Tag 185: Norbert in Natales

Bertl verbrachte diese letzte Nacht im Hausgang des Hostels um eine frühe Abfahrt am nächsten Morgen zu gewährleisten.

Auch den Sprit habe ich noch am Vorabend besorgt und so kann ich zeitig um 9 Uhr aufbrechen. Vier nagelneue Zündkerzen im Gepäck um bei weiteren gekillten Kerzen adäquat reagieren zu können.

Komplett kalt springt die Reuse aber heute Morgen auf den ersten Kick und ohne Choke an. Läuft.

Und dann mache ich mich an die Fahrt nach Puerto Natales, oder auch kurz Natales. Und so viel sei verraten: Ohne technische Probleme. Und quasi ohne Wind. Und deshalb mit ganz viel Fahrspaß. Der Himmel macht überwiegend blau auch mit. Dadurch frieren mir endlich auch mal nicht die Flossen und ich kann kaum glauben, dass mir Patagonien nochmal so einen Tag liefert. Mehrmals muss ich einfach laut jubeln und springe bei endlich wieder 70 kmh und aufrecht sitzend auf Bertl auf und ab.

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich über überhaupt gar nichts nachdenke auf dem Bock. Ich singe einfach nur laut in den Helm meine Playlist mit und genieße die Fahrt.

Zunächst entlang der Küste aus Punta Arenas heraus und dann recht schnell wieder durch kilometerlange nicht enden wollende Pampa. Aber, und das ist entscheidend, windstille nicht enden wollende Pampa. Und daher geile Pampa.

Und dann ändert sich auch langsam wieder die Vegetation. Es tauchen Bäume auf, ganze Wälder, dann immer mal wieder kleinere Pueblos mit Pferdekoppeln und schließlich immer näher am Einzugsgebiet von Puerto Natales auch schneebedeckte Berge am Horizont.

Ich fahre heute nahezu die ganze Strecke durch. Ich muss mich richtiggehend dazu zwingen die wichtigen Pausen zumindest alle 50 km einzuhalten und diese dann auch wirklich durchzuziehen und nicht nach erfolgreicher und wegen wenig Wind auch wieder einfacheren Schlauchentleerung gleich wieder abzubrechen. Etwa 10 Minuten alle 50 km und einmal außerplanmäßig um den Tank zu füllen bleibt für heute der Takt. Am liebsten würde ich einfach durchfahren. Ich kann gar nicht beschreiben wie viel Spaß mir dieser heutige Fahrtag nach den Strapazen der letzten Tage macht.

Kurz vor Natales wird das Panorama dann immer schöner. Es gesellt sich noch ein See dazu und die Straße zieht sich kurvig der Stadt entgegen.

Um kurz vor 15 Uhr stehe ich dann vor dem Erratic Rock Hostel. Einer Institution in Natales. Geschmissen von Bill. Einem ausgewanderten US-Amerikaner aus Oregon. Und zufälligerweise der Cousin von Jesse, dem Helipiloten, der mir mit seiner Gattin Steph in Arica begegnet war. Jesse hatte Bill von mir erzählt und Bill war völlig aus dem Häuschen, da er selbst Mitte der Siebzigerjahre als einer von Zweien Besitzer einer Vespa in Oregon war. Er hatte gleich angeboten mich für lau in seinem Hostel bleiben zu lassen und als ich heute dort eintrudle, macht er seine „Drohung“ wahr. Er sei zwar schon überbucht, auf der Couch wäre aber immer Platz, sagt er und drückt mir einen Freibiergutschein für die Bar seines Bruders nebenan in die Hand. Starke Sache.

Viel Zeit zu quatschen bleibt nicht. Denn Bills Geschäftspartner besitzt einen Outdoor-Shop zwei Blocks weiter in dem jeden Tag um 15 Hundert ein Infotalk zum Trekking stattfindet. Und da ich absolut und überhaupt gar nicht vorbereitet bin und das ganze nun auch noch in vier Tagen machen muss, gehe ich dort besser hin.

Eineinhalb Stunden später bin ich ein ganzes Stück schlauer und mehr unter Druck als Flinten-Uschi in der Berater- und Scheuers Andy in der Mautaffäre. Denn nun weiß ich, dass ich nahezu nichts habe, was ich brauche und die Zeit auch langsam knapp wird. Und ich weiß auch, dass die 140 Dollar für die Campingplätze finanziell erst der Anfang waren und warum geführte Touren um die 1.500 Dollar kosten. Boot in den Park: 27 Euro. Bus, der mich zum Boot bringt: 18 Euro. Eintritt in den Park: 41 Euro. Im Park dann wieder Pasta kochen um keine 21 Euro für das Essen abzurüsten: Unbezahlbar.

In einem ersten Schritt besorge ich mein Busticket in den Park. Mit der einzigen Busfirma, die noch vor 7 Uhr morgens abfährt und damit die Chance wahrt, das 9 Uhr Boot in den Park zu erwischen. Essenziell, da ich ja Zeit brauche, wo ich bereits einen ganzen Tag wegen Bertl verloren habe.

Dann weiter in den erstbesten Outdoor-Shop und ein zweites Paar lange Sipplinger und Thermo-Unterhemd besorgt. Denn laut Aussage des briefenden Guides wird alles was man am Leib trägt mit an Sichiheit grenzender Wahrscheinlichkeit nass werden. Um nicht in dem nassen Satz Unterwäsche pfusen zu müssen, also ein zweiter Satz. Die Verkäuferin im Salomon Shop muss lachen, als ich ohne Scheu in langer Unterhose und dazu passendem langen Unterhemd der Größe M aus der Umkleide in den voll bepackten Laden trete und sage, dass ich wohl besser mal S probieren sollte. Hemmschwellen habe ich nur noch wenige.

Dann weiter zu Bill ins Hostel. Bill verleiht Schlafsäcke mit -18 Grad Komfortbereich. Und einen solchen brauche ich wohl. Denn meine beiden kann ich der Größe wegen schlecht mittragen und nur einer davon reicht sicher nicht. Nicht bei meiner Anfälligkeit für die Kälte. Außerdem brauche ich einen Rucksack von Bill. Denn mein eigener ist beim Probepacken voll. Nach dem Schlafsack. Ohne irgendwas anderes. Eher so semi. Weitere 26 Euro verlassen meine prall gefüllten Taschen.

Schließlich mache ich einen groben Essensplan und kaufe die Vorräte ein, die mich vier Tage ernähren sollen. Bis dann wegen des Regens alles in Müllbeutel und der Rucksack gepackt ist und ich die Hälfte der gekauften Vorräte wieder rausgeschmissen habe, weil dafür kein Platz ist, ist es nach 22 Uhr. Danach rüber zu Bills Bruder. Pizza bestellt und mein Freibier gegen eine Fanta eingetauscht und um kurz nach 23 Uhr endlich in die Koje. Mit dem Wecker auf 5:30 Uhr. Klingt alles halb so wild. Wenn man aber, wie ich, mindestens 8 Stunden Schlaf braucht um zu funktionieren, dann ist das doch etwas wenig.

Außerdem plagt mich der Gedanke, dass die kommenden vier Tage die Hölle auf Erden werden. Denn es wird kalt und verregnet. Und anders als ausnahmslos JEDER hier in Natales besitze ich keine abzippbare wasserabweisende und gleichzeitig voll atmungsaktive und schnelltrocknende Outdoor-Trekking Ausrüstung mit der selbst die Wehrmacht in Sibirien bestanden hätte. Nein. Meine Ausrüstung ist ein Baumwollpullover und die in Bogotá gekaufte Baumwolljacke sowie meine Saller Ballonseidehose, die ich seit der B-Jugend (2007) habe und die mit mir 2010 nach Australien, 2012 nach Neuseeland, 2015 durch ganz Asien, 2018 durch ganz Mittelamerika und nun eben nach Südamerika gereist ist. Völlig unzureichend vorbereitet und dazu mit dem nagenden Gefühl die Hälfte vergessen zu haben, fällt mein Schlaf entsprechend miserabel aus…

Wie ich dann trotzdem ganz passable vier Tage im Nationalpark erlebt habe, versuche ich sobald wie möglich in geschriebener Form nachzuliefern.