Tage 168, 169, 170 und 171: Die Ruhe vor dem Sturm. Wortwörtlich.

Diese heutige Nacht war kalt, also draußen. In meinem Zelt trotz offener Luke nämlich nicht. Die zwei Schlafsäcke halten was sie versprechen.

Voller Fokus auf den Asbach-Countdown also. T minus acht Tage. Aufgrund dieser Pulle braunen Goldes wird in der Heimat offenbar noch mehr mit mir mitgefiebert, als das davor eventuell schon der Fall war, wie zahlreiche persönliche Zuschriften per WhatsApp zeigen… Danke liebe Leute. Auch für mich gibt es gerade nichts wichtigeres. Ausbrechender dritter Weltkrieg hin oder her. Wenn schon gehen, dann wenigstens mit nem Knall. In dem Fall mit einem gehörigen Asbach-Suff.

Meinen Zwölftagesplan für dessen Präzision ich mir in den vergangenen Tagen selbst bereits den goldenen Buchhalterbleistift verliehen hatte, ist aber den Bach runter. Wetterbedingt. Es bleiben zwei gute Tage, ehe ich regenbedingt wohl pausieren muss. Der Plan, vor Ushuaia noch einen Abstecher ins chilenische Punta Arenas zu machen um nicht zu früh in Ushuaia anzukommen? Kannste hacken.

Neuer Plan: Noch zwei Tage trocken durchfahren und dann in Trockenphasen vorsichtig vorantasten. Und wenn es nur 100 km am Tag sind. Und zwar ohne Umwege. Sondern auf direktem Weg nach Asbach. Also Ushuaia, meine ich.

Road to Comandante Luis Piedra Buena

Im Laufe dieser zwei Fahrtage sollte mir der patagonische Wind noch häufiger heftigst zu schaffen machen. Dass er aber nicht nur nimmt, sondern auch gibt, beweist er, als er an diesem heutigen Freitagmorgen der schönen argentinischen Zeltplatznachbarin bei ihrem ungelenken Ankleideversuch vor dem Zelt das Top anhebt und den Blick auf ihre Brust freigibt. Mit einem herzhaften Lacher, nimmt sie dem Moment die Peinlichkeit.

Entsprechend glücklich und beseelt mache ich mich auf den Weg. Die andere Frau in meinem Leben, eine rassige 37 Jahre alte Italienerin, holt mich aber zügig wieder auf den Boden zurück. Nachdem die Probefahrt am gestrigen Tag gut verlief, nun keine zehn Kilometer außerhalb der Stadt wieder das Geräusch eines etwas losen Zylinderkopfes.

Also rechts ran fahren, Bertl so positionieren, dass der Wind sie nicht umbläst, was mit einem kaputten Hauptständergummi im Kies des Standstreifens schwer genug ist, und abpacken. Dann Hauben runter und Tatsache: Ein Federring scheint zwischen Mutter und Unterlegscheibe „herausgerutscht“. Im Normalfall würde ich nun die vier Muttern lösen, den Federring tauschen und die Muttern wieder vorsichtig über Kreuz mit Drehmomentschlüssel anziehen. Beim Lösen zweier Muttern, dreht sich allerdings der gesamte Stehbolzen mitsamt der Mutter raus. Ich gebe zunächst der Herausdreherei der Stehbolzen in Mendoza die Schuld und schwöre mir nie wieder nachzugeben, wenn es darum geht den Zylinder abzuziehen. Ab sofort wird das nur noch mit abgeklapptem Motor erledigt. Oder gar nicht.

Als ich aber mit zwei gekonterten Muttern auf dem anderen, unteren Ende der Bolzen die festsitzenden Muttern vom oberen Ende löse, sehe ich die wahre Ursache. Das Gewinde ist zerfressen. Bei beiden. Dazu sehe ich jetzt erst, dass es auch bei dem Stehbolzen, der die Langmutter zur Befestigung der Haube aufnimmt, kaputt ist. Diesen kann ich nicht einmal herausdrehen. Fuck, ich habe noch genau drei mehr oder weniger gute Stehbolzen übrig. Zwei kann ich sofort tauschen, den anderen nicht.

Nach längerem Überlegen tausche ich die beiden herausgedrehten Bolzen aus und drehe den anderen genau so weit in den Motorblock, dass oben genügend ganzes Gewinde verbleibt, um die Mutter darauf anzuziehen. Für die Langmutter bleibt kein Platz. Provisorisch muss die Befestigung über den Zündkerzenstecker und die untere Kreuzschlitzschraube reichen.

Ich bin erleichtert wie selten zuvor, als der Drehmomentschlüssel mit seinem Knacken vier erfolgreich mit 13 Newton angezogene Muttern zurückmeldet.

Ich baue alles wieder zusammen, verstaue mein Werkzeug, zurre mein Gepäck fest und fahre wieder los. Aber irgendwas stimmt weiterhin nicht. Ich höre irgendein merkwürdiges Geräusch aus dem Motorraum. Wobei hören eher der falsche Begriff ist. Denn aufgrund des Windes höre ich fast nichts. Aber trotzdem. Da ist so ein Schleifgeräusch. Ich ziehe die Kupplung, drehe den Schlüssel auf Off, mache Bertl damit aus und rolle aus. Das Schleifen ist weiter da. Auch ohne Motor. Irgendwie beruhigend. Denn damit kommt es entgegen der ersten Annahme schon Mal nicht aus dem Motorraum.

Beim Blick unter Bertl stelle ich dann schnell die Ursache des Geräusches fest. Der batterieseitige Bolzen zur Befestigung des Auspuffs hängt lose heraus und streift am Hinterrad. Wie das von Statten ging? Ich bin überfragt. Ich bin mir todsicher alle Schrauben angezogen zu haben.

Die vermeintlich einfache Befestigung des Bolzens gestaltet sich nun aber schwierig. Der Mutternkäfig ist wieder verbogen und ich treffe einfach das Loch nicht. Story of my life. Es widerstrebt mir komplett. Aber es führt wohl kein Weg daran vorbei, den Auspuff erst komplett zu demontieren, um den Mutternkäfig erst zurecht zu biegen. Bei nächster Gelegenheit werde ich das Ding festpunkten lassen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Brandaktuell habe ich einen Durchhänger. Ich ärgere mich extrem darüber, dass an der Vespa irgendwie inzwischen alles Stückwerk ist. Überall wurde Mal behelfsmäßig ein anderer Bolzen, eine andere Schraube, eine andere Mutter platziert. Den Preis dafür zahle ich jetzt. Denn auch der Auspuff sollte im Originalzustand deutlich weniger Ärger bei Montage und Demontage machen.

Dazu bin ich komplett übernächtigt und gerade auch noch extrem angepisst von dem Wind.

Ich brauche ein paar Minuten, kicke ein paar Pflanzen am Straßenrand über die Leitplanke und fluche laut schreiend in die patagonische Steppe. Kein Spaß. Das ist, was es gerade macht. Kein Spaß.

Dann sammle ich mich. Wieder packe ich alles ab und nehme die Hauben runter. Zur besseren Zugänglichkeit demontiere ich das Ersatzrad und lasse die Luft aus dem Hinterreifen. Denn nur so lässt sich der Auspuffbolzen komplett herausnehmen. Dann biege und schlage ich den Mutternkäfig zurecht und lasse auch an ihm nochmal meinen aktuellen Frust heraus. Die frohe Kunde: Wenigstens lässt sich der Auspuff nun vernünftig montieren. Die schlechte? Meinen Reifen kann ich mit meiner Fahrradpumpe lediglich provisorisch pumpen. Also wieder zurück in die Stadt um an der Tanke den Rest zu erledigen. Inzwischen ist es kurz vor 14 Uhr und ich bin quasi noch nicht einmal losgefahren.

Ich bleibe also gerade noch zum Mittagessen in Puerto San Julián und mache mich dann endgültig auf den Weg. Der Zeitverlust ist weniger schlimm, da ich heute als Wiedereinstiegsetappe nach dem Kolbenklemmer sowieso nur etwa 125 km nach Comandante Luis Piedra Buena fahren wollte. Aber mental hat mich dieser Vorfall von heute geschlaucht.

Der Wind gibt mir dann den Rest. Er ist so stark, so laut, dass ich meinen Motor nicht wirklich höre. Jeder Windstoß, der mich etwas verlangsamt fühlt sich an wie der Leistungsverlust vor einem Klemmer. Und zum allerersten Mal kommen Gedanken ans Aufgeben auf. Denn das Wetter wird ja tendenziell eher schlechter weiter südlich. Ich denke mir, dass es doch keine Schande wäre, mich bereits von hier aus schon wieder auf den Weg nach Norden zu machen und dass ich ja trotzdem weit gekommen bin. Meine wieder jeden Tag stärkeren Fingerschmerzen, die Kälte, die Nässe, der Wind, dazu die teils unbequemen Nächte im Zelt, das Tragen der gleichen stinkenden und verrissenen Kleidung jeden Tag, die öde Landschaft, die technischen Probleme mit Bertl. Keine Schande sage ich mir. Dabei wäre es genau das. Eine Schande. Was für ein Lappen wäre ich, jetzt und hier aufzugeben. Ich fahre doch keine 15.000 Kilometer hier runter und gebe dann 1.000 km vorher auf. Weiter geht’s. Kilometer für Kilometer immer weiter. Irgendwann darauf zurückblickend kann es mich nur gestärkt haben. Ein Aufgeben sicher nicht. Und mir das einredend programmiere ich meine Rübe wieder um. Bring your a-game, Patagonia. Ich bin bereit.

Bertl zu fahren macht heute bei diesem Wind keinen Spaß. Aber längst ist die Illusion weg, dass hier unten nochmal Spaß aufkommt. Es wird ein reiner Kampf. Und es geht auch nur noch darum auf der Landkarte diesen Punkt zu erreichen. Freude kommt bis dorthin vermutlich keine mehr auf.

Ich lenke mich ab, indem ich den Weidezaun auf Guanacos scanne. Diese sind nämlich wieder zu Hauf unterwegs. Über dem Zaun hängen aber zum Glück zumindest keine Lebenden mehr.

Während einer Motorabkühlungspause kommen zufälligerweise Julie und Grant, zwei Motorradreisende aus Australien (sie 49, er 63), die ich in Junín de los Andes im Hostel kennengelernt hatte vorbei. Die beiden steuern problemlos in beheizten Motorradjacken, mit ihren Sachen in wasserdichten Alukoffern auf einer 1.600 ccm Maschine mit 110 km/h durch die widrigen Bedingungen. Kommt bei mir Neid auf? Vielleicht auf die beheizten Jacken. Aber sonst? Nein. Ich habe mich wieder an den Punkt gepusht, an dem mich jeder Rückschlag nur noch mehr motiviert.

Ohne weitere technische Probleme erreiche ich abends den öffentlichen Campingplatz von Comandante Luis Piedra Buena, mit 300 Pesos außergewöhnlich teuer, aber dafür schön gelegen auf einer kleinen Insel in einem Fluss. Passieren tut heute trotzdem nicht mehr viel. Duschen, kochen, schreiben, gute Nacht.

Road to Rio Gallegos

Zum ersten Mal schlafe ich länger als sechs Uhr in meinem Zelt. Ob das an der steigenden Übermüdung liegt oder daran, dass ich mir aus meinem Buff eine Schlafmaske gebastelt habe werde ich nie erfahren. Danach lege ich aber den Hasengang ein und mache mich im Rekordtempo fertig. Denn der Wetterbericht gibt mehr oder weniger trockenes Wetter für den Vormittag aus und Schauer ab 13 Uhr. Es empfiehlt sich also so viel Strecke wie möglich zu machen ehe der Regen einsetzt.

Und das mache ich auch. Der Anfang fällt leicht. Es windet nur verhältnismäßig schwach. Die Sonne ist noch draußen und das „Best of Rolling Stones“ hebt wie von mir heute Morgen erhofft erheblich die Stimmung. Entgegen der Erwartung von gestern habe ich doch nochmal einen kleinen Glücksmoment, als nach kurzer bewölkter Phase der Himmel wieder aufreißt und Mick Jagger mir „May the good Lord shine a light on you“ ins Ohr säuselt.

Ja, ich wiederhole mich. Aber am heutigen Tag sind so viele Guanacos und Nandus an der Straße unterwegs wie noch nie. Heute rennen sogar hin und wieder ganze Herden über die Straße. Hunderte der Grasfresser sehe ich heute und kann mich noch immer nicht satt sehen an ihnen.

Etwas frisch ist es, aber dank Zwiebelprinzip mit Thermo-Unterhemd, zwei Pullis und einer Jacke unter der Motorradjacke, sowie dank Lenkerstulpen windgeschützter Flossen, bleibe ich warm. Als ich doch mal etwas auskühle, kommt mir eine Motorabkühlungspause zu Gute, die exakt auf den 15.000. Kilometer fällt. Lasst die Korken knallen.

Ich bin dadurch recht euphorisch und tanze mich laut mitsingend an der wenig befahrenen Straße, über fünf Minuten lang zu Sympathy for the devil warm. Neben den Selbstgesprächen, die für mich inzwischen zu völliger Normalität geworden sind, scheint die Einsamkeit auch sonst irgendwie die Synapsen anzunagen. Wenns hilft…

Nach 150 km kündigt dann ein Schild zum ersten Mal starken Wind an. Und tatsächlich stellt dieser alles in den Schatten was bislang aufgeboten wurde. In einem stabilen 15 Grad Winkel lehne ich mich gegen den von rechts mit Volllast blasenden Wind. Immer wieder drückt er mich Richtung Mittelleitlinie. Jedes Mal wenn Gegenverkehr sichtbar wird, ist dadurch noch mehr Vorsicht geboten, als normal sowieso schon.

Dazu ist das Fahren dadurch extrem anstrengend. Der linke Arm muss ständig durchgedrückt den Lenker nach vorne drücken, wohingegen der rechte Arm selbigen dauerhaft zu sich herziehen muss um gegen den Wind gegenzulenken. Schon nach ein paar Kilometer schmerzt die rechte Schulter meines lauchigen Körpers. Ein kurzes Hagelbombardement zwischendurch macht das Ankämpfen gegen den Wind nicht einfacher. Aber spannender.

Immer wieder bläst der Wind so stark, dass ich selbst bergab und bei Vollgas nicht über 60 km/h beschleunigen kann. Außerdem bläst er mir von der rechten Seite merkwürdig kleine Kletten aus der Pampa gegen die Hose, die Socken und alles was sonst aus Baumwolle ist. Diese zerstechen mir durch den Stoff die Beine.

Dazu steigt der Spritverbrauch wieder auf fast sechs Liter pro 100 km und damit auf nahezu das Doppelte eines ruhigen Reisetages in der Ebene ohne Wind.

Der Wind lässt erst wieder auf den letzten 30 Kilometern nach Río Gallegos nach. Meinem heutigen Nachtquartier. Nach anfangs und zum Ende hin lässigen und zwischendurch heftigen 240 km erreiche ich diese erwähnte Stadt, in der ich mit 500 Pesos endlich Mal wieder ein bezahlbares Hostel entdecke. Ich mache regen Gebrauch vom Bett und betreibe weitere Ursachenforschung bezüglich der Hitzeentwicklung im Zylinder.

Ein fachkundiger chilenischer Vespisti, den ich über die Vespa-WhatsApp-Gruppe kennengelernt hatte, kontaktiert mich heute Nachmittag wieder aus heiterem Himmel und bringt wieder etwas ins Spiel, was ich selbst ja schon mehrfach auf dem Schirm, aber stets wieder verworfen hatte. Die Bedüsung. Immer wieder hatte ich Mechaniker und Vespisti entlang der Strecke gefragt, ob sie nicht meinen, dass ich hieran Mal etwas ändern müsste um das Problem der Hitze im Zylinder in den Griff zu bekommen. Die, wie ich inzwischen finde, schwachsinnige Antwort war stets: No, no todo bien. Más aceite, más aceite. Mehr Öl, mehr Öl. Die Standard-Antwort hier auf alles was Kolben oder den Zylinder betrifft.

Dieser Vespisti nun aber ist als erster Mensch auf diesem Kontinent nun endlich auch der Ansicht, dass 1:50 getankt werden muss, ni menos, ni más. Nicht weniger, nicht mehr. Er empfiehlt mir Nebendüse, Mischrohr und Hauptluftkorrekturdüse anzupassen um mehr Kühlung in den Zylinder zu bringen. Etwas, was natürlich nicht Mal schnell so einfach erledigt werden kann. Denn diese Teile habe ich mit Ausnahme der HLKD nicht in meinem Ersatzteillager. Ich investiere also an diesem Mittag noch ein paar Stunden und schnüre mir ein möglichst sinniges, auch Dichtungen und Stehbolzen umfassendes Ersatzteilpaket, das ich bei einem Teilehändler in Buenos Aires bestellen und mir nach Ushuaia liefern lassen will.

Außerdem fälle ich die nicht einfache Entscheidung noch eine weitere Nacht hier zu bleiben, Wäsche zu machen, weiterzuplanen und mich gehörig auszuruhen. Nicht einfach deshalb, da eigentlich jeder Tag für den Weg nach Süden zählt und ich ja nicht weiß wie sich das Wetter entwickeln wird. Da ich aber bereits schon wieder keine Unterhosen mehr habe, und meine eigenen Reserven auch eher so im unteren einstelligen Prozentbereich sind, scheint mir das die korrekte Entscheidung.

Denke ich, setze mir meine selbst gebastelte Schlafmaske auf die Klüsen und hole mir früh die benötigte Mütze Schlaf.

Am nächsten Morgen entscheide ich mindestens den heutigen und abhängig vom Wetter auch den morgigen Tag nochmals in Río Gallegos zu bleiben. Es gilt jetzt die Wetterberichte genau zu verfolgen und die wenigen mehrheitlich regenfreien Tage zu nutzen. Ushuaia ist drei Fahrtage entfernt. Und zwei Nächte im Zelt. Und tatsächlich stellt es sich als besser heraus auch den folgenden Tag noch abzuwarten. Genau entlang meiner Strecke soll sich von Mittwoch bis Freitag trockenes Wetter entlangschieben. Mit diesem will ich versuchen mitzureisen.

Und weil mein Hostel noch abgerundet wird durch einen Leberwurst und frisches Brot führenden Supermarkt in der Nachbarschaft…

…sowie eine Wäscherei nebenan und einen Computer, den ich im Hostel nutzen kann, verbringe ich die zwei Tage weitestgehend damit einen Artikel über meine Reise für ein Vespa-Magazin zu verfassen, für den ich tags zuvor angefragt wurde.

Erst am Dienstagnachmittag überkommt mich nach WhatsApp-Chats mit einer Vielzahl Vespisti nochmal Aktionismus. Ich entscheide für die Fahrt nach Ushuaia und ab sofort alle Fahrten eine kältere Zündkerze zu verwenden und die Zündung von 21 Grad auf 23 zu stellen. Der Effekt beider Maßnahmen soll weniger Hitze im Zylinder sein. Außerdem besorge ich ein Öl-Additiv, das ich zum Öl zugeben möchte um die Reibung im Zylinderraum zu verringern.

Der nächste und doch immerhin 3 Kilometer entfernte Motorradladen führt leider ausgerechnet meine gewünschte Kerze nicht. Der Eigentümer, Luis, genannt Lucho, aber, der nach eigenen Angaben schon am Klang gehört hatte, dass ich eine Vespa fahre, ist so begeistert ob dieses Faktes, dass er für mich selbst in die Stadt fährt und eine halbe Stunde später mit der Kerze zurückkehrt. Preis? Gratis. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Geld, meint er noch.

Wichtiger aber als die Kerze und die Zündung sagt Lucho, ist die Verwendung vollsynthetischen Öls. Etwas was auch mein mechanisch sehr versierter Nachbar in Deutschland stets empfiehlt. Und was auch absolut richtig ist. Nur hatte ich dieses bislang nirgends finden können. Lucho dagegen, selbst Besitzer einer, wenn auch in Teilen befindlichen, Vespa Primavera, zieht eine Pulle feinsten Motul 800 2T Vollsythetiköls aus dem Schrank und verlangt nach Abzug des Vespa Viajero Rabatts, den ich hier überall ungefragt bekomme, noch etwa 20 Euro für den Liter Öl. Qualität hat ihren Preis. Und wenn dadurch Schluss ist, mit der scheiß Klemmerei, dann bezahl ich auch noch das Fünffache dieses Preises.

Auf dem kurzen Rückweg von Luchos Laden zum Hostel erwischt mich dann noch ein heftiges patagonisches Gewitter und verhindert dadurch auch noch jede weitere Arbeit an Bertl. Sowieso denke ich mir nun aber, sollten diese Maßnahmen, also kalte Kerze und vorgestellte Zündung bei den hier vorherrschenden 16 Grad Spitzentemperatur, speziell in Verbindung mit der Verwendung von vollsynthetischem Öl eher nicht notwendig sein. Für die Rückreise nach Norden und die wieder unweigerlich kommenden höheren Außentemperaturen habe ich diese beiden Joker dann immer noch in der Hinterhand.

Stattdessen gehe ich heute nochmal mehr oder weniger früh ins Bett: Denn in der Theorie sind es nun also noch drei Tage und knapp 600 km bis Ushuaia. Somit sollte ich, wenn alles klappt, am 10. Januar und damit zwei Tage vor dem Asbach Fin del Mundo, den Anus der Welt, erreichen.

Danke an alle, die bis hier her stets meine geistige Diarrheu gelesen und offenbar auch für gut befunden haben. Eure Unterstützung war Gold wert.

Nun also ein letzter Ritt gen Süden. Ein letztes Mal in diese Richtung durch Sturm und Regen. Ein letztes Mal auf diesem Teil meiner Reise im Zelt frieren.

Ein letztes Mal Daumen halten durch Euch.

Gehen wir es an.

Ushuaia, ich bin unterwegs.

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