Tage 192, 193, 194, 195, 196 und 197: Eine Überdosis Südamerika

So geht es nicht weiter. Was ein Cliffhanger. Und so ging es tatsächlich nicht weiter. Bevor es aber nicht mehr so weiter ging, ging es erst mal noch so weiter. Wie das ging? So:El Calafate, oder nur Calafate. Beim geneigten Patagonien-Experten klingeln bei diesem Namen natürlich alle Alarmglocken. Liegt Calafate doch nur wenige Kilometer entfernt vom Perito Moreno Gletscher, von dem jeder schwärmt, dem man hier in der Ecke begegnen kann.Der Bus in den Parque Nacional Glaciar Perito Moreno und zurück würde mich nur etwa EUR 10,- kosten, stört mich aber etwas aufgrund der starren Abfahrtszeiten, von denen es exakt zwei gibt. Nämlich eine hin und eine zurück. Was zum Beispiel wenn ich vor Ort nicht so viel Zeit verbringen will, wie mir der Bus ermöglicht? Ich bin inzwischen einfach zu verwöhnt von der Flexibilität, die mir Bertl bietet…Als ich dann auch noch erfahre, dass es sich bei der Strecke um eine sehr schön zu fahrende handeln soll, da borde ich gegen halb zehn Bertl und fahre los. Mit dem Wind habe ich frontal nur die ersten 30, der insgesamt 75 Kilometer zum Gletscher zu kämpfen. Danach umgibt eine hügelige Landschaft die Straße und beschützt mich und meinen Hobel vor den Böen. Außerdem fährt es sich ohne Gepäck auch gleich ganz anders. Trotzdem drückt diese ersten Kilometer auf die Stimmung wieder in Rossi-Stellung unterwegs sein zu müssen. Schließlich weiß ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass es bald besser werden sollte und mache mich schon wieder auf 75 km Leiden gefasst.Landschaftlich ist die Strecke tatsächlich reizvoll. Entlang des strahlend blauen Lago Argentino zieht sich die Straße Richtung Nationalpark. Immer mit den schneebedeckten Gipfeln der Anden im Hintergrund.Und weil dann die äußeren Bedingungen mal wieder mitspielen, entscheidet Bertl, dass heute sie dran ist damit, mir die Cornflakes zu verhageln. Nachdem ich etwa 25 Kilometer vor dem Gletscher meinen Eintritt abrüste und anfahre, ziehe ich wie üblich die Kupplung und drehe das Schaltrohr, bevor ich die Kupplung wieder kommen lasse. Von 1 in 2 klappt damit alles wie es soll. Als ich aber vom zweiten in den dritten Gang schalte und die Kupplung kommen lasse, befinde ich mich noch immer im Zweiten. Ich nehme Gas weg, lasse Bertl rollen, gebe wieder Gas und siehe da. Irgendwie hab ich es nun in den Dritten geschafft. Kein Grund zur Freude aber. Denn beim Schalten in die 4, selbes Spiel. Auch hier rutscht der Gang unbemerkt rein, als ich das Gas wegnehme. Und weil danach alles wieder normal funktioniert, mache ich mir zunächst nur wenig Gedanken und komme gar zu dem Schluss mir das alles nur eingebildet zu haben.

Ich parke also Bertl auf dem Parkplatz vor dem Gletscher ordnungsgemäß rückwärts ein, mache die letzten paar Kilometer zum Gletscher im Shuttle-Bus und bin dann einfach nur baff.Nur etwa 500 Meter muss man zu Fuß gehen. Das hier ist kein langes Trekking an dessen Ende man sich mit dem Blick belohnen darf. Aber der Gletscher ist unfassbar beeindruckend. Fast ist es als würden im Gletscher Lichter oder Kerzen brennen und ihn dadurch von innen heraus blau zum Leuchten bringen.Immer wieder muss ich mich selbst an die schiere Größe des Teils erinnern, da es um den Gletscher herum an bekannten Marken zur Einordnung des Maßstabes fehlt. Zu den Seiten hinten misst die Gletscherzunge immerhin 50 Meter in der Höhe und im Zentrum sogar 70 Meter. Um das zu verdeutlichen habe ich in das obige Bild mit einem roten Stift die verhältnismäßige Größe eines Menschen eingezeichnet. Sieht man nicht? Genau.

Eine weitere spektakuläre Besonderheit des Perito Moreno Gletschers ist die Tatsache, dass von ihm tagtäglich mehrmals riesige Stücke nach vorne weg in den Gletschersee brechen. Kurios wird es dann wenn man sich noch vor Augen hält, dass der GPM (Glaciar Perito Moreno) als einer der wenigen Gletscher der Welt nicht in Form von Schmelze vom Klimawandel betroffen ist.

Und so filme ich in Summe etwa 60 Minuten ohne Erfolg in der Kälte, bis ich fast meine Finger nicht mehr spüren kann, um ganz am Ende beim Wiederaufstieg Richtung Parkplatz doch noch den Abbruch dieses 50 Meter hohen Eisblocks auf meiner GoPro einzufangen.Im Vorfeld eines solchen großen Abbruchs, schießen aufgrund des Drucks meist bereits kleine Bröckchen aus dem Gletscher und prallen auf der Wasseroberfläche auf. Wobei die Bezeichnung „kleine Bröckchen“ wiederum der Tatsache geschuldet ist, dass man den Gletscher aus großer Entfernung betrachtet und wie erwähnt der Maßstab fehlt. So kann man sich nicht helfen und das Hirn lässt sich automatisch täuschen und geht davon aus, dass es sich eben um kleine Stückchen handelt. Bezieht man aber die tatsächliche Größe des Gletschers in die Überlegungen ein, dann sind die „kleinen Stückchen“ allesamt auch zwischen einem und fünf Metern groß. Und daran erinnert dann auch das Geräusch, das ein solches „winziges“ Stückchen Eis mit ein paar Zehntel Sekunden Verspätung an das Ohr sendet. Nämlich ein lauter Knall, den ein kleines Böckchen logischerweise gar nicht machen könnte.

Beeindruckt mache ich mich an den Rückweg, wo mir Bertl nun nur beim allerersten Anfahren wieder die oben beschriebenen Probleme serviert. Eindeutig kein Produkt meiner Fantasie wie ich feststellen muss. Das Schaltrohr steht auf 4, fahren tu ich in 2. Jauche. Aber endlich wieder Arbeit an Bertl. War ja auch langweilig diese letzten 500 km so ganz ohne Probleme.

Die Rückfahrt zum Hostel verläuft trotzdem problemlos, da sich die Probleme nur auf das erste Anfahren beschränken und ich auf den letzten 30 km nun ja sogar von Rückenwind profitiere. So segle ich zurück zum Hostel nach Calafate, wo ich mich daran mache meine nächsten Etappen zu planen.Aber egal wie ich mit der neu entdeckten Wind-App meine Flucht angehen will, Etappen verkürze, verlängere, Pausen für die windstärksten Phasen des Tages einplane oder gar Alternativrouten suche. An Windböen von bis zu 125 km/h komme ich nicht vorbei und beim Blick darauf fällt mir entsprechend vor lauter Schreck fast das Monokel in den Thunfischsalat. Wieder ein „Schmerz“ bzw. ein ungutes Gefühl in der Magengegend beim Gedanken daran da raus zu müssen. Es reift langsam aber sicher der Gedanke in meinem Köpfchen einige hundert Kilometer bis nach Bariloche per Busfahrt zu überspringen. Ab dort beginnt geografisch betrachtet eine windärmere Zone. Einzig die Fracht von Bertl müsste ich dazu irgendwie organisieren.

Nachdem eine Internetrecherche zu diesem Thema keine Ergebnisse liefert, lotst mich die Dame des Hostels zu der ihrer Aussage nach „einzigen Firma in der Stadt“, in der Lage so einen Auftrag auszuführen. Freddy Representaciones heißt der Hoffnungsträger. Heute aber leider schon zu. Öffnungszeiten 11 bis 17 Uhr.

Ich nutze die heute verbleibende Zeit dazu, etwas zu meinen Kupplungs- oder Schaltprobleme zu recherchieren und mich dazu im Vespaforum auszutauschen und stehe dann am nächsten Morgen um exakt 10:58 Uhr wieder bei Freddy und singe mein Lied.

Freddy schaut auf Bertl, nickt, grummelt, sagt dann: Kein Problem, Sprit ablassen, Batterie abklemmen, Kopien der Papiere an den Sitz kleben und zwischen Montag und Freitag 11 und 13 Uhr vorbeibringen. Kostenpunkt etwa 30 Euro. Emotionale Luftsprünge machend ob des Preises, vergesse ich nach der Dauer des Transportes zu fragen. Hätte ich mal lieber gemacht.

Denn statt Bertl gleich heute noch wiederzubringen, nehme ich zurück am Hostel die Schaltraste ab und überprüfe die Züge, was mir im Forum als plausibelste Fehlerquelle der Schaltschwierigkeiten geliefert wurde.

Um aber die Züge rauszuziehen muss ich das verknickte Ende abzwicken und stelle erst danach fest, dass sich in meinen Ersatzteilen lediglich ein und leider keine zwei neuen Züge befinden. Und die alten sind nun zu kurz um sie wiederzuverwenden. Dabei muss ich zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass beide Züge eigentlich noch top in Schuss waren. Auch die Schaltraste wirkt gesund. Kein Spiel, nix ausgelutscht. Dummerweise ist Bertl nun in einem Zustand in dem ich sie nicht versenden möchte. Denn ich will nicht in Bariloche im Lagerhaus von Freddy Züge einziehen müssen um überhaupt vom Hof rollen zu können.

In einer kurzen Regenpause mache ich mir dann Gedanken dazu, wie ich überhaupt meinen eigenen Kadaver Bertl hinterher nach Bariloche versenden könnte und stelle fest, dass das noch viel schwieriger ist, als der Versand von Bertl selbst. Lediglich zwei Busunternehmen fahren diese Strecke. Die teurere der beiden ist bereits bis Montag (es ist Donnerstag) ausgebucht. Die günstigere hat noch exakt einen Sitzplatz für Samstag und dann ebenfalls erst wieder montags Ressourcen. Flüge sind nur etwas teurer, aber mit all meinem Gepäck mehr als umständlich.

Der zu diesem Zeitpunkt aktuelle Plan, Bertl und mich selbst am morgigen Freitag zu versenden ist damit vom Tisch. Ich eile also in die Stadt um wenigstens das Samstags-Ticket zu erwischen, scheitere aber auch daran. Bereits verkauft. Dann also Montag. Eine Weile dachte ich, ich würde mit dem Transport nicht nur ätzende Sturmkilometer sparen, sondern eventuell auch etwas Zeit gut machen. Dem scheint nun doch nicht so. Trotzdem alles besser, als selbst zu fahren denke ich und buche den Bus für stolze EUR 70,-.

Da ich noch nicht weiß, ob in meinem Hostel weiter Platz ist, buche ich den kostenlosen Shuttle vom Hostel zum Busterminal zwar hinzu, sage aber, dass ich mich telefonisch melden werde, sofern ich doch wider Erwarten anderweitig unterkomme. Oooh neee neee sagt der Kollege im Büro der Busfirma. Dann machen wir lieber ohne Shuttle und du meldest dich telefonisch wenn du weißt wo. Bueno, sage ich. Soll mir egal sein. Eine halbe Stunde später rufe ich wie vereinbart an, buche den Shuttle hinzu und lasse mir alles auch telefonisch bestätigen. Okay, confirmado, Montag ab 17 Uhr bereit sein zur Abholung bitte sagt der junge Mann. Ist vermerkt, danke Bruder, sage ich. Ebenfalls ein junger Mann.

Und nun da ich plötzlich noch so viel Zeit habe, beschließe ich mich nicht zu stressen und lege erst einmal die Füße hoch. Ich mache in Ruhe eine Liste der zu erledigenden Arbeiten und zu besorgenden Teile an Bertl und beschließe Bertl am Montag zu Freddy zu bringen und ihr dann abends hinterherzureisen.

Freitagmorgen und ich bin voller Elan. Ich reinige meine Zündkerzen, überprüfe das Zündkerzenbild der aktuellen Kerze und tausche mich dazu mit Richard, dem chilenischen Vespa-Guru aus, der mir dabei hilft die beste Bedüsung für Bertl zu finden. Seiner Vermutung nach muss ich am Wärmewert der Kerze nachjustieren. Einer zu kalten Kerze gibt er die Schuld am bislang immer schwarzen Kerzenbild. Immerhin, den Grund für das Nasswerden der Kerzen, habe ich mit einer kaputten Dichtung im Vergaser beheben können. Die Kerzen bleiben nun trocken.

Danach besorge ich eine Portion Fett, um nach erfolgtem Wiedereinbau die Schaltraste wieder ordentlich einzufetten. Und als ich dann pünktlich zur Ladenöffnung des Fahrradladens los will um meine Züge zu besorgen, kommt mir Eduardo, der Hausmeister des Hostels, entgegen und ruft: Geh nirgendwo hin. Bleib hier. Der Schweißer kommt gleich. Halbe Stunde.

Der Schweißer. Nebenbei hatte ich Eduardo heute Morgen gefragt, ob er jemanden kenne, der zwei kleinere Schweißjobs für mich ausführen könnte. Er werde das recherchieren meinte Eduardo dann, um jetzt ohne Rücksprache mit mir einfach einen Schweißer einzubestellen. Nett gemeint, aber passt mir jetzt irgendwie so gar nicht in den Plan.

Denn da wir in Argentinien sind, beträgt die halbe Stunde, bis zur Ankunft von Daniel, dem Schweißer, 90 Minuten. 90 Minuten, in denen ich nirgendwo hingehen soll und mangels Ersatzteilen aber auch nicht an Bertl arbeiten kann. Ich sortiere und reinige ein wenig meine Ersatzteile und entsorge überflüssiges angehäuftes Werkzeug. In Wahrheit versuche ich natürlich nur Zeit zu vertrödeln.

Wie erwartet muss ich dann mit Ankunft von Daniel den Tank ausbauen. Denn eine der Schweißarbeiten, die er für mich ausführen muss, ist das Zuschweißen der Risse, die sich durch das zeitweise Beladen des für 10 Kilogramm ausgelegten Gepäckträgers mit 25 Kilo gebildet hatten. Und dieser sitzt zu nahe am Tank um direkt dort zu schweißen.Ich überlasse Daniel den bereits ausgebauten Auspuff für die zweite Schweißarbeit, das Festpunkten des Mutternkäfigs am Auspuff und baue den Tank aus. Der Mutternkäfig des Auspuffs ist durch mehrmaliges Öffnen und Wiederzudrücken ausgelutscht und öffnet sich beim Anziehen des Bolzens von der Gegenseite. Der viereckige Mutternkäfig sollte eigentlich die darin befindliche ebenfalls viereckige Mutter am Mitdrehen hindern wenn der Bolzen von der Gegenseite eingedreht wird.

Ich gebe Daniel den klaren Auftrag die Mutter in der aktuellen Position, ganz in der Ecke, zu belassen und den Käfig ebenfalls wie aktuell, nämlich leicht geöffnet festzupunkten. Hintergrund ist, dass durch den Wechsel des Zylinders, der Auspuff in einem minimal anderen Winkel festgemacht wird, wodurch sich die Mutter nicht wie üblich im Zentrum des Käfigs befinden darf, sondern komplett in der Ecke sitzen muss.

Nein, nein sagt Daniel. Die Mutter muss ins Zentrum. Nein, seufze ich leicht gereizt. Sie muss in die Ecke. Ins Zentrum muss sie bei Verwendung des Originalzylinders. Daniel nickt und murmelt „ah bueno„.

Ich nehme also schnell den Vergaser ab und den Tank raus um an die Mutter zu kommen, die den Zapfen des Sitzbankschlosses hält, an dem der Gepäckträger befestigt ist. Dann nehme ich den Gepäckträger ab, gebe diesen Daniel und nehme im Tausch den geschweißten Auspuff entgegen. Statt den Käfig so festzupunkten wie er war, hat Daniel von mir unbemerkt trotz klar anderslautender Anweisung den Käfig zugedrückt und mit einer gefühlt zentimeterdicken Schweisnaht versehen.

Und im Versuch zeigt sich, wozu ich eigentlich keinen Versuch gebraucht hätte. Der Bolzen geht zwar durch die Mutter. Durch die veränderte Position des Käfigs aber, stimmt motorseitig der Winkel nicht mehr und der Auspuff lässt sich nicht mehr mit dem Zylinder verschrauben.

Ich lasse Daniel den Gepäckträger ebenfalls mit einer für meine amateurhaften Augen viel zu dicken Schweißnaht versehen…


…und reiche ihm nun etwas schwerer gereizt den Auspuff zum Flexen zurück. Wieso er den Korb zugedrückt habe, will ich wissen und Daniel antwortet, die Mutter müsse ins Zentrum des Korbes. Himmel, Arsch und Wolkenbruch sage ich. Nein, muss sie mit diesem Zylinder nicht!

Daniel flext also die vier Kilometer Schweißnaht wieder herunter und überreicht mir den Auspuff mit einem schwer labilen Mutternkäfig zurück. Jetzt sei es zu wenig Material um zu schweißen, meint er, überreicht mir den Auspuff und ergänzt, dass er jetzt sowieso gehen müsse. Bevor ich ihm sein Schweißgerät quer dort hin schiebe wo normalerweise das Fieberthermometer seine Dienste verrichtet, zahle ich Daniel lieber seine 500 Pesos und versuche mich zu beruhigen. Ohne Erfolg. Es dauert mindestens eine halbe Stunde, bis ich das bisschen Rest vom Mutternkäfig soweit hingebogen habe, dass die Mutter an Ort und Stelle sitzt und der Bolzen endlich darin greift. Eine halbe Stunde in der ich bei jedem erfolglosen Versuch den Bolzen einzudrehen, meinem Ärger durch lautes Fluchen Luft mache. Und selbstverständlich hält das Restchen Mutternkäfig dem Druck des Bolzens nicht stand und öffnet sich sofort auf der anderen Seite. Dieser scheiß Auspuff kotzt mich nun schon seit Tausenden Kilometern an. Ideal funktioniert die Installation ja schon lange nicht mehr. Seit Arévalos Wunderhänden in Lima funktionierte es zumindest akzeptabel und nun wurde klassisch verschlimmbessert. Aktueller Zustand: Grausam.

Als der Auspuff dann irgendwann schlecht befestigt wenigstens beidseitig verschraubt ist, da ist es natürlich bereits wieder argentinische Mittagspause. 12:30 Uhr. Mein Fahrradladen öffnet nicht vor 16 Uhr und wieder sind mir dadurch fast vier Stunden lang die Hände gebunden.

Dazu der erfolgreiche Schweißeinsatz vom ehemaligen Turbinenschweißer, für den dieser Job wohl etwas zu filigran war. Als würde der gelernte Kopfschlächter bei medizinischer Not am Mann plötzlich Operationen am Frontallappen durchführen. Ist ja fast dasselbe.

Da mir beim Öffnen der Schaltraste die darunter sitzende Dichtung kaputt ging, habe ich bereits eine neue aus Dichtungspapier geschnitten, möchte die Löcher, durch die später die Schrauben gehen aber in einer Werkstatt sauber ausstanzen. So ziehe ich also nachmittags los. Auf der Liste stehen die Dichtung, die neuen etwas wärmeren Zündkerzen, die neuen Schaltzüge und zwei Schrauben, die ich im Vergaser austauschen möchte.

Als ich dann um 16:20 Uhr vor dem Fahrradladen stehe, stehe ich vor einem Schild, dass die Öffnungszeiten mit 16:00 bis 20:00 Uhr ausweist. Außerdem stehe ich vor einem verschlossenen Laden und wieder mal kurz vor dem Ausbruch.

Zeit für einen Rundumschlag: Ein Phänomen, das ich seit Kolumbien beobachte. Schuld an der eigenen Misere sowie an der schlechten wirtschaftlichen Situation sind laut der Menschen hier immer andere. Korrupte Politiker, Mitmenschen, das Wetter, Gott… Die eigene „komm ich heute nicht, komme ich morgen“-Einstellung ist dabei aber nie ein Thema.

Speziell die Art und Weise, wie Menschen hier arbeiten, ist und wird für mich auch nach einem halben Jahr hier niemals normal werden. Ich versuche niemanden zu ändern, kann mich aber beim besten Willen auch nicht daran gewöhnen. An einem Schalter zu warten, weil die dort arbeitende Dame erst noch das witzige Handyvideo zu Ende schauen muss, das ihr eben zugesendet wurde. Das konsequente Ignorieren der eigenen Öffnungszeiten. Die Unflexibilität wenn etwas einmal nicht 100% nach dem bekannten Schema laufen soll.

Wir sind auch in Deutschland weit entfernt von der Perfektion. Und es gibt hier und da immer Ausnahmen. Trotzdem sind die Unterschiede himmelschreiend. Und in einem sind sich am Ende des Tages immer alle einig. Dass sie unfassbar hart gearbeitet haben, wenn sie gerade so lange gearbeitet haben, dass das Geld reicht für das Essen am heutigen Tag. Darüber hinausgehende Ambitionen? Fehlanzeige. Den Rest wird Gott schon richten. Ein Geschäft auf diese Art und Weise in Deutschland zu führen? Undenkbar.

Und so laufe ich nach weiteren fünf Minuten vor dem verschlossenen Laden weiter zum Kfz-Ersatzteilladen, der glücklicherweise geöffnet hat, mir mit meinen Zündkerzen aber leider nicht weiterhelfen kann. Auf dem Rückweg zur Werkstatt, hat dann der Fahrradladen mit 45 Minuten Verspätung doch irgendwann seine Pforten geöffnet und ich besorge meine Züge. Immerhin etwas. Nach einer weiteren halben Ewigkeit finde ich noch eine Werkstatt, in der ich meine DIY-Dichtung mit einer Ventilkappe eines Reifenschlauches in der korrekten Größe durchschlagen kann und kehre halbverrichteter Dinge zurück zu Bertl. Körperlich fit, aber mental müde. Die Schrauben? Vertagt auf morgen.

Ich ziehe die neuen Züge ein, stecke die Schaltraste auf und stelle die Züge ein. Falsch natürlich. So dass am Schaltrohr viel zu viel Spiel ist. An so einem Tag kann so etwas nicht einfach mal klappen. Egal. Es ist 19 Uhr. Ich habe extremen Hunger und vertage alles auf morgen.

Ich lasse mir über das Hostel Pizza bestellen und rechne bei der Angabe der Anlieferung in einer Stunde schon gar nicht mehr damit, dass das Teil auch nur im Ansatz pünktlich kommen könnte. Und sollte recht behalten. 2:15 Stunden später erst, liegt die dampfende Scheibe vor mir. Die Uhren gehen hier einfach anders.

Der Plan, die Zeit bis zur Abfahrt am Montag noch für einen Ausflug nach El Chaltén zu nutzen? Vom Tisch. Zu lange dauern hier einfach die simpelsten Tätigkeiten.

Nächstes und in der Nachschau sicherlich witzigstes Beispiel, als ich am nächsten Morgen in der benachbarten Ferreteria mit den Maßen und Bildern der Schrauben, die ich benötige, vorstellig werde. Schraube 1, die ich benötige um die Vergaserwanne am Gehäuse festzuschrauben, ist schnell vom Tisch. Denn Senkkopf gibt es in diesem Laden nicht. Bei der zweiten Schraube, die zur Befestigung des Luftfilters am Vergaser dienen soll, falle ich fast vom Glauben ab. M5 x 30 mit so einem Kopf, sage ich und zeige das Originalbild der Schlitzschraube. Aaaah nooo, sagt er. No tenemos. Das haben wir nicht.

Wir haben nur die, sagt er und zeigt mir eine Sechskantschraube. Ich frage also nochmal zur Bestätigung während ich das Bild zeige: Okay, mit so einem Kopf nicht? Nun plötzlich in einem unverständlichen englischen Kauderwelsch werde ich gebeten ins Lager zu folgen. What need? Ich sage, immer noch eine M5x30 Schlitzschraube. Aaaah okay, have this sagt er und drückt mir eine M7x50 Sechskantschraube in die Hand.

Ich kann es hier schon nicht mehr glauben. Dabei sind wir erst am Beginn der Absurdität. Eso no sirve. Es M7, demasiado largo y cabeza hexagonal. Necesito M5x30 antworte ich wieder auf spanisch. Auf deutsch: Zu dick, zu lang und falscher Kopf. Falsch an allen Fronten.

Ah okay, sagt der Kollege und lotst mich zum nächsten Regal, wo ich eine der Kistchen mit 5×30 beschriftet sehe. Endlich denke ich, nur um mit ansehen zu müssen, wie der „Schraubenfachmann“ zielsicher ins Kästchen greift, auf dem 6×40 steht. This correct sagt er als er mir eine Kreuzschlitzschraube mit den falschen Abmessungen in die Griffel drückt. Mir platzt jetzt der Kragen: Por qué siempre me hablas en inglés? No entiendo inglés. Y ya te dije tres veces que necesito M5x30. Wieso sprichst du englisch mit mir? Ich verstehe kein Englisch und ich habe dir bereits drei Mal gesagt, dass ich M5x30 brauche. Und mit einem Blick tief in seine Augen wiederhole ich ganz langsam: M5 x 30 mit diesem Schraubenkopf und zeige zum gefühlt vierzehnten Mal das Bild der Schraube.

Nun wieder auf Spanisch fragt er mich nach dem Anwendungszweck der Schraube. Vergaser antworte ich nur noch knapp und sehe mit an, wie er noch ein Regal weiter eine Schraube aus einem Kistchen mit der Aufschrift 5×40 zieht und mir in die Hand drückt. Und ich kann es kaum glauben. M5, dazu eine Schlitzschraube. Nur etwas zu lang. Und als könnte er meine Gedanken lesen, sagt er, die können wir sägen und macht dazu eine Sägebewegung.

Was nun folgt, ist erst mein eigentliches Highlight. Er spannt die Schraube in einen Schraubstock ein und fragt dann, welche Länge ich denn benötige. Dein Ernst? frage ich ihn auf deutsch ehe ich in allen mir bekannten Sprachen sage, dreißig, treinta, thirty, trente. M5x30. 30, tres zero, three zero.

Er nickt, tippt wahllos auf eine Stelle entlang des Gewindes und sagt, hier etwa? Ich koche innerlich, versuche ruhig und beherrscht zu sagen: 30, 30 Milimeter, drei Zentimeter. Das hier ist ein Baumarkt. Kannst du das denn nicht einfach messen?

Aaah siiii, espera. Klar warte, sagt er und kommt mit einem Maßband zurück. Dónde? Wo? sagt er als er mir Schraube und Maßband in die Hand drückt. Ich messe also 30 Milimeter ab, zeiche an und gebe ihm die Schraube zurück. Er spannt das Ding ein und säbelt ein Stück Gewinde ab. Das herunterfallende Stück ist gute 3 Milimeter neben meiner Markierung gesägt wie ich erkennen kann. Und als ich dann die Schraube nachmesse, bestätigen gemessene 27 Milimeter meine Theorie. Ich fasse es nicht, sage, dass ich es gerne mit dieser Schraube probiere, sie aber vermutlich zu kurz ist. Er nickt, spannt sie mit dem Gewinde voran ein und fängt an mit der Säge aus der Schlitzschraube eine Kreuzschlitzschraube zu machen. Was machst du denn? schreie ich ihn auf spanisch an, während ich seinen Arm festhalte und ihm wieder das Bild der Schlitzschraube als Vorlage zeige.

Ah okay, sagt er, befreit die Schraube und fragt mich dann ob ich ein Übersetzerprogramm auf dem Handy habe. Wieso? Ich verstehe spanisch, würge ich mit einem letzten Rest Geduld durch zusammengepresste Zähne auf Spanisch hervor. Ich leihe dir meinen Schraubenzieher. Bring ihn vor 14 Uhr wieder zurück. Was? Wieso den Schraubenzieher? Ich brauche keinen Schraubenzieher verdammte Axt. Nur diese Schraube. Sag mir den Preis und dann gehe ich.

Ahhh, winkt er ab. Gratuito para ti. Ich danke ihm in dem Wissen, dass das alles andere als gratis war, sondern mich mindestens 3 Jahre meines Lebens gekostet hat und bin unendlich froh, als wie durch ein Wunder die Schraube mit den letzten paar Millimetern am Vergaser ins Gewinde greift und ich nicht nochmal in dieses Irrenhaus einer Ferreteria muss. Wie schwer die Besorgung komplexer Ersatzteile ist, kann sich jeder anhand dieses Auswuchses eines Schraubenkaufs vorstellen.

Den Rest des Wochenendes verbringe ich abwechselnd an Bertl und Fußball schauend auf der Couch im Hostel. Ich hänge die Züge ein, bringe die neue Dichtung an und fette die Schaltraste gut ein. Und bis Sonntagabend hänge ich dann auch noch die Batterie ab, sauge per Schlauch den Sprit ab und bringe die Kopien meiner Dokumente am Sitz an, sodass am Sonntagabend Bertl offiziell bereit ist zum Versand nach Bariloche.

Am Montagvormittag schiebe ich dann Bertl zu Freddy und kann es nicht glauben, als der auf meine Frage nach der Dauer des Transportes mit 7 bis 10 Tage antwortet. Argentinien sei ein großes Land meint er noch. Selbst schuld wie ich mir eingestehen muss. Aber ich werde mich schon irgendwie zu beschäftigen wissen in Bariloche. Alternativen gibt es nun eh keine mehr. Dafür ist es zu spät.

Ich packe dann meinen kleinen Daypack mit den Bus-Essentials wie Scheißhauspapier, Handdesinfektion, Kekse, Wasser etc. und sitze wie befohlen ab 17 Uhr brav bereit zur Abholung. Als mich dann um 17:45 Uhr noch immer kein Shuttle zum Terminal gebracht hat, von dem um 18 Uhr der Bus fahren soll, da werde ich etwas nervös. Ein Anruf beim Busunternehmen versandet im Nichts, da das Büro just erst ab 18 Uhr wieder besetzt ist. Und als ich um Punkt 18 Uhr dort anrufe, wird mir bestätigt, was ich längst geahnt hatte: Eine Abholung von mir ist nicht hinterlegt. Der Bus bereits abgefahren.

Wenn ich jedoch möchte, kann ich mit dem Taxi den, dann extra etwas langsamer fahrenden Bus, auf eigene Kosten verfolgen. Eine Umbuchung auf Morgen ist leider nicht möglich, da für die nächsten vier Tage keine Plätze mehr verfügbar sind. Die Reaktion dieses Mal: Resignation. Keine Wut mehr. Nur noch Resignation. Ich gebe auf. Das ist hier eben normal. Also ein Taxi bestellt, meine immerhin acht Packstücke in den Kofferraum geschmissen und mit nachweislich 143 km/h Höchstgeschwindigkeit dem Bus hinterher.


1.218 Pesos und eine halbe Stunde später, kann ich dann den Bus besteigen, in dem mich Fahrer und Co-Pilot frostig empfangen, als wäre die ganze Scheiße meine Schuld und ich verantwortlich für diese nun auftretende leichte Verspätung. Begrüßung? Nope. Gepäckfach öffnen? Negativ. Ist voll, bekomme ich nur als Antwort. Mein ganzes Zeug, also auch Motorradjacke und -helm, sowie Wasser- und Benzinkanister liegen so drei Stunden lang bis zum ersten Halt in El Chaltén auf dem Boden im Bus vor dem Scheißhaus. Lediglich auf meine eindringliche Bitte, doch wenigstens den stinkenden Benzinkanister irgendwo zu verräumen, geht man fluchend ein. Die anfängliche Resignation weicht nun doch blanker Wut, als mich diese beiden wie ein Stück Dreck behandeln und mich bluten lassen für einen Fehler ihrer Kollegen. Auch die restlichen Gäste schauen mich verachtend an und es wird getuschelt wenn ich durch den Gang laufe. Da sitzt man ja doch fast lieber auf Bertl und reitet durch einen Orkan, als diese Scheiße hier. Gott. Wie sehr ich Menschen verachte.

In El Chaltén wechseln dann zum Glück sowohl Personal, als auch mindestens die Hälfte der Fahrgäste und ich kann die kurze Pause außerdem dazu nutzen mein Zeug in den Gepäckfächern zu verstauen. Dadurch deutlich entspannter schlafe ich mit vielen Unterbrechungen fast die gesamten neun Stunden bis zur Ankunft in Los Antiguos durch, wo dann aufgrund der strikten „solo líquidos“ Politik im Bus auch endlich die Chance für Nummer 2 besteht.

Und nur weitere 14 Stunden Busfahrt später, habe ich dann mich und meinen gesamten Hausstand tatsächlich erfolgreich per Taxi zum Hostel in Bariloche verfrachtet, wo ich nach einer Dusche hundemüde ins Bett falle.

Diese letzten 5 Tage haben wieder mit allem aufgewartet, was Reisen auf diesem Kontinent zu dem Abenteuer macht, das es eben ist. Anstrengend für Körper und Gemüt, aber eben doch irgendwie geil.