Tage 186, 187, 188 und 189: Torres del Pain(e)

Ich übertreibe. Mit der Überschrift. Denn so schlimm wie befürchtet, war es längst nicht. Das liegt auch daran, dass ich aus dem berühmten „W-Trek“, der so heißt, weil seine Route von oben betrachtet den Buchstaben W formt, eher einen „langgezogenes U-Trek“ gemacht habe.

An Tag 1 der Tour klingelt mein Wecker aber noch in Puerto Natales. Und zwar um 5:30 Uhr. Ich drücke mir einen Fertigkuchen zum Frühstück rein und marschiere Richtung Busterminal, wo es vor trekking-gierigen Backpackern nur so wimmelt. Alle scheinen überzeugt zu sein ohne gehörigen Ellbogeneinsatz vom Bus trotz Sitzplatzreservierung zurückgelassen zu werden. Anders ist dieser Ausnahmezustand hier, den man sonst so nur kennt, wenn bei Aldi die Softshell-Jacken im Angebot sind, nicht zu erklären.

Als dann der vermeintlich richtige Bus eintrifft, artet es völlig aus. Massenpanik. Jeder sprintet in Richtung des Busses. Anstelle dem Fahrer den Rucksack unter Angabe der Destination (derer gibt es im Park drei) zu überreichen, so dass dieser sie abhängig von der Haltestelle sinnvoll einräumen kann, geht das in den Augen vieler natürlich schneller wenn jeder seinen Rucksack irgendwo in das Gepäckfach schleudert und dann in den Bus usainboltet.

Ich bin bereits todesgenervt nachdem mich Idioten aller Herren Länder vor dem Bus herumschubsen mir Rucksäcke in die Visage hauen und mir auf die Füße treten.

Die Laune wird auch nicht besser, als wir uns nach fast zwei Stunden im Bus dem Park annähern. Denn der anfängliche Sonnenschein ist schon Regen, Wind und Nebel gewichen. Einziger Strohhalm ist die Kernaussage vom Briefing am Vortag: Das Wetter ändert sich 10 Mal in einer Stunde. Also immer locker durch die Saller-Hose atmen.

Am Eingang zum NP muss ich dann wie die ganze andere Festgesellschaft meinen Eintritt in Höhe von 35.000 chilenischen Peseten abrüsten. Keine Zeit zum Schiffen. Gleich weiter. Es geht schließlich darum den ersten Katamaran zu erwischen.

Und das klappt trotz meiner Befürchtungen, die aufkommen als wir erst um 9:05 Uhr in den Hafen anlanden. Aber wir sind ja schließlich immer noch in Südamerika. Und die letztliche Abfahrt um 9:15 Uhr fällt hierbei in die Kategorie „pünktlich“. Mir solls recht sein. Denn eine wirklich pünktliche Abfahrt hätte zur Folge gehabt, dass ich das Boot verpasst hätte und bis um 11 Uhr auf den zweiten Dampfer warten hätte müssen.

So komme ich um 10 Uhr also bereits am ersten Campingplatz Paine Grande an. Ich checke ein und errichte in einem der spärlich windgeschützten Parzellen mein Zelt. Dann packe ich Regenhose und -jacke sowie eine Flasche Wasser in den Daypack und laufe los in Richtung des Camping Grey, der eigentlich meine erste Übernachtungsgelegenheit gewesen wäre, hätte Bertl nicht ihre Tage bekommen.

Ich überstehe die ersten drei bis vier Kilometer trocken und muss dann aber eine Art Pass überqueren. Und dort oben lässt es runter. Nicht schlimm aber genug um einmal komplett nass zu werden. Das Tragen der Regenmontur habe ich wieder verworfen, als der Treibhauseffekt in meiner Hose ausgereicht hätte um Tomaten zu züchten.

Ein kurzes Foto auf dem Pass mit Aussicht auf den Lago Grey während der Wind mir den Regen um die Ohren feuert und weiter.

Ich überlege länger ob ich umkehren soll, denn ich weiß ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Regen sich nur über den Pass erstreckt. Da ich aber sonst sowieso nichts zu tun hätte, ziehe ich weiter durch. Und es sollte sich als korrekt erweisen, was mir beim Briefing mitgeteilt wurde. Kaum geht es den Pass hinab, stoppt der Regen und es bleibt lediglich Wind. Und das erste und vermutlich einzige Mal ist das etwas Positives. Denn als ich nach 12,5 km am Grey Gletscher ankomme, hat mich der Wind wieder komplett trocken geblasen.

Ich genieße also ein paar Minuten den Ausblick auf eine der drei in den See mündenden Gletscherzungen, lasse ein Erinnerungsfoto schießen und mache mich an den Rückweg.

Wieder laufe ich trocken los, werde zwischendurch nass und am Ende leider nur fast wieder trocken geblasen. Ich koche meine mitgebrachte Pasta und gehe danach duschen um endlich zu merken, was ich vergessen habe. Ein Handtuch. Bei vier Euro für ein Leihhandtuch werde ich lieber erfinderisch und stelle fest, dass so eine getragene Unterhose tatsächlich ebenfalls ausreicht um einen ausgewachsenen (zugegebenermaßen dünnen) Mann komplett abzutrocknen.

Fast standesgemäß friere ich nachts im Zelt wieder. Trotz noch dickeren Schlafsacks als sonst. Ich sehne den Morgen herbei und mache mich also sowieso schon erfroren mit klammern Klamotten vom Vortag bei leichtem Nieselregen auf zu Etappe 2, die vermeintlich die heftigste werden sollte. Ein leichtes Kratzen im Hals rundet diese hervorragenden Voraussetzungen ab. Aber ein letzter Blick aufs Camp und los geht’s.

Im Gegensatz zum Vortag bin ich heute mit dem kompletten Gepäck, also Zelt, Schlafsack, Isomatte, sowie Kleidung und Nahrung für die nächsten Tage auf dem Rücken unterwegs. Und weil es trocken bleibt ist der Marsch so anstrengend genug, dass mir recht schnell extrem heiß wird und ich Wollmütze, Schal, Handschuhe und Jacke ausziehen muss und geradezu froh bin um die leichte Kühlwirkung, die der noch klamme Pullover mit sich bringt.

Der Weg führt entlang des Lago Skötsberg…

…mit Blick auf den Glaciar Francés.

Ich mache öfter Pause und brauche vermutlich auch wegen des Gewichtes des Rucksackes 3 statt der veranschlagten 2,5 Stunden zum Camping Italiano, der auf halber Strecke des „W“ liegt. Auf diesem Campingplatz, für den ich leider nicht mehr reservieren konnte, bin ich dann zu einer einstündigen Regenpause gezwungen.

Eigentlich würde von hier ein Anstieg zu den Aussichtspunkten francés und británico führen. Aufgrund des länger als geplanten Marsches hier her, der Tatsache, dass ich wegen des Rucksackes schon ganz schön kaputt bin und die Berichte über schlechtes Wetter auf dem Aussichtspunkt veranlassen mich dazu diesen Teil des Treks wegfallen zu lassen. Stattdessen sattle ich nach der Regenpause wieder den Rucksack und ziehe weiter Richtung meines zweiten Nachtlagers. Des Camping Cuernos. Auf einer Anhöhe mit Blick auf den Lago Nordenskjöld…

…und später sogar direkt daran entlang komme ich sogar halbwegs trocken beim Campingplatz an.

Zu buchen gab es hier nur ein bereits aufgerichtetes Zelt mit Matratze und Schlafsack zum Schnapperpreis von 58 USD. Wie man das für den Preis erwarten darf, gehen nur zwei von vier Duschen, die angepriesenen Shampoospender sind ebenso leer wie die Seifenspender auf dem Scheißhaus und die Bar in der Mondpreise aufgerufen werden, ist so voll, dass man sich nicht bewegen kann. Einen Platz an einer Steckdose zu ergattern ein unerfüllbarer Traum. All das würde mich prinzipiell nicht stören. Ich bin ja schlimmeres gewohnt. Wenn ich aber schon keine Alternative für den schmalen Taler anbiete, dann sollte ich wenigstens dafür sorgen, dass für diesen Preis alles funktioniert. Die Nobelschröder der vielen geführten Touren (ab 1.500 USD) scheint das nicht zu stören. Genüsslich schlürfen sie an ihrem Glas Rotwein für umgerechnet EUR 7,- und schreien dabei so laut, dass ich sowieso kein Interesse habe, mich in der Bar aufzuhalten.

Ich setze mich auf den Balkon und genieße die Aussicht auf die namensgebenden Cuernos del Paine. Die Hörner vom Paine.

Danach wird wieder Pasta gekocht, geduscht und mit Unterhose abgetrocknet. Dann gehe ich früh zurück in mein Zelt um mich auszuruhen. Für den morgigen Tag steht zwar die kürzeste aller Etappen an. Das ungewohnte Wandern mit schwerem Rucksack hat mich aber mehr erschöpft als ich das erwartet hätte.

Wieder wird mir gegen frühen Morgen kalt. Die Luft im Schlafsack ist zwar warm, aber die Haut kalt. Und überall wo ich direkten Kontakt zur Schlafsackhaut habe, ist mein Körper völlig ausgekühlt. Wie machen das andere frage ich mich, während ich wieder auf das Morgengrauen warte.

Während ich wieder meinen Rucksack sattle, in dem ich Zelt und Isomatte wegen einer einzigen Nacht vier Tage durch den Tag trage, studiere ich die Karte für die heutige Etappe. Ziel ist der Camping Chileno. Der letzte Campingplatz vor dem Aufstieg zu den dem NP namensgebenden Torres (Türme) del Paine.

Das Wetter ist super und ich gehe langsam und entspannt. Die Etappe ist kurz, der Rucksack schwer. Kein Grund zur Eile. Lediglich seltene starke Windböen erschweren den Weg hin und wieder etwas. Immer wieder wirbeln kleine Tornados Wasser vom weiter den Weg begleitenden Lago Nordenskjöld auf mich herab. Ansonsten bleibt es trocken. Erst auf den letzten vier Kilometern, die nur noch steil bergauf führen kommt es kurz vor Erreichen des Campingplatzes noch heftig zum Regnen und ich erreiche jenen komplett durchnässt.

Auch dieser Platz kostet mich 58 Dollar. Kochen ist hier nicht gestattet. Wegen der Brandgefahr, nachdem vor Monaten ein Tourist sein Scheißhauspapier verbrennen wollte und damit einen riesigen Waldbrand entfacht hatte. In den nächsten Stunden werde ich also über 65 Euro für Essen und Trinken hier liegen lassen. Unter anderem für die Pizza, die halb als Abendessen, halb als Frühstück dient.

Sauber durchdacht denke ich, als ich eine halbe Pizza in meinem Zelt reinspachtle und zu den Torres aufbreche, während der Rest der Campingplatzgäste noch im Restaurant auf das Frühstück wartet. Dazu ist das Wetter genial und durch Einwickeln meiner Beine in eine Rettungsdecke habe ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten trotz der nominell kältesten Nacht dieser Wanderung nicht frieren müssen. Die Kirsche auf der Sahnetorte ist der Fakt, dass der Rucksack zum Aufstieg im Camp verbleiben kann und ich sogar noch einen meiner heiß geliebten Wanderstöcke am Weg finde.

Entlang eines kleinen Flusses, dann durch den Wald und schließlich durch ein Geröllfeld fliege ich den Berg hinauf zu den Torres. Keine Spur von Ermüdung oder lahmen Beinen. Etwa 1:15 h nach dem Aufbruch vom Camping Chileno erreiche ich die Torres.

Wie üblich hatte ich mich nicht über diese Wanderung informiert um meine Erwartungen nicht künstlich hochzuschrauben. Daher wusste ich zwar, dass es sich bei den Torres um drei Berggipfel handelt, nicht aber, dass sich vor diesen noch ein herrlich grün-blauer See befindet. Aus vielen Erzählungen anderer Reisender weiß ich außerdem, dass ich wohl mächtig Glück mit dem Wetter habe. Denn Kaiserwetter wie dieses ist hier eher unüblich.

Ich genieße die Stille und den Blick und mache mich auf den Rückweg, als die Massen einfallen und sich am Ufer des Sees um die besten Stellen für ihre instagram-tauglichen Yoga-Posen balgen.

Mit einem Lachen auf den Lippen und laut zur Musik auf meinen Kopfhörern singend hüpfe ich wieder Richtung Chileno. Mit einer nicht zu toppenden Laune. Das war die Schlepperei definitiv wert.

Ich sammle meinen Rucksack ein und mache mich an den Anstieg Richtung Ende des Treks, wo ich um 12:30 Uhr erschöpft aber glücklich ankomme.

Endlose drei Stunden später, in denen mich und zig andere Wanderer eine (vermutliche) Pollenallergie fast zur Atemnot treibt und meine Augen zuschwellen lässt, nimmt mich ein Bus endlich mit und spät abends erreiche ich wieder das Erratic Rock Hostel, wo ich noch in dieser Nacht beschließe, den nächsten Tag notgedrungen nochmal hier zu verbringen. Denn all meine Kleidung war bei dieser Tour im Einsatz und riecht entsprechend. Ich sehe zwar aus wie ein Mittelloser, aber ich muss ja nicht auch noch so riechen.

So beschissen sich diese Wanderung anließ, so geil ging sie zum Glück zu Ende.

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