Tage 179, 180 und 181: Scheiß Wind, Alter

Road to Rio Grande

Der Kompass also auf Norden. Wichtige Ersatzteile im Gepäck. Der Tank voll bis an den Rand. Und der Pilot zum Glück nicht mehr. Eigentlich kann es jetzt ja wieder losgehen. Wenn, ja wenn nicht die neu eingekaufte GoPro noch Probleme bereiten würde. Beziehungsweise der Taucheranzug, den ich dafür ebenfalls mitgekauft habe, um sie bis zu 60 Meter Wassertiefe wasserdicht zu machen. Am Vorabend hatte ich festgestellt, dass mit diesem das Motiv ein schwarzer Ring umgibt. Als würde man durch ein Bullauge fotografieren.

Der Grund ist klar. Der sogenannte Super Suit, den mir Manolo im Duty Free Shop für fast EUR 40,- verkauft hatte, war für die Vorgängermodelle meiner Kamera. Das war zum Zeitpunkt des Kaufes zwar schon klar, wurde aber von Manolo abgetan. Das funktioniert auch damit. Schau, sagt er, steckt die Kamera rein und lässt mit einem Klick den Super Suit einrasten. Und Tatsache. Passt perfekt. Wieso ich nicht auf ein Testfoto bestehe? Weil ich ein Idiot bin. Und dieser Idiot muss nun also bis um 10 Uhr warten, bis der Shop wieder aufmacht.

Dort dann der nächste Misserfolg. Manolo hat zwar ein schlechtes Gewissen, was ich ihm sogar abnehme. Seine Chefin aber ist knallhart und speist mich nur stets mit derselben Antwort ab. Ohne Verpackung keine Rücknahme. Die aber liegt längst auf der Mülldeponie, da ich das klobige Ding aus Platzspargründen nicht mitnehnen konnte, beim Check Out aus dem Airbnb. So können wir das ja nicht mehr verkaufen. Ich sage, dass mir das scheißegal ist, dass das nicht mein Problem ist und, dass mir etwas verkauft wurde, was nicht funktioniert. Aber keine Chance. Wieder diese für diesen Kontinent typische Gleichgültigkeit, die zumeist ja ganz witzig, gerade aber eben auch wieder mal unendlich nervig ist.

Schulterzucken, tja, da können wir nix machen. Nächstes Mal die Verpackung aufbewahren.

Nächstes Mal keine Scheiße verkaufen, verdammte Axt, sage ich ihr auf deutsch und gehe lieber bevor mich ihre Leck-Mich-Am-Arsch-Kunde-Du-Wi***er-Ich-Hab-Mein-Geld-Ja-Schon-Einstellung komplett aus der Haut fahren lässt. Als ich mit dem Super Suit wieder den Laden verlasse, piept der Scanner am Ausgang. Señor, sagt der Security-Mann als ich hasserfüllt einfach weiterlaufe, señor, lass mich verdammt nochmal in Ruhe sage ich laut und bestimmt, verlasse den Laden und sehe wie Manolo dem Mann erklärt, dass das schon in Ordnung ist.

Möge ein Stück antarktisches Eis abbrechen und ein Tsunami wie durch ein Wunder nur euren scheiß Laden überfluten, ihr unhöflichen Penner.

Beim wütend zurückstapfen, fällt mir dann auch wieder auf, dass zum wiederholten Mal Wasser in meine Schuhe läuft. In die besten Schuhe aller Zeiten. In die einzigen weißen Wanderschuhe der Welt. Über ein Jahr lang habe ich mit diesen treuen Begleitern unzählige Schlachten geschlagen, Vulkane bestiegen, Räusche abgeholt und zuletzt eben auch noch Tausende Kilometer auf einer Vespa zurückgelegt. Wer schon einmal eine Trennung durchlebt hat, der weiß welchen Schmerz ich fühle, als ich meine längst nicht mehr weißen Treter der Marke Columbia nach einem Abschiedsfoto auf Bertl…

…in der Mülltonne im Hostel zurücklasse und sie durch ein paar wasserdichte neongrüne Treter der Marke Columbia ersetze.

Passend zur Motorradjacke wie sich herausstellt, als ich bei der Abfahrt noch schnell die Verbotsschilder ignoriere und Bertl vor dem Fin del Mundo Schild der Stadt Ushuaia parke um das obligatorische Bild zu schießen.

Ciao Arsch der Welt. Es war mir ein innerer Reichsparteitag.

Und so breche ich auf zur Jungfernfahrt mit GoPro, was sich als, sagen wir verbesserungswürdig herausstellt. Bei den besten „Aufnahmen“, wie der Überfahrt über den Paso Garibaldi, recht schnell nach Verlassen der Stadt Ushuaia (Bilder davon sind im Artikel zur Ankunft nach Ushuaia schon drin), habe ich vermutlich den Knopf verfehlt, weshalb diese für immer Phantomaufnahmen bleiben. Dazu war der Winkel der Kamera eher so eingestellt, dass man nachträglich zwar die Arbeit der argentinischen Straßenbauer genauestens unter den Luperich nehmen könnte, nicht aber die umgebende Landschaft. Jeder fängt mal klein an, Leute.

Dafür habe ich die unkonventionelle Baustellenumfahrung auf Video, die mir Polizei und Bauarbeiter anbieten, nachdem ich im fünften Erklärungsversuch der regulären Umfahrung wohl immer noch aussehe wie Kevin Großkreutz bei der Mathe-Klausur.

Ich passiere also recht schnell und ohne Pause den schönen Teil der Gegend, also Seen und Lagunen umsäumt von schneebedeckten Bergen, auf den ersten 100 km der Route, ehe ich wie auf der Hinfahrt in Tolhuin in der Bäckerei einen kurzen Stopp einlege. Offenbar hat der Friseurbesuch etwas gebracht. Denn die nette Bäckereifachverkäuferin zwinkert mir zu und legt mir ein süßes Stückchen extra auf meinen Teller. Süße Stückchen für süße Stückchen. Was muss ich gerade für eine Perle sein…

Das Wetter ist wie auf der Hinfahrt. Nicht allzu windig. Ständig mit der Gefahr nass zu werden. Aber eben recht kalt. Die neuen wasserdichten Schuhe wirken. Ebenso wie die fast 30 Euro teuren, von innen mit einer Art Aluschicht ausgestatteten Thermo-Handschuhe, die ich mir zusätzlich zu den Schuhen gegönnt habe. Lediglich der Zeigefinger, der jeweils an der Öffnung der Lenkerstulpen ruht, ist rechts wie links nach einigen Kilometern taub. Aber mal ehrlich. Das Teil braucht doch eh keine Sau.

Nach Tolhuin wird die Fahrt wieder landschaftlich langweilig. Außer ein paar Büschen kaum Vegetation. Keine Berge mehr. Keine Seen. Und nicht nur das, auch der Wind wird nun etwas stärker. Nichts aber, im Vergleich zu dem, was mich die Tage noch erwarten sollte.

Auf Pausen habe ich bei so einem Wind keine Lust. Zwar ist Bertl wieder mit neuen Hauptständergummis ausgestattet und hat damit inzwischen eine eindeutige Führung mir gegenüber, was den Verbrauch von Ständergummis angeht. Ich mache das aber wett: Weil mir seltener der Kolben klemmt.

Weiter besteht jederzeit die Gefahr nass zu werden. Solange es also trocken ist, bietet es sich daher an durchzufahren. Lediglich kurz zur Seite fahre ich noch um mit meiner Helmkamera einen Fuchs abzulichten. Wie gut, dass ich das Ding auf den Boden gerichtet habe…

Relativ spät um etwa 19:30 Uhr komme ich in dem Hostel an, in dem ich schon auf dem Weg nach Süden abgestiegen bin. Aaaah, la Vespa volvió begrüßt mich der Besitzer herzlich mit Umarmung. Die Vespa ist zurückgekehrt. Gemeinsam stellen wir Bertl wieder in den Vorratsraum und ich merke, dass ich froh bin wieder unterwegs zu sein. Mehr läuft heute wie üblich nicht mehr.

Road to Cerro Sombrero

Etwas was prinzipiell nie korrekt ist in Südamerika, sind auf Google Maps oder selbst auf der eigenen Homepage eingetragene Ladenöffnungszeiten. Selbst Internetcafés o. Ä. kriegen das nicht auf die Kette. Hätte Google sein Hauptquartier hier, sie würden ihre eigenen Öffnungszeiten nicht korrekt in ihre eigene Website eintragen. Safe. Und wenn die Öffnungszeiten dann mal mit denen an der Türe übereinstimmen, dann hat der Laden halt während dieser eigentlichen ÖFFNUNGSzeiten trotzdem einfach dicht. Grund? Ja weil halt.

Heute Morgen also warte ich zunächst um 9 Uhr vor dem Outdoorshop um dort eine der drei laut Website auf Lager liegenden Rettungsdecken für kalte Nächte im Zelt zu besorgen. Dann: Classic Südamerika. Der Laden öffnet erst um 10 und hat auch keine Rettungsdecken. Wer die Website macht, das weiß der Mitarbeiter des Ladens jetzt auch gar nicht so genau.

Naja, halb so wild mit der Decke. Aber eben schon wieder eine Menge Zeit verloren und daher eine verspätete Abfahrt um etwa 11 Uhr. Das ist wichtig, da ich heute noch die Fähre von der Insel Feuerland auf den Kontinent nehmen möchte.

Der Nachbar des Hostels hatte zwar noch gesagt mucho viento hoy. Heute viel Wind. Aber ich hatte ja keine Ahnung. Gott, hatte ich keine Ahnung. Der Wind ballert von Westen herein und trifft mich daher die ersten 80 km bis zur Grenze nach San Sebastián voll von der Seite.

Die heutige Schräglage muss ein neuer Rekord sein. Dazu die üblen Böen, die mich immer wieder mal in Richtung des unbefestigten Seitenstreifens bugsieren. Schneller als 60 kmh macht Bertl wegen des Windes sowieso nicht, aber wenn Gegenverkehr sichtbar wird, nehme ich noch mehr Gas raus und rolle am rechten Rand entlang. Denn speziell bei Bussen und LKW bekomme ich, obwohl ich mich extrem klein mache beim Vorbeifahren einen heftigen Schlag ab und es zieht mich unweigerlich weiter in die Mitte. Bei zwei oder mehr entgegenkommenden LKW halte ich sogar an. Denn drei Mal nacheinander in die Mitte gesaugt werden und ich hänge im Gegenverkehr.

Müßig zu erwähnen, dass es absolut kein Spaß macht hier zu fahren. Im Gegenteil, ich könnte kotzen. Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Es ist dazu nämlich logischerweise saukalt und der Wind schlägt in Böen auch meinen Kopf und den Oberkörper wild umher. Jedes Mal wenn er mir wieder den Kopf zur Seite peitscht fühlt es sich genau wie eine schallende Ohrfeige an. Der Wind will sagen, du Vollidiot. Was hast du dir dabei gedacht mit einer so vollbepackten Vespa hier herzukommen. Ach du hast es noch nicht gelernt. Hier nimm noch eine. Und hämmert wieder eine Böe raus. Ich schreie ihn an, du Arschloch du ver****tes, ich hasse dich.

Leicht emotional komme ich also an der argentinischen Seite der Grenze an, wo ich problemlos hinter einem Häuschen windgeschützt parken kann und die Formalitäten erledigen. Die gesetzesfürchtigen Chilenen lassen genau das nicht zu und ich muss Bertl voll im Wind stehen lassen und mich dann in die Schlange einreihen.

Endloses Warten. Aber die neuen Gummis halten, was sie versprechen und Bertl bleibt stehen. Der Grenzer erkennt mein leidendes Gesicht und macht es kurz. Er will in keinen meiner Rucksäcke sehen und empfiehlt mir in einem der Refugios, 20 km nach der Grenze Schutz zu suchen, bis der Wind um etwa 19 Uhr nachlässt. Da ist es gerade 14 Uhr. Darauf habe ich dann doch keinen Bock.

Doch ab hier wird es noch übler. Denn der Wind bläst jetzt frontal. Nur in Valentino Rossi Position auf Bertl schaffe ich es überhaupt 45 kmh im vierten Gang zu fahren. Wenn ich aufrecht sitze, dann packt Bertl den vierten Gang nicht mal mehr wegen des Windwiderstandes. Und diese Position schmerzt so dermaßen in Nacken und Rücken. Wegen der allgemeinen Verkrampfung reiht sich auch der Arsch ein in die Liste der Schmerzenden. An Anhalten ist aber gar nicht zu denken. Denn sonderlich erholsam wäre eine Pause hier nun wirklich nicht.

Hin und wieder macht die Straße einen Knick und ermöglicht kurz „entspannenden“ Seitenwind. Dann aber wieder das Schild, dass eine Rechtskurve und damit das Reinsteuern zurück in den Gegenwind ankündigt. Das ist jedes Mal ein weiterer Hieb für meinen Willen. Es ist tatsächlich nur noch Kampf. Und zwar Anstrengender. Mental wie physisch.

Patagonien, Alter. Es war nett, aber es reicht jetzt dann auch. Strand in Brasilien wär jetzt auch okay. Tausende Kilometer aber trennen mich noch davon.

Nach 110 km gesamthaft heute muss ich schon auf Reserve gehen. Nach 135 km, genau nachdem eine Herde Guanacos vor mir über die Straße gerannt war, ist der Tank leer und Bertl geht aus.

500 Meter vor dem Refugio, in dem ich windgeschützt den Tank wieder mit meinem Kanister auffüllen wollte. Dort hin gegen den Wind zu schieben, ist natürlich keine Option. Also muss ich im Wind alles abpacken und ans Auftanken gehen. Ein paar vorbeifahrende Argentinier halten mit ihren Motorrädern und helfen mir, indem sie meine Sachen festhalten, während ich auftanke und Teil für Teil wieder auflade. Einer der Kadetten fährt in Buenos Aires selbst eine Vespa und erklärt mich für völlig verrückt. Wir reden noch kurz und ich schaffe es danach das letzte Stück Gegenwind hinter mich zu bringen und biege wieder ab nach Norden, weshalb mich also wieder Seitenwind erwartet. Schon hier beschließe ich wieder in Cerro Sombrero zu übernachten, wo ich schon auf dem Hinweg gestoppt hatte. Die Fähre nehmen und danach noch weiterfahren. Keine Alternative. Ich kann heute nicht mehr.

Auf diesem letzten Teilstück überholt mich mehrfach ein SUV, während die Beifahrerin mich durch das Seitenfenster filmt. Mehrfach deshalb, weil er immer wieder anhält und mich seine Insaßen vom Straßenrand abfeiern und einmal sogar vom Mittelstreifen fotografieren. Als ich letztlich anhalte für ein kurzes Gespräch, stellt sich der Fahrer selbst als Vespisti heraus. Er bietet mir noch an, mir für die letzten 15 km nach Cerro Sombrero Windschatten zu geben und vor mir herzuschleichen. Was ich dankend ablehne. Fahren im Windschatten ist angenehm. Fällt der Windschatten aber aus irgendeinem Grund kurz weg, ist der Schlag, den man vom Wind bekommt umso heftiger. Das Risiko will ich nicht gehen.

220 ermüdende Kilometer später, komme ich in Cerro Sombrero an, rede dort kurz mit Henrique im Touribüro und schlage dann mein Zelt auf dem öffentlichen Campingplatz auf. Scheißhäuser, Wasser, Strom, Internet? Fehlanzeige. Aber Windschutz. Ich errichte genau dahinter mein Zelt und schlafe als einziger Gast auf dem Campingplatz noch vor 20 Uhr bei hellichtem Tag ein. Völlig fertig vom heutigen Ritt.

Road to Punta Arenas

Für den nächsten Tag hatte ich mir meinen Wecker auf 6:30 Uhr gestellt. Denn laut Henrique ist es möglich, dass es aufgrund des Windes keine Fähren ans Festland geben wird. Der sichere Hafen der Fähre ist allerdings auf dem Kontinent. Und eine Fähre fährt am Morgen um 8:30 Uhr immer. Immer. Sagt Henrique. Und weil die dann ja schon mal im Hafen der Insel ist und der sichere Hafen aber auf dem Kontinent, muss sie ja wieder zurück. Und nimmt da auch immer einen Schwung Autos und Motorräder mit. Diese erste Fähre muss ich also erwischen, will ich nicht auf unbestimmte Zeit auf der Insel hängen.

Den Wecker hätte ich allerdings nicht gebraucht. Denn am nächsten Morgen um 5 Uhr klingelt der Wecker eines offenbar noch abends eingetroffenen Zeltnachbarn. Und klingelt und klingelt und klingelt. Fünf Minuten durch. Keine Reaktion. Der Kerl trägt entweder Ohrstöpsel oder ist zugesoffen bis unter das Zeltdach. Nach fünf Minuten verstummt der Wecker offenbar automatisch und ich versuche nochmals zu schlafen. Um 5:10 Uhr geht die Scheiße wieder von vorne los. Ich höre mir das ein paar Minuten an, dann rufe ich (sehr) laut: Alter. Hat dir jemand ins Hirn geschissen? Mach jetzt die Scheiße aus oder es rappelt. Und tatsächlich höre ich das Knacken einer Luftmatratze und der Wecker verstummt. Noch ein Versuch weiterzuschlafen also. 5:20 Uhr: Wieder der Wecker. Jetzt reicht es. Du hast dir den Falschen herausgesucht für einen echten Nachbarschaftsstreit. Wir Deutschen haben den mit all seinen Facetten ja quasi erfunden. Und ich hab nicht umsonst im Studium Vorlesung für Vorlesung das Computerspiel „Böse Nachbarn“ gezockt um hier klein bei zu geben. Seit 5:22 Uhr wird zurückgeklingelt. Ich starte damit indem ich nun meinen eigenen, ein Vielfaches nervigeren, Wecker in Dauerschleife und voller Lautstärke abspiele. Kostprobe?

Dann stehe ich auf und stoße beim Zusammenräumen meiner Sachen einige Male aus Versehen gegen mein 115 db lautes Alarmschloss an Bertl. Ich bin aber auch ungeschickt. Danach lege ich etwas Musik auf während ich koche und versehentlich mehrmals die Klappe der Mülltonne laut zuschlage. Während all der Zeit klingelt im 5-Minutentakt weiter sein Wecker. Inzwischen macht er diesen zwar schneller aus, aber weiterhin nur auf Schlummern. Ein paar Male stoße ich noch gegen das Alarmschloss und runde dann meine Vorstellung damit ab, dass ich Bertl mit Auspuff Richtung seines Zeltes ankicke und den Motor etwas warmlaufen lasse. Krach und Gestank. Ich ziehe alle Register. Als ich Bertl dann wieder ausschalte und die letzten Vorkehrungen zur Abfahrt treffe, vernehme ich wohlwollend ein Ächzen und Stöhnen aus dem Zelt. Im Hintergrund sein noch immer klingelnder Wecker. Was stimmt nicht mit dir? Denke ich und frage mich im selben Moment ob diese Frage eher auf ihn oder mich selbst zutrifft. Zufrieden rolle ich aber vom Hof. Dont mess with ze Germans…

Um etwa 7:30 Uhr mache ich mich auf, auf die letzten 42 km vor der Fähre. Eineinhalb Stunden sollten reichen. Sei um 9 Uhr dort hatte Henrique gesagt. Ich benötige fast eine komplette Stunde. Denn die Fahrt verläuft wieder voll gegen den Wind und schneller als 40 kmh kann ich selbst in Rossi-Manier nur selten fahren. Und als ich um halb neun dort ankomme sehe ich nicht nur schon die Fähre im Hafen warten, sondern selbige auch schon mit Autos beladen. Ich werde vom Einweiser gebeten, direkt drauf zu fahren und stehe dort keine zwei Minuten als das Ding ablegt.

Was ein Glück. Danke für den frühen Wecker, nerviger Zeltnachbar.

Anstatt mich wie die anderen Passagiere bei Kaffee ins Bordrestaurant zu verziehen, halte ich bei Bertl die Stellung. Denn der Wellengang ist entsprechend stark und ich habe Angst, dass es Bertl wieder auf die Seite legt. Eine halbe Stunde etwa und dann verlasse ich mit einer an meine neuen Schuhe angepassten Gesichtsfarbe die Fähre.

Und werde dort gleich wieder von der Realität in Form des Windes empfangen. Frontal. Es ist dazu alles gesagt. Ich blicke oft nur noch in die chilenische Pampa und frage mich was das hier alles soll. Fahren mit Bertl ist gerade ein reines Transportmittel. Mehr nicht. Und dazu wäre ein Bus deutlich angenehmer. Aufgeben gibt es ja jetzt nicht mehr als Option. Jetzt ist es einfach nur noch Resignation, die mich überkommt. Es nervt. Hart.

Auf halber Strecke stoppe ich in der ersten chilenischen Estancia San Gregorio. Eine Estancia ist eine Schaffarm. Diese hier ist allerdings nicht mehr am Leben.

Ein paar vollgemüllte Ruinen inklusive dieses Kunstwerkes…

…und zwei Schiffswracks stehen und liegen hier herum.

Aber hinter einer der Ruinen, kann ich zumindest im Windschutz meinen Tank wieder füllen und mich kurz ausruhen bevor es gegen einen inneren Widerstand meinerseits wieder rein geht in den Wind.

Entlang von Minenfeldern, vor denen sogar auf Deutsch mit „Gefahr Mienenfeld“ gewarnt wird geht es weiter Richtung Punta Arenas. Die Minen wurden vermutlich von den Chilenen selbst gelegt. 1982, aus Furcht die Argentinier könnten nach der Niederlage um die Falklandinseln auf dumme Gedanken kommen.

Unverhofft kommt dann etwas Entspannung auf, als ich für die letzten 50 km in Richtung Süden abbiege. Denn der Wind bläst heute von Nordwest und bietet mir eine Art Rückenwind. Mit derselben Gashahnstellung wie gegen den Wind, mache ich plötzlich 75 kmh, statt der vorherigen 40 und fliege so fast die letzten 50 km nach Punta Arenas.

13:15 Uhr zeigt die Uhr erst, als ich mich dort in einem für chilenische Verhältnisse mit etwa 12 Euro günstigen Hostel einniste. Sehr familiäres Umfeld, sehr ruhig, nahe am Zentrum. Und Bertl darf sicher beim Nachbar untergestellt werden. Genau was ich brauche.

Ich ruhe mich etwas aus und kaufe einen Steckdosenadapter und eine chilenische SIM-Karte und informiere mich über die Tour zur Pinguininsel Magdalena, die ich hier gerne machen würde. Recht schnell wird aber klar, dass diese ebenfalls aufgrund des Windes flach fällt. Windböen bis zu 100 kmh hatte es die letzten beiden Tage. Und wird es auch am morgigen Sonntag wieder haben. Da legt kein Kahn ab, klären mich die Mitarbeiterinnen in den Agenturen auf. Danke, denke ich. Ich kann ein Lied davon singen.

Der Blick auf den Wetterbericht verrät dann für Montag ein schlagartiges Abfallen des Windes auf um die 30 kmh. Also quasi ein laues Lüftchen für patagonische Verhältnisse. Ich werde daher den Sonntag in Punta Arenas verbringen und mir etwas die Stadt ansehen, ehe ich am Montag die 250 km nach Puerto Natales angehe, von wo aus am Mittwoch schon das fünftägige Trekking im Nationalpark Torres del Paine startet.

Dort wartet dann zwar kein Wind, aber die nächste Herausforderung, wie der Blick auf die Temperaturen verrät…

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