Tage 206, 207 und 208: Wenns mal wieder eher so semi läuft

Die Rückkehr von #ns5 auf rote Asche zum Match mit chilenischen Knastbrüdern und der obligatorische Kolbenklemmer, der eigentlich bei keinem Artikel fehlen darf. Viel war los. So viel, dass ich aufteilen muss. Hier Teil 1 der Rückschau der letzten Tage.

Zunächst noch zwei erwähnenswerte Beobachtungen, die im letzten Artikel untergingen. Beobachtung 1: Juan, der chilenische Bananendealer, der mir nicht plausible darlegen konnte, wieso er ein lila Polohemd mit der Aufschrift „JGA Mirco 2014 – Ich torkel nicht, ich tanze“ trägt.

Wie ich verstehe, kennt er weder einen Mirco, noch weiß er woher er sein Polo hat. Zwei Theorien. Nummer 1: Mircos JGA im sächsischen Schkeuditz, nahe Leipzig, ist im Jahr 2014 derart entartet, dass er damit endete, dass die Sufftruppe um Mirco, Ronny und Jeremy im Pfeffi-Rausch in ein Flugzeug nach Osorno gestiegen ist und hier weitergezecht und Bananen-Juan ein Polo-Shirt geschenkt hat. Der Schwachmatenspruch spricht eher dagegen, dass die Truppe cool genug war das durchzuziehen.

Theorie 2: Juan hat Mirco, der sein JGA-Shirt bei seiner Midlife-Crisis-Backpackertour nochmal aufgetragen hatte, umgelegt, im chilenischen Wald verscharrt und ihm zuvor noch sein Polo gezockt. Plausibel.

Nummer 2 der erwähnenswerten Nachträge, die im letzten Artikel zu kurz kamen: Das Hinweisschild, seine Hand doch bitte nicht in das verpisste und verschissene Busscheißhaus zu stecken. Abertausende Menschen mussten sicherlich bereits ihre Hand oder ihren ganzen Arm verlieren, weil sie während des Uriniervorgangs aus lauter Langeweile ihre Hand in die Latrinenschüssel gesteckt haben. Bis, ja bis dieses Schild kam, sie alle zu retten. Im Namen der gesamten (aktuell immer noch verhassten) Menschheit: Danke Schild.

Zurück zum Thema. Ich befinde mich noch in Bariloche, habe Bertl wieder und plane abends meine Route, die mich eigentlich noch etwas weiter in Argentinien gen Norden und dann Richtung des Vulkan Villarrica über die Grenze nach Chile führen sollte. Entgegen meiner vorangegangenen großspurigen Ankündigung, auch durch einen Orkan zu reiten, beschließe ich dann aber mich am letzten windfreien Tag vor Ankunft einer riesigen Windzone in Bariloche und entlang meiner geplanten Route, zur Flucht direkt über die Grenze ins windfreie Chile und von dort nach Norden zu ziehen. Dabei passt mir nicht so richtig in den Kram, dass es in ganz Chile keine bezahlbaren Unterkünfte gibt und selbst die Campingplätze für ein paar Quadratmeter Boden mehr verlangen, als die Hostels in allen bisher besuchten Ländern. Aber einen Tod muss ich eben sterben. Und die Aussicht auf windfreie Fahrt ist mir die paar Taler definitiv wert.

Ich bereite soweit alles für eine zeitige Abfahrt am nächsten Morgen vor, fülle also neuen Sprit in Bertl’s fast leere Leitungen, hänge die Batterie wieder an und packe meine Sachen. Am nächsten Morgen muss ich dann lediglich „noch kurz los“ um mein argentinisches Handyguthaben aufzuladen um Roaming in Chile nutzen zu können, da in Chile ausländische Handys 4 Wochen nach der ersten Benutzung mit einer chilenischen Sim Karte gesperrt werden und dann kann es los gehen.

Rein also in den erstbesten Kiosk. 1.000 Pesos, aber, also etwa 11 Euro könne er nicht aufladen meint der dort diensthabende Kollege. Dafür habe er nicht genügend Geld im System. Maximal 400 Peseten.

Besser als nix, sage ich und gebe grünes Licht.

Dann einmal bitte Nummer und Betrag hier aufschreiben, bittet er mich. Jesacht, jetan. Der Kiosk-Karlos kneift die Augen zusammen, hält den Fresszettel mit meiner Nummer auf Abstand und tippt dann die Nummer ein und bestätigt alles ohne nochmaligen Abgleich mit mir. Dauert fünf Minuten meint er und ich laufe zurück zum Hostel. Als ich dort nach 15 Minuten noch immer kein Geld auf meinem Handy habe, laufe ich nochmal zum Kollegen. Ob ich bitte sehen könne, auf welche Nummer er aufgeladen habe. Er reagiert gereizt. Auf die, die du mir gegeben hast, sagt er.

Offensichtlich nicht, blaffe ich zurück, sonst hätte ich schon Geld drauf oder etwa nicht? Da ich im Gegensatz zu ihm nicht die Klüsen eines an grauem Star erkrankten Maulwurfes habe, erkenne ich auf dem Bildschirm, dass er anstatt einer 9 eine 3 eingetippt hat. Aber als ich ihn darauf hinweise, kramt er meinen Zettel hervor und will mir ernsthaft weis machen, das sei meine Schuld und behauptet nach wie vor, dass es sich hierbei um eine 3 handelt…

Er könne da jetzt eh nix mehr machen. Das Geld sei jetzt bereits auf einem anderen Handy aufgeladen.

Dich haben sie wohl mit dem Amboss getauft, denke ich und sage in ruhigem aber bestimmten Ton er solle diese Transaktion jetzt gefälligst rückgängig machen. Könne er nicht. Aber ich solle doch mal zum Büro des Providers laufen. Wer sich erinnert an meine Beschreibung der Strategie für solche Gespräche, der weiß, dass das Step 2 ist. Den Gringo zu einer anderen Adresse senden um das Problem erst mal geographisch zu verlagern.

Wie erwartet kann dort natürlich nichts für mich getan werden. Als ich dann, mehr wegen der verlorenen Zeit, als wegen des verlorenen Geldes mit einer mächtigen Krawatte zurückstapfe, frage ich noch wahllos ein paar Leute auf der Straße ob die betreffende Ziffer in Argentinien als 3 ausgelegt werden könne. Und nachdem mir alle bescheinigen, dass es sich ganz eindeutig um eine 9 handelt, da beschließe ich zumindest nicht ohne Kampf unterzugehen. Längst geht es nicht mehr um Geld, sondern eher um Konfrontation. In meinem aktuellen Gemütszustand muss ich dem Ärger einfach Luft machen.

Zurück im Kiosk geht es ruhig los. Meine Bitte um Erstattung der Hälfte des Geldes bügelt Karlos ab. Ich hätte die Nummer falsch angegeben. Ich? frage ich. Ich, habe die Nummer falsch angegeben? Nicht etwa du? Sauer werde ich dann so richtig als der kurzsichtige Kioskkollege fragt, 400 Pesos, komm schon. Das ist doch für dich nichts. Wo kommst du her?

Das ist verf***t nochmal nicht das Thema rufe ich ihm im Rauslaufen mit zwei erhobenen Mittelfingern zu. Nur weil ich nicht von hier bin, kannst du mich nicht einfach verarschen, du Arschloch.

Raus aus der Tür. Durchatmen. Man, hat sich das gut angefühlt.

Dieser Gedanke, der hier wohl früh indoktriniert wird, dass jeder Gringo steinreich sein muss kotzt mich schon an, seit ich hier an Tag 1 in Kolumbien immer zielsicher aus der Menge herausgefiltert und dann zum Ziel von Bettel- oder Verkaufsattacken werde. Teilweise sehe ich Leute bereits im Augenwinkel tuscheln und auf mich zeigen und dann auf mich zugehen und ihre Leier runterzubeten. Denen gegenüber würge ich nicht mal mehr ein verständnisvolles no, lo siento, nein danke, heraus. Ich blicke sie an ohne eine Miene zu verziehen, schüttle langsam den Kopf und fordere sie mit einer Handbewegung zum Gehen auf. All jenen, denen das unhöflich erscheint, sei gesagt: Kommt her, macht eure eigenen Erfahrungen und dann reden wir weiter.

Zwar fühle ich mich nun emotional erleichtert, habe aber noch immer kein Geld auf meinem Handy. Vier Läden später, nachdem die ersten drei wieder entgegen der Öffnungszeiten verschlossen oder entgegen der Aufschrift auf der Türe gar keine Aufladungen durchführen, habe ich endlich Zaster auf dem Mobilfunkgerät. Inzwischen ist es 10:30 Uhr und die frühe Abfahrt entsprechend dahin. Über eineinhalb Stunden verloren um mein Handy aufzuladen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Dann aber mache ich recht schnell Meter. Die Straße, die ich ja schon einmal anders herum gefahren bin, ist in einem Top Zustand, der Wind vorhanden, aber kein Vergleich zum wilden Süden und Bertl läuft, wenn auch mit etwas weniger Power, wie ich manchmal empfinde. Ich weise das dem Wind zu und erreiche so um etwas 12 Uhr nach knapp 80 schön zu fahrenden Kilometern entlang des Lago Nahuel Huapi, das Städtchen Villa la Angostura, wo ich mir einen Kaffee gönne und davon gestärkt die letzten 50 Kilometer in der Windzone zurücklege.

Sowohl Ausreise aus Argentinien als auch 40 Kilometer später die Einreise nach Chile ziehen sich heute wie Kaugummi, da es sich bei diesem Übergang um einen sehr beliebten und auch von Reisebussen genutzten handelt. Nach einem kurzen Plausch an der Grenze mit dem andersherum reisenden Joao, dem ich zufällig an der Schranke auf chilenischer Seite begegne, ist es dann aber vollbracht. Chile, zum weiß ich nicht wievielten Mal.

Und tatsächlich. Kaum über die Grenze, kein Wind mehr. Mann, ist der chilenische Grenzschutz gut.

Es geht kurvig hoch über knapp 1.000 Meter hohe Bergpässe mit Aussicht auf Bergketten und merkwürdig karge Vegetation durch den Parque Nacional Puyehue und später entlang des gleichnamigen Lago Puyehue. Immer wieder bin ich zu Pausen gezwungen, weil die Straße durch Baustellen kilometerlang einspurig und die eine Spur entsprechend zeitweise für die Durchfahrt gesperrt ist. Dass mir beim Warten an der Ampel in der Sonne heiß wird und ich zu schwitzen beginne, werte ich als positives Zeichen, dass die Zeiten des Frierens auf dem Bock nun endlich der Vergangenheit angehören.

Ich erreiche irgendwann wieder Osorno, wo ich zuvor bewusst keine Reservierung im Bauernhaus gemacht habe, aus Angst von durch den Gang schwingenden Hoden erschlagen zu werden. Alternative sollte der städtische Campingplatz sein, der dann aber nochmal 5.000 Pesos teurer ist, als überall angegeben. 15.000 Peseten also. Fast 17,50 Euro für drei Quadratmeter Wiese für eine Nacht. München wäre stolz auf dich, Campingplatz Osorno.

Mangels Alternativen, schlage ich aber hier mein Quartier auf und begnüge mich vor lauter Schlappheit und in Ermangelung eines Supermarktes in der Nähe mit Proteinshake, Gemüsebrühe und einer Nektarine, die ich auf dem Boden finde. Definitiv ein neuer Kandidat für die Kategorie „Abendessen der Champions“.

Am nächsten Morgen muss ich mein Kennzeichen wieder besser anbringen, will ich nicht die gleiche Scheiße riskieren wie in Kolumbien zu Beginn der Reise. Durch die Vibrationen und das Abnehmen des Gepäckträgers in Calafate haben sich Risse im Kennzeichen gebildet. Zwar habe ich es durch Kabelbinder nochmals gesichert. Es wäre aber wohl nur ein Frage der Zeit bis es wieder in der lateinamerikanischen Pampa landen würde.

Kennzeichen besser anbringen. Ein Unterfangen, dass ich mir wegen fehlender Bohrmaschine schwer ausgemalt hatte, aber Bademeister Felipe vom zugehörigen Schwimmbad, hatte mir noch am Abend gesagt, mir am Morgen zu seinem Schichtbeginn eine Bohrmaschine vorbeizubringen. Als ich dann um 10 Uhr ansonsten alles erledigt habe und nur noch auf die Bohrmaschine warte, frage ich an der Rezeption nach, wann mit Felipe zu rechnen ist und erhalte die wenig zufriedenstellende Antwort: Nicht vor 13 Uhr.

Stattdessen organisiert mir dann Hausmeister Paolo eine Bohrmaschine mit dem einzigen Bohrer, den er finden kann, und der zufälligerweise exakt der richtige ist und ich kann mich daran machen zwei weitere Löcher zu bohren um das Kennzeichen an nun vier Punkten und mit selbstsichernden Muttern, unter anderem vom nebenan campenden Jean-Luc aus dem kanadischen Quebec, festzumachen. Außerdem befestige ich nun anders als bisher den Gepäckträger darüber, anstatt darunter um die Kraft besser zu verteilen und die Nummerntafel nicht noch weiter zu beschädigen. Sieht beschissen aus. Aber darum geht es längst nicht mehr.

Deutlich beruhigter, mit einem bombenfesten Kennzeichen, geht es weiter nach Norden. Zunächst für fast 100 km ausschließlich geradeaus auf zweispuriger Autobahn. Weil sich aber hier deutlich mehr Menschen ein Auto leisten können, herrscht übler Verkehr. Ständig schneiden mich Autos und LKW. Die Mittelfinger fliegen nur so durch die Gegend. Aber, und das ist entscheidend. So wenig Wind, dass ich schon von fast gar keinem Wind sprechen würde. Das heißt endlich einmal wieder aufrecht sitzend Kilometer raspeln.

Nach den 100 Autobahnkilometern, habe ich Lust auf einen Tapetenwechsel und fahre ab von der Autopista und auf die Landstraße, die mich noch weitere 100 km nach Villarrica führen sollte.

Ein schöner Unterschied zu Patagonien ist außerdem die Rückkehr in die Zivilisation. Alle zehn bis 15 Kilometer kommt zumindest ein kleines Dorf oder eine kleinere Stadt. Dazu überall Handyempfang. Patagonien war auch diesbezüglich wirklich eine andere Welt.

Auf den letzten 30 km nach Villarrica muss ich dann noch einen Anstieg auf etwa 300 bis 400 Meter im ersten Gang und Schrittgeschwindigkeit auf übelstem Untergrund hinter mich bringen.

Einzig die Aussicht und die Tatsache, dass entgegen meiner Erwartung nach zehn Kilometern wieder Asphalt folgt, lassen mich nicht erschauern.

Fue erträgliche 5.000 chilenische Peseten schlage ich dann in Villarrica mein Zelt im Zeltmassenlager auf, stocke meinen Lebensmittelrucksack wieder mit dem nötigsten auf und spaziere noch etwas durch Villarrica, entlang der Promenade, lausche der Livemusik, die hier an einem ganz normalen Freitagabend stattfindet…

…und verkrieche mich dann um etwa 22 hundert in meine Dackelgarage.

Blöderweise befindet sich diese direkt neben dem Zelt des einzigen Vollidioten, der alleine in seinem Zelt sitzend den Rest des Campingplatzes per Bluetooth Lautsprecher mit seiner beschissenen Musik beschallt. Während ich in Gedanken bereits Salz im nahen Supermarkt kaufe, um den Boden zu salzen, nachdem ich sein Zelt niedergebrannt habe, fällt mir auf, dass irgendetwas mit mir nicht stimmen kann. Es ist Freitagabend. Ich bin auf einem Campingplatz im Stadtzentrum und will nichts sehnlicher als um 22 Uhr meine Augen zuzumachen und zu schlafen. Mehr Rentnermodus geht nicht. Oft hatte ich auf dieser Reise gar nicht die Möglichkeit auszugehen, da ich in der absoluten Pampa meine Zeltstätte aufgeschlagen hatte. Nun da ich sie habe, ziehe ich es nicht mal in Betracht. Und darüber ärgere ich mich selbst, als ich das so realisiere.

So sehr ich mein Alleinsein und die daraus resultierende Zeit nachzudenken wertschätze, so sehr kriege ich auch plötzlich den Eindruck, dass es mich im Laufe der letzten Wochen und Monate etwas verbittert hat. Das letzte Mal richtig gelacht habe ich vor über einem Monat beim Besuch von Maurice und Daniela in Ushuaia. Aktuell spule ich einfach nur vorschriftsmäßig Kilometer runter. Von A nach B. Mit wenig Spaß während der Fahrt und dem einzigen menschlichen Kontakt im 30-sekündigen Gespräch mit dem Tankwart. Abends schlage ich dann mein Zelt auf, schlafe früh, um am Morgen grimmig auf die Reuse zu sitzen.

Da wären also zwei Probleme. Der fehlende Fahrspaß der letzten Wochen aufgrund des Wetters, sowie der absolut lahmen Landschaft und daraus resultierend, dass ich gerade das große Ganze in Frage stelle. Denn einzig mit dem Nachweis geraspelter Kilometer ohne auch nur einen Funken Spaß dazwischen, habe ich diesen Ritt ja nicht angetreten. Mit meinem Ziel Kanada bis Sommer zu erreichen, habe ich mich selbst unnötig unter Druck gesetzt. Wann bin ich zuletzt während der Reise mit Bertl mal länger als zwei Tage an einem Ort geblieben um Land und Leute wirklich kennenzulernen, wie das noch mit den Jungs vom Vespa Club Medellin zum Beispiel der Fall war. Von den bis heute besten Erlebnissen wie beispielsweise dem Rennsieg in Bogotá, bin ich aufgrund des extrem engen Zeitplanes weit entfernt. Wie soll so etwas auch nochmal passieren, wenn man im Schnitt jeden Tag 180 km fahren „muss“. Die Annahme, dass das klappen könnte, war im Umkehrschluss wohl etwas optimistisch. Aber wie soll man es sonst herausfinden, wenn man es nicht probiert…

Mit diesen Gedanken und einer handfesten Sinnkrise schlafe ich irgendwann zwar ein, aber nicht wirklich gut.

Und wache am nächsten Morgen früh in meiner schlecht belüfteten Dampfkammer auf. Das Positive, das ich meinem rentnermäßig frühen Zubettgehen abgewinnen kann, ist, dass mir gewöhnlich der frühmorgendliche Jungfernschiss auf dem frisch gewienerten Scheißhaus gebührt, während der Rest des Campingplatzes noch seinen Rausch ausschläft. Läuft.

Ungeachtet der obigen Gedankendiarrheu hatte ich schon länger geplant, in Villarrica mal zumindest wieder eine Nacht zu bleiben und hier mit Bertl zum gleichnamigen Volcán Villarrica zu berteln. Laut meinem Bergwetterbericht soll es trotz des grauen, nebligen Morgens in Villarrica auf dem Berg klar und wolkenlos sein.

Ich bringe also die bei diesem Wetter nicht sonderlich schönen 20 km nach Pucón entlang des Lago Villarrica hinter mich und biege dort nach rechts ab, rein in den Parque Nacional Villarrica, Richtung des Vulkans. Etwa 10 km zieht sich zunächst die Straße geteert den Berg hinauf, immer näher an die Wolkendecke und ich spekuliere darauf, dass darüber tatsächlich die Sonne scheinen könnte. Dann erreiche ich die Grenze, ab der der Nationalpark beginnt. Beim dortigen Ranger erkundige ich mich nach dem besten, per Motorrad erreichbaren Aussichtspunkt, und erhalte den Tipp zum Skilift auf etwa 1.700 Metern zu fahren. Aber es ist ganz schön steil. No sé si llegaras con tu moto, ich weiß nicht ob du mit deinem Motorrad da ankommen wirst, sagt der Ranger noch mit einem Blick auf die draußen wartende Bertl.

Nooo, esta bien, sage ich und frage noch nach der Oberflächenbeschaffenheit der Straße. Wie leider erwartet, lautet die Antwort ripio, zu deutsch etwa verdammte Dreckpiste. Im Schildkrötengang und die ganze Breite der Piste ausnutzend fahren wir aber Kurve für Kurve, Höhenmeter für Höhenmeter auf den Vulkan, wo das verdammte Ding dann in einem Haufen Wolken liegt. Eine ganze Weile sitze ich so da, starre auf den Wolkenhaufen, sehe wie sich zumindest etwas die Wolken lichten und ziehe dann aber unverrichteter Dinge ohne ein schönes Foto von Bertl vor dem Vulkan wieder ab.

In der Abfahrt ist die Strecke zwar immer noch ripio, aber wenigstens geht es bergab und damit etwas schneller. Trotzdem merke ich hier schon wieder, dass etwas mit der Reuse nicht stimmt. Wenn ich die Kupplung ziehe oder in den Leerlauf schalte, dreht sie viel zu hoch. Ich vermute wieder Dreck im Vergaser, rette mich irgendwie durch den Stau zurück auf den Campingplatz und vertage alles auf Morgen. Für heute will ich in einem Internetcafe mit einem PC eine der Ideen der letzten mentalen Krise nachverfolgen, was dann auch prompt einige Stunden in Anspruch nimmt. Der Weg dorthin ist wieder #classicsüdamerika, als mich der Angestellte von „Smartgamers“ (Nummer 1 im folgenden Bild) 300 Meter die Straße runterschickt, wo seiner Meinung nach ein Internetcafe sein könnte. Von dort werde ich wieder zurückgeschickt zu Nummer 2, bei dem es sich dann auch tatsächlich um ein solches handelt.

Den Vorsatz vom Vortag am heutigen Samstag für ein Bier oder sieben in die Stadt zu gehen, begrabe ich wieder. Einfach keinen Bock. Stattdessen wieder ins Zelt, almanmäßig über den lärmenden Nachbarn ärgern und früh schlafen.

Läuft gerade nicht so.

Und wieso es dann bald noch viel weniger läuft, und ein Ende der Tour doch gerade in greifbare Nähe rückt, in der Rückschau der nächsten Tage.

In diesem Sinne, Narro und glücksselige Fasnet, ihr Mäschgerle.