Tage 198 bis 205: Von Schlepphoden und Mettbrötchen

Mit Hindernissen, aber letztlich erfolgreich bin ich nun also in Bariloche angekommen. Bis Bertl in meine Fußstapfen tritt, vergehen noch mindestens sechs, eher mehr Tage. Da ich Bariloche selbst bereits kenne, habe ich beschlossen, den Anfang meiner eigentlichen Bertl-Strecke die nächsten Tage schon per Bus zu bereisen um dann nach Ankunft von Bertl an allem vorbei nach Santiago zu schießen.

Irgendwie fühle ich mich nach der langen Fahrt aber noch nicht bereit gleich wieder weiterzureisen und ziehe mangels freier Betten für die heutige Nacht, um in das Hostel gegenüber.

Dann werde ich meine Dreckwäsche los und vorstellig bei der Firma Chaltén Travel. Jenem Nulpenverein, dem ich zu verdanken habe, dass ich zuletzt mit einem Taxi für fast 20 Euro mit 140 Stundenkilometern auf einer miserablen argentinischen Landstraße einem Reisebus hinterherjagen musste.

Nach all der Zeit hier und den monatelangen Reisen auf anderen Kontinenten weiß ich genau, dass ich keinen Cent rückerstattet bekommen werde. Denn am längeren Hebel, sitzt das Busunternehmen, in dem Wissen, dass ich als Ausländer in ihrem Land wegen 20 Euro wohl kaum vor ein Gericht ziehen werde und über kurz oder lang sowieso das Land verlassen muss. Zumindest werde ich aber nicht ohne einen kleinen Kampf und einige flüchtige Beleidigungen untergehen, so meine Entscheidung.

Im Normalfall wird in solchen Fällen zunächst versucht den aufgebrachten Touristen mit fadenscheinigen Gründen abzuwimmeln. Wirkt das eher kontraproduktiv, dann verweist man den zeternden Gringo an eine andere Adresse unter dem Vorwand selbst nicht helfen zu können. Wenn diese andere Adresse überhaupt existiert, dann wird man dort abgewiesen. Damit habe man nichts zu tun. Von da an, werden Anrufe sowie Emails schlicht ignoriert und man gibt irgendwann entnervt auf, will man sich ja nicht die Urlaubsstimmung komplett vermiesen.

Auch mein Gespräch nimmt zunächst den selben Verlauf:

Ob ich denn mein Ticket dabei hätte werde ich gefragt. Und als ich verneine, nutzt Natalia, wie die Dame heißt, gleich diese vermeintlich erste Chance zur Beendigung des Gesprächs. Ohne Ticket könne man da gar nichts machen, meint sie und dreht sich weg.

Ich bleibe ganz ruhig, sage, dass das nicht meine Schuld ist, sondern der Fahrer das Ticket nach Vorzeigen behalten hätte und frage außerdem ob sie mir im Jahr 2020 ernsthaft weis machen will, dass meine Daten nicht in ihrem System hinterlegt seien.

Ein kurzer Blick in das System also. Und unglaublicherweise bin ich dort tatsächlich zu finden. Natalia zündet Stufe 2:

Das sei ja gut und recht. Aber einen Abholservice gäbe es nicht. Somit kann man mich auch nicht vergessen haben.

Aussage gegen Aussage. Doch den gibt es, beharre ich auf meiner Version.

Das ist dann bestimmt eine Drittfirma vermutet Natalia.

Nope, sage ich. Es ist ein Service von Chaltén Travel in Calafate.

Mmmh, Natalia lässt nichts unversucht. Leider sei das hier aber eben das Büro von Chaltén Travel Bariloche und das seien ja zwei komplett unterschiedliche Firmen. Weiterhin glaube sie nicht, dass es einen solchen Abholservice überhaupt gebe. Letztlich könne sie da gar nichts für mich tun.

Ich wähle einen anderen Ansatz, nenne ihr die exakte Zeit sowie Ort des Ticketkaufs und gemeinsam können wir den Namen des Kadetten herausfinden, der mir das Ticket verkauft und meinen Shuttle verschludert hat.

Ich bekomme Natalia dazu, im Büro in Calafate anzurufen und sich zunächst bestätigen zu lassen, dass der Abholservice existiert. Der schuldige Mitarbeiter arbeitet heute jedoch in der Mittagsschicht und ich hinterlasse meine Telefonnummer, mit Natalia’s Versprechen, dass mich Calafate ab 15 Uhr kontaktieren würde. Mehr als ich erwartet hätte.

Ich setze mich in ein Café, schreibe meinen letzten Artikel, plane meine einwöchige Busreise nach Chile und wider jeder Erfahrung, erhalte ich nachmittags tatsächlich eine Nachricht per WhatsApp mit einer Entschuldigung und der Anweisung mein Geld im Büro der Busfirma in Bariloche abzuholen, was ich dann gegen abends auch prompt mache. Ein Transportunternehmen hier gesteht einen Fehler ein und entschädigt den Fahrgast. Leute, das Ende ist nahe.

Der nächste Tag bringt eine Taxifahrt zum Terminal der Stadt Bariloche, sowie eine erschreckend pünktliche Abfahrt des Busses ins chilenische Osorno mit sich. Auch das Verlassen des argentinischen Hoheitsgebietes ist wie üblich mit einem Stempel und einem Abschiedsgruß recht schnell erledigt.

Das Einreisen nach Chile per Bus unterscheidet sich jedoch gehörig von meinen gewohnten Einreisen mit Bertl. Bestimmt eine halbe Stunde lang durchsucht die chilenische Polizei mit vier Hunden das Gepäck und den Bus, ehe wir uns weiter Richtung Westen bewegen dürfen. Eine an sich schöne Strecke, die ich mit meinem Gangplatz jedoch nicht wirklich genießen kann. Noch weniger weil mein Sitznachbar die sechs Stunden nahezu durchschläft und sich dabei so ausbreitet, dass mir sowohl für meinen Oberkörper, also auch für meine Beine ein halber Sitz bleibt. Jedes Mal wenn ich ihn zurück auf seine Seite schiebe, wacht er kurz auf, korrigiert seine Sitzposition um dann nach dem sofortigen Wiedereinschlafen wieder gleich dazusitzen wie zuvor. Die Freuden des Busfahrens.

In Osorno bleibt genug Zeit um mich im Scheißhaus etwas frisch zu machen, ehe mich ein weiterer Bus nach Puerto Varas befördern soll. Auch dieser Bus erscheint wieder gespenstisch pünktlich. Riesige Sitze verhindern, dass meine Sitznachbarin mit mir kuschelt, wie zuvor mein Sitznachbar. Schade in diesem Fall.

Diese Fahrt dauert nur eineinhalb Stunden. Trotzdem wäre ich vermutlich explodiert, wenn sie auch nur eine Minute länger gedauert hätte. Denn ein nervtötendes eklig lautes Piepsgeräusch, dass aufgrund der Frequenz und des Altersdurchschnitts in diesem Bus nur ich und meine Nachbarin hören können treibt mich in den Wahnsinn. Ohrstöpsel im einen und Kopfhörer im anderen Ohr verhindern, dass ich zum Axtmörder werde.

Gegen Abend komme ich also in meinem Hostel in Puerto Varas an. Und nicht nur jenes Hostel erinnert aufgrund der Bauweise schwer an zu Hause. Hostels hier heißen Tante Puppe, es gibt deutsche Schulen, die Friedhöfe sehen aus wie die unsrigen und an jeder Ecke stehen Schilder, die für selbstgemachten „Kuchen“ und „Apfelstrudel“ werben.

Per WhatsApp hatte ich bereits am Vortag eine Tour zu den Saltos de Petrohué sowie dem Volcan Osorno klar gemacht. Den natürlichen Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. In Gedanken habe ich mit denen aber bereits schon wieder abgeschlossen, als ich 15 Minuten nach dem anvisierten Abholungszeitraum noch immer im Hostel sitze und meine Nachrichten beim Veranstalter nicht mehr ankommen. Als ich die Rute gerade vorsorglich schon einmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln plane, geschieht das nächste Wunder und ich werde tatsächlich doch noch abgeholt.

Nur unterbrochen von einem kurzen Fotostopp mit Blick auf den Lago Llanquihue (gesprochen Jankiwi)…

…geht es auf direktem Weg bis zur im Winter für Skisport dienenden Talstation des vergletscherten Vulkankegels. Während dieser Fahrt auf perfekt geteerter und mit Serpentinen gespickter Straße mit Talblick auf den Lago Llanquihue und Bergblick auf den Volcan Osorno vermisse ich Bertl nur noch mehr als sowieso schon. Wie gern wäre ich das alles hier mir ihr gefahren…

Am Osorno entscheide ich mich gegen die etwa 20 Euro teure Sesselliftfahrt und laufe ein paar hundert Meter den Anstieg hoch, setze mich auf einen Stein mit Blick auf See einer- und Vulkan andererseits und schiebe mir meine mitgebrachten Sandwiches rein. Dort verharre ich etwa eine dreiviertel Stunde, in der der Gipfel des Osorno leider die meiste Zeit in einer dicken Wolkenschicht gebettet ist.

Die Vorstellung klingt außerdem romantischer als sie ist. Ständig stört irgendein Geschrei anderer Besucher die Ruhe, oder eben jene hampeln mir in der Optik herum, auf der Jagd nach dem perfekten Schnappschuss. Bereits an diesem allerersten Tourstop ist meine Laune im Keller, als ich, zugegebenermaßen freundlich, gefragt werde, ob ich meinen Platz räumen könne, damit der Fragende dort ein Foto machen kann.

Mach dein scheiß Foto du Lutscher sage ich und mache mich an den Abstieg. Dieser perfekt kegelförmige vergletscherte Vulkan hat etwas majestätisches. Die umgebende Andenkette und der Lago Llanquihue runden das Ganze ab. Und doch verlasse ich den Ort mit einem Groll. Die Art und Weise wie die Leute sich hier benehmen stößt mir auf. Raus aus dem Bus, rauf auf den Berg, 47 Fotos in verschiedenen Posen schießen, dabei lärmen, dass man sich an ein Bundesligastadion erinnert fühlt und weiter geht’s.

Wieso ich mich überhaupt darüber aufrege? Keine Ahnung. Schließlich darf jeder tun und lassen was er will. Mich nervt es trotzdem hart an.

Nach einer Viertelstunde warten auf die letzten, zufälligerweise eine Viertelstunde verspäteten anderen Tourteilnehmer geht es weiter. In meinem derzeitigen Gemütszustand würde mich dieser Egoismus dieser anderen Teilnehmer auf die Palme bringen, wäre ich nicht sowieso längst dort oben.

Wieder fehlt mir Bertl, als sich die Weiterfahrt verzögert, weil den zuvor verspäteten Teilnehmern der Tour bei der Bergabfahrt schlecht wird. Schon hier schwöre ich mir, dass das die letzte Tour war, die ich nicht nur auf dieser Reise, nein in meinem Leben, mitgemacht habe. Und bitte wieder nicht falsch verstehen. Für Reiseübelkeit kann niemand etwas. Aber es führt mir eben wieder vor Augen welch eine Unabhängigkeit mir meine orange Königin ermöglicht.

Nächster Halt auf Verlangen zweier Tourteilnehmer: Ein Restaurant. Das der Tourguide erst nach drei Anrufen und vier Mal Richtung ändern findet. Während die beiden Mitstreiter und der zielsichere Guide zu Mittag essen sitze ich vor dem Restaurant und schaue Netflix. Diese Tour? Ein voller Erfolg bislang.

5 Stunden sind bereits vergangen, als wir um 16:30 Uhr endlich weiterfahren Richtung Lago De Todos Los Santos, wo wir etwa 45 Minuten auf dem See herumgeschippert werden, mit Blick auf den Osorno sowie einen schwer an das Matterhorn erinnernden Berggipfel. Solide. Aber kein absolutes Highlight.

Fragen zu meinem Gemütszustand sollte folgende Feststellung beantworten: Das Beste an der Bootsfahrt ist, dass ich aufgrund der Wind- und Motorgeräusche das unqualifizierte Gelaber dieser Pest namens Menschheit nicht mit anhören muss.

Die Abfahrt von hier zum vorletzten Stopp, den Saltos de Petrohué, verzögert sich, da unser Minivan zugeparkt ist. Wundert das ernsthaft noch jemanden? Mich nicht. Ich sitze auf meinem Platz in der Ecke, die Hände in den Schoß, den Kopf in den Nacken gelegt und mich selbst bemitleidend.

Als absoluten Höhepunkt, kündigt Guide Enrique die Saltos an. Und tatsächlich sollten sie für mich der Höhepunkt dieser Farce einer Tour sein. Busladungsweise werden die Besucher hier auf den wenige hundert Meter langen, schmalen Pfad zu den Wasserfällen gesendet. Auf dem Weg dorthin wird mir bewusst wie verflucht langsam Menschen eigentlich laufen können. Mehrmals stolpere ich fast, weil ich nicht gewohnt bin, mich so langsam zu bewegen.

An den Wasserfällen, die eher mit ihrer Kraft und der Umgebung, als mit ihrer Höhe, bestechen, gehe ich nicht mal bis zum Ende. Ich mache vorher ein paar Fotos und drehe um, nachdem ich zwei Hits mit unkontrollierten Selfiesticks bekomme und mir bereits drei Menschen auf die Füße getreten sind. Nicht zu meinem eigenen, sondern zum Schutz der anderen Besucher. Denn in Gedanken gehe ich bereits durch, wie ich der chilenischen Polizei plausibel erklären kann, wieso ich 27 Menschen über das Geländer in die tosenden Wasserfälle gepowerbombt und nach jedem einzelnen ausgelassen gefeiert habe. Und es ist auch dieser Moment, der mich zu einem großen Fan der Arbeit des Corona-Viruses macht. Zu zynisch? Beschwerden bitte an meinen Assistenten unter nervjemandanderen@vespa-gluecksritter-norman.de.

Folgendes Foto zeigt dann den allerletzten Stop des Tages. Die Laguna Verde. Die grüne Lagune. Da wir aufgrund all der Probleme sehr spät dran sind, sind wir hier wenigstens von Menschen verschont. Die wenigen Anwesenden posieren auch hier wieder minutenlang für Fotos und ich frage mich, wieso ich so abgestumpft bin und ob man so eine Freude, wie sie diese anderen Menschen empfinden, wiedererlernen kann. Denn allzu viele Endorphine setzt der Anblick dieses Wasserlochs bei mir nicht frei und insgeheim bin ich doch etwas neidisch darauf wie andere sich daran ergötzen können.

Es ist dann fast 22 Uhr, als eine damit 11-stündige Tour endet, die ich mit Bertl in vier Stunden und deutlich nervenschonender durchziehen hätte können.

Ich resümiere und komme zu dem Schluss, dass meine miese Laune kurioserweise der Preis dessen ist, dass ich bereits so viel gereist bin. Ich habe bereits die unglaublichsten Wasserfälle, azurblaue und smaragdgrüne Lagunen gesehen. Diese hier der Gattung Mittelmaß, lassen mich dann entsprechend eher enttäuscht zurück. Und aber eben zugegebenermaßen auch ein wenig neidisch auf all jene, die hier am Abend aus dem Minivan steigen und völlig euphorisch sind, aufgrund ihrer ersten Sesselliftfahrt oder der grandiosen Wasserfälle, die sie gesehen haben.

Ich bleibe zurück mit derselben Sinnkrise, die letztes Jahr um diese Zeit in Honduras nach einer ähnlichen Tour zu dem Entschluss führte die Welt auf eigener Achse zu erkunden. Und die kohlrabenschwarze Brille einmal auf, fällt es einem überraschend leicht ein Arschloch zu sein. Zwei Brasilianer, die in meinem Schlafsaal mit ihrem Gelaber nachts um 1 Uhr einen Scheiß darauf geben, dass andere und ich schlafen möchten, bekommen das als erstes zu spüren, als ich sie mit einem Shut the fuck up you poorly educated assholes auf die Nachtruhe hinweise.

Der nächste Morgen bringt die Erkenntnis, dass es wohl besser ist, die nächsten Tage etwas ruhiger anzugehen. Die Busse sind zwar bereits gebucht, aber vor Ort in den jeweiligen Städten werde ich von Touren definitiv absehen. Mein Ansinnen und der Grund für den Start dieser Reise war ein Abenteuer zu erleben. Ohne dieser Art des Reisens etwas abzusprechen, ist es aber eben genau das (zumindest für mich) nicht (mehr), wenn ich in einem Bus mit 753 anderen Personen mit vorgegebenem Zeitplan irgendwo rausgeworfen und wieder abgeholt werde. Einmal den Duft der Freiheit auf eigenem Gefährt gerochen und die Möglichkeit gehabt mitten in der Pampa einen Anblick alleine aufzusaugen, will man nicht wieder zurück. Lesson learnt.

Gar nicht hoch genug hängen kann man diesen im wahrsten Sinne des Wortes Duft der Freiheit. Denn der Duft der heutigen Busfahrt nach Valdivia ist eine Mischung aus diversen Mundgerüchen, Fuß, dazu eine Prise Blähungen und hier und da mal ein leichter Schwall Pisse, der durch die offene Scheißhaustüre entweicht. Herzlichen Glückwunsch.

In Valdivia, einer Stadt mit sehr großem deutschen Einfluss, schlappe ich ein wenig umher, registriere die Unmengen politischer Botschaften an sämtlichen Denkmälern und Hauswänden…

…und setze mich dann mit einem Stift und einem Schreibblock in ein Café um von dort aus Menschen zu beobachten und über mich und meine aktuelle mentale Situation nachzudenken. Meine mentale Situation. Das klingt schlimmer als es ist. Denn mit mir selbst bin ich im Reinen. Ich hasse lediglich den Rest der Menschheit.

Am Ende des Tages steht die Erkenntnis, dass Welthass für mich ein guter geistiger Nährboden zu sein scheint. Denn auf meinem Block niedergeschrieben befinden sich etliche reisebezogene und anderweitige Ideen und Projekte, die mich ausreichend von dem Debakel der letzten Tage ablenken.

Ablenken tut dann auch das Spektakel, das in Valdivia zum Jubiläum der Feuerwehr veranstaltet wird. Straßen im Zentrum sind gesperrt, alles ist voll mit Feuerwehrautos aus sämtlichen denkbaren Epochen zu Vorführzwecken. Es finden Paraden statt, Blasmusik spielt und dazu werden Ehrennadeln für bis zu 70 Jahre aktive Mitgliedschaft verliehen.

Als ich ein Foto vom Logo der „1. Freiwilligen Feuerwehr – Kompagnie Germania“ auf einem der Fahrzeuge mache, werde ich vom Fahrer der Karosse angesprochen. Als er erfährt, dass ich Deutsch bin, erzählt er mir in feinstem Deutsch, was sich hier heute alles abspielt und dass die gesamte Feuerwehr des Einzugsgebietes Valdivia versammelt ist. Alle? will ich wissen. Alle bescheinigt er mir. Dann sollte es wohl heute nirgends brennen sage ich alter Scherzkeks. Aber der Fahrzeugkapitän spielt seine Rolle als chilenischer Deutscher so überzeugend, dass er selbst deutschen Humor an den Tag legt und das ganze nur mit einem pflichtbewussten Kopfnicken quittiert.

Sie gebe es schon länger als den Krieg entgegnet er mir dann auf meine kritische Nachfrage zu den Farben des Logos der Feuerwehr und des Kompanie-Namens. Ich lasse das unkommentiert, verabschiede mich und entferne mich vom Ort des Geschehens. Vermutlich weiß hier von den Mitgliedern tatsächlich kaum oder gar keiner um die historische Bedeutung des ganzen. Zumindest hoffe ich das. Bei mir hinterlässt der Kompaniename Germania, in Verbindung mit den Farben der Reichskriegsflagge und dem abgebildeten Feuerwehrstahlhelm jedenfalls ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Ich schaue noch etwas der Parade zu, bewundere das überragende Playback der Lückenbüßer, die nur mit Instrument bewaffnet mitlatschen um die Reihen zu schließen und lasse diesen Thementag „Deutsch“ mit Mettbrötchen und dem ersten Alkohol seit Asbachgate in Form eines Bieres der Marke Kunstmann im Restaurant „Das Haus“ ausklingen.

Das Mettbrötchen ist nicht direkt ein Mettbrötchen, sondern die chilenische Variante dessen. Unter dem Namen Crudo wurde diese Speise durch eine der um 1850 nach Chile ausgewanderten deutschen Familie unter die Leute gebracht. Eine Scheibe Toast, bedeckt mit einer Mettschicht und Zwiebelwürfeln wird dabei je nach Gusto mit scharfem Sauerkraut, einer Art Joghurtmayonnaise und Zitronensaft verfeinert. Klingt abenteuerlich, schmeckt aber eigentlich ganz gut.

Die erwähnte Einwandererfamilie war Teil einer größeren Einwandererwelle, die um 1850 herum von der chilenischen Regierung gezielt angeworben wurde und pro Familie mit bis zu 22 Hektar Land sowie 12 Jahren Steuerfreiheit belohnt wurde. Soweit zum geschichtlichen Hintergrund der im Laufe des Artikels erwähnten deutschen Einflüsse.

Meine nächsten Tage sitze ich wenig spektakulär noch einmal in Valdivia und danach in Osorno in diversen Cafés ab. Erwähnenswert scheint mir lediglich die immerhin fast 12 Euro teure Übernachtung in einem alten Bauernhaus. Genau ein Zimmer gibt es dort. Und genau dieses ist auf booking.com zu finden, wo ich es auch umgehend reserviert habe. Ebenfalls genau dieses Einzelzimmer ist bei meiner Ankunft aber bereits belegt. Von der 80-jährigen Besitzerin werde ich kurzerhand zum vollen Preis auf ein Bett mitten im Gang ohne Licht oder Steckdose verfrachtet. Halb so wild denke ich zwar, bedenke dabei aber nicht, dass die Küche, aus der bis 23:30 Uhr und ab 6:00 Uhr Lärm klingt, direkt darunter liegt. Irgendwann schaffe ich es auch trotz des merkwürdig gülleartigen Geruchs der Bettwäsche einzuschlafen, werde aber immer wieder von direkt an meinem Bett vorbeilaufenden Familienmitgliedern geweckt. Mit dem absoluten Höhepunkt um 2 Uhr nachts. Mit Schwung kracht der 78-jährige, schwer übergewichtige Ehemann der Besitzerin erst gegen mein Bett, weckt mich dadurch auf, um dann in aller Ruhe splitterfasernackt mit seinen ebenfalls 78-jährigen deutlich der Schwerkraft nachgebenden Kronjuwelen auf meiner Kopfhöhe an meinem Bett vorbeizulaufen. Ich liege auf dem Rücken, starre an die Decke und stelle fest nun wohl wirklich alles gesehen zu haben, was es zu sehen gibt. Was würde ich in diesem Moment dafür geben wieder in meinem Zelt zu frieren, denke ich als auch auf dem Rückweg zunächst wieder der nackte alte Mann, und mit etwas Zeitversatz auch seine Schlepphoden an meinem Kopf vorbeiziehen.

Nach einer weiteren nervigen acht Stunden langen Busfahrt erreiche ich glücklicherweise wieder Bariloche, wo ich nur noch eines will: Bertl entgegennehmen und wieder alleine sein. Ohne wildgewordene Selfiestickfechter und nackte Michelinmännchen, die mir nachts ihre Klöten um die Ohren hauen.

Und tatsächlich sollte ich im Laufe dieses heutigen 12. Februars den Bescheid erhalten, dass meine alte Lady nach zehn Tagen in einem LKW in Bariloche angekommen ist. Ich zögere keine Sekunde, setze mich mit Benzinkanister und Helm in ein Taxi und werde beim Logistikdienstleister vorstellig. Nach 20 nervtötenden Minuten Wartezeit neben einer fleischgewordenen Hilti-schwingenden Abrissbirne namens Martín geht dann alles ganz schnell. Lediglich meinen Reisepass muss ich kurz vorlegen und nachdem ich ein paar Liter Sprit in Bertl’s leere Kanäle gefüllt habe, bin ich auf zwei Rädern unterwegs zurück zum Hostel.

Zwar vergeht mir die Laune gleich schon wieder gehörig beim Blick auf das Windradar, das offenbart, dass die Windzone nun weiter nach Norden, genauer nach Bariloche, gezogen ist. Aber selbst Orkanböen von 300 km/h könnten mich nicht davon abhalten morgen Bertl wieder die Sporen zu geben. Manchmal muss man sein Glück eben auch erzwingen.