Tage 190 und 191: Es geht so nicht weiter.

Nach einem wenig ereignisreichen Tag in Natales, an dem ich mich etwas erhole und neben der Wäsche kleinere Tätigkeiten an Bertl erledige, wie zum Beispiel den Tausch des durchgebrannten Birnchens zur Anzeige des Lichts sowie das Füllen von Tank und Kanister, bin ich einen Tag später um halb neun dann endlich abfahrbereit. Bereit zur Weiterreise. Bereit für die nächste Schlacht gegen den Wind. Und bereit für die 70 km Schotterpiste, die der heutige Tag für mich bereithalten soll.

Bei Sonnenschein und zugegeben verhältnismäßig schwachem Seitenwind reite ich los. Immer wieder erwischt mich eine Böe von der Seite und will mich aus der Balance werfen. Aber ich kann die Attacken stets abwehren. Als dann nach nur einer Viertelstunde aber die Sonne abhaut, zündet der Wind die zweite Raketenstufe. Kälte. Seitlich bläst er mir in die Lenkerstulpen und macht in kürzester Zeit aus meinen Fingern Eiszapfen.

Glücklicherweise erreiche ich schnell den chilenischen Grenzposten der Grenze nach Argentinien und kann mich beim Warten auf die Erledigung des Papierkrams etwas aufwärmen. Leider arbeiten die Grenzer hier viel zu schnell und ehe ich mich versehe geht die Fahrt schon weiter bis ein paar Kilometer später der argentinische Grenzposten grüßt.

Da ich auch hier schnell durchgehandelt werde, lege ich meinen ersten richtigen Stopp nach nur 40 km und bereits nach 11 Uhr in einer Tankstelle direkt hinter der Grenze ein, wärme mich mit Kaffee auf und versuche mir einzureden, dass das alles gleich besser wird.

Und das tut es. Der Himmel reißt auf und die Sonne kommt raus. Dazu zeigt der Streckenverlauf nun nach Osten, statt nach Norden, wodurch der Seitenwind nun plötzlich zum besten Freund des Vespa-Piloten wird: Rückenwind.

Mit dem Gasgriff auf maximal halb offen, fliege ich mit 80 kmh über die argentinische Landstraße. Um circa halb eins mittags stehen dadurch schon mehr als 100 km auf dem heutigen Deckel, als ich die Abzweigung nach El Calafate erreiche.

Es ginge wieder nach Norden. Das heißt wieder, inzwischen deutlich stärkerer, Seitenwind. Außerdem beginnt hier der ripio. Argentinisch für beschissene Buckelschotterpiste. An der kleinen Tankstelle, die als einziges Gebäude weit und breit diese Kreuzung bewacht, mache ich einen kurzen Stopp.

Und als ich da so stehe und meinen leicht angefeuchteten abgeschlabberten Finger in den Wind halte um die Windrichtung zu bestimmen und mich daran zurückerinnere wie ich im zarten Alter von 10 Jahren diesen Trick in meinem „schlauen Buch“ von Fähnleinführer Fieselschweif erklärt bekam, da winkt mich von ein paar Metern Entfernung ein Radfahrer zu sich. Belarus Belarus schreit er förmlich und zeigt dabei auf sich. Nemetskiy parliere ich in feinstem Russisch und klopfe mir in Gedanken auf die Schultern das einzig russische Wort, das ich kenne, das kein Schimpfwort ist, im richtigen Moment aus den Windungen hervorgekramt zu haben.

„Belarus“ spricht leider keinen Ton Englisch und ebenso viel Spanisch, weshalb wir uns kurz mit Händen und Füßen unterhalten, ehe er mir auf seinem Smartphone eine App namens Windy zeigt, die auf einer animierten Landkarte Auskunft über Windstärke und -richtung gibt. Scheiß die Wand an, denke ich. Da muss ich erst 17.000 km fahren, bis eine App den 18 Jahre zuverlässigen feuchten Finger ersetzt. Immer mal was neues.

Mehr aus Langeweile und auch um die vermeintlich unausweichliche Rüttelpartie etwas hinauszögern beginne ich eine Unterhaltung mit dem Tankwart, der mir dann eröffnet, dass ich auch geradeaus weiterfahren könne. Für 80 km Umweg kann ich so den Rüttelritt umgehen und außerdem noch weiter etwas vom Rückenwind profitieren.

Für einen klitzekleinen Moment überlege ich trotzdem, den direkten, also schottrigen Weg zu nehmen. Dann erinnere ich mich an meinen seelischen und körperlichen Zustand nach der Horrortour nach Cafayate und steuere Bertl in den Rückenwind. Wie auf dem Mario Kart Beschleunigungspfeil fühlt sich der Moment an, in dem man in den Wind einbiegt. Genial.

Weniger genial, wenn man noch seine Sonnenbrille vergisst und das erst (oder eher schon) nach 5 km merkt. Hätte das scheiß Teil keine Brillengläser mit Stärke drin, ich hätte es gelassen wo es ist denke ich als ich mich selbst laut beschimpfend gegen den Wind zurückeiere und drei Mal fast in den Seitengraben geweht werde.

Mit Sonnenbrille auf dem Zinken ruhend, geht es dann ohne Unterbrechung wieder im Düsenjet-Modus bis nach La Esperanza. Eine kleine Stadt, von der aus es nun endgültig in den Seitenwind gehen wird. Ohne weitere Umfahrungsmöglichkeit.

Im mit WLAN ausgestatteten Tankstellencafé downloade ich Windy (danke Belarus) und beschließe, dass es wohl eher Sinn macht hier noch etwas auszuharren. Und wenn ich sage etwas, dann spreche ich von fünf Stunden. Denn es ist gerade 14 Uhr und der Wind lässt nicht vor 19 Uhr nach. 160 km sind noch zu fahren. Drei Stunden Zeitfenster bis es um 22 Uhr dunkel wird. Ein riskantes Spiel mit dem Feuer. Denn im Falle einer Panne, bleibt dann nur das Wildcampen am Straßenrand. Aber bei Windböen um die 90 kmh die bessere Alternative.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich esse zu Mittag, tanke Bertl und ständig suchen neue Menschen das Gespräch mit mir. Zu Abschied umarmen sie mich oder küssen mich gar auf die Wange aus lauter Unglaube über meine bisherige und bevorstehende Reise. Ich muss für unzählige Fotos bereitstehen, mache das aber mangels anderer Alternativen sehr gerne.

Die interessanteste Begegnung ist sicher Joao aus Portugal, der ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs ist und vor zwei Jahren Afrika von Nord nach Süd durchquert hat. Meine Frage, ob er glaube, dass seine Route auch mit einer Vespa befahrbar wäre, bejaht er vehement und versichert mir, dass die Straßen überwiegend sogar besser sind als jene in Argentinien. Eine Unterhaltung, die prägt. 2021 ist damit nämlich auch gerettet.

Um halb sieben breche ich dann aber aus meinem sicheren Zufluchtsort auf. Raus in den Wind. Und es dauert nicht einmal einen Kilometer und ich bin komplett entnervt. Es langt jetzt einfach. Ich habe keinen Bock mehr. Es macht auch keinen Spaß mehr. Sämtlicher Fahrspaß ist weg. Alles was diese Reise einst einmal ausmachte. Weg. Ich kämpfe mich hier endgültig nur noch durch. Jede Böe macht mich nur noch aggressiver und gestresster. Während der ganzen Reise gab es immer wieder einmal negative Aspekte. Aber auch immer etwas woran ich mich hochziehen konnte. Wenn es geregnet hatte, dann war wenigstens die Landschaft geil. Wenn die Landschaft in der Wüste etwas träge war, musste ich mir wenigstens um das Wetter keine Gedanken machen. Und selbst als es vor den Toten Ushuaias dann wetter- und landschaftsbedingt sehr zäh wurde, da war noch dieser unbändige Wille da, es bis ganz nach Süden zu schaffen.

Jetzt? Nichts. Der Wind raubt mir jegliche Kraft. Mental wie körperlich. Mein kleiner rechter Finger lässt sich auch nach mehreren Pausentagen nicht mehr ohne Widerstand ausklappen, so verkrampft umklammere ich im Wind ständig über Stunden den Gasgriff. Rücken, Nacken und Schultern schmerzen nach 2 Minuten in Rossi-Stellung. Ich habe dieses unangenehme Gefühl im Magen, wenn ich nur daran denke, dass ich wieder da raus muss. Wie früher am Sonntagabend, wenn für Montag eine Klausur anstand, für die man nicht gut vorbereitet war. Dazu kommt, dass ich mit Bertl ja zum Teil gar nicht mehr gegen den Wind ankomme. Selbst mit Volllast. Und wenn doch, dann habe ich ständig die Angst wieder einen Klemmer wie den letzten zu haben. Denn Warnsignale höre ich wegen des Windes nicht.

Es belastet mich alles in allem extrem. Und nichts woran ich mich hochziehen könnte. Denn landschaftlich macht diese Ecke hier absolut gar nichts her. Auch gibt es dieses Mal keine geographische Marke, die ich unbedingt erreichen will. Im Gegenteil. Die Aussicht auf weitere 2.000 km in dieser Form lässt mich erschauern. Ich will diese Scheiße einfach nicht mehr. Ich will meinen Fahrspaß zurück. Und mich nicht nur noch vorankämpfen müssen.

Heute muss ich aber nochmal. 70 km sind geschafft, als ich unbedingt rechts ran fahren muss. Denn der Wind lässt zwar langsam tatsächlich nach. So aber auch die wärmende Kraft der Sonne. Und meine Finger spüre ich schon wieder nur so semi.

Mit abnehmendem, aber immer noch stark genugem Wind, bekomme ich aber in diese immerhin wieder etwas Gefühl zurück. Resigniert in die Pampa starrend und die Seitenhiebe des Windes ausgleichend ticken langsam die Kilometer runter.

Für die letzten 40 km bläst es mich dann nochmal frontal an und die eigentlich schöne Stadteinfahrt entlang strahlend heller blauer Seen könnte mir nicht scheißegaler sein. Auch so sieht es aus, wenn man seinen Traum lebt. Um 22:15 Uhr, durchgefroren, körperlich und mental müde schließe ich diesen Tag ab und meine Augen zu.

Mit genau einem Gedanken im Kopf:

So geht es nicht weiter.

9 Antworten zu “Tage 190 und 191: Es geht so nicht weiter.”

  1. Hey Alter, stadteinfahrt entlang strahlend blauer Seen, das ist es.!! Davon träumen wir alle – hat ja niemand gesagt dass es einfach wird. Genies es, fluche, träume , thats Life, my Friend. Und mach deinen Weg. Einzigartig, großartig, nicht wiederholbar!!! Viel Glück und viel Spaß, du machst alles richtig!

    1. Fränky, danke dir. Schöner Kommentar. Du hast natürlich recht, aber nicht manchmal darf man sich auch einen kleinen Durchhänger genehmigen 😉

  2. Wow Kollege, was geht, du der größte selbst Motivatior ever, geht nicht weiter!?
    Du kannst deine treuen Leser, welche auf die tollen Berichte hinfiebern, mit so einem Spoiler nicht in eine tiefe Depression stürzen 😉.
    Mach weiter, bis Afrika ist es noch ein paar km 🤙🤙🤙😎

  3. Lieber Norman,
    Du machst das genau richtig. Halt die Ohren steif und hau rein, auch wenn es für dich manchmal zum kotzen ist. So was hätte ich besser auch mal gemacht…
    Ich freue mich auf jeden deiner Berichte.
    Best
    Bodo

  4. Hola Gringo, oder so.
    Also ich bin ja kein Mopedmechaniker oder so, ich kenn die ein oder andere Funktion von so einer Maschine aus meiner Jugend, 😏 quasi 40 Jahre her, aber was mich auf einem der Bilder von deinem Vespa Aggregat echt gewundert hat ist, wieso gibt es über dem Zylinder eine Abdeckung / Haube?
    Wird diese in Mitteleuropa verwendet um das Teil schneller auf Temperatur zu bringen, und führt es bei dir / den Temperaturen, zu einem überhitzen des Zylinders, mit all den spätfolgen?!
    Musste ich einfach mal fragen.
    Also Prinzessin, aufstehen, Krone geraderücken und weiter geht’s.

    Gruß Thomas

    1. Hi Thomas, im Gegenteil. Die Zylinderhaube ist für das Leiten und gleichmäßige Verteilen des vom Lüfterrad erzeugten Luftstroms zuständig. Ergo würde sich ohne das Ding der Zylinder noch mehr erhitzen. Trotzdem danke fürs Mitdenken 🙂

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