haben die Menschen aber noch so viel Anstand zuvor zu fragen. Ich rufe also durch das Fenster: Claro Amigo, setz dich ruhig auf mein Moped. Er versteht die Ironie darin nicht und setzt sich jetzt auch noch meinen Helm auf. Ich bleibe aber ruhig. Schließlich hatte sich die Polizei hier in Argentinien bislang als äußerst sauber und freundlich präsentiert. Soll er seinen Spaß haben.

Bei der eigentlichen Kontrolle meiner Dokumente muss ich mir auf die Zunge beißen, als ich fast aus Versehen sage, dass meine Bertl eine 150er-Maschine ist. Gegenüber den Hütern des Gesetzes hat sie weiterhin eine 125er-Maschine zu sein, wie es meine offiziellen Papiere ausweisen.

In Caleta Olivia esse ich meine gestern in der Tankstelle gekauften Sandwiches, decke mich im einzig offenen Laden mit Gemüse ein und erreiche nun wieder weg vom Meer nach weiteren 50 km den Pueblo Fitz Roy. Es ist erst 14:30 Uhr, aber die nächste Stadt inklusive Campingplatz liegt stolze 270 km weiter. Das packe ich heute nicht mehr. Denn wieder tun mir Arsch und Rücken bereits nach diesen heutigen 150 km merkwürdig schwer weh. Ob es an der, wegen des Windes verkrampften Haltung auf Bertl liegt oder an den Nächten im Zelt auf der Isomatte. Ich weiß es nicht.

In Fitz Roy bekomme ich vom Tankstellen-Manager die Erlaubnis gratis mein Zelt auf dem Parkplatz hinter dem zugehörigen Mini-Mercado aufzuschlagen. Dazu darf ich die sehr sauberen und (für Patagonien ungewöhnlich) mit Kackpappe ausgestatteten Scheißhäuser sowie das WLAN nutzen und werde in einem Spontanfreudenausbruch seinerseits auch gerade noch zum Mittagessen eingeladen. En una Vespa? A Ushuaia? Er kann es nicht glauben, schlägt mir auf die kränklich knochigen Schultern, bittet mich Platz zu nehmen und befehligt seine Jungs mich mit Essen zu versorgen. Es gibt Pizza mit Fleischbelag und dazu Bratwurst, Hähnchenschenkel und Schinkensandwich. Der Albtraum jedes Vegetariers.

Ob es ausschließlich an Bertl liegt oder auch an meiner dreckig verölten und inzwischen an sechs Stellen aufgerissenen Hose sowie meinem verwahrlosten Haar- und Bartschnitt liegt, dass ich hier so vorzüglich behandelt werde…

Ich weiß es nicht. Und es ist mir auch egal. An allem wird sich so schnell nichts ändern.

Was sich hoffentlich ändern wird, ist der Zustand meiner Ringzehe. Das ist die Zehe, an die wir Menschen den Ring stecken würden, würden wir uns denn Ringe an die Zehen und nicht an die Finger stecken. Diese hat zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels bereits einen leichten Blauton und ich laufe nun auch körperlich und nicht nur mental etwas unrund. Das sollte sich schnellstens, spätestens aber zum in drei Wochen geplanten 5-Tagestrekking im chilenischen Nationalpark Torres del Paine wieder bessern. Zehen drücken, Freunde.

Aber Zehe hin oder her. Abschluss Tag 165. Ort: Fitz Roy.

1.204 km bis Ushuaia.

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